Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 33 (15.8.1930)
- Date
- 1930-08-15
- Page
- Seite 430 (sequence 2)
- Language
- German
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430 diejenigen Gruppen im Wahlkampf bekämpfen müssen, die die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Glerchberechtrgung der Juden anzu tasten gewillt sind. Der liberale und denMratische Gedanke hat die gesetzliche Gleichberechtigung der J-udeuheit in hohem Maße gefördert. Aus seiner Grundlage wurden wir' von Geknechteten und Unterdrückten zrl Vollbürgern. Es -ist deshalb verständlich und begreiflich, daß eine große Anzahl von Juden sich zur bürgerlichen oder zur sozialistischen Demokratie bekannte und bekenne. Das Gewicht der geschichtlichen Tatsachen zog sie zu dieser Ausfassung. Dem widerspricht auch nicht der Umstand, daß die Entwicklung und die neue Zeit unsere Freunde vielfach zu anderen Parteien treiben,- weil auch-bei uns Liberalismus und Demokratie vielfach nicht mehr rhr früheres Vollgewicht besitzen. In dieser Frage muß jeder seine eigenen Wege gehen. II. Niemandes Liebe können wir verlangen. Aber wir erwarten, daß die, denen wir unsere Stimme geben sollen, ebenso im Interesse der Entwicklung unserer Heimat wie im Interesse unserer selbst unbedingt Gesinnungen und Handlungen ablehnen und bekämpfen, die zu diesen Erfordernissen in Widerspruch stehen, eo einfach unsere Forderung klingt, so schwierig wird für viele die Beantwortung der Frage, ob ein jüdischer Wähler, der aus dem Boden der bürgerlichen Demokratie steht, der „Staatspartei" seine Stimme geben kann. Männer und Frauen, die b i s h e r die Führer der Demokratischen Partei g e w e s e n s i n d, zählen zu den Mitbegründern der neuen Partei. Wir kennen sie als Verfechter unserer unbedingten Gleichberechtigung. Wir wissen, daß sie gegen jeden überspitzten Nationalismus scharf gekämpft haben. Wir haben sie stets als charaktervolle Menschen kennengeternt und wissen, daß sie sich in ihrer politischen Grundernstellung nicht geändert haben. Was sie gerade in den uns berührenden Fragen sprechen und schreiben, entspricht ihrer Vergangenheit, und sie brauchen es uns nicht erst zu versichern, daß sie wie früher von jeder Feindschaft gegen die Judenheit frei sind, weil eben ihre Vergangenheit nicht in Worten, sondern in Taten für sie spricht. Dabei wäre es aber doch möglich, daß der n eue T e i lhab e r der soeben gegründeten Deutschen Staatspartei, die Volksnaticmale Reichsvereinigung, eine Aenderung auch der alten demokratischen Grundsätze herbeigeführt haben könnte, denn der I u n g d e u t - sche Orden, aus dem diese V o l k s n a t i o - nale Reichsvereinigung hervorgegangen ist, war in früheren Zeiten ohne Zweifel entschieden judengegnerifch gesinnt und unterstützt noch heute durch Betonung des sogenannten arischen Standpunktes eine wissenschaftlich wie staatsrechtlich unhaltbare Auffassung. tlm die gegenwärtige Lage richtig würdigen zu können, muß man die Entwicklung betrachten, die von dem bewußt außerparlamentarischen „anti-parteiischen" In n g d e u t s ch e n D r d e n über die V ol k s n a t i o n al e R ei ch s v e r e i n ig u n g zur Staatspart e i führt. Schon die Volksnationale Reichs- Vereinigung hat den Rassensiandpunkt des Jungdeutschen Ordens abgelehnt. Jeden Staatsbürger hat sie bei ihrer Begründung zur Wertarbeit eingeladen, a u ch j e d e n I u den, der aus ihrem Boden steht. Sie hat es abgelehnt, den „Arierparagraphen" aus dem „Jungdo" mitzuübernehmen. Tie Unterscheidung, die Frau Dr. B ä u m e r in ihrem Aufsatz „Rasse und Staatsbürgertum" (C.-B.