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Central-Verein-Zeitung · 1930-07-18 · 29 (18.7.1930) · p. Seite 384

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
29 (18.7.1930)
Date
1930-07-18
Page
Seite 384 (sequence 4)
Language
German
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3S4 („Untergang des Abendlandes") eine Rolle, dem Piper vorwirft, daß dieser die völkerbiologische Betrachtung der Geschichte nur ein- S anwende und durchführe, weil er aus der gie nur den gesetzmäßigen Ablauf der Altersstufen, nicht aber auch die kehrseitigen Begriffe, Begattung und Zeugung, Fortpflanzung und Vererbung, Neügeburt und Auferstehung, entnehme. Alles was gegen die S p e n g l e r s ch e Grundauffassu-ng vor Jahren gesagt worden ist, trifft auch aus Piper zu. Die historische Entwicklung läßt sich eben ihrem Wesen nach, wie die Geschichtswissenschaft lehrt, nicht ein für allemal festlegen. Dabei wird es bleiben, mag Piper auch „die konservative Schulwissenschaft mit ihrem Gefolge von Gelehrten, Gebildeten und Ungebildeten" als unbelehrbar ansehen. Man braucht nur unbefangen den Verlauf der römischen oder deutschen Geschichte zu betrachten. Für diese ist das „Auf und Ab" geradezu typisch: Auf Zeiten der Blüte folgen solche des Niederganges und umgekehrt. Um 1200 die Zeit der Hohenstaufen, um 1800 die Zeit des klassischen Idealismus; was lag dazwischen! — Kürzlich wurde an der Hand der Lebenserinnerungen des einstigen Reichstagsabgeordneten Langwerth von Simmern darauf hingewiesen, daß sein Deutschlehrer am Gymnasium in Rinteln (Kurhessen) namens Blackert un Jahre 1850 vortrug, natürlich vom Standpunkt seiner Zeit (20 Jahre vor der Gründung des neuen Deutschen Meiches): „Seit drei Jahrhunderten gehen wir so sachte weg. Aber wir stehen im Greisenalter. Wir sind jetzt in einer Zeit gleich der .Griechenlands zur Zeit des achäischen Bundes, gleich der Kaiserzeit Roms. — Die Gelehrsamkeit, der Luxus, der Reichtum, die Bildung, die Industrie, die Dampfmaschinen nehmen zu. Aber auch die Zerspaltung, die Herrschaft des Papiers, die Abgaben, das Proletariat, das geistige und leibliche Elend. Da ist nun weiter nicht zu klagen. Das ist so, und damit holla!" — Exakte Wissenschaft will Piper in seinem Werke geben. Wenn aber die geschichtlichen Ereignisse mit seiner Lehre nicht in Einklang zu bringen sind, müssen ihm willkürliche Erklärungen helfen. Weist z. B. die Osmanendynastie. eine „abnorme Lebensdauer" auf, so ergebe sich dies wohl teils aus dem Haremsleben mit seinen Intrigen und Wirren, die oft Dynastiewechseln gleichkommen, teils auch aus der Erstarrung des Islams. In Zusätzen und Berichtigungen werden von Piper Ereignisse oder Erscheinungsformen des politischen und sozialen Lebens anderen Lebensstilen zugewiesen, als es durch ihn ursprünglich geschehen ist. Das ist mit exakter Wissenschaft nicht zu vereinen. Sicherlich auch nicht, was der Verfasser wörtlich sagt (S. 79): Der Kapitalismus wird geführt von „den dreihundert Männern, welche die Geschicke der Welt lenken", gleichfalls vorwiegend Juden, den halbmythischen „Weisen von Zion". — So kann es uns denn nicht wundernehmen, daß Piper uns auf Grund der Gesetze seiner Völkerbiologie in das durch den Weltkrieg eingeleitete Zeitalter der Diktatur des aufgeklärten Imperialismus führen will, dessen Politik „nationalsozialistisch" sein soll, auch außenpolitisch als übernationale Weltpolitik auf nationaler