Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 30 (25.7.1930)
- Date
- 1930-07-25
- Page
- Seite 401 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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401 Neue Sucher Rabbiner Dr. Selig Bambergerr „Kizznr Schnlchan Aruch". Verlag A. I. Hofmann, Frankfurt a. M. 1930. Der vielverleumdete Schulchan Aruch erlebt die Tragik des Judentums. Die ihn am wenigsten kennen. Ziehen am meisten gegen ihn los. Man meint nicht das Buch, seinen literarischen oder kulturhistorischen Wert, sondern man will das Judentum treffen, das heute noch den Schulchan Aruch zur Seele seiner Kultur hätte, als Quelle seines Sittenlebens betrachte und sich daraus angeblich die Grundlagen für eine eigene, dem modernen Kulturempfinden zuwiderlaufende Moral mit doppeltem Boden, für die eigene und fremde „Nasse" berechnet, gemacht habe. Nun ergreift der Schulchan Aruch selbst das Wort. Er spricht deutsch zu den Deutschen, die ihn nicht kennen oder nicht kennen wollen und ihn im Zerrspiegel einer Politik des Rassenhasses sehen. Es ist der Kizzur Schulchan Aruch, der Extrakt des großen Schulchan Aruch, wie er heute wirklich des Juden Begleiter und Wegweiser durch das häusliche, religiöse, gesellschaftliche und geschäftliche Leben des Tages ist, mit punktiertem, hebräischem Text und wörtlicher deutscher Uebersetzung, von Rabbiner Dr. Selig B a m b e r g e r in Hamburg hergestellt. Der erste Band, 384 Seiten stark, liegt uns in stattlichem Einband und anmutiger Ausmachung vor. Weitere elf Lieferungen, bis Seite 736, sind im Drucke hergestellt und werden sich demnächst mit den weiteren im Drucke befindlichen Heften zum zweiten Bande fügen. Die Uebersetzung klammert sich so sklavisch an den hebräischen Text, daß die deutsche Fassung alles andere eher als elegant und schwungvoll erscheint. Aber die gewollte Ungelenkigkeit hat in diesem Falle ihr Gutes. Es wird von übelwollender Seite nicht behauptet werden können, daß hier der Versuch gemacht wurde, an dem alten Textworte zu drehen und zu deuteln. Der hebräische Text steht, leicht leserlich, daneben, und wer nur einige Anfangskenntnisse des Hebräischen hat, kann die Gegenüberstellung kontrollieren. Der Uebersetzer, der apologetische Ziele nicht vor Augen hatte — um so apologetischer wirkt die Schrift —, mag mit der wörtlichen, oft allzu wörtlichen Uebersetzung etwas anderes bezweckt haben, nämlich jungen jüdischen Studierenden die Möglichkeit zu geben, mit Hilfe der Uebersetzung die Vorschriften an der Quelle und im Urtexte selber zu lesen. Wir empfehlen all denen, die vorurteilslos die Wahrheit suchen, das Buch zu lesen. Der Schulchan Aruch legitimiert sich als B u ch d e r religiösen Vorschriften und Bräuche für Haus und Synagoge, darüber hinaus als ein Kodex sittlicher Postulats und ein Moralbuch schöner Anregungen, wie sie jedem Volke und jeder Religion nur zur Ehre gereichen. 8—tz. Dr. Ludwig Freund: „Am Ende der Philosophie. Ein kritisches Wort an die Zeit und ihre Philosophen." Verlag Ernst Reinhard, München, 1930. Der Titel des Buches könnte leicht irreführen. Mit Recht betont darum der Verfasser gleich eingangs im Vorworte, daß er genauer lauten könnte: „An den Leistungsgrenzen der Philosophie." Es ist dem jungen Verfasser mit diesem Erstlingswerk vollauf gelungen, auch dem gebildeten Laien in klaren verständlichen Worten zu sagen, was Philosophie ist, in welchem Verhältnis sie zur Wissenschaft steht, und was der Gegenstand ihrer Forschung ist. Und das war notwendig in einer Zeit, in der so viel unter dem Deckmantel der Wissenschaft über Philosophie und Philosophen gesprochen und