Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 31 (1.8.1930)
- Date
- 1930-08-01
- Page
- Seite 407 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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407 politische Spaziergänge I. L. H. Erörterungen über die jetzige Lage im Kreise unserer Freunde zeigen sie von einem unendlichen Pessimismus erfüllt; das ist nicht unverständlich. Die jüdische Bevölkerung hat unter den politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ereignissen viel zu leiden. Der Nationalsozialist bedroht sie geheim und offen. Es vergeht kein Tag ohne die verletzendsten Angriffe. Die Jugend ist zum Teil so fanatisiert, daß sie sich am liebsten aus jeden „jüdisch" aussehenden Menschen stürzen möchte. Wirtschaftlich hat die jüdische Bevölkerung aus hier oft dargelegten Gründen verhältnismäßig viel mehr zu leiden als die nichtjüdische. Auch die Aussichten auf eine alsbaldige Besserung sind nicht gut. Tiefgehende innere Umstellungen werden erforderlich sein, damit die Judenheit sich — der Tatsache einer schleichenden Revolution bewußt — im wirtschaftlichen Denken und Handeln den heutigen veränderten Anforderungen anpaßt. Trotz alledem ist aber die Lage nicht so, daß man sogleich an das Letzte denken müßte. Deutschland hat schwerere Zeiten durchgemacht. Wir Juden sind durch Generationen in Not und Elend gestählt. Alles kann überwunden werden, wenn wir zweier Dinge Herr werden: der unfruchtbaren Kritik in u n } e ten eigenen Reihen und der ihr entspringenden Untätigkeit gerade der an sich tüchtigsten u n b wirkungsvollsten Persönlichkeiten. II. Ohne jede ausführliche Erörterung hat die Frage des sogenannten inneren Friedens zu bleiben. Von jeher war das Judentum in Parteien gespalten; ihre Anschauungen waren stets stark geschieden; sie bekämpften sich in nicht immer schöner Weise, aber dieser Kampf brachte Leben in die gesamte Judenheit. Ob diese Auseinandersetzungen ein Unglück waren, oder ob sie, im großen gesehen, sich schöpferisch für unsere Entwicklung und die der Welt auswirkten, mag dahingestellt sein. Jedenfalls muß in der schweren Not der Zeit jeder innere Kampf ruhen. Eine Minderheit wie die jüdische würde unsinnig handeln, würde sie in einer Zeit, in der sie von einem nach Hunderttausenden zählenden Pöbel im wahrsten Sinne des Wortes mit Mord und Totschlag bedroht wird, ihre an sich geringen Kräfte zerfleischen. Darum wird die deut¬ Schluss des Aufsatzes „Rettung oder Untergangn von Siegfried Höxter nationalen gerät mehr und mehr in ihre Abhängigkeit; bündisch und ständestaatlich eingestellte Anhänger des Jungdeutschen Ordens werden von ihnen als romantisch-reaktionär und mittelalterlich-rückständig verspottet. Nationalsozialismus bedeutet Kampf gegen Demokratie und Verfassung in seiner modernsten und daher gefährlichsten Form. Der fozmlreoolulionüre Ilalionalsozialismus bildet Gewerkschaften Gerade weil der Nationalsozialismus als feste politische Partei und nicht als Bund auftritt, weil er die Chancen des Parlamentarismus ausnutzt, wo sie sich ihm bieten, gerade deswegen wird sein Kampf gegen Verfassung, Demokratie und Parlamentarismus zu einem besonders ernst zu beurteilenden und gefährlichen, der größere Aufmerksamkeit und ernsthafteren Widerstand verdient als die Bestrebungen vieler Bünde, die man gemeinhin in Deutschland als die typischen Vertreter der antidemokratischen Bestrebungen ansieht. Gerade weil der Nationalsozialismus das Ideal des hundertprozentigen Ständestaats, das bei ihm viel vorsichtiger und verschwommener in der „Volksgemeinschaft des Dritten Reiches" wiedererfcheint, hat fahren lassen und dafür entschlossen sozialrevolutionäre Tendenzen gesetzt hat, welche sich auf die proletarische Klasse und die proletaroiden Schichten stützen oder stützen sollen, gerade deswegen wird er erst zu einer akuten Gefahr für den Bestand der Demokratie. Es wäre ganz und gar unsinnig Zu leugnen, daß die NSDAP, heute wichtige Positionen innerhalb der Arbeiterschaft erobert hat und daß sie dabei ist, diese Stellung auszubauen. Herr Gregor Straffer bekennt sich in seinen „Nationalsozialistischen Priesen" als grundsätzlicher Anhänger der Gewerkschaftsbewegung und zeigt sich als höchst mteressierter und wohlunterrichteter Beobachter alles dessen, was in den Gewerkschaften vorgeht. Und es ist bekannt, daß d i e N