-Zeitung vom 8. August) zwischen Jungdeutschem Orden und Voltsnationaler Reichsvereinigung macht, ist denrnach durchaus anzuerkennen. Anders steht es freilich mit ihrer Ansicht, selbst gegen, den Jungdeutschen Orden mit seinem „Arierparagraphen" sei nichts einzuwenden, weil ja auch der jüdische Orden Bne Briß Nichtjuden den Eintritt verwehre. Was dem einen recht fei, sei dem anderen billig. Hier ist ein Wort der Kritik notwendig. Arierparagraph bedeutet Ausschluß von Menschen bestimmter Abstammung, weil in dieser ALstam-- murig eine n a t u rgeb u n d e n e Ai inderwert igLeit gesehen wird. Der Orden der Jungdeutschen verschließt sich aus Allstamm u n g s g r ü n d e n der Aufnahme von Juden. Der Orden Bne Briß nimmt grundsätzlich j e d e n, gleichviel welcher A b st a m m u n g, auf, der jüdischen B e k e n n t n r s fe s ist. Mit „Blut" hat dessen Ausschließlichkeit nichts zu tun. Religiöse Vertiefung und Fortbildung, Würdigung des geschichtlichen Charakters der jüdischen Gemeinschaft, Fortbildung auch, im Sinne des ererbten jüdischen Geistesgutes ist sein Inhalt; nicht Ablehnung wegen blutsmäßiger Minderwertigkeit. Diese Auffassung der Minderwertigkeit aber liegt, ausgesprochen oder unausgesprochen, allen diesen Ärierparagraphen zugrunde. Einen christlich-religiösen Charakter einer Vereinigung übelzunehmen, ist noch keinem vernünftigen Juden eingefallen. Wenn wir also auch über den Arierstandpunkt des Jungdeutschen Ordens keineswegs leichten Herzens hinweggehen können, so bleibt doch die Tatsache, daß man ihn im Augenblick des ersten Praktisch Politischen Auftretens in der Volksnationalen Reichsvereinigung aufgegeben hat, bemerkenswert. Bevor wir die dadurch angebahnte Entwicklung bis zur Staatspartei weiter verfolgen, müssen wir noch kurze Zeit bei der Führerpersönlichkeit verweilen, die allen drei Entwicklungsstufen in gleicher Werse angehört, bei Artur Mahrann. Mahraun wandte sich in seinem, auch in der „C.-V.-Zeitung" veröffentlichten Aufsatz über seine Stellung zum Judentum gegen alle diejenigen Juden, die an den Grundsätzen der christlichen und deutschen Kultur rütteln wollen. Zweifellos gibt es eine jüdisch-religiöse Kultur, die sich aus der Geschichte und den Einrichtrmgen der jüdischen Gemeinschaft entwickelt hat.. Sie hat sich damit aber niemals in eine Gegnerschaft zu anderen monotheistischen Kulturen fetzen wollen; es sind dies Kreise gewesen, die sich berührten, ohne sich zu schneiden. W e u n H err M a h raun s i ch gegen alle diejenigen wendet, gleichviel, o b s i e I u d e n o d e r Nichtjud en sind, die an der Grundlage unserer deutschen Kultur rütteln wollen, so i st. d as ein Ziel, d as mit ihm Iüben und Nichtjud en gemeinsam vertreten. Aus der Formulierung des Satzes scheint aber doch hervorzugehen, daß Herr Mahrann von dem Vorurteil nicht frei ist, als ob gerade die Juden als Zersetzer der deutschen Kultur besonders wirksam wären. Diesem Standpunkt können wir keineswegs beipslichten. Tie wesentlichen Unterschiede in der Auffassung, die uns von Herrn Mahraun trennen, liegen darin, daß wir wohl wissen, daß es unter Jude:: wie unter Nichtjuden Schädlinge gibt, daß wir aber die unausgesprochenen Verallgemeinerungen, die auch in seinen Worten liegen, ablehnen müssen. Herr Mahraun erklärt auch, daß das Judentum in den völkischen Grundlagen einer Organisation keinen Angriff gegen sich sehen dürfte. Wir sagen daraus: Wenn v ö l k i s ch e G r und l age n bedeuteten: Erhal - t u n g v o n V a t e r l a n d u n d Kult u r, s o w ü r d e n d i e Massen der I u d e n m i L M a h r a u u e i n i g sei n. Wenn sie aber heißen: Ausschluß einer angeblich sremd e n, im Gegensatz zur übrigen deutschen Bevölkerung befindlichen „Rasse", so muß eine solche Auffassung als unwissenschaftlich und kulturzerstörend zurückgewiesen werden. Ebenso gern aber sei erwähnt, daß diese Stimmungs- und Begriffsunterschiede Herrn Mahraun