Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 29 (18.7.1930)
- Date
- 1930-07-18
- Page
- Seite 383 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Kammergeriditsrat Jacques Stern DaZ Unerwartete, ja fast Unfaßbare ist eingetreten: unser verehrter und lieber Freund Kammergerichtsrat Dr. Jacques Stern, Mitglied unseres Hauptvorstandes, stellvertretender Vorsitzender unseres Landesverbandes Groß- Berlin, ist plötzlich und unerwartet im Alter von nur 54 Jahren in die Ewigkeit abberufen worden. Noch am vergangenen Sonnabend, abends um 7 Uhr, erinnerten wir ihn an eine Besprechung, die um 9 Uhr desselben Tages stattsinden sollte, und Zu der wir ihn erwarteten. Er sagte freudig Zu. Wenige Minuten später traf ihn ein Schlaganfall, der seinem Leben nach 48 Stunden ein Ende machte, ohne daß er die Besinnung wieder erlangt hätte. Niemals fühlte sich Jacques Stern krank; immer lebendig, immer frisch, bis Zur letzten Stunde arbeitsfreudig und arbeitswillig, so steht er vor unseren Augen. Die wissenschaftliche Welt, der deutsche Richterstand, die deutsche Judenheit und das Judentum haben unendlich viel an ihm verloren. Stern hat in einer Studie „Der Universalgedanke im Recht" seinem tiefsten Wunsch Ausdruck gegeben, nämlich dem Streben, die Welt und die Menschen in ihrer Gesamtheit und Zugleich in ihren verschiedenen Zügen kennen und verstehen zu lernen, das allgemein Menschliche in der Fülle der Erscheinungen sestzustellen und aus den gewonnenen Einzelheiten abzuleiten. Jährliche Reisen führten ihn in die verschiedensten Erdteile. Der ferne Osten war ihm geläufig. Aber nicht als oberflächlicher Besucher kam er in diese Gegenden. Wohlvorbereitet in der Kenntnis von Sprache, Recht und Kultur, besuchte er Länder und Menschen, immer seinen Hauptblick aus die Wesenheit von Land und Leuten richtend. Aus dieser Kraftwurzel erwuchs seine geistige Ueberlegenheit, sein ins Große geweiteter Horizont. Die gewonnenen Erfahrungen lehrten ihn und uns begreifen, daß ebenso wie die gewissermaßen naturwissenschaftlich arbeitende Weltbetrachtung die Kenntnis der treibenden Kräfte des Gemütes zur Beurteilung und zur Würdigung der Menschen und Dinge im Völkerleben notwendig ist. Auch in seiner richterlichen Tätigkeit legte er auf die Seelenkunde besonderen Wert. Die Menschen zu verstehen und zu begreifen, die Abwege ihres Fühlens und Denkens abzustellen, war für ihn die Grundlage auch seiner Berufsarbeit. Wenn er ein treuer Jude war, so war er dies nicht allein aus Gründen der Ueberlieferung, sondern ebensosehr aus der inneren Ueberzeugung heraus, daß die höchsten Gedanken der Sittlichkeit in der jüdischen Religion verwirklicht find. Diese Ueberzeugung führte ihn Zur Tat, so daß er in unserem Centralverein sowohl im Vorstand, als auch im Arbeitsausschuß führend gewesen ist. Wir hatten in der Mitarbeit mit ihm immer das Empfinden, das uns noch an seinem Grabe mit unermeßlichem Dank erfüllt: er war da, wenn man ihn brauchte. Er hat niemals die Arbeiten erschwert, sondern sie stets gefördert und erleichtert durch fruchtbare und tätige Mitarbeit; er gab nicht nur Ratschläge, sondern er handelte. Er lebte im Haupt- Vorstand und in dem Verbände Groß-Berlin unseres Centralvereins. Jede unfruchtbare Kritik lag ihm fern; er war das Gegenteil eines Nörglers; ein Schaffender, ein Mann, der die Grenzen der Wirksamkeit auch der besten Organisation beurteilen konnte, deshalb nichts Unmögliches verlangte und allen denen, die am Werke find, stets eine hohe persönliche Freundschaft entgegenbrachte. In dem Vortrage „Indische und europäische Nechtsauffassung", den Jacques Stern am 30. Januar in der Asiaiic Society zu Kalkutta Worte des Gedenkens von Ludwig Holländer. gehalten hat, sagte er: ,,D a s Re ch t m u ß seine S e e l e w i e d e r finden." In dem Suchen, diesen