Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 29 (18.7.1930)
- Date
- 1930-07-18
- Page
- Seite 385 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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In diesen Tagen wirtschaftlicher Not und politischer Hochspannung ist es ein freudiges, ja erhebendes Erlebnis, an der Dresdener Hygiene-Ausstellung sehen zu können, welche Summe von künstlerischem Feinempsinden und erlesenem Geschmack, von origineller Darstellungsgabe und ernster wissenschaftlicher' Arbeit das schwer leidende Deutschland der Nachkriegszeit aufzubringen vermocht hat. * Die Ausstellung bietet jüdischen Deutschen manches besonders Interessante. Es liegt allerdings nicht so sehr in dem, was von außen her schon als „jüdisch" gekennzeichnet ist, sondern — man kann fast sagen: leider — in derw was nicht als „jüdisch" ohne weiteres erkennbar ist. Unsere Gegner kleben mit Vorliebe einem jüdischen vermeintlichen Sünder das Etikett „Jude" mit großen Buchstaben auf. Schade, daß wir nicht, wenigstens ab und Zu, bei bedeutenden jüdischen Männern und Frauen ihre jüdische Zugehörigkeit der nichtjüdischen Oefsentlichkeit gegenüber deutlich betonen können. Das öffentlich zu tun, verbieten in einer Ausstellung wie der Dresdener Takt und Geschmack. Hier sei aber wenigstens einiges hervorgehoben. Als Schöpfer der offenen Kleinkinderfürsorge (seit 1909) werden im Raum 9 der Ausstellung der Reichsregierung (Mutter-, Säuglings- und Kleinkinderfürsorge) die Aerzte Hoffa, Gottstein, Lugendreich und Hugo Nenmann genannt, die wohl alle jüdischer Abstammung sind. Unter den acht Schöpfern, die bei der Entwicklung der Ern ä h r u n g s k u rr d e namentlich aufgeführt werden, ist H. Fi n k e.l st e in, geboren 1865, erwähnt. Arthur Schloß:mann wird als Gründer des ersten neuzeitlichen Säuglingsheims in Dresden aufgeführt. Bei der Bekämpfung der T u b e r k u lose (Raum 8) nimmt B. Frankel eine hervorragende Stelle ein, der als Erster die Errichtung von Auskunsts- und Fürsorgestellen augeregt hat. In der wichtigen Abteilung Bekämpfung d e r G es ch l e ch L sk r a n k h e i t e n (Raum 8), find unter den Bahnbrechern in der Bekämpfung die Professoren Reifs er (Breslau), von Wassermann (Berlin), Ehrlich (Frankfurt am Main), Bla sch ko (Berlin) verzeichnet. In Raum 5 (Bekämpfung von Bon Dr. Alfred Mim. Seuchen) finden wir eine ganz besonders stattliche Anzahl deutscher Juden, die sich — man kann das wohl von einigen ohne Ueberschwang behaupten — unsterbliche Verdienste erworben haben. Hier fällt dem Beschauer zuerst die Abteilung „Seuchenforfchung" ins Auge, in. der jüdische Namen fast überwiegen (vgl. Abb. 1). Die Namen Ferdinand Cohn (Breslau), A. Neisfer (Breslau), A. Weichsel bäum (Berlin), A. Fränkel (Berlin), leuchten scharf heraus. Der Süddeutsche Heule (1809 bis 1885) hat die Zehre von der Entstehung ansteckender Krankheiten durch Mikroorganismen entwickelt. In der Abteilung „Der nervöse Mensch" werden die Professoren Freud und A d le r neben dem Nichtjuden Jung (vgl. Abb. 2) als die maßgebenden Persönlichkeiten für die Lösung der gegenwärtigen Aufgaben genannt. Diese edle Namensreihe soll hier gewiß nicht als etwas Außergewöhnliches gepriesen werden. Wir wissen genau, daß es ebenso hervorragende rnchtj.