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Central-Verein-Zeitung · 1930-07-18 · 29 (18.7.1930) · p. Seite 387

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
29 (18.7.1930)
Date
1930-07-18
Page
Seite 387 (sequence 7)
Language
German
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Die Urgeschichte -er christlichen Gemeinde Joseph Rlausner: ^esus von Nazareths Sesprochen von Gberrabdiner vr. Larlebach (flltona). Bereits beim Erscheinen des Buches „Der Menschensohn" von Emil Ludwig haben wir in diesen Blättern zum Ausdruck gebracht, daß wir es grundsätzlich sür falsch halten, daß sich jüdische Autoren ohne Not mit der Geschichte der Entstehung des Christentums beschäftigen. Die vornehme Zurückhaltung, welche unsere Altvordern in diesem Fragengebiet immer geübt haben, war ein hohes Zeichen ihrer Moralität, ihrer Achtung vor den religiösen Gefühlen der Andersgläubigen. Wir als Juden wollen die Reinheit und Fülle unserer religiösen Schriften vor jedem Angriff schützen, wir wollen die Absolutheit unseres ethischen Standpunktes gegen jede Verkleinerung und jede Relativierung verteidigen und die großen Persönlichkeiten unserer Geschichte in ihrem selbstlosen, vorbildlichen Streben und Leisten durch geschichtliche Darstellung objektiver Wissenschaftlichkeit für uns und sür andere lebendig machen. Aber wir maßen uns nicht das Amt an. Andersgläubige über ihre religiöse Auffassung zu belehren, ja nicht einmal die Dinge mit der kritischen Sonde der Wissenschaft zu behandeln, die ihnen gefühlsmäßig als Heiligtümer und unantastbare Werte gelten. Wir wissen auch viel zu genau, daß solche Forschungen von jüdischer Seite immer einer entschiedenen Ablehnung begegnen werden. Man wird mit Recht die Objektivität unserer Darstellung bezweifeln, wird aus der Gegenseite leicht die Vermutung hegen, daß unbewußt der Wunsch, die fremde Religion.herabzusetzen, dem Forscher die Feder führt. Wir halten daher eine Kritik fremder, religiöser Anschauungen sür verkehrt und ihre Anerkennung sür würdelos und geschmacklos. Diese unsere Meinung bestätigt sich von neuem voll und ganz an dem Buch des Professors Joseph Klausner: „Jesus von Nazareth." Er selbst führt aus S. 138 ss. Spezialwerke jüdischer Gelehrter über die kanonischen Evangelien und die L'eben-Jesu-Forschung an und bemerkt: „Spezielle Monographien über das Christentum und seinen Stifter wurden von jüdischen Gelehrten nur in verhältnismäßig geringer Zahl verfaßt; doch werden selbst diese wenigen von den christlichen Fachleuten nicht genügend beachtet." Also weiß er selbst ganz genau, daß das Christentum über seine Geschichte sich das Recht der Erforschung und Beurteilung vorbehält. Wir fragen also:. Cui bono hat Klausner sein Werk verfaßt, wen wollte er damit belehren? W i r Juden brauchen, die Christen wollen seine Belehrung nicht. Es ist meines Erachtens im Falle der Ge- ' schichte der Entstehung des Christentums noch ein ganz besonderes Gebot der Selbstverständlichkeit, daß ein jüdischer Gelehrter sich zurückhalte. Tiefes Dunkel liegt historisch über der ganzen Urgeschichte der christlichen Gemeinde. Die christlichen Quellen, in sich voller, Widersprüche, haben ihre Niederschrift erst in späteren Jahrhunderten gefunden. In jüdischen Quellen findet sich an klaren, eindeutigen Mitteilungen kaum ein Wort. Die sür die Zeitgenössische Geschichte ergibigste Quelle, Josephus, versagt ebenfalls; die in ihm sich findenden wenigen flüchtigen Andeutungen, werden von fast allen ernsten Forschern als unecht und interpoliert betrachtet. So wenig sicheres Material ist vorhanden, daß die Historizität des Stifters