Grundlage. Was darunter zu verstehen ist, wie insbesondere eine solche Politik in die Wirklichkeit umgesetzt werden soll, bleibt freilich unklar. Die jetzigen europäischen Wirren sind nach Piper die ersten Geburtswehen eines dem hellenistischen Zeitalter entsprechenden „germanistischen" Zeitalters, eines neuen Staatensystems, in dem die bisherigen Nationalvölker und Großmächte zu Völkerbünden und Weltreichen durch Welteroberer zusammengeschmiedet werden. Und die aus dem Hauptwerk Pipers heraus gewachsene Schrift „Die Diktatur im Anmarsch" soll dem ersehnten Befreier des deutschen Volkes den Weg bahnen. — Wenn die „volkerbiologische Geschichtsdeutung" der Entwicklung des deutschen Volkes, der anderen Völker, der Menschheit, der von jeher ein friedliches Einheitsstreben innewohnt, Professor Dr. Ludwig Stein s. A Aus Salzburg kommt die Nachricht, daß dort am 14. Juli Professor Dr. Ludwig Stein plötzlich gestorben ist. Als der Gelehrte im November vorigen Jahres in voller Rüstigkeit seinen siebzigsten Geburtstag beging, wurde auch an dieser Stelle seine Bedeutung gewürdigt. Ludwig Stein wirkte von 1891 bis 1910 äls ordentlicher Professor für Philosophie und Soziologie an der Universität Bern und siedelte dann nach Berlin über, wo er eine reiche publizistische Wirksamkeit entfaltete. Er war Herausgeber der politischen Monatsschrift „Nord und Süd", an der nahezu alle leitenden Staatsmänner mitarbeiteten, und des angesehenen „Archivs für systematische Philosophie", das auch im Ausland weit verbreitet ist. Von den zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten Professor Steins aus dem Gebiete der Philosophie und Soziologie sei nur sein bekanntes, in mehreren Auflagen erschienenes Werk „Die soziale Frage im Lichte der Philosophie" erwähnt. Für alle Probleme, die das Judentum und die Juden angehen, hatte Professor Stein lebhaftes Interesse. 1926 ließ er im Philoverlag eine kleine Schrift „Die Juden in der Philosophie der Gegenwart" erscheinen, in der er die jüdischen Philosophen unserer Zeit würdigt. Im gleichen Verlag veröffentlichte er 1925 eine Arbeit „Gegen Spengler"; er setzt sich in dieser Schrift mit dem Kulturpessimismus Spenglers kritisch auseinander und widerlegt zugleich die Angriffe Spenglers auf die jüdische Lehre. — Zu aktuellen Fragen hat Professor Stein öfters auch in diesen Blättern das Wort ergriffen. So schilderte er vor nicht allzu langer Zeit die Lage der Juden in Ungarn und beleuchtete die ungarischen antisemitischen Strömungen. Ludwig Stein hat über seine wissenschaftlichen und publizistischen Arbeiten hinaus durch seine Beziehungen zu politischen und diplomatischen Kreisen große Wirkung ausgeübt. Er war mit vielen führenden Politikern befreundet und gründete zusammen mit Bassermann und Stresemann die „Mittwoch- Gesellschaft", in der sich führende Männer der Wirtschaft und der Politik über die brennenden Zeitfragen aussprachen. Die Bestrebungen Steins waren auf einen Ausgleich der Gegensätze, auf Frieden und Humanität gerichtet. Durch Förderung vieler junger Gelehrter und Künstler hat er diese Humanität auch praktisch betätigt. Wir betrauern den Tod des angesehenen Gelehrten, des warmen Förderers unserer Bestrebungen. Dr. S. W. nichts Besseres zu bieten vermag, so wird auch das stolze Wort des Verfassers, daß er mit sein ein Buche von den „Gesetzen der Weltgeschichte" ein „Denkmal dauernder als Erz" errichtet habe, sich als ein Irrtum erweisen. * Von größeren Aufsätzen, die Kammergerichtsrat Dr. Stern für die „C. V. - Zeitung", zu deren trcueften ständigen Mitarbeitern er zählte, in letzter Zeit geschrieben hatte, seien besonders genannt: „C. V.