Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 30 (25.7.1930)
- Date
- 1930-07-25
- Page
- Seite 395 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2277379-2277676-2277706--06154-2286955- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
395 Mpol-a und Haöen-Sa-en Erfreuliche Abkehr vom Nationalsozialismus In Baden-Baden, der internationalen Bäderstadt, hat sich dieser Tage eine Abwehrfront gebildet, die hoffentlich für die künftige Entwicklung der Politischen Dinge in Deutschland kennzeichnend sein wird. Bürger und Arbeiter, Gewerbetreibende, Beamte und Angestellte vollzogen spontan einen Zusammenschluß zur Bekämpfung des Politischen Strauchrittertums der Hitler-Horden. Unter dem Vorsitz des Oberbürgermeisters E l f n e r wählte ein Gremium, bestehend aus Vertretern der Wirtschaftsverbände, der Hoteliers, des Einzelhandels, des Handwerks und der Angestellten, eine Kommission zur Ausarbeitung und Durchführung eines zweckentsprechenden Aktionsprogramms. Bereits wenige Tage später trat diese Kommission in einer Volksversammlung an die Oeffentlichkeit. Trotz der gewohnten demagogischen Gegenarbeit der Nationalsozialisten, die die Veranstalter mit den üblichen Verleumdungen, sie seien „von den Juden bezahlt", zu diffamieren versuchten, gestaltete sich die Versammlung zu einer machtvollen, sensationellen Kundgebung. Der große Aurelia-Saal faßte die Massen der Baden- Badener Bürger nicht, die teilnehmen wollten, und Hunderte mußten wieder umkehren, da auch Vorräume und Seitengünge überfüllt waren. Architekt Becker, der Führer des Handwerks und Gewerbes (Parteilos und Christ), eröffnete die Versammlung. Vaden-Baoen lasse es sich nicht mehr gefallen, daß die antisemitische und nationalistische Hetze der Hitler-Leute den Fremdenverkehr störe und beeinträchtige. Es sei ein Skandal, das; es in Baden-Baden an der Tagesordnung sei, Häuser jüdischer Einwohner mit Sndelinschriften zu beschmieren, Fremde anznpöbeln und aufreizende Demonstrationen zu veranstalten. Von dem Benehmen der Hakenkrenzler wende sich jeder anständige Deutsche mit Ekel ab; es sei geeignet, die in einem schweren Existenzkampf stehende Wirtschaft völlig zu unterminieren. Die deutschen Wirtschaftskreise hätten dieses Treiben leider allzu lange geduldet; sie dürften keinen Augenblick länger mehr Gewehr bei Fuß stehen, sondern müßten in letzter Stunde diesem Zerstörungsfeldzug ein „Bis hierher und nicht weiter!" zurufen. Gerade die qualifizierten Schichten des deutschen Bürgertums, der deutschen Wirtschaft seien hierzu berufen. Die Aktion der Baden-Badener Wirtschaftsverbände werde hoffentlich weit über Badens Grenzen hinaus Widerhall und Nachahmung finden. Die Ausführungen des Redners wurden von der tausendköpfigen Versammlung durch starken Beifall gutgeheißen. In ähnlichem Sinne äußerten sich auch Vertreter des Einzelhandels, der Gewerkschaften und der Hotelangestellten. Die anschließende lebhafte Diskussion, in der Redner aus den verschiedensten sozialen und politischen Lagern zu Wort kamen, bestätigte gleichfalls, daß die Einwohner Baden- Badens nicht nur nichts mit den Nationalsozialisten zu tun haben wollen, sondern in Zukunft mit allem Nachdruck zu Zeigen gewillt sind, daß in Baden-Baden Demagogie und politisches Rowdytum keine Heimstätte finden werden. Mit starkem Beifall wurden auch die Ausführungen des Vorsitzenden der Ortsgruppe des C. V., Ernst Joseph, ausgenommen, der in der Aussprache die judenseindlichen Angriffe sachlich zurückwies und die Erklärung abgab, daß es die jüdischen Einwohner von Baden-Baden trotz der wüsten Angriffe der Nationalsozialisten bisher entschieden abgelehnt hätten, irgendwelche das Ansehen und den guten Ruf des Kurorts schädigende Schritte zu unternehmen. Ein Nationalsozialist gab darauf nach der mit Gelächter seitens der Versammlung quittierten Behauptung, die Nationalsozialisten seien an der Belästigung Baden-Badener Bürger und Kurgäste und an der Beschmierung von Häusern unschuldig, die Erklärung ab, daß die Nationalsozialisten nichts gegen die Juden unternehmen, vielmehr den Badebetrieb in jeder Weise fördern wollten. Daß die Versanunelten diese Erklärung mit Recht als Heuchelei empfanden, bewies die am Tage nach der Kundgebung erfolgte Verbreitung eines im Stile des „Stürmer" gehaltenen antisemitischen Pamphletes schmutzigster Art, in dem zu Boykott und zur Ausweisung aller Juden aufgefordert wurde. Äm Schluß wurde einstimmig eine Erklärung angenommen, in