Satz zu verwirklichen, lag der Kern seiner immer strebenden Persönlichkeit Und ob Stern Vorträge in Tokio, in Kalkutta oder in Berlin gehalten hat, immer wieder wirkte er für diese Vermählung des Rechtsgedankens und der Rechtsfindung mit der tiefsten Sittlichkeit. Unendlich viel hat uns Jacques Stern bedeutet. Unser wärmster Dank begleitet ihn, den von uns geliebten und verehrten Mann, in die Ewigkeit. Mögen viele, die dem Gedanken unseres Werkes innerlich geneigt, aus äußeren Gründen sich zur Mitarbeit noch nicht entschließen konnten, im Gedenken an diesen Mann sich ausrasfen, um an den heiligen Aufgaben unserer Gemeinschaft in dieser ernsten und unendlich schweren Zeit mitzuarbeiten. Mögen sie alle von Jacques Stern lernen, daß Recht und Seele zur Einheit verbunden werden müssen, wenn wir wahre M e n s ch e n, wahre Juden und wahre Deutsche sein wollen. Nachstehend veröffentlichen wir die letzte Arbeit aus der Feder unseres dahingegangenen Freundes: Die Gesetze der Weltgeschichte Zum gleichnamigen Buch von Hartmut Piper. Von Kammergeriditsrat Dr. Jacques Stern (Berlin). Dies umfangreiche WerkJ, an das der Verfasser, Richter von Berus, mehr als 15 Jahre staunenerregenden Fleißes gewandt hat, ruht, wie fast alle Schriften völkischer Einstellung aus neuerer Zeit, aus biologischer Grundlage. Es bezeichnet sich selbst als „Völkerbiologie". In der ersten abgeschlossen vorliegenden Abteilung wird . die vergleichende Völkerbiographie Europas gegeben, die zweite Abteilung soll die Völkerbiographie und -biologie der Menschheit bringen, von der bis jetzt als erster Teil der gesetzmäßige Lebenslaus der Völker Chinas und Japans erschienen ist. Das Werk ist recht eigentlich G e s ch i ch t s - Philosophie. Die eigenen Gedanken des Verfassers sind in den Grundzügen bereits in seiner früheren Schrift „Philosophie der Betrachtungsweisen" enthalten. Die abgeschlossen vorliegende „Vergleichende Völkerbiographie Europas" Zerfällt in fünf Unterteile. 1. Das öffentliche Leben: Der politische und soziale Lebenslauf der Völker; 2. Die Weltanschauung: Der religiöse und philosophische Lebenslauf der Völker; 3. Die Kunst: Der künstliche Lebenslauf der Völker; 4. Die Dichtung: *) §ar tmut Piper: „Die Gesetze der Weltgeschichte", 2., unveränderte Auflage, Leipzig 1928, Verlag Theodor Weicher, 551 S. Geb. 18 Mark. Von demselben Verfasser: Ergänzungsheft: „Die Weltkrisis: Die Diktatur im Anmarsch". Ebenda 1928, 103 S. Kart. 2,50 Mark. Der literarische und sprachliche Lebenslauf der Völker; 5. Ergebnisse: Der gesetzmäßige Lebenslauf der Völker. Piper ist davon überzeugt, aus der Völkerbiologie eine exakte Wissenschaft gemacht und die weltgeschichtlichen Gesetze enthüllt zu haben. Die biologische Gesetzmäßigkeit beruht nach ihm aus der lebenslaufartigen Entwicklung der Völker, die genau wie das Einzelindividuum Kindheit, Jugend, Frühreife, Vollreife, Spätreife, Alter, Greisentod durchmachen, wobei auch Vererbung, Neubesruchtung und Neugeburt in Erscheinung treten. Der Verfasser nimmt für sich in Anspruch, den gesetzrnäßigen Lebenslaus der antiken und der modernen Kulturvölker bis in die geschichtlichen Einzelheiten ihrer politischen und wirtschaftlichen, religiösen und philosophischen, künstlerischen und dichterischen sowie sprachlichen Entwicklung verfolgt, verglichen und biologisch erklärt zu haben. Er will damit auch die Wege für eine wissenschaftliche Prophetie gewiesen und der Vernunft die Einsicht in die Zukunft der Völker und der Menschheit eröffnet haben. Die Grundidee Pipers von Altern und Neugeburt im Vvlkerleben ist nicht neu; sie ist naheliegend und bestechend, so daß sich schon im Altertum Vertreter dieses Gedankens finden. Es mag sein, daß ihn noch niemand so konsequent durchzuführen versucht hat wie der Verfasser. Dieser Gedanke spielt auch bei Spengler