Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 31 (1.8.1930)
- Date
- 1930-08-01
- Page
- Seite 410 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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„Die mmmec endende ‘Jxaqödie dec Judenheit“ 2>um Meuntm Ah / Von Sa&ius Schach Faßt man das Wort „modern" nicht rein äußerlich, sondern weltanschaulich aus, d. h. daß man seelisch vom Geiste der NeuZeit getragen i st, daß man mit allen Errungenschaften der Zeit verwachsen ist, dann ist es klar, daß der moderne Jude mit den religiösen und geschichtlichen Formen einen anderen Sinn verbindet als den unserer Büter. Es ist nämlich nicht so, daß sich immer nur die Form wandelt und der Geist bleibt, sondern auch häufig so, daß mit den alten Formen ein neuer Inhalt sich verbindet. Wer die jüdische Religionsphilosophie kennt, versteht diese Erscheinung. Daß auch mit dem geschichtlich und religiös bedeutungsvollen Tage der Tempelzerstörung eine Wandlung vor sich ging — wer wird sich darüber wundern? Wie sah der neunte Ab bei unseren Vätern aus? Es war eine in sich geschlossene fremde Kolonie, die sich nach Erlösung, nach Rückkehr in die Urheimat glühenden Herzens sehnte. Diese Menschen des Ghettos trauerten um der: Fall Zions, als wenn sie ihn selber erlebt hätten. Sie nannten ihre neue Heimat nicht nur Galutth (Verbannung), sondern fühlten sie auch so. An diesem merkwürdigen Tage kam der Liese nationalreligiöse Schmerz in seinerganzen Wucht zum Ausdruck. Es war die Klage um das verlorene * Glück, um die vernichtete Herrlichkeit Israels. Nicht nur die furchtbare Form (das Kauern auf der Erde mit zerrissenen Kleidern, die Abwendung von allen Freuden und Lebensgenüssen), auch das Empfinden war urkräftig, tief und gewaltig. Sie saßen im Geiste zusammen mit den gequälten Vertriebenen Jerusalems, sie litten all die Not und all die Schmach eines grausamen Eroberers, der in Perverser Brutalität seine Rache auskostete. Für sie hatte Jer-emia seine Klagelieder geschrieben. Und das Leid der Gegenwart vermengte sich mit dem alten und schuf eine Symphonie der Trauer — so eigenartig, wie das ganze Volks- und Seelenleben dieser Menschen. Wer von uns in Westeuropa, mag er auch Zionist oder orthodox sein, darf ehrlich behaupten, daß uns heute der neunte Ab noch dasselbe bedeutet? Und mögen wir auch die alten Formen treu beobachten, haben sie noch denselben Inhalt? Wir fühlen uns nicht mehr fremd in der Heimat der Väter, und kaum der Bruchteil eines Prozentes denkt an Rückkehr, beklagt aufrichtig die verlorene staatliche Größe Israels. Zion ist den meisten nur noch Symbol und nicht Ziel. Und doch klagen wir alle am neunten Ab, und die nimmer endende Tragödie der Judenheit steht an diesem Tage vor unseren Augen. Wir beklagen den nagenden Dualismus in unserem Herzen, die Unruhe und Unerfülltheit in unserem Geiste. Wir sehen immer wieder, wie man das Beste in uns verkennt, unsere Liebe zurückweist und unserer Seele keine Ruhe gönnt. Wir beklagen, daß wir unsere besten Kräfte für negative Abwehr opfern müssen und zu schöpferischen Taten selten kommen. Wir beklagen die Zerrissenheit in unserer Mitte, die jedes große Werk hemmt, den zerstörenden Parteiismus, der es hindert, daß wir einander verstehen. Und wir wissen, daß dieses