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Central-Verein-Zeitung · 1930-07-25 · 30 (25.7.1930) · p. Seite 400

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
30 (25.7.1930)
Date
1930-07-25
Page
Seite 400 (sequence 8)
Language
German
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400 scheu Arbeit als einst die Postkutsche. Die Juden haben die ewige Unruhe der Welt so wenig geschaffen wie irgendein anderes Element, das man aus dem Ganzen des Volkes und der Menschheit herausgreisen könnte. Sie stammt vielmehr aus tausend und aber Lausend, aus unzähligen Triebkräften der menschlichen Entwicklung. Jede Veränderung irgendwo in der Welt wirkt früher oder später auf das Leben im letzten Winkel von Deutschland. Wenn die Vereinigten Staaten die Einwanderung unterbinden, sind bald viele Berufe in Deutschland überfüllt. Deshalb wird auch den äußeren Verlauf btefer Entwicklung weder die Kirche, noch die von der „Schöneren Zukunft" vertretene katholische Mion, noch irgendeine andere geistige Macht aushalten. Sie werden alle miteinander nicht den Tonfilm, nicht die Setzmaschine, nicht die fabrikmäßige Herstellung von Arzneimitteln aus der Welt schaffen, obgleich dadurch in Scharen Musiker, Seher und Apotheker brotlos werden. Sie werden diesen Kampf mit der immer fortschreitenden und ihren eigenen Gesetzen folgenden Technik noch nicht einmal aufnehmen. Nicht auf diesem Gebiete liegen ihre Aufgaben und ihre Kräfte. Sie haben eine andere Berufung. „Wir dürfen nicht Sklaven der wirtschaftlichen Entwicklung werden!" Mit diesem Programm hat Eberle ein gutes Ziel ausgestellt. Selbst wenn die Entwicklung der Welt uns alle bettelarm machte, müßten wir dennoch mitten in ihr und ihr zum Trotz frei bleiben. Die Erhaltung dieser inneren Freiheit und ihre Reuerzeugung, wo sie verloren gegangen war, ist die große Aufgabe der Religion. Sie muß dem Menschen einen Glauben verkünden, der ihm den Mut zum Leben gibt, selbst wenn es ihm an Arbeit und Brot fehlt. Sie muß ihm das Bewußtsein seiner inneren Wett und die Freude daran geoen, und diese Freude muß er sich selbst in der schwersten Armut erhalten. Sie muß ihm Geduld und Hoffnung beleben, damit er nicht in der Verzweiflung das Leben wegwirft. Sie muß ihm die Welt und die Gegenwart im Lichte der Ewigkeit zeigen und nicht nur im Lichte des Tages. Ueber das Geschlecht, das durch die Wüste wunderte, erging das göttliche Urteil: „In dieser Wüste werden euere Leiber fallen". Wäre das alles, dann hätte j e n e Zeit verzweifeln dürfen. Aber der trostlosen Gegenwart wurde zugleich die Hoffnung aus eine schönere Zukunft gegeben. „Euere Kinder, von denen ihr gesagt habt, sie werden zur Beute werden, die werde ich hinbringen." Religion muß den Menschen lehren, in Generationen zu denken und die eigene Lebenszeit so anzusehen, als wäre sie ein Tag im Leben der Geschichte. In Wirklichkeit ist sie ja auch nicht mehr. Die Entwicklung der Welt geht langsam vor sich, gemessen an der Dauer unseres kurzen Lebens. Generationen können dahin gehen, ehe die erschütkerte Welt ihr Gleichgewicht wiedergesuuden hat. In dieser Lage befindet sich unsere Zeit. Die ewige Umwälzung aller Gebiete des Lebens, vor allem der Wirtschaft, die auch ohnedies gekommen wäre, ist in unseren Tagen durch Krieg und Revolution noch beschleunigt worden, und dem Menschen von heute ist damit die Möglichkeit der langsamen und ruhigen Anpassung an eine veränderte Welt genommen. Damit sind Leiden über uns verhängt, die früheren Geschlechter nicht bekannt waren. Sie müssen als Schicksal ertragen werden. Die Religionen werden von newem der Menschheit zum Segen werden, wenn sie in diesen Tagen durch Stärkung der inneren, seelischen und geistigen Kräfte des Menschen unserer Generation den Mut und die Geduld zum Leben wieder geben. Nicht durch Abwälzung der Schuld