überhaupt angezweiselt und geleugnet werden konnte. Die Entscheidung über alle wichtigen wie unwichtigen Einzelheiten bleibt daher letztlich eine Frage des Glaubens, des Vertrauens in gewisse Quellen und Traditionen. Diese Geschichte muß gewiß, nach Lesstngs Wort, allein auf Treu und Glauben angenommen werden. „Wie kann ich meinen Vätern weniger als du den deinen glauben, oder umgekehrt: ich von dir verlangen, daß du deine Vorfahren Lügen strafst, um meinen nicht zu widersprechen?" Der Historiker kann hier höchstens einen gewissen Takt, ein wissenschaftliches Fingerspitzengefühl» walten lassen; aber letztlich bleibt alles subjektiv. Annahme, Vermutung, mehr oder minder große Wahrscheinlichkeit. Da ist es weises Gebot, nicht ungebeten sich zum Schiedsrichter auszuwerfen. Klausner bietet sich gleichwohl als Führer durch das Halbdunkel jener Urgeschichte an. Aber mit mehr als ewigem „vielleicht", „offenbar", „gewiß", „zweifellos" kann er uns auch nicht auswarten. Wir sollen dann ihm glauben. Aber der Glaube an Klausner macht uns nicht selig. Ich führe eine zufällig herausgegriffene Stelle an, um sein Verfahren zu kennzeichnen. „Die Boraita berichtet, daß Jesus nur fünf Jünger hatte, während die Evangelien von zwölf Jüngern sprechen. Da die Zahl der Evangelien der Zahl der israelitischen Stämme entspricht, ist zu vermuten (!), daß Jesus aus diesem Grunde zwölf Jünger erwählt hat, diese Zahl also historisch ist. Es ist aber auch möglich (!), daß die Evangelien diese Zahl absichtlich gewählt haben; dann wäre sie also ebensowenig historisch (!) wie die Aussage über die siebzig Schüler, die Jesus sich erwählte — eine Zahl, die offenbar (!) mit den siebzig Völkern und siebzig Sprachen übereinstimmen soll. Jedenfalls (!) ist die Boraita in ihren Angaben nicht genau." Was leistet uns Klausner also? Er bezweifelt die tannaitische Angabe, deren Zustandekommen er nicht untersucht, und stellt ihr zwei christliche Berichte gegenüber, deren erster als historisch und dann wiederum als erfunden hingestellt wird. Möglich, möglich, möglich! Wir sind also so klug als wie zuvor. Kein Talmudkenner wird deswegen die Boraita anzweiseln; selbst der ungläubige Christ aber wird mit Unbehagen von dem Verfasser die Behauptung annehmen, die Evangelisten hätten willkürlich eine Zahl von Jüngern angesetzt. Klausners Buch, das übrigens nur selten originale Resultate giht, sondern meist referierend . oder als Schiedsrichter zwischen Ansichten streitender Gelehrten auftritt, will nun seine Objektivität dadurch ad oculos demonstrieren, daß er gegen die jüdischen Quellen für die Evangelien Partei ergreift. Wie absolut unzuverlässig dabei seine Methode ist, fei an einigen charakteristischen Beispielen illustriert. Die berühmte Tempelreinigung, die Verjagung der Händler, ist nach den unzweideutigen Lehren der jüdischen Quellen nicht vorstellbar. In aller Deutlichkeit sagt die Mischna, daß niemals mit Geld der Tempelplatz betreten werden dürfe. „Selbst der fromme Christ Dalmann muß allerdings zugeben, daß von einem Handel mit Opfertieren, den die Priester getrieben hätten, nirgends berichtet wird." Klausner schließt sich daher der Vermutung Dalmans an, daß damals die Kontrolle über den Tempeldienst den Sadduzäer-Boethustanern auslag, die vielleicht eine andere Praxis geübt hätten. Diese üble Beleumundung der Sadduzäer ist Dalman zu verzeihen, der den Bericht der Evangelien retten wollte. Sie ist aber völlig unbewiesen und nicht glaubhaft. Denn wäre die sadduzäische Praxis in diesem Punkte von der pharisäischen abweichend gewesen, würde das die Mischna oder der Talmud sicher aufbewahrt haben. Nun