üdische Gelehrte gibt. Aber eine solche Feststellung ist immerhin nötig, um wieder einmal zu beweisen, daß jüdische Deutsche mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie nichtjüdische der Forschung der gesundheitlichen Weiterentwicklung des deutschen Volkes- und damit auch der Menschheit erfolgreich gedient haben. $ In der Abteilung „Charitative Gesundheitsfürsorge" (Raum 2 der Ausstellung der Reichsregierung) ist die Zentralw o h lsahrt § - stelle der deutschen Juden würdig vertreten, die über 2659 hauptberuflich Tätige, darunter 342 Schwestern und 917 sonstige fürsorgeerzreherisch Ausgebildete beschäftigt. In 440 Frauenvereinen und 15000 sonstigen Wohlfahrtsvereinen sind nach den Tafeln 206 000 deutsche Juden als Mitglieder zusammengeschlossen und 15 000 ehrenamtlich tätig. Interessant ist, daß es in Deutschland 35 jüdische Krankenhäuser mit 2523 Betten (gegen z. B. 488 katholische mit 96 791 Betten) gibt. An Erholungsheimen besitzen die Juden 42 Anstalten mit 2372 Betten, gegenüber 220 katholischen mit 1667 Betten. Unter den 114 in Deutschland staatlich anerkannten Schwesternschasten sind nach den Angaben im ueuerbanten Abbildung 2. Dresdener Hygienemuseum, das sich aus dem Ausstellungsplatze befindet, folgende jüdische enthalten: Die Schwesternschaft des Deutschen Verbandes jüdischer Krankenpslegerinnenvereine, mit staatlicher Anerkennung vom 22. Januar 1917, und die Krankenpflegerinnen der Großloge für Deutschland VIII des Unabhängigen Ordens Bne Brich, mit staatlicher Anerkennung vom 17. Juli 1917. Eindrucksvoll ist auch die Ausstellung der „O s e" in den Raumen der Ausstellung für fremde Staaten. „Ose" bedeutet „Verband der Gesellschaften für Gesundheitsschutz der Juden". Die Gesellschaft erstreckt hauptsächlich ihren Gesundheitsdienst auf die Juden Osteuropas oder auf die in anderen Ländern lebenden Ostjuden. Sie besitzt u. a, in den verschiedenen Ländern 85 schulmedizinische Stationen, 84 Sommererholungsheime für Kinder, 74 Ambulatorien, 43 zahnärztliche Kabinette und ähnliche Wohlfahr tseinrichtungen mehr. Wie sie durch meist in Jiddisch geschriebene Flugschriften und Plakate gesundheitsfördernd zu wirken sucht. Zeigt die Ausstellung eindringlich. Die Abteilung „D a s K r a n k e n h a u s" gibt auch verschiedene Photographien und Zeichnungen jüdischer Wohlfahrtseinrichtungen wieder: so das Krankenhaus der Berliner Jüdischen Gemeinde, das Heim des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen u. a. nt. Eindringlich, traurig und ernst wirkt die Zeichnung der Konfession und Kinderzahl, die bereits in Nr. 27 dieser Zeitschrift wiedergegeben worden ist, in der Abteilung „H h - g i e n i f ch e V o l k s e r z i e h u n g" des neuen Dresdener Hygienemnseums. Während in den Jahren 1891 bis 1895 aus eine p rote starr - t i s ch e Ehe 4,2, aus eine k a t h o l i f ch e Che 5,2, auf eine j ü d i f ch e Ehe 3,3 Kinder kämm, haben sich diese Zahlen im Jahre 1912 gefährlich Abbitdung t 'S' zm? m.} fff p \ \ fff 7M- X'tyfÄ L\\ Von links nach rechts. Obere Reihe: F. Cohn, A. Weichselbaum* Mittlere Reihe: Th. Schwann, J.L. Schönlein, /. Semmelweis, O. H. F. Obermeier, A. Frankel, F. Löffler, K. ]. Eberth, G. Th. A. Gaffky, Untere Reihe: J. Lister, J. Henle, L. Pasteur, A. Neisser, W. Schütz, Ch. I. A. Laüeran, R. Koch, F. Schaadinn. r