selbst nicht mehr in einem Maße belangvoll erscheinen; das ihn in offenen Gegensatz zu. uns zu stellen vermöchte. Seine mehrsachen ErWrungen, dech er sich, jedem Antisemitismus firn fühle, find nßchß nur so ehrlich von uns MnWWehmen,' wie sie ausgesprochen sind, sie findbereits durch Me'Tat erwiesen. Me Volksuationale AeichsvereiMiMKA hat nicht nur den Arierparagrapheu Prog-rammnLisch abgekehNt, sie hak auch praLLMH b e i d e n Wa h le n z um f ä ch sischen Landtag die H i t l e t scheu Hetzereie n w r r k s a m z u r ü ck g e wi e f e n, und wema sie heute von den HÜler-Lenken mit Kübekn voC Schmutz begoffen wird, so ist die Reaktion im gegnerischen Lager ein Beweis dafür, daß man es ernst mit firner' Kampfstellung genommen hall Im Anfang w a r ' die T a t l HI. So ist der Gründung der Deutschen SLaatspartei eine Entwicklung in ihrer „jun gdeu tschen" Gefolgschaft vormrgegangen, die der klare und ernsichtige Beobachter als durchaus erfreulich bezeichnen muß. Sie beweist, daß man auch dort in der Anerkennung der staatsbürgerlichen Bedeutung der deutschen Juden durchaus auf dem richtigen Wege ist. Die „Frankfurter Zeitung" hat mit Recht darauf hingewiesen, daß wir im praktischen und politischen Leben den außerordentlichen Fehler machen, viel zu viek aus Lheoretische Forumlieruugen und staatsrechtliche Begriffe zu geben. Wenn sie sagt, daß das ein thpffch deutscher und auch jüdischer Fehler sei, so hat sie damit vollkommen recht. Letzten Endes kommt es doch darauf an, wie jeniand im Lause der Jahre die Werte der einzelnen Gruppen in der allgemeinen Politik zu sehen gelernt hat. Die Volksnationale Reichsvereinigung bezeichnet es als eine V erle n m d u n g, wenn nran sie als antisemitisch bezeichnet.. Das muß uns genügen und genügt uns auch. Wir rnüssen es ablehnen, eine Analyse der seelischen Zusammenhänge vorzunehmen, durch die hindurch der einzelne zu seinem politischen Ergebnis gekommen ist. A b e r ein s m ü s f e n w i r verlangen: u n s e re j ü d i s ch e W ü r d e d a r f i n k e i n e r B e § i e h n n g v e r - letzt werden. Vorläufig fehlt jedes Anzeichen dafür, daß wir in der Deutschen Staats- Partei derartiges zu befürchten hätten. Gewiß wird es viele geben, denen die innere Veränderung, welche die Deutsche Staatspartei gegenüber der alten Demokratischen Partei aufwerst, nicht gefällt. Lie werden ihre Folgerungen ziehen. Aber an dieser Stelle darf ausgesprochen werden, daß eine Veränderung in den uns betreffenden Fragen nicht eingetreten ist. Vom Standpunkt des E e n t r al - V e r - e t n s kann deshalb die D e u t sch e S t a a t § - p a r t e i a l § „b edenkensre i" b e z e i ch - net werden. Gewiß widerspricht vieles, was hier gesagt wird, der GemütseinftellMg einer großen Reihe unserer Freunde. Das wissen wir und das verstehen lvir. Immer, wenn Altes öderwnnden wird und Neues geschassen werden soll, gehen Gemütsloerte verloren. Verfehlt aber ist es in der heutigen Zeit, in der sich alles lvandelt. und in der namentlich im staatlichen Leben alte Anschauungen fortgesetzt einen anderen Inhalt bekommen, sich von vornherein einen Schöpfung zu wröerfitzen, die von Menschen ausgeht, die guten Willens sind. Mögen auch die Wege,, die viele in der Vergangenheit rvandelten, uns nicht gefallen haben — warten wir weitere Taten ab! # Der Bundesv or sitz ende des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold, Otto H ö r s i n g, hatte an Reichsminister Tr. K o ch - W e s e r süns Fragen gerichtet, von denen die eine die Stellung der Deutschen Staatspartei zum Antisemitismus betras. Dr. K o ch - W> e s e r hat diese Fvage mit den folgenden Worten beantwortet: „Die Deutsche Staatspärtei lehnt den kulturschändenden Antisemitislnus ab und bekämpft ihm" PL S > -i 1