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Central-Verein-Zeitung · 1930-08-15 · 33 (15.8.1930) · p. Seite 431

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
33 (15.8.1930)
Date
1930-08-15
Page
Seite 431 (sequence 3)
Language
German
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431 1 4 Der letzte entscheidende Slum Die Nationalsozialisten erstreben das Neichsinnen- und das Reichswehr Ministerium Die Nationalsozialisten rüsten zu . einem „Wahlkampf, wie ihn Deutschland noch nicht gesehen hat". So wenigstens verspricht es der rührige Dr. Goebbels, der seine Mannen zum letzten entscheidenden Sturm ausgerufen hat. Geldmittel stehen ihnen in ungeheurem Maße zur Verfügung. Dafür sorgt schon Herr Obersinanzrat Dr. B a n g, der Mittelsmann zwischen den Hitler-Leuten und jenen schwerindustriellen Kreisen, die mit dem Gedanken der Rechtsdiktatur spielen. Für diesen Zweck ist ihnen der Pakt selbst mit Sozialisten — versteht sich: „National-Sozialisten" — nicht teuer genug. Allerdings haben diese merkwürdigen Sozialisten, deren Programm unverblümt Anleihe in Moskau gemacht hat, Schwierigkeiten, ihre Forderungen auf Enteignung und Verstaatlichung vor einer mißtrauischen Wählerschaft zu rechtfertigen. Die Geldgeber muß man freundlich stimmen, indem man versichert, das Privateigentum nicht antasten zu wollen. Die Erwerbslosen und die Kleinrentner aber finden die Parole der Enteignung und der Verstaatlichung sehr zugkräftig. Die Konkurrenz der revolutionären Nationalsozialisten um Otto Straffer, die heute schon unter dem Beifall k o m in u - n i st i s ch e r Versammlungen zur Revolution gegen das Kapital aufrufen, schafft einiges Unbehagen; denn „Der Nationale Sozialist" des Dr. Otto Straffer kritisiert jeden Umfall der Hitler-Partei, jebeu Verrat an den ^sozialistischen Grundsätzen so rücksichtslos, daß Hitler und die Seinen, wie man in der Volksversammlung sagt, überhaupt nur noch „Eiertänze" aufsühren können. Einmal versichert man vor gutbürgerlichem Publikuin deutschnationaler Herkunft, man werde das Privateigentum nicht antasten. Dann wieder fordert der „V ö l - kische Beobachter" (31. Juli d. I.) unter der Riesenüberschrist: „Marneschlacht 1914 bis 1930": „. . . man müsse die Geisteswaffen schmieden, mittels welcher allein die grauenhafteste Geißel der Menschheit — der Kapitalismus — zu zerschlagen ist." Inzwischen dröhnt die Reklametrommel, und in ihrem Getöse gehen solche Mißklänge unter. Man fühlt sich stark bis zum Größenwahn und spricht in aller Oeffentlichkeit, wie es der „D o n a u - b o t e" in I n g o l st a d t am 5. August d. I. getan hat, von „Künftigen Judenpogromen": „Es dürfte wenigen Jngolstädtern bekannt sein, daß die Juden aus Ingolstadt schon einmal herausgepeitscht wurden. Nun scheint der Zeitpunkt gekornmen zu sein, daß in Bälde die Juden wieder aus Ingolstadt heraus müssen" und so weiter. Dies ist eine Probe der besonderen Art von Antisemitismus, mit der auch der „S t ü r - mer" und der „Westdeutsche Beobachter" in Köln immer noch Leser finden, obwohl sie aus dem eigenen Lager so charakterisiert werden: Der „NationaleSoziali st" veröffentlichte am 15. Juli d. I. einen mit Grete Z. Unterzeichneten Brief. Die Verfasserin erklärte darin, warum sie sich, obwohl gesinnungsmäßig Nationalsozialistin, der Hitler-Partei nicht anschließen wollte. Sie schreibt unter anderem: „Die widerliche und für jeden denkenden Menschen lächerliche Soldatenspielerei, die absolut reaktionäre Einstellung der meisten Organe der NSDAP, zu allen modernen Kunsterscheinungen unseres Lebens, geradezu ekelerregende Preffeerzeugnisie (-Stürmer':), die unter der Flagge der Nationalsozialisten segeln, hinderten mich am endgültigen Eintritt." Und am 18. Juli d. I. schrieb der „Nationale Sozialist" in einer Auseinandersetzung mit der Hitler-Presse: „Aus der Byzantiner Presse, dre, rm Gesinnungseifer sich überschlagend,. ganze Jauchebatterien aussährt, wollen wir nur einen herausgreifen. Der -Westdeutsche Beobachters jenes prominente Organ eines sehr tüchtigen Geschäftsantisemitismus, den wir — und mit ihm seinen Zwillingsbruder, den -Stürmer' — bereits vor Jahren in den -Nationalsozialistischen Briefen' festnageln mußten, da er lediglich dem Centralverein Beweise zu liefern schien für die Behauptung, der Nationalsozialismus sei eine Bewegung von Drmrmköpfen." Und später heißt es in dem gleichen Artikel, wieder mit Bezug auf den „Westdeutschen Beobachter": „Außerdem