auf die Juden und nicht durch ihren Boykott, sondern durch die Aufrichtung des inneren Menschen können sie Mitarbeiten an einer schöneren Zukunft. Bei NSermätzkger Schweißabsondenmg cm Händen, Fußen und m den Achselhöhlen, sow'e Gseuchsbelästiglmg, besonders bewährt Leofbran- Circme* Tube r Mt. 2rr allen einschl. Besch.erhältlich- Aochmals:,Jesus von March" Kaplan §ahfel über Joseph Klausners Werk Wir veröffentlichten in der vorigen Nummer unserer Zeitung eine Besprechung des Werkes „Jesus von Nazareth" aus der Feder von Oberrabbiner Dr. Carlebach (Altona). Nachstehende Ausführungen sotten unseren Lesern die Ansicht einer hervorragenden nichtjüdischen Persönlichkeit über dieses Buch vermitteln. Die S ch r i s t l e i t u n g. Nachdem erst vor kurzer Zeit Emil Ludwig ein biographisches Werk über Christus veröffentlicht hat, erscheint nun zum zweitenmal aus jüdischer Feder ein Werk über Jesus von Nazareth, die deutsche Ueberfetzung des hebräischen Werkes von Dr. Joseph Klausner, Professor an der hebräischen Universität Jerusalem. Professor Klausner berücksichtigt zuerst die hebräischen Quellen, mit der Begründung: „Weil Jesus unter Juden lebte und als Jude starb." Die kanonischen Evangelien werden zuletzt behandelt. Tie Erzählungen aus Talmud und Midrasch, die unter Christen so großen Anstoß erregten, werden als Fabeln zurückgewiesen, vor allem, daß Christus ein uneheliches Kind sei und er seine Wunder mit Hilfe von Zauberei bewirkt habe. Nach Klausner „läßt sich weder an der Tatsache der Existenz Jesu zweifeln (wie dies so manche Gelehrte des 18. Jahrhunderts und auch unserer Tage tun), noch an dem allgemeinen Bild, das uns jene Evangelien von Jesus überliefern". Wohl die interessanteste Auseinandersetzung bietet uns das Werk in der eigentlichen Darstellung des Lebens Christi und am Schluß in der Untersuchung der Gegensätze zwischen dem Judentum und der Lehre Christi. Bedenkt man aber die Bedeutung, die Christus für die Weltreligion des Christentums und für die europäische Geistesgeschichte beinahe zwei Jahrtausende einnimmt, so erscheint uns seine Darstellung des Lebens Jesu doch als etwas dürftig. Aus den Evangelien zitiert er zur Begründung seiner Behauptungen meist nur zwei oder drei Schriststellen, obwohl eine fünf- bis zehnmalige Zitierung anderer Stellen zur gleichen Sache die Behauptungen sehr fragwürdig erscheinen lassen würde. Auch scheint er seine eigenen Behauptungen oftmals schon auf der nächsten Seite selbst zu widerlegen. So schreibt er z. B. aus Seite 312: „So sehen wir, daß auch schon die Evangelien „Nazareth" mit „Nazir" verwechselt haben." Aus der nächsten Seite heißt es: „Für den Evangelisten war die Hauptsache, daß die Namensühnlichkeit eine Rückbeziehung aus den Bibelvers über Simson, den 9taziraer, ermöglichte." Also liegt doch keine Verwechslung vor, sondern eine bewußte Analogie. Ganz empfindlich wird das apologetische Interesse durch solche Widersprüche Klausners am Schluß des Lebens Jesu getroffen, wo es sich um die Auferstehungsbeweise Christi handelt. Während Klausner auf der ersten Hälfte der Seite mit Recht erwähnt, daß der auferstandene Christus nicht nur den Jüngern erschien, sondern auch mit ihnen aß und den Thomas aufforderte, seine Finger in die Nägelmale zu legen, führt er aus der zweiten Hälfte der Seite fort: „Auch hier ist durchaus unmöglich, bewußten Betrug anzunehmen. Zweifellos hatten einige der begeisterten Galiläer die Vision ihres Meisters imb Messias. Daß diese Vision geistig und uicht körperlich war, ergibt sich aus Paulus, der feine eigene Vision mit der von Petrus, Jakobus und den anderen Aposteln vergleicht." (Seite 498.) Erstens hat Paulus seine Vision niemals der Form nach mit den Erscheinungen Christi den anderen Aposteln gegenüber verglichen. Außerdem widerspricht Klausners Schlußfolgerung, daß