Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 29 (18.7.1930)
- Date
- 1930-07-18
- Page
- Seite 382 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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382 besäße, zugeben, daß das Urteil des Staatsgerichtshofes recht hat, wenn es sagt: Nimmt man die Gebete und die Erläuterungen zusammen, so wird klar, „daß die von der Neichsregierung beanstandeten Stellen der Gebete sich gegen die politischen Anschauungen weiter Teile des deutschen Volkes wenden und ein Bekenntnis Zum Antisemitismus enthalten, und zwar in der Form, daß die Anhänger anderer politischer Anschannngen und die Juden als Volksbctrüger und Landesverräter gevrandumrtt werden. Diese Art der Stellungnahme muß Empfindungen der Andersdenkenden verletzen und hat sie, wie die Aufnahme der Gebete in der Oeffentlichkeit beweist, in weitem Umfange schwer verletzt." Auch der „Völkische Beobachter" stellt sich harmlos. Er setzt in feiner Nr. 165 vom 13./14. Juli hinter die Ausführungen des Staatssekretärs Z w e i g e r t, des Vertreters der Reichsregierung: „Verletzt in ihrem Empfinden seien die Staatsbürger jüdischen Glaubens in erster Linie und die Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei, sowie weiter alle, die mit Ueberzeugung zum Verfassungswerk von Weimar stünden und alle Anhänger der christlichen Kirche", in Klammer und Fettdruck die Worte: „Fühlen sich die etwa alle als Verräter und Betrüger?" Hier also der Versuch, der Neichsregierung die Auslegung zu unterschieben, die in Wirklichkeit Frick selbst mehrfach gegeben hat. Daß der „Völkische Beobachter" das Urteil im übrigen als „bezeichnend für die Verwirrung der elementarsten Begriffe" und „als eine schlimme Entlarvung des Geistes der Weimarer Verfassung" bezeichnet und schließlich sogar schreibt: „Jetzt muß der Staatsg-erichtshof noch feststellen, daß die Worte im „Vater unser" „und erlöse uns von dem Uebel" ebenfalls verfassungswidrig sind und verboten werden müssen, da die Uebeltäter bloß „Andersdenkende" sind." sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Auch die Mitteilung aus Weimar, daß „man dort zu Ehren der Weimarer Verfassung aus dem Standpunkt stehe, daß der Entscheid des Staatsgerichtshoses verfassungswidrig ist^, war vorauszusehen. Derartige Anschauungen und Bemerkungen können glücklicherweise an der Tatsache nichts ändern, daß der Staatsgerichtshof mit seiner Entscheidung dem Gefühl der anständig denkenden Menschen aller Religionen entsprochen hat. Dr. M. E. mm das Melker Klnderfterben UM MtteiMli . " V Reichstagsabgeordneter Dr. J. Moses schreibt uns: Die begreifliche Aufregung der Oeffentlichkeit über das Säuglingssterben in Lübeck machen sich die Nationalsozialisten zunutze. Obgleich sie diejenigen waren, die gegen den Bericht der Mehrheit des Untersuchungsausschusses stimmten, der die Schuld der Aerzte festlegte, spielen sie sich jetzt als die besonders Empörten auf und verstanden es, einen Teil der Lübecker Elternschaft in ihr politisches Fahrwasser zu bringen. Selbstverständlich wollen die Nationalsozialisten nichts anderes, als für ihre politischen Ziele im Trüben fischen. Einer der der Lübecker Hakenkreuzler, ein Rechtsanwalt D r. Wittern, ist der Rechtsvertreter der bedauernswerten Eltern. Gleichzeitig hat sich in Berlin ein „Arbeitsausschuß zur Verfolgung der Lübecker Säuglingstötung" gebildet. An seiner Spitze steht ebenfalls ein Nationalsozialist, Dr. med. N. Steintel. Vor einigen Tagen hatte dieser Ausschuß die Vertreter der Berliner Presse zu einem „Bierabend" geladen, Delegierte der Lübecker Elternschaft sollten den Journalisten berichten. Führer der Lübecker Delegation war der Antisemit Wittern. Und jetzt ergab sich eine direkt ungeheuerliche Situation. In dem „Arbeitsausschuß" sitzen neben dem Antisemiten Steintel ein Berliner jüdischer Rechtsanwalt und ein jüdischer Arzt. Dieser Anwalt präsidierte der Sitzung, neben ihm saß Herr Dr. Wittern. Ich hatte die Sitzung besucht, weil ich den Kamps gegen die schuldtragenden Aerzte in Lübeck eingeleitet hatte, und stellte in der Aussprache an den „Arbeitsausschuß" folgende Anfrage: Der Vorsitzende des Ausschusses, Herr Dr. Steintel, hat in dem Berliner Blatt „Der Nationalsozialist" einen Artikel veröffentlicht, in dem er u. a. schreibt, „das Eintreten des Dr. Moses für die deutsche Volksgesundheit sei nur jüdische Mache. Glaube man wirklich, daß jüdische Aerzte und jüdische Blätter sich für die Boltsgesnn-heit einsetzen? Was habe man davon zu halten? Nichts! Alles sei jüdische Mache." Ich fragte: „Wird der Arbeitsausschuß sofort die Erklärung abgeben, daß er mit dem Herrn Dr. Steintel, der diese antisemitischen Infamien geschrieben hat, nichts mehr zu tun haben will? Wird er sich durch eine sofortige Erklärung von seinem Vorsitzenden, der seine jüdischen Mitbürger in dieser Weise verleumdet, trennen?" Aber ausgerechnet die beiden jüdischen Mitglieder des