Elend mit der Zerstörung Jerusalems begonnen und durch die ganze Geschichte gewandelt ist. Denn irgendwie hängt bei uns alles mit der Geschichte zusammen. Uns ist der neunte Ab ein Tag großer Erinnerungen, aber diese Erinnerungen sind abgeklärt und abgetönt, sie gehen nicht mehr so stürmisch durchs Gehirn, peitschen nicht so rasend durchs Herz. Töne aus einer weiten Fremde (mcht nur der Zeitmach) klingen zu uns herüber. Wir horchen aus sie, aber wir müssen sie erst übersetzen ins Gegenwärtige, bevor sie in unsere Seele dringen. Wir hängen mit der alten Geschichte zusammen, aber nicht unmittelbar durch das Empfinden, sondern mittelbar durch den Verstand. Das Schicksal unserer Väter erschüttert uns nicht mehr so gewaltig, weil die Zusammenhänge der Geschichte durch so viele Episoden zerrissen worden sind. Unseren Vätern war die Zerstörung ein Einmaliges, uns ist sie eine lange Entwicklung, ein geschichtlicher Vorgang. iltjmlUiliiEmmmimiimnilüiimmiimiliilimjmmHnimiHmimiliiiiiiimjmimmiimmuliiüliiiiimmiiimimiHiniuiiimmiiimm Und, das spüren wir, unsere Geschichte zeigt uns täglich, stündlich, daß die Ruhepunkte noch fern liegen. Denn sie spricht zu uns eine deutliche Sprache. Sie kündet uns nicht nur die Vergangenheit, sondern auch den Weg in die Zukunft. Nach all den Irrungen und Wirrungen, an denen unsere Geistesgeschichte so reich ist, wissen wir heute, daß unser Weg vorwärts führt, der Kultur, dem Fortschritt entgegen. Wir erkennen aber auch, daß unsere jüdische Eigenart erhalten bleiben muß, weil darin eine Quelle unserer Kraft, eine Verbindung mit Vergangenheit und Zukunft ruht. Wir haben ausgehört, auf die Stimme unserer Feinde zu hören und danach unser Leben einzurichten. Wir wissen heute, daß in uns selbst die Maßstäbe für unser Innenleben ausbewahrt sind. In der Differenziertheit und nicht in der Nivellierung liegt die Kruft aller Kultur. Wir nehmen alles Schöne und Große in uns auf, aber wir verarbeiten es mit unserem Wesen und schassen daraus etwas Individuelles. Das ist der Gang aller gesunden Geistesentwicklung. Wir lieben die Kultur des deutschen Volkes, die uns gebildet, aber wir machen sie am besten zu unserem Eigentum, wenn wir sie nicht wie eine tote Schablone hinnehmen, sondern mit unserem Herzen verschmelzen. Und wenn sie dadurch neue Nuancen gewinnt, so ist das eine Bereicherung — nicht nur für uns, sondern auch für die ganze Kulturgemeinschast. Und wir lieben auch die Kultur unserer Väter, weil sie allein uns zu Trägern der Menschlichkeitsidee durch eine Geschichte, reich an schweren Schicksalen, gemacht hat. Aber auch sie haben wir mit dem Modernen in uns verarbeitet und sie hat für uns eine andere Gestalt und andere Bedeutung erlangt. Wenn wir mit Schmerz sehen müssen, wie Torheit und Bosheit uns befehden, so beirrt uns das nicht, den richtigen Weg zu sehen: Fortschritte in V e r b i n d u n g m i t d e r geschichtlichen Struktur, w i s s e n s ch a f t l i ch e Errungenschaften im Verein mit Ethik un d Religion zu lieben und zu üben. Das Judentum hat seinen Beruf noch nicht ganz erfüllt, es diktiert uns täglich neue schwere Aufgaben. Wir wollen sie freudig erfüllen in dem Bewußtsein, daß wir damit unseren Kindern den besten Dienst erweisen. Das neue Leben gebietet uns, zu