geschrieben wird. Für den fachmännisch Interessierten aber ist das Buch eine willkommene Gabe. Gerade die Kapitel über „Definition" und „Methode", von denen der Verfasser in seiner Einleitung sagt, daß sie der Nichtphilosoph überspringen kann, geben tiefe Einsichten in das zu behandelnde Gebier. Hier zeigt sich der Forscher und Wissenschaftler, der nickst mit Schlagworten -arbeitet, sondern in streng methodisch kritischer Weise sein Lehrgebäude aufrichtet. Diese Kapitel verlangen ein ernstes Studium. Dr. Ludwig Freund, ein Schüler des Universitätsprofessors Dr. Hans Driesch, ausgestattet mit dem wissenschaftlichen Rüstzeug der alten und modernen Philosophie, zieht in diesem Werke das Fazit von Kant bis zur Neuzeit. Ueber den engen Rahmen der gestellten Aufgabe hinaus schreibt Dr. Freund über „Glauben" und „Glauben und Mystik". Er weist die Wissenschaft und als solche auch die Philosophie in ihre wahre Grenze zurück und zeigt, wie Glauben und religiöses Leben turmhoch über Denken und Wissen stehen. Es wäre zu wünschen, daß gerade die reifere, gebildete Jugend, die oft schnell fertig ist mit dem Wort, wenn es sich um das „Glauben", um das Gebiet der Religion handelt, daraus lernen würde, daß wirkliches Wissen und wahre Bildung den ersten und letzten Dingen des Lebens gegenüber mit Hochachtung, Vornehmheit und Bescheidenheit gegenübertreten. Treffend schreibt deshalb der Verfasser auf Seite 164: „Diese kritische Voreingenommenheit dem eigenen Glauben gegenüber zeigt nur, daß auf Grund der Herrschaft eines üppigen Rationalismus — der versteckt immer noch regiert, obgleich er öffentlich tausendmal verbannt wurde — die Unschuld des Glaubens verlorengegangen ist." Spenden für unseren Wahlfonds erbitten wir auf unser Postscheckkonto Berlin 30472 Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens E. V. Dr. Ludwig Freund hat in seinem Buche den Beweis erbracht, daß der Wortschatz der deutschen Sprache — von fachtechnischen Ausdrücken abgesehen — reich genug ist, um wissenschaftliche Abhandlungen und Probleme einem gebildeten, interessierten Publikum in klarer, verständlicher Art darzubieten und zum Verständnis zu bringen. Es wirkt beim Lesen dieses wissenschaftlichen Werkes angenehm und erfreulich, daß man nicht bei jedem Abschnitt oder gar jeder Zeile das Konversationslexikon zur Orientierung aufschlagen muß, um dadurch um oen vollen Genuß gebracht zu werden. Dr. Ludwig Freund hat dieses Werk mit der Begeisterung des wahren Philosophen geschrieben; scharfe Beweisführung, strenge Logik und klares Verständnis führten seine Feder. Es ist ein Werk, das wissenschaftliche Bereicherung, klare Erkenntnis und reichen Genuß am Schönen bietet. Leopold Weil (Hof a. d. Saale). Franz Koch: „Ursprung und Verbreitung des Menschengeschlechts". 174 S. 44 Abb., 14 Karten, 15 Tafeln. Verlag G. Fischer, Jena, 1929. Es gab einmal eine Zeit, da die Wissenschaft stolz darauf war, niemand zu dienen als der Wahrheit. Die letzten Jahrzehnte haben eine zweck bedingte, zweck betonende Wissenschaft hervorgebracht. Auch diese und ihre Ergebnisse wird man achten! Das Neueste aber ist: Wissenschaft — oder besser Wissenschaftlichkeit — als Vorwand! Das Schema solcher Bücher ist einfach und einheitlich. Thema: ein ganz hohes, weltumspannendes Problem, zu dessen Lösung die strenge Wissenschaft Für die Gesundheit! Factiingei Versandstelle, Berlin SW 1t, Schöneberger Strasse 16a. Telefon: Lutzow 8260/61. noch nicht reif ist. Durchführung: phantastische Konstruktionen, denen durch Zitierung umsangreicher, oft nur halb verstandener Fachliteratur und durch Beigabe zahlreicher Bilder der Nimbus wissenschaftlicher