Arbeitsausschusses erhoben sich, um den Antisemiten, der sie mitbeleidigt hatte, zu verteidigen. Der Artikel sei doch eine Privatäußerung des HerrnSteintel u. dgl. Kurz: die beiden jüdischen Herren steckten die Beleidigungen gegen ihr Judentum ruhig ein und lehnten es ab, daraus irgend welche Konsequenzen zu ziehen. Sie sitzen mit dem Herrn Steintel weiter in einer Gemeinschaft und finden offenbar nichts daran, daß er ihre eigene Arbeit als „jüdische Mache" bezeichnete, von der nichts zu halten ist. Mehrere jüdische Journalisten waren auf das äußerste erbittert über dieses unbegreifliche Verhalten dieser Herren und auch ein christlicher Versammlungsteilnehmer trat nach der Versammlung aus mich zu, um seiner Empörung Ausdruck zu geben. Juden und Nationalsozialisten an einem Tisch! Was wäre geschehen, frage ich, wenn einer der beteiligten Lübecker Aerzte — Gott sei Dank, ist dies nicht der Fall — zufällig ein Jude gewesen wäre. Wäre dann nicht eine solche antisemitische Hetze losgegangen, daß die Juden sich nicht in die Nähe des „Arbeitsausschusses" hätten wagen dürfen? Was man nicht vergessen darf! Die Rolle der Nationalsozialisten in der separatistischen Bewegung. Im unbesetzten Deutschland konnte man sich wohl schwerlich eine Vorstellung von den Leiden und Gefahren machen, die das Rheinland im Ruhrkampfjahr 1923 durch die separatistische Bewegung zu erdulden hatte; und in dem nun befreiten Gebiete selber wären die damaligen Ereignisse langsam in Vergessenheit geraten, wenn nicht die Unruhen in Trier, Mainz und anderen Orten die traurigen Ereignisse von neuem mit brutaler Deutlichkeit in die Erinnerung Zurückgerufen Hütten. Sie geben uns Anlaß, auf gewisse geistige Parallelen und Verbindungen Zwischen dem Separatismus und dem neueren Auftreten antisemitisch-nationalsozialistischer Strömungen im Nheinlande hinzuweisen. Als im Spätsommer 1923 der Ruhrkamps auf seiner Höhe stand, wurde durch die von französischer Seite mehr oder weniger offen unterstützte separatistische Bewegung versucht, das Rheinland mit Gewalt vom Reich zu lösen. Diese Aktion wurde vorzugsweise von mit Geld und Waffen reichlich ausgestatteten Banden getragen Soweit überhaupt eine bestimmte Ideologie vorhanden war, zeigte sich in diesen Kreisen und bei der Propaganda, die sietrieben, ein fanatischer Haß gegen Preußen, von dem man angeblich sich nur trennen wollte, während die Bewegung in Wahrheit auf die Bildung eines französisch orientierten Pufferstaates hinauslief. In den separatistischen Flugschriften wurden die Preußen daher als eine minderwertige „Parasitenrasse" dargestellt, die die höherrassige, fränkische Bevölkerung der Nheinlande nur auszunutzen bestrebt war. Entsprechend diesen Theorien der Verhetzungspropaganda konnte man in separatistischen Versammlungen auch mit Grauen beobachten, wie sehr diese Kreise von einem blinden Haß gegen das Preußentum, in diesem Fall also das Deutschtum überhaupt, als Sündenbock, von dem alles Uebel herrühre, beseelt waren. Als der Separatismus an dem Widerstand der Bevölkerung zerschellt war, mußten seine Anhänger nach dem Londoner Abkommen amnestiert werden, verschwanden aber gänzlich aus dem öffentlichen Leben. Bei dem ersten Auftreten der nationalsozialistischen Bewegung im Rheinland beteiligten sich in überraschender Weise eine ganze Anzahl ehemaliger separatistischer Elemente an der Propagierung dieser Idee, die für den extremsten Nationalismus eintritt. Teils handelt es sich hier um arbeitslose Individuen, die sich ebenso wie bei der ehemaligen separatistischen Bewegung einen finanziellen Vorteil, z. B. als Zeitungsträger, verschafften. Zum Teil tauchten radaulustige Gestalten wieder auf, die jeden Anlaß zur Unruhe sich zunutze machen. Einige mag auch eine unüberwindliche Abneigung gegen den neuen demokratischen Staat in diese Leiden sich so wider-, sprechenden Richtungen getrieben haben. Der Hauptteil dieser wankelmütigen Nachläufer — und dieser Umstand ist für die Psychologie des Antisemitismus äußerst interessant — scheint aber von einer unbestimmten Haßgesinnung erfüllt zu sein, die für alle im Leben erfahrene Unbill einen Schuldigen sucht; damals war es das Deutschtum selbst, gegen das sich dieser Haß entlud. Jetzt sind die Juden der Sündenbock. Von Interesse ist bei diesem Zusammenhang noch, daß auch gewisse Intellektuelle, die bei der separatistischen Bewegung mehr im Hintergründe die Fäden lenkten, auch jetzt mehr oder weniger offen mit der antiserni tischen Strömung sympathisieren. Es soll hier natürlich nicht der Anschein erweckt werden, als ob die antisemitische Bewegung nur von Separatisten getragen werde. Aber es muß einen Außenstehenden doch eigenartig berühren, wenn für eine Idee, die angeblich den Kamps gegen „alles Undeutsche" ausnehmen will, neben Männern, deren ehrlicher Nationalismus unbestreitbar ist, solche kämpfen, die gerade in Notzeiten das Vaterland im Stich gelassen haben. Dr. Hans Roth. 92567395