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Central-Verein-Zeitung · 1930-07-11 · 28 (11.7.1930) · p. Seite 373

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
28 (11.7.1930)
Date
1930-07-11
Page
Seite 373 (sequence 9)
Language
German
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373 Das Gesicht des Philo - Verlages Von Dr. Hans Reissner (Berlin). Läßt man die Erscheinungen des Philo-Verlages in den elf Jahren seines Bestehens seit 1919 noch einmal an seinem geistigen Auge vorüberziehen, so ordnet sich die Vielheit der Autoren und ihrer Themen unwillkürlich zu einenr eindrucksvollen Gemeinschaftswerk. Was von innen her verteidigt, von außen bekämpft wird: die organische Existenz und das Lebensrecht des deutschen Judentmns — im nachschafsendeni Wort ist es hier noch einmal gestaltet. Staatsbürgertum und Glauben, Deutschland und Judentum sind die beider: Pole, unr die herum naturnotwendig das geistige Kraftfeld von deutschen Juden gelagert ist. Bei »aller Vielfalt der Stoffe und bei aller persönlichen Freiheit der Verfasser muß doch immer das eine im andern spürbar werden. Gewähr dafür bieten die Namen der Autoren, unter benen uns die besten der deutsch-jüdischen Gegenwart begegnen: Baeck, Dienemann, Elbogen, Freudenthal, Freund, Goldstein, Guttniann, Nathan, Rosenzweig, Weil, Wiener, um wenigstens einige zu nennen. Aber auch nichtjüdische Deutsche wie Lujo Brentano und Rudolf von Jhering und nichtdeutsche Juden wie Edmond Fleg kommen hier zu Wort. Das Gebiet, das diese Männer behandeln, reicht von Fragen der deutschen Politik bis zur jüdischen Religionswissenschaft, von der Pädagogik zur Philosophie, von der Geschichte der Vergangenheit bis zur Volkswirtschaft der Gegenwart. Jede Schrift trügt eine zwiefache Botschaft in sich: Belehrung für uns selbst, Aufklärung nach außen —- „ohne sich", wie es bei Rothholz, .Die deutschen Juden in Zahl und Bild' heißt, „in langatmige, zwecklose Polemiken einzulassen, etwa noch mit Leuten, die nicht überzeugt sein wollen." Oder wie Franz Rosenzweig in seinem „Zweistromland" von der Apologetik spricht, die ihm als unseres Judentums würdig und angemessen vorschwebt: sie sei „im gewöhnlichen Sinne gar kein Verteidigen, sondern ein offenes Darlegen, aber nicht irgendeiner Sache, sondern des Eigenen". In diesem Geiste ist Julius Goldsteins „Deutsche Volksidee und Deutsch- Völkische Idee" gehalten; ihm entspringen Immanuel Bernfelds Einzelabhandlungen über absichtlich mißverstandene talmudische Rechtsfragen, wie „Zinsverbot" und „Eid und Gelübde"; so wird B. Jacobs Untersuchung über das sogenannte Prinzip des „Auge um Auge" zu einer Arbeit, die auch der eindringlicher Beachtung von seiten der alt- und neu testamentarischen Forschung sicher ist. Aber nie, und vor allem nicht in den geschichtlichen Untersuchungen, wird die wissenschaftliche Methode kontemplativer Selbstzweck. Kreisend um die beiden magnetischen Pole — staatsbürgerliche Ueberzeugung und religiöses Bekenntnis — führt die Wissenschaft uns zu einer tieferen Erkenntnis unserer selbst. Irr dem „Leben Gabriel Rießers" von Fritz Friedländer, in Max Freudenthals Abhandlungen und Jakob Seifensieders Beschreibung des Lebens Moses Mendelssohns wird Geschichte nicht um der Geschichte willen getrieben. Wer sie richtig liest, wird es deutlich verspüren, daß die geistigen Väter des deutschen Judentums auch für ihn gelebt und gestritten haben. Ihm wird trotzdem, und dafür bürgt wieder die wissenschaftliche Zucht der Autoren, neben dem zeitlos Gültigen das Zeitgebundene dieser Männer der Aufklärung und des Biedermeier nicht verhehlt. Denn die Gegenwart stellt uns vor Fragen, die frühere Generationen teils nicht gekannt, teils anders beantwortet haben. „Das Problem der Ostjuden", das Paul Nathan behandelt, der „Aufbau und Umbau" des jüdischen Sozial- und Wirtschaftslebens in Osteuropa (A. Singalowsky) und die strittigen Fragen der Palästinawirtschaft und -Politik, die Alfred Wiener mit sachkundiger Feder behandelt, erfordern unsere Stellungnahme. Die Entscheidungen, die sie verlangen, hängen von mehr als nur volkswirtschaftlichen oder Politischen Zweckmäßigkeitserwägungen ab. Max Dienemann geht in seiner Schrift „Galuth" dem religiösen Sinn nach, den die Zerstreuung des Volkes Israel für den einzelnen Juden hat. ltnb Franz Rosenzweig zeigt in seinen gesammelten Aufsätzen („Zweistromland", das oben bereits genannt wurde) auf, wie Zentrum und Peripherie einander religiös bedingen. Ihm ist Religion nicht mehr „Konfession", kein Feiertagsbehängsel des Bürgers, sondern ursprüngliche, innere Lebensmacht. Ihr Anspruch gilt unbedingt und — das ist kein Widerspruch, sondern klärt ihr Wesen — universell und durchaus alltäglich. Es ist darum vielleicht im tieferen Sinne kein Zufall, vielmehr ein Hinweis auf den notwendigen Zusamnrenhang int religiösen Kosmos, wenn die Antwort des französisch erzogenen Dichters Edmond Fleg aus die Frage „Warunr ich Jude bin" auch für uns Gültigkeit hat. Die geistige Anarchie der Nachkriegszeit erweckt immer tiefer das Bedürfnis nach Bindung an das Allgemeine, nach einem Zusammenschluß über Standes- und staatliche Grenzen hinweg, der wohl nur im Religiöse:: gesucht und gefunden werden kann. Doch liegt die Gefahr nahe, daß, wie vor hundert Jahren, die Erstarkung des religiösen Gefühls dienstbar wird der politischen Reaktion. Die Kinder der Generation Mendelssohns in Deutschland haben daumls das angestmnmte Judentum zugunsten eines katholisierenden, romantischen Bekenntnisses abgestreift, von dem sie glaubten, daß ihm die messianische Zukunft gehören würde. Vielleicht hätte gerade in der religiösen Krise der Gegenwart das Judentum ein Wort zu sagen, Bekenntnis zu einer unromantischen Religion des diesseitigen Weltgefühls und der irdischen Pflichterfüllung im Zeichen der Gewißheit des Einzigen Gottes. Von dem „Wandel der modernen Lebensanschauung", die noch immer nach den verschiedensten Richtungen hin tastet, gibt Albert Lewkowitz' Studie über die „religiösen Denker der Gegenwart" Kunde. Dem problematischen Verhältnis von. religiöser und philosophischer Wahrheit gilt Julius Guttmanns eindringliche Untersuchung über „Religion und Wissenschaft im nüttelalterlichen und in: modernen Denken". M? Joseph Grozinger schreibt die „Geschichte der jüdischen Philosophie und der jüdischen Philosophen von Moses Mendelssohn bis zur Gegenwart", deren erster Band bereits vorliegt. Ein Verlag, der einer politischen Organisation wie dem C. V. das geistige Rüstzeug zu liefern hat, darf neben den allgemeinen weltanschaulichen Fragen, von denen die Zukunft bestimmt sein soll, freilich die Nächstliegenden nicht zu kurz kommen lassen. Das Gebiet, das gegenwärtig umstritten wird, reicht außergewöhnlich weit; es umfaßt innerjüdisch die „Psychologie des Religionsunterrichts" (H. Stern, mit einem Vorwort von Leo Baeck), von dessen eindringlicher Kraft die Gewinnung der Jugend abhängt, und nach außen hin die klassenverhetzende „Legende vom jüdischen Marxismus" (Levy-Koref: „Karl Marx und Hegel"), es behandelt „die Schächtfrage" (Jakob Levy), die in Süd- und Mitteldeutschland umkämpft wird, neben der objektiven Verfassungsfrage der „Rechtsstellung der Shnagogengemeinden in Preußen" (Jsmar Freund). Die Notwendigkeit, das Judentum nach vielen Seiten hin zu verteidigen und in der Verteidigung es allseitig zu begründen, erzeugte ein besonderes System geistiger Zusammenarbeit. Das Judentuu: von heute beruht nicht mehr aus politischer oder Priester- Hierarchie, sondern auf innerer Freiwilligkeit, die Meinung des einzelnen, soweit