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Central-Verein-Zeitung · 1930-07-25 · 30 (25.7.1930) · p. Seite 397

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
30 (25.7.1930)
Date
1930-07-25
Page
Seite 397 (sequence 5)
Language
German
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Schönere Zukunft Eine Setrachtung über -ie gegenwärtige Wirtschaftskrise von Rabbiner Dr. M. Eschelbacher ldiUelöorf) Die Wirtschaft der Welt wandelt sich in rasendem Tempo. Ohne Guillotine, Konvent und Jakobiner stehen wir doch mitten in einerrapide fortschreitenden Revolution.. Nicht mehr bleibt dem einzelnen die Möglichkeit, sich langsam dem Wechsel der Dinge anzupassen, in Ruhe den Beruf aufzugeben, wenn er lebensunfähig geworden ist, und allmählich einen anderen, zukunftsreichen aufzubauen. Als vor fünfhundert Jahren die Buchdruckerkuust auskam, hatten die Schreiber noch lange zu tun. Heute aber verlieren von einem Tag auf den anderen Berufe, die seit Menschengedenken bestanden hatten, ihren Boden und versinken im Abgrund. Eine wichtige Ursache, keineswegs die einzige, ist der unaufhaltsame Fortschritt der Technik. Wo die Buchungsmaschine eingeführt wird, entvölkern sich die Büros. Wo im Telephonbetrieb der Selbstanschluß kommt, werden zu Tausenden die Telephonistinnen entlassen. Mit ihrem nutzlos gewordenen Fachwissen, daß sie sich in jahrelanger Ausbildungszeit erworben haben, stehen sie hilflos auf der Straße. Millionen haben deshalb keine Arbeit, Hunderttausende von Vierzigjährigen werden auf lange Zeit hinaus keine mehr finden. Uebergewaltig ist die Macht des konzentrierten Kapitals. Vor den großen in der I. G. zusammengefaßten Farbenfabriken kann sich keine kleine Farbenfabrik behaupten. Vor den mächtigen Brauereien, die mit vielen Millionen arbeiten, verschwindet der kleine Brauer und Vörden Brotfabriken der Bäcker. Täglich gehen kleine Geschäfte und Unternehmungen nach aussichtslosem Kampfe mit den Großbetrieben ein. Die Hoffnung auf Selbständigkeit ist für die ungeheuere Menge geschwunden. Den meisten bleibt nichts als die Aussicht auf ein kärgliches, unsicheres Leben als Angestellte. In so verzweifelter Lage ist der Trost des Menschen noch immer die Hoffnung auf eine schönere Zlkkunft gewesen. Sie belebt die Scharen der Kommunisten. Sie ist die Verheißung des Sozialismus und der Nationalsozialisten. Sie wird ebenso verkündet von der katholischen Nationalökonomie und Gesellschaftslehre. „Schönere Zukunft" ist der Name einer katholischen Wochenschrift, die im fünften Jahrgange in Wien und Negensburg erscheint. Ihr Herausgeber, Dr. Josef Eberl e, stellt sich ein hohes Ziel. Gestützt auf die katholische Idee, wie sie in den Botschaften des Papstes und des Episkopates laut werde und in „dein selbstbewußten, kritischen Denken der älteren katholischen Soziologengeschlechter" entwickelt sei, will er Wirtschaftsgesinnung und Wirtschaftsordnung der Welt im Geiste des Katholizismus erneuern. Die Mission seiner Zeitschrift erscheint ihm als ein Seitenstück zu „den großen Offensiven des Katholizismus, 311 den Kreuzzügen, zur Gegenreformation, zum Barock, zur Romantik". So ruft er zum Kampfe auf „gegen den Primat der wirtschaftlichen Dinge, gegen die Ueberwucherung des Großbetriebes unter Vernichtung des Mittelstandes, gegen ungehörige Ausdehnung der Macht des Judentums". Der Kampf gegen das Judentum nimmt in seinem und seiner Mitarbeiter Programm einen breiten Raum ein. So hat denn der Jude ein besonderes Recht und eine dringende Pflicht zur Auseinandersetzung mit dieser „Schöneren Zukunft". Wir prüfen das religiöse und wissenschaftliche Fundament ihres Programms, wir fragen n ach de r io a h r e n S t e l l u n g de s I u d e 111 it m s tu d e r W i r t s ch a f t s n 0 t unserer Zeit, und nur überlegen, was denn Ausgabe und Macht der Religion in der Wirtschaftskrisis unserer Tage ist. I. Mit einem stolzen Motto beginnt Eberle seine „ganz große Offensive". „Es darf nicht das erste der Respekt vor den Tatsachen, es muß das erste die Verachtung der Tatsachen sein." In diesem paradoxen Programm liegt ein Stück Wahrheit, aber auch nicht mehr als ein Stück. Wir dürfen vor den wirklichen oder vermeintlichen Tatsachen nicht bedingungslos kapitulieren. Der offenbare Augenschein kann trügen. Die Sonne geht nicht im Osten auf, sondern die Erde dreht sich von Westen Herder Sonne entgegen. Nach der Zerstörung Jerusalems schien das Ende des Judentums gekomrneu zu sein, aber seine Führer und Lehrer haben diese offenbare Tatsache nicht respektiert, sondern im vollen Gegensatz dazu an die Ewigkeit des Judentums geglaubt und ihm kraft dieser Ueberzeugung wirklich neues Leben gegeben. Aber wir schulden