-Zeitung" Nr. 18, 1927: Die Staatsräson. Nr. 40, 1927: Das Hakenkreuz in Peking. Nr. 26, 1928: Orient und Okzident. Nr. 28, 1928: Von der Macht zum Recht. Nr. 36, 1928: Tolstoi. Nr 29, 1929: Nationalismus. Nr. 35, 1929: Zeitbild vom Judentum. Nr. 36, 1929: Leid und Sorgen im Heiligen Land. Nr. 7, 1930: Juden in der deutschen Politik. vor zehn fahren. Erinnerung an Sie Volksabstimmung. Von KurtSaöatzky (Königsberg i. Pr.). Unmittelbar nachdem das ganze deutsche Volk und mit ihm die deutsche Judenheit die Befreiung des rheinischen Gebietes vom Druck fremder Besatzung gefeiert hat, begingen unsere deutschen Landsleute in Ost- und Westpreußen ebenfalls eine vaterländische Feier: den Z e h n - jahrestag der Volksabstimmung, die die Entscheidung darüber brachte, daß dieses Land gemäß seiner jahrhundertealten Kultur weiterhin deutsch bleiben und nicht an Polen fallen sollte. Die ostpreußischen Grenzkreise Osterode, Allenstein, Rössel, Neidenburg, Ortelsburg, Sensburg, Johannisburg, Lötzen, Lyck und O l e tz k o, sowie die westpreußischen Kreise Marienburg, Marienwerder, Stuhm, Rosenberg und Deutsch-Eylau entschieden sich damals mit überwältigender Mehrheit für Deutschland. Das Abstimmungsdenkmal am Fuße der Marienburg, das einen Ordensritter zeigt und die Inschrift trägt „Dieses Land bleibt deutsch", erinnert würdig an den 11. Juli 1920. Die jüdischen Einwohner der beiden Provinzen haben sich vor zehn Jahren restlos für die deutsche Sache eingesetzt; selbst der schärfste Judenfeind wird nicht den Nachweis führen können, daß auch nur ein einziger Jude während der ganzen Abstimmungszeit polenfreundliche Propaganda betrieben hätte. Sie sind geschlossen für die deutsche Sache eingetreten; viele waren nicht nur in diesen beiden Gebieten an örtlich führender Stelle um die deutsche Propaganda bemüht, ein erheblicher Teil deutscher Juden aus dem Reich hat dafür gesorgt, daß diejenigen jüdischen Deutschen, die zwar in Ost- und Westpreußen geboren, zur Zeit der Abstimmung aber nicht mehr dort lebten, in ihren Heimatkreis kamen, um ihre Stimme für Deutschland abzugeben. Manch Zitternder Greis und manch altes Mütterlein, manch Kranker und Siecher aus jüdischen Kreisen scheute nicht die großen Strapazen der weiten Reise, setzte sich auf Eisenbahn oder Dampfschiss und kam in die alte ostpreußische oder westpreußische Heimat, um mit dem Stimmzettel dagegen zu demonstrieren, daß dieses Land alter deutscher Kultur an Polen fiele. Mit blutendem Herzen sahen sie alle, daß ein Teil der Provinz Ost- und Westpreußen ohne Volksabstimmung entgegen aller völkerrechtlichen Moral zu Polen geschlagen wurde und daß die alte deutsche Stadt Danzig mit den Städten und Dörfern ihrer Umgebung vom deutschen Reichskörper losgerissen und zu einer Freien Stadt erhoben wurde. Noch schmerzlicher empfanden sie es, daß das Memelland durch einen Gewaltstreich unter litauische Oberhoheit gelangte. Am Zehnjahrestage der Abstimmung feierte auch die gesamte Judenheit Ost- und Westpreußens den Sieg der deutschen Sache und gelobte von neuein, gemeinsam mit den nichtjüdi schm Volksgenossen: „Dieses Land und dieser Volksteil bleiben deutsch!" 1 J m

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