sind wir aber mit dem Spezialorgan für Ritualmorde (sogar der arme ermordete Daube ans Gladbach mußte für eine fette Ueberschrist herhalten) sehr zufrieden." Die gehobene Schicht der Agitatoren, der der Gassenantisemitismus nicht wirkungsvoll genug ist, gefällt sich in ihrer Wahlpropaganda in Zukunftsprophezeiungen. So verfügt die NSDAP. Berlin in dem Agitator Dr. von L e e r s über einen Mann, der von Zeit zu Zeit die Katze aus dem Sack läßt. Kürzlich hat er wieder aus der Schule geplaudert und erzählt, wie die Nationalsozialisten von Thüringen aus systematisch den Umsturz vorbereiten. Am 23. Juli verteidigte er in einer Versammlung in B e r l i n - T e rn p e l h o f die Kopfsteuer und erklärte dabei: „Und dann kommt die ungeheuerlichste Steuer, die ungerechteste, die es gibt, die Kopfsteuer. Man wird mir einwenden, daß ja auch unser Minister Frick in Thüringen diese Kopfsteuer eingesührt hat. Hier handelt es sich aber auch darum, mit dem Aufkommen dieser Steuer etwas zu erreichen, einmal eine kraftvolle Machtposition, von der aus wir den Kampf weiterführen können." Wie das gemeint war, das hat Dr. v. L e e r s in einer anderen nationalsozialistischen Versammlung in V e r l i n - F r i e d r i ch s h a g e n am 6. August angedeutet. Er sagte dort: „Die Einführung der Kopfsteuer hat in Thüringen seinen ganz bestimmten Grund. Als Innenminister hat man gewisse Machtbefugnisse auch über Dinge, die die Oeffentlichkeit nicht zu wissen braucht. Da kann man Dinge anschafsen, die man nun nicht gerade zum Spazierengehen braucht. Näher brauche ich mich wohl hierüber nicht zu erklären." Mit dürren Worten: die Nationalsozialisten bereiten nach den Erklärungen des Dr. v. L e e r s von Thüringen aus den Umsturz vor und scheuen sich nicht, der Bevölkerung die „ungerechteste und unsozialste aller Steuern" aufzuerlegen, um für ihre dunklen Pläne Mittel in die Hand zu bekommen. Dr. v. L e e r s hat aber auch verraten, wie er sich die Weiterentwicklung der Dinge denkt. Am 4. August erklärte er in einer nationalsozialistischen Versammlung in den Passage-Bierhallen in Berlin: - „Wenn dann eines Morgens die Herren alten Formats in der Wilhelmstraße erscheinen, werden tuir ihnen mitteilen, daß wir für sie keine Arbeit mehr haben. Ueber Nacht haben die Nationalsozialisten diese Stellen mit ihren Leuten besetzt. Man nennt dies dann einen kleinen Staatsstreich. So etwa denken wir uns die Zukunft." Nach den eigenen Worten des Dr. v. L e e r s sind also Vorbereitungen zu einem ausgesprachen hochverräterischen Unternehmen bereits im Gange. Der Staatsamvalt sollte sich einmal für diefe nationalsozialistischen Pläne interessieren. Außerhalb Berlins wandeln sich diese Prophezeiungen zu folgender Zukunstsschilderung ab: Herr Kasche ans Sorau, stellvertretender Gauleiter des Gaues Ostmark der N^DAP„ hat sich am 6. August in Landsber g (Warthe) vor 800 Personen, Beamten, Akademikern und vielen Mittelstündlern, hören lassen. Er hat versichert, daß die Nationalsozialisten am 14. September einen großen Wahlsieg erringen würden. Tann bekämen sie das Reich sinnen- und das R e i ch s w e h r ut in t ft e r i u m. Das bedeute eine reale Macht (diese Ansprüche werden von der Partei, wenigstens in der Agitation, schon jetzt angemeldet). Sie würden dann einen Parteitag in Berlin veranstalten, bei dem die Polizei sie zu schützen hätte und die Reichswehr vor ihren Führern in der Wilhelmstraße präsentieren müsse. Bei dieser Gelegenheit würden dann 500 ausgesuchte S.A.-Leute in den Reichstag geschickt; diese hätten ein Gesetz vorzulegen, wonach der Reichstag Adolf Hitler zum Reichskanzler mit Diktaturvollmacht ernennt. So käme man legal zur Macht. Wenn der Reichstag sich weigere, würde man erklären: „Ihr habt Erfüllungspolitik getrieben, weil angeblich die Franzosen marschieren. Wenn ihr jetzt nicht erfüllt, dann marschiert die S. A., die es ja viel näher hat als die Franzosen. Nach der Machtübernahme wird mit Reichswehr und Polizei regiert. Die S.A. wird auf dem Land und in den kleinen Städten eingesetzt, um dort die vielen demokratischen und jüdischen Misthaufen ausznmisten." Wir führen unseren Lesern absichtlich diese Zitate nationalsozialistischer Agitatoren vor Augen, um darall 31t zeigen, in welcher Art die Masten beeinflußt werden, lvelche Geistesblüten man sich widerspruchslos anhört, und wie durch die ständige Wiederholung der gleichen Phrasen

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