Echtheit gegeben wird in ruhiger, sachlicher Form. Ausklang: mit dem Stoff kaum verbundene, in sich zusammenhanglose Ausbrüche politischer Art, meist eines verstiegenen Nationalismus, und antisemitische Hetze. Kochs Buch folgt genau diesem Muster: sein Ziel ist ungewöhnlich hoch und weit gesteckt, wohl wert einer Untersuchung großen Stils. Er geht aus von F. Wegeners genialer Kontinentalverschiebungstheorie und seiner Erweiterung der von Reibisch und S i m r o t h begründeten Polwanderungslehre: In einer bestimmten Schwingungszone, in der Mitteleuropa und überhaupt gerade die bestbekannten Gebiete liegen, wandern die Erdpole. Dadurch entstehen die Klimaschwankungen, auf denen der Wechsel der geologischen Erdperioden beruht. Die größten Festländer der Erde bildeten bis in die Steinkohlenzeit einen zusammenhängenden Kontinent, haben sich dann voneinander gelöst und weichen auseinander, zwischen sich Raum gebend für die großen Ozeane. Auf der Schwingungszone entstehen die neuen Formen, auch die Menschheit und ihre Nassen. Beim Näher rücken des Pols wandern sie nach Süden und nach den weiten, besonders nach Osten, ab. In den Gebieten, die den weitesten Abstand von der Schwingungszone haben und daher von den Klimaschwankungen nicht betroffen werden, herrscht auch in der Entwicklung des Lebens, und so auch des Menschen, Ruhe und Stillstand. An den Rändern der Kontinente stauen sich die ältesten, primitiven Formen. Kochs Versuch ist gewiß interessant, aber naturgemäß viel zu wenig begründet, um wissenschaftliche Bedeutung zu haben. Was aber daraus folgt, ist ein trostloses Gemenge unreifer sozial- und kulturpolitischer Ergüsse ohne jede Andeutung einer wissenschaftlichen Begründung; Sinn und Unsinn nebeneinander. Eine Verbeugung vor dein Gedanken „Paneuropa", der aber nur „unter der geistigen Führung Deutschlands Wirklichkeit werden kann"; ein Bekenntnis zur „Volksgemeinschaft", die aber mit dem „Wehrgedanken" verkoppelt wird. Selbstverständlich kommt der Welt alles Heil von der nordischen Rasse, in deren Verhimmelung Koch noch über sein Vorbild Günther hinausgeht, und alles Unheil vom Osten, von den Mongoliden *wnd den Juden. Wir Juden sind natürlich von der „Volksgemeinschaft" ausgeschlossen, denn wir sind die „geborenen Vorkämpfer des Internationalismus". — Der Zuzug von „ostisch-mongoliden und ostjüdischen Elementen" ist schuld an der „Pazifistischen — bis Sklavengesinnung" der „Masse". Alle die bekannten antisemitischen Ladenhüter findet man wieder: Phantasielosigkeit, Mangel an künstlerischer Schöpferkraft, wissenschaftliche Erfolge auf Grund kritisch-zersetzender Fähigkeiten usw. ufw. Neu ist nur die Kombination „kapitalistische Machthaber angelsächsisch - jüdischer Prägung". Zum Schluß eine kleine Stilprobe: „Nur bei uns dürfen die Juden es wagen, in ihrer führenden Presse als Wortführer des französifchen Vernichtungswillens und jener Parteien aufzutreten, die das eigene bodenbeständige Volkstum gewerbsmäßig (!!! D. Ref.) beschimpfen und verhöhnen, während sie sich in fast allen übrigen Ländern der Erde von der Welle des Chauvinismus haben in die Höhe tragen lassen (???) Aber jedes Volk hat die Juden, die es verdient. Denn wo in aller Welt gibt es sonst noch Parteien, die grundsätzlich das eigene Vaterland bekämpfen?! Wahrlich, die Nacht des Verrats ist das finstere Gegenstück zum strahlenden Heldentum deutschen Geistes." (S. 161.) Der wissenschaftliche Kritiker verhüllt trauernd fern Haupt und schweigt! Or. Hurt Lewin. Bad Wildonden, Hotel KaiseM Schönste, ruhige Lage, mit jedem Komfort der Neuzeit. Volle Pension von M. 10,— bis M. 13,—. (Telephon Nr. 9).