den Tatsachen Respekt, wenn sich in ihnen die Ordnung der Welt mit Notwendigkeit äußert. Daß sie uns unangenehm sind, gibt uns kein Recht, sie zu verachten. In diesem Sinne akzeptieren wir den Grundsatz von Eberle: „Wir sind nicht dazu Christen, um Sklaven einer plutokranscheu Entwicklung zu werden." Die bisherige Geschichte der Religionen erweckt allerdings, wie noch 31t erweisen sein wird, bange Zweifel, ob und in welchem Maße es ihnen möglich ist, den Gang der änßeren Wirtschaftsentwicklung zu ändern. Vielleicht ist für den europäisch-amerikanischen Kulturkreis die Entwicklung der Wirtschaft zu eitlem, immer gesteigerten Kapitalismus unvermeidlich. Vielleicht sind die Sozialisten im Recht, wenn sie diese Entwicklung bekämpfen, indem sie sich ihr fügen und in ihren Konsumvereinen selber die größten Unternehmer werden. Aber ob die Entwicklung nun in dieser Richtung vorwärtsschreitet, oder ob sie zurückgelenkt werden kann, auf keinen Fall dürfen wir ihre Sklaven werden. Dem Menschen muß Freiheit und Persönlichkeit erhalten bleiben unter dem Drucke des kapitalistischen Wirtschaftssystems, dessen Opfer er ist. Selbst im äußersten wirtschaftlichen Elend muß er vor Verzweiflung bewahrt sein. Auch daun noch muß er ein Leben sichren können, das des Lebens wert ist. Dieses Ziel ist die hohe und zugleich , unvergleichlich schwierige Aufgabe der Religion. Der Awangsiarrf -er Wirtschaft. Die Gesetze der Wirtschaft haben zwar nicht die unerbittliche Notwendigkeit der Naturgesetze. Ein Stein fällt aus der Höhe notwendig zu Boden nach bestimmtem Gesetz. Wasserstoff und Sauerstoff verbinden sich inuner nach dem gleichen unabänderlichen Verhältnis zu Wasser. So starr und unabänderlich sind die Tendenzen des Wirtschaftslebens nicht. Aber ein hohes Maß von Zwang und Unerbittlichkeit wohnt auch ihnen inne. Vor hundert Jahren lebten in Deutschland viele Zehntausende anscheinend gesichert als Schmiede und Wagner, als Fuhrleute, Wirte und Posthalter von dem mit Pferden betriebenen Postverkehr. Da wurde die Lokomotive konstruiert, und die Eisenbahn begann ihren Siegeszug, unwiderstehlich und unbekünunert mit die zahllosen Existenzen, die sie vernichtete. Keiner Macht der Welt wäre es gelungen, der Postkutsche den Sieg über die Lokomotive zu verschaffen. Und wenn es schon in irgendeinem .Winkel möglich gewesen wäre, so hätte sich dieser von der lebendigen Verbindung mit der Welt abgeschnitten. Er hätte die Wagner und Posthalter nicht vor dem Elend errettet und mit ihnen nur noch alle anderen der Verkümmerung preisgegeben. Nicht anders steht es mit den vielen zwangläufigen Veränderungen unserer Tage. Wir greifen aus ihrer Menge nur die furchtbare Nationalisierung heraus. Ihr fällt viel meufchliches Glück zum Opfer. Aber ihre Schöpfer wie ihre Opfer stehen in gleichem Maße unter dem Drucke einer unerbittlichen Notwendigkeit. Der Krieg hat in allen Ländern Industrien geschaffen. Die internationale Konkurrenz ist ins Maßlose gewachsen. Die deutsche Textilindustrie, um nur sie zu nennen, kämpft mit dein Wettbewerb der ganzen Erde, auch der ägyptischen, auch der indischen Konkurrenz, dis Eine besonders geschmaüsolle Leistung des..Stürmer „Die Dorötvr machen pleite seitKem mer es Sraöir n höbers" i!HII!Hi!!Hilllil!llllliiniHninil!li!lll!ll!lllli!liiniliniiniHllinili!l!ll!nil!l!li!l!ini!H!HH ihren Arbeitern nur wenige Pfennige Lohn zahlt. Soll sie sich in der Welt behaupten, so muß sie so billig wie möglich produzieren und mit möglichst wenigen Arbeitern auskommen. Arbeitete sie nicht so rationell, dann verschwände sie nicht nur vom Weltmarkt, sondern könnte sich bald auch in Deutschland selbst vor dem Wettbewerb des Auslandes nicht mehr behaupten. Verzicht auf Rationalisierung bedeutete dann letzten Endes nur eine unerhörte Arbeitslosigkeit. Auch bei ihrer Durchführung werden sicherlich viele Fehler gemacht, wird oft die Produktivität der Werke bis aufs äußerste gesteigert und müssen nachher die gleichen Werke stillgelegt werden, iveil für ihre Erzeugnisse kein Absatz vorhanden ist. Trotzdem bleibt die Tatsache bestehen, und diese Erkenntnis hat sich durchgesetzt, so bitter sie auch ist. Als die ersten mechanischen Webstühle eingeführt wurden, wurden sie von den Handwebern, den „Maschinenstürmern", zerstört. Ihre allgemeine Verbreitung lvurde dadurch nicht aufgehalten, den von Arbeitslosigkeit bedrohten Handwebern nicht geholfen. Heute fügen sich die schwer getroffenen Angestellten und- Arbeiter der Rationalisierung wie einer bitteren Notwendigkeit. Die Religionen haben immer versucht, den Mechanismus der wirtschaftlichen Entwicklung 975833021285642294728

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