alle Erscheinungen Christi nur geistige gewesen, direkt seiner Erwähnung des Essens Christi und der Berührung seiner Wunden nach der Auferstehung. Die Hauptbedeutung des Klausnerscheu Buches liegt m. E. in der Beantwortung der Frage: „Konnte das jüdische Volk in seiner Mehrheit seinen Glauben aus dieser Basis aufbauen?" Diese Frage wird im achten und letzten Buche des Werkes verneinend beantwortet. Die Verneinung wird nicht nur damit begründet, daß Christus mit Sündern und Zöllnern ißt und trinkt, am Sabbat ungefährliche Krankheiten heilt, nicht fastet wie die Pharisäer, kurz, sich über die Ritualgesetze hinwegsetzt, sondern den Hauptgrund sieht Klausner in etwas anderem, was ihn durchaus als Zionisten kennzeichnet. Jesu Lehre ist für ihn derartig weltfremd und zivilisationsfeindlich, daß eine materielle Kultur in der Welt mit einem Glauben und einer Nachfolge Christi unrnöglich vereinbar ist. „Wäre Jesus g e k o m m e n und hätte gesagt: Statt Religion allein gebe ich euch Wissenschaft als selbständiges nationales Gut, ft a 11 Schris terklärun g K u n st und Poesie, statt der Zeremonialgesetze, die das lebendige, religiöse Gefühl d u r ch ihr N e b e r m a tz z u ersticken drohen, eine Kultur, diezugleich weltlich und praktisch, national und universal ist — hätte Jesus so gesprochen, dann würde sein Name seinem Volke ein Segen geblieben sein." (Seite 519.) Mit diesem Bekenntnis hat Klausner sein Werk als eine durchweg zionistische Auseinandersetzung mit Christus und dem christlichen Glauben gekennzeichnet. Und aus diesem Grunde wird er vom größeren Teile der jüdischen Welt abgelehnt werden. Jesu Gottesbegriss bedeutet Klausner R u i n und Chaos für das allgemeine, soziale, nationale und universale Bewußtsein. Hiermit setzt er sich in schärfsten Gegensatz nicht nur zum orthodoxen, sondern auch zu jedem liberalen Christentum. Ganz unverständlich bleibt es, wie Professor Klausner behaupten kann: „Das Gottesreich war nach Jesus bereits eingetreten", da doch das gesamte Christentum, vielleicht mit Ausnahme einer kleinen Sekte Nordamerikas, das Gottesreich im Innern erstrebt und im Aeußern — nach dem Ende dieser Welt erwartet. Echt zionistisch ist, was er unmittelbar anschließend sagt: „Das Judentum aber erwartet das Gottesreich am Ende der Tage und erst als Frucht einer langen Entwicklung und schweren Arbeit. Der wahre Sozialismus ist jüdisch und nicht christlich. Wie konnte also das Judentum Jesus als seinen Messias betrachten?" Das Buch schließt mit einem Loblied auf die Ethik Jesu: „Seine Sittenlehre ist eine erhabene; gewählter und originaler in der Form als jedes andere hebräische, ethische System." Ein leichter Widerspruch macht sich aber auch in dieser seiner letzten Lobrede bemerkbar, wenn er (Seite 565) Jesus einen Menschen widersprechendster Gegensätze nennt, diese Gegensätzlichkeit aber auf den nächsten Seiten in der Weise beschreibt, daß er Christus auf der einen Seite Demut und Herzensgüte, Glauben und Begeisterung zuerkennt, auf der anderen Seite aber auch zugleich Selbstbewußtsein und Gelehrsamkeit, Wirklichkeitssinn und praktischen Verstand zuschreibt. Da diese psychischen Eigenschaften Christi sich aber jedesmal auf ganz verschiedene Gegenstände erstrecken, so können wir in Christi Charakter durchaus nicht eine sich widersprechende Gegensätzlichkeit hineinlegen, sondern vielmehr müssen wir in seiner Person eine große Vollendung seststellen, wie es auch Klausner am Schluß bekennt, wenn er sagt: „Nur wo mystischer Glaube mit praktischem Verstände gepaart ist, entsteht eine starke, dauernde Wirkung. Eine solche Doppelnatur (?) war Jesus von Nazareth, und sie gerade wirkte auf seine Anhänger und durch deren Vermittler auf die folgende Generation. Das ist das Geheimnis fernes Einflusses."

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