a - tionalsozi.alisten tatsächlich a n - gefangen haben, eigene Gewerkschaft e n i n s L e b e n z u r u s e n. Will man den politischen Charakter des Nationalsozialismus in einem Wort kennzeichnen, so wird man sagen müssen: das Wesen dieser auf den Tod der Demokratie, aus die Vernichtung der parlamentarischen Verfassung abzielenden Bewegungbesteht in der parteimäßigen Organisation eines mit primitiven sozialrevolutionäre n Tendenzen durchsetzten Kampfes gegen dendemoirakischen P a r l a m e n t a r i s m u s. Er stellt die moderne Form dieses Kampfes dar. Demokratie und Verfassung zu vernichten, d. h. das bestehende Klassengleichgewicht zuungunsten des Proletariats Zu korrigieren, das ist die Ausgabe des Nationalsozialismus. Er versucht-dies längst nicht mehr mit offen reaktionären Mitteln, nicht mit den mindestens für Deutschland überlebten Formen veralteter Kampsmethoden, nicht mit Bünden und Ständestaat: er geht der modernen Demokratie auf die modernste Art Zuleibe, als Parte i, als soziale und revolutionäre Partei. So betrachtet, erscheint der Nationalsozialismus eingebettet in den großen Rahmen der Auseinandersetzung zwischen Demokratie und ihren Todfeinden; in den Nahmen vornehmlich der Auseinandersetzung zwischen Kapitalistenklasse und Arbeiterklasse in der spätkapitalistischen Entwicklung Deutschlands. Von diesem Standpunkt gesehen, ist der Nationalsozialismus nicht mehr und nicht weniger als der gedankliche Niederschlag des antidemokratischen Vortrupps aller der reaktionären Teile des modernen Großkapitals, die an der Vernichtung von Demokratie und Verfassung interessiert sind. Deren finanzielle Unterstützung genießt er und in deren Auftrag sucht er durch Betonung einer gewissen sozialrevolutionären Note die Grundlage des Kampfes gegen Parlament und Demokratie durch Vorstoß in die Reihen der proletarischen Klasse zu erweitern — unversöhnlich in seinem wütenden Kampf gegen alles, was parlamentarisch ist, und besonders gefährlich durch' seine parteimäßige Organisation, seine sozialrevolutionäre Tendenz. So betrachtet, erscheint er als das, was er ist: viel m e h r als eine antisemitische, vorübergehende sche Judenheit und mit ihr der Centralverein mit all denjenigen arbeiten, die die ungeheuren Aufgaben der nächsten Zeit mitzuerfüllen gewillt sind. Ist dies auch eine Selbstverständlichkeit, so ist aus der anderen Seite die seelische Grundhaltung einer sehr großen Anzahl unserer Freunde der Hauptschade unseres gesamten Seins. Die Verteidigung gegen rohe nationalsozialistische Angriffe ist häufig ein wenig geistvolles Tun; der Kamps ist sicherlich nicht anziehend. Man muß wohl schon auf das 18. Jahrhundert zurückgreifen, um der Roheit gewahr zu werden, wie sie heute in Deutschland gang und gäbe ist. Aber hat jemand aus diesem Grunde ein Recht, sich um die Dinge einfach nicht zu kümmern und nicht mitzumachen, weil ihm eine rohe geistige Auseinandersetzung, die Abweisung der Pöbeleien, mit denen wir täglich, ja stündlich zu tun haben, nicht fein genug sind? Dabei kennen wir eine ganze Reihe von Männern und Frauen, die etwas leisten könnten, wenn sie sich zu irgendeiner kleinen oder größeren Arbeit zur Verfügung stellen würden. Wie oft haben wir gebeten, sich freiwillig und unentgeltlich in solchen Notzeiten zu melden. Was geschah? Die Mehrzahl versagte sich unseren Aufrufen. Viel schlimmer sind aber die, die immer irgend etwas an der Politik des Centralvereins auszusetzen haben! Keinem von uns Welle, viel m e h r als eine zufällig aufgetauchte und ohne jede Gegenanstrengung wieder zusammenbrechende Augenblicksgeburt der aktuellen Tagespolitik. Und endlich ist von diesem Standpunkt ohne weiteres klar, daß der Kampf gegen den Nationalsozialismus zu den dringenden und unaufschiebbaren Aufgaben aller liberalen und demokratischen Organisationen, von Partei bis Staat, gehört, welche diesen für Demokratie und Verfassung lebensnotwendigen Kamps e r n st e r, tatkräftiger als bisher, leidenschaftlicher als bisher a u f ne h m e n rn ü s s e n , soll nicht in Deutschland w i e in manchen anderen L ä n d e r n die Demokratie vor d e m A n st u r m ihrer Todfeinde in Stücke Zerbrechen und die Freiheit hinter Zuchthausmauern verröcheln. 30472 Berlin ist die Postsdiecknummer, auf die Du Deine Spende zum Kampffonds 1030 einzahlen musst, wenn Du nicht vorziehst.. .