kämpfen, unsere höchsten Güter zu verteidigen. Wir wollen diesen Kampf führen im Namen des Rechtes und der Wahrheit. Wir find geschichtliche Juden und m o d e r n e Kulturmenschen — nicht nebeneinander, sondern mit- und ineinander. Sie sind in uns verschmolzen, wir können sie nimmer trennen. So trauern wir an diesem Tage, aber wir verzweifeln nicht. Wie jede würdige Trauer, soll auch diese nicht zermürben, sondern lehren und die Bahn zu neuem Leben freimachen. Wenn man etwas verloren hat, soll man es beklagen, aber nicht dadurch sich selber verlieren. Als der jüdische Staat zugrunde ging, retteten unsere Geistesführer ihre göttliche Kultur, weil sie wußten, daß sie dadurch allein die innere Größe der Judenheit erhalten können. Das ist wahre Kulturpolitik, und sie hat sich in unserer Geschichte glänzend bewährt. Wahren wir auch ferner die höchsten Güter unserer Kultur und unserer Religion — zu unserem Glück und dem der Menschheit. . t Wir Juden haben gelitten für die erkannte göttliche Wahrheit wie keine Zweite Gemeinschaft. Darum ist sie uns auch so teuer geworden. Schrecken wir auch in schwerer Zeit nicht vor Leid und Kampf zurück und vergessen wir unseren Beruf, den Sinn unseres Lebens nicht. Wir sind auch heute Märtyrer in irgendeiner Form, das ist unser Stolz und unsere Größe. Bleiben wir uns treu und gehen wir unbeirrt den Weg der Geschichte und der Erkenntnis. Dann wird uns auch im Leben aus den Tag der Zerstörung der Sabbat des Trostes folgen. iiiiiiiiiuiiii ......immmmmM Ein Aufruf für Einheit und Friede Die Religiöse Mittelpartei gegen jüdische Wahlen. Die Jüdische Telegraphenagentu r «ITA vom 24. Juli verbreitet nachstehende Mitteilung: Der Vorstand der Religiösen Mittel- Partei für Einheit und Friede r n der Gemeinde Berlin hat in seiner Sitzung vom 7. Juli d. I. den folgenden Beschluß gefaßt: Im Spätherbst dieses Jahres sollen in Preußen die Wahlen zum Landesverband der jüdischen Gemeinden, in Berlin und in anderen Städten die Wahlen zu den Gemeindevertretungen stattsinden. Gemäß unserer Zielsetzung, die überparteilich darauf hinausläüft, Kämpfe und Spaltungen im jüdischen Gemeindeleben beseitigen zu helfen, fordern wir in einer wirtschaftlich außerordentlich ernsten, politisch heftig bewegten Zeit alle an verantwortlicher Stelle stehenden jüdischen Männer und Frauen auf, sich mit heiligem Ernste dafür einzusetzen, daß die jüdischen Wahlen durch Bad Wildlingen, Hotel KaiserM Schönste, ruhige Lage, mit jedem Komfort der Neuzeit. VoUe Pension von M. 10,- bis M. 13,-. (Telephon Nr. 9). irgendeinen für alle Teile erträglichen Ausgleich vermieden werden. Die für einen Wahlkampf erforderlichen erheblichen Geldmittel sind zur Linderung der Not und des Elends unter den deutschen Juden sowie zur Bekämpfung des immer mehr sich ausbreitenden Antisemitismus weit zweckmäßiger und gerechtfertigter zu verwenden. Der Vorstand der Mittelpartei wird Persönlich alles bis zum letzten einsetzen, um die Parteien zu bestimmen, von einem Wahlkampfe abzusehen. Er bittet seine Parteifreunde beiderlei Geschlechts, wo immer sie Einfluß haben, ihn in seinen Bestrebungen in geeigneter Weise zu unterstützen und mit für die Ausschaltung eines unter den gegenwärtigen Verhältnissen unverantwortlicher) Wahlkampfes besorgt zu sein.