er nur guten Willens ist, kann nicht leicht überhört werden. Diesem einzelnen eine Resonanz gegeben und die Stimmen der vielen zu einem Chor gebunden zu haben, ist ein Verdienst des RiSI Zir Gesundhaltung! Fachinger Versandstelle, Berlin SW 11, Schöneberger Strasse 16a. Telefon: Lützow 8230/81. Philo-Verlages. So wird das Gesicht feiner Publikationen zu einem Spiegelbild der Strömungen im deutschen Judentum. Seine Probleme sind in die der Zeit und des Vaterlandes gebettet, aber rühren an die Ewigkeit und das All. Die Menschen sprechen ein jeder nur für sich, aber aus ihnen spricht der Wille, zur Dauer, zur Gemeinschaft, zu Gott. Goethe, den Julius Bab in einer sich tief einfühlenden Abhandlung über „Goethe und die Juden" zitiert, rührt an das Geheimnis, wenn er sagt: „Deutsche gehen nicht zugrunde, so wenig :vie die Juden, weil es Individuen sind." Hofrat Dr. Friedrich H e r tz, der bekannte Autor des grundlegenden Werkes „N affe und Kult ux“, der jetzt als Universitäts- Professor der Soziologie in Halle wirkt, hatte in Nr. 24 unserer Zeitung einen Aufsatz „Hans Günther als Rassenforscher", eine Widerlegung der „Rassenkunde des jüdischen Volkes", veröffentlicht. Auf zahlreiche Anfragen aus Mitgliederkreisen hat der P h i l o - V e r l a g sich entschlossen, die Arbeit, als Bros ch ü r e erscheinen zu lassen. Sie behandelt „Das Nassengemisch der Juden", „Günthers Phantasien über die Rassenseele", „Rassenkreuzung — Nassenschande?" „Schlagworte und Widersprüche", „Wissenschaft oder Romantik?" und ist zum Preise von 0,45 Mark in jeder B u ch h a n d l u n g und vom P h: l o - V e r l a g, Berlin SW 08, zu beziehen. Jahresversammlung der Akademie für die Wissenschaft des Judentums. Unter zahlreicher Beteiligung ihrer Mitglieder und Freunde sowie der Vertreter der jüdischen Organisationen, hielt die Akademie für die Wissenschaft des Judentums am 25. Juni in den Räumen des Logenheims, Kteiststraße 10, ihre 11. Jahresversammlung ab. Nach Erössnungsworten von Direktor O s k n r Wassermann erstattete Professor G u t t m a n n den Jahresbericht des Forschungsinstituts. Wenn auch infolge der Not der Zeit ein weiterer Ausbau nicht möglich war, so konnten doch die begonnenen Arbeiten sortgeführt werden. Tie Statistik der deutschen Juden auf Grund der Volkszählung von 1925 ist so weit gediehen, daß der Preußen behandelnde erste Band bald erscheinen kann. Der zweite Band ist im Tabellenteil druckfertig. Von der Mendelssohn-Jubiläumsausgabe, die die Akademie gemeinsam mit der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums veranstaltete, sind drei Bände bereits erschienen, zwei weitere werden vor Jahresschluß beendet werden. Die Arbeit von Dr. S e l m a Stern über „Jud Süß" hat große Anerkennung gefunden, desgleichen das Bull) von Dr. Leo Straus über: „Die Religionskritik Spinozas." Die Herausgabe einer Reihe weiterer wertvoller Werke steht bevor. Generalsekretär Tr. A u e r b a ch erstattete den Rechenschaftsbericht für das Finanzjahr 1929. Große Mittel erforderten insbesondere die Herstellung der Statistik und der Mendelssohn-Ausgabe. Trotz bedeutender Spenden konnten infolge der Wirtschaftskrise die Einnahmen mit den Ausgaben nicht Schritt halten. Möge sich die Hilfsbereitschaft der Judenheit der Akademie in erhöhtem Maße zuwenden, damit das von ihr begonnene wertvolle Kulturlverk tatkräftig gefördert werden kann. Der zweite Teil des Abends war ausgefüttt mit dem Referat von Tr. Er n st S i m o n (Jerusalem) über: „Franz Rosenzweig und das jüdische Bildungs- Problem." Als Ausgangspunkt für das Denken von Franz Rosenzweig bezeichncte der Vortragende das jüdische religiöse Leben, von dem aus erst der Weg zu einer neuen jüdischen Bildung gesunden werden kann.

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