kommt Klausner und fügt hinzu: „So waren Geldwechsler in der Nähe des Tempels unvermeidlich (!). Selbst heutzutage verkaufen die Juden Mijoth' in den Synagogen und die Christen Lichter in den Kirchen. An oer Mauer der Grabeskirche in Jerusalem verkaufen noch heute Christen bemalte Glasdochte, bunte Kerzen, vergoldete Kreuze und Krüge mit Jordanwasser; das alles wird allerdings einen wahrhaft religiösen Menschen sehr verstimmen." Diese Rechtfertigung ist unzureichend. Ich frage jeden rechtlich Denkenden: ist es berechtigt, den naiven Gläubigen, die eine Kerze in der Kirche kaufen, die niederschmetternden Worte des Jirmijah zuzurusen? Wird die Kirche dadurch zur Räuberhöhle? Unter 'schlichten Verhältnissen ist so etwas wie Versteigern der Alijoth, dessen Erträgnisse für Arme und gute Zwecke bestimmt sind und nicht an Ort und Stelle bezahlt werden, nichts Anstößiges, wenn auch der moderne Mensch mit seinem Wunsch nach Feierlichkeit es nicht mehr goutiert. Aber welche Verstiegenheit, so etwas als Räuberei zu bezeichnen! Jirmijah sagt: „Stehlen, Morden, Ehebrechen, Falschschwören und dem Baal räuchern, hinter andern Göttern gehen, die man nicht kennt, und dann kommt man noch und stellt sich vor mich hin in diesem Hause; ist denn eine Räuberhöhle geworden dieses Haus?" Kann einem ernsten Lehrer der Sittlichkeit solch maßlose Uebertreibung verziehen werden, wenn er mit einem derartigen Vorwurf einen harmlosen Brauch oder Mißbrauch geißelt: „Ihr habt eine Mördergrube aus meinem Haus gemacht?" Und.wird der Vorgang für den christlichen Leser annehmbar, wenn Klausner folgende Worte hinzusügt: ,Äuch hier, oder gerade hier, erscheint uns Jesus ganz und gar nicht als der ,Sanfte' und der ,Demütige', als den ihn das Christentum zu schildern sich bemüht. Er geht vielmehr mit roher Gewalt vor. Das Johannes- Evangelium berichtet sogar, daß Jesus sich ,eine Geißel aus stricken' verfertigte und damit ,sie alle zum Tempel Heraustrieb'; im Gegensatz zu seinem bekannten Gebot, das zur Grundlage für Tolstois Lehre wurde, ,widerstand Jesus dem Uebel', und zwar unter Gewaltanwendung." Ein zweites Beispiel betrifft das letzte Abendmahl, das Pessachopfer. Es soll der 14. Nissan des Jahres 33 auf einen Freitag gefallen und infolgedessen das Pessachlamm schon am 13. geschlachtet worden fein. Klausner behauptet: „Nach der Halacha, die zur Zeit Hillels durch die Pharisäer neugestaltet wurde, pflegte man das Pessachopfer als ein öffentliches Opfer zu betrachten. Wenn daher der 15. Nissan aus einen Sabbat fiel, der 14. Nissan also ein Freitag war, so brachte man das Pessachopfer am Vorabend des Sabbats (14. Nissan) „zwischen den Abenden" (in der Abenddämmerung) dar, selbst wenn dadurch der Sabbat entweiht wurde. Doch nach der alten Halacha, an der die Priester noch fast bis zur Zerstörung des Zweiten Tempels festhielten, galt das Pessachopfer als ein privates Opfer, das die Sabbatvorschriften nicht außer Kraft setzen konnte. Wenn also der 14. Nissan aus den Vorabend des Sabbats fiel, dann wurde das Pessachopfer am 13. Nissan geschlachtet, um den Sabbat nicht zu entweihen. (Denn es mußte ja „zwischen den Abenden", während des „Sonnenunterganges" dargebracht werden.) Für diese alte Halacha bringt Klausner nicht die Spur des Beweises. Der Talmud sagt umgekehrt, daß Hillel seine Lehre von der Pflicht der Darbringung des Pessachopfers am Sabbat nicht als ein Neues aussprach, sondern JODBAD TÖLZ Bayer. Alpen DAS BAD GEGEN ARTERIENVERKALKUNG KURu. BADHOTEL DER JODQUELLEN. Inh. G. Kisskalt. Das Haus für alle Kreise. Verlangen Sie Prospekt!

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