der die gesamte Einwohnerschaft Baden-Badens aufgerusen wird, künftighin mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln die gemeinsamen Interessen gegen die Rowdypolitik zu schützen. Die badische Presse von links bis rechts nahm von der Kundgebung ausführlich und zustilnmend Notiz, insbesondere brachte die Ortspresse seitenlange und für die Nationalsozialisten vernichtende Berichte. * Die Nationalsozialisten haben in der kurzen Zeit, in der sie an verschiedenen Stellen Deutschlands nennenswerten politischen Einfluß zu entfalten imstande sind, bereits Wirkungen hervorgerufen, die sich in den Kreisen der Wirtschaft als Kundenschwund fühlbar machen. In Thüringen besonders merkten die Fabrikanten sehr bald, daß das dritte Reich auf den Trümmern ihrer Existenz entstehen würde. Vor wenigen Tagen hat nun der Verein Deutscher Fabrikanten von P h an tasi e w i r k-War en E. V. in Apolda eine Resolution gefaßt, in der es heißt: „Der Verein Deutscher Fabrikanten von Phantasie-Wirkwaren e. V., Apolda, mißbilligt auf das schärfste jede Politik, welche zu einer Störung des inneren Friedens führen muß, er steht auf dem Standpunkte, daß mehr denn je dessen Wahrung eine Lebensnotwendigkeit ist. In Erkenntnis dessen verurteilt der Verein Deutscher Fabrikanten von Phantasie-Wirkwaren e. V., Apolda, die Ausführungen, die von nationalsozialistischer Seite im Thüringer Landtag und in den Stadtparlamenten geschehen sind, soweit sie die religiösen Anschauungen und Gefühle deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens verletzen, und bedauert außerordentlich, wenn sich auch nur der eine oder andere unserer Geschäftsfreunde abhalten ließe, seine zum Teil langjährigen Verbindungen mit den Mitgliedern unseres Vereins zu lockern oder von einem Besuche Apoldas auch nur zeitweise abzusehen. Es wird ausdrücklich festgestellt, daß weder persönliche Belästigungen noch irgendwelche anderen Unbesonnenheiten am Platze vorgekommen sind. Der weitaus überwiegende Teil der Apoldaer Bevölkerung teilt bestimmt unsere Stellungnahme." Die Apoldaer Fabrikanten haben, wenn man ihre schwierige Situation in einem Lande würdigt, dessen nationalsozialistische Führung und Beamten ihnen große Schwierigkeiten bereiten können, gewiß Unabhängigkeitssinn bewiesen. Von solchen Feststellungen aber,, wie ihre Erklärung sie enthalten, bis zu einer großen P r o t e st v e r s a m m l u n g , wie sie in Baden-Baden gegen die Nationalsozialisten erfolgte, ist noch ein weiter Schritt. Immerhin begrüßen wir sowohl Apolda wie Baden als Vorboten einer gesunden allgemeinen Entwicklung. Das Rheinland-Befreiungsdenkmal in Mainz von Benno Elk an > das in Gegenwart des Reichspräsidenten feierlich enthüllt wurde. Phot. „Wide World Photos(< Um den Kölner Lehrstuhl für Staatsrecht Der Wiener Staats- und Völkerrechtslehrer Professor Dr. Hans Kelsen hat einen Ruf auf einen an der Universität Köln neuerrichteten Lehrstuhl erhalten. Damit wird einer der bedeutendsten Theoretiker des öffentlichen Rechts und ein führendes Mitglied des österreichischen Verfassungsgerichtshofs und des Direktoriums des Institut international cke ckroit publie als Ordinarius für eine reichsdeutsche Hochschule gewonnen. Kelsen t ft I ud e. Die „Kölnische Volkszeitung", das bekannte rheinische Zentrumsorgan, polemisiert in einem Aussatz „Wissenschaft und Charakter, Zur Hochschulpolitik der Universität Köln, Ein Berufungsskandal" in ihrer Nr. 354a vom 14. Juli gegen die Berufung Kelsens, die sie als eine Verletzung katholischer Ansprüche empfindet. Sie machte in dem Aussatz die Bemerkung: „Ist dem Oberbürgermeister nicht bekannt, daß die Universität Köln bereits mit Dozenten jüdischen Bekenntnisses übersetzt ist." Dieser Satz gab unserem Landesverband Rheinland linksrheinisch (Köln) die Veranlassung zu einem Schreiben an die „Kölnische Volkszeitung", in dem es u. a. heißt: Wir verkennen Ihre Absicht nicht, katholischen Gelehrten das Wort zu reden, aber wir glauben, daß diese Bemühungen nicht in einer Form betätigt zu werden brauchen, die Angehörige einer anderen Konfession kränken muß. Wohin soll es führen, wenn die Bewertung Gelehrter vom Standpunkt der Religionszugehörigkeit erfolgen würde? Wir glauben, daß der Förderung der Wissenschaft nur dadurch gedient werden kann, daß nur die Vesten ihr dienstbar gemacht werden, und wir müssen eine Auffassung ablehnen, nach welcher das religiöse Bekenntnis ein ausschlaggebender Faktor sein könnte. Kelsen ist