Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 28 (11.7.1930)
- Date
- 1930-07-11
- Page
- Seite 372 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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372 .KWnamik BeWungWml'. Vaterlandslose Gesinnung der nationalsozialistischen Prefle. Der „Westdeutsche Beobachter" in Köln, der sich bei allen möglichen Gelegenheiten in nationalsozialistischen Fragen überschlagt, weist Zur Rheinlandbefreiung in seiner Nummer vom 29. Juni nur folgendes zu stammeln: „In diesen Tagen verläßt der letzte Ententesoldat die völkerrechtlich Zum Deutschen Reich gehörenden Lande am Rhein! Aus diesen: Anlaß sollen sogenannte „B e f r e i u n g s f e i e r n" a b - gehalten werden, bei denen Vertreter des noch regierend e n S h st cm» d e m darbende n deutschen Volke diese E r r u n g e n - scf)af t in d en h öchst en Tön en preisen werde u." Die Herrschaften um den Abgeordneten Ley sind konsequent. Sie beschimpfen S t r e s e m a n n n o ch n a ch s c i n cm Tode u n d verhöhnen jetzt sein Werk. Meumter an der ArM. Drei Monate Gefängnis für einen Geschäftsführer des Tannenberg-Bundes. Der Geschäftsführer des Gaues Ostpreußen des völkischen Tannenberg-Bnndes, Gerhard Weiß (Kaukehmen), hatte in einer Reihe von ostpreußischen Städten LichtbildervorLrüge über die „Geheimnisse der Freimaurerei" gehalten, in denen er eine wüste Hetze gegen Juden, Freimaurer und Katholiken trieb, selbst die längst erledigten „Weisen von Zion" wurden von ihm bei dieser Gelegenheit wieder aufgewärmt. In widerlichster Weise hatte er den Reichspräsidenten von H i n d e n b u r g, die Minister S t r e s e - mann und Gröner sowie den Chef der Heeresleitung, Generaloberst Heye, beschimpft und geschmäht. Weiß hatte sich vor dem Schöffengericht in Braunsberg zu verantworten. Der Staatsanwalt beantragte gegen den Angeklagten eine Gefängnisstrafe von neun Monaten. Das Gericht erkannte auf eine Strafe von drei Monate n. Berusung Koch ttrmcftn. Vorstoß gegen den Vorsitzenden wegen „Befangenheit". Am Donnerstag wurde vor dem Königsberger Großen Schöffengericht in der Berufungsinstanz nochmals gegen den Gaucheiter der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei, Eisenbahnassistent a. D. Erich Koch (Königsberg), verhandelt, der bekanntlich am 18. Februar dieses Jahres wegen übler Nachrede gegen den Kaufmann Sandelowsky (Nordenburg) zu 200 Mark Geldstrafe verurteilt wurde. Den Vorsitz führte Landgerichtsdirektor Hirschberg und für den Nebenkläger war zu diesem Termin Rechtsanwalt Dr. Hugo Ehrlich (Tilsit) erschienen. Staatsanwaltschaftsrat Gabriel vertrat die Anklagebehörde. Als der Vorsitzende die Verhandlung gegen Koch eröffnete, gab dieser Zuvor eine Erklärung ab, daß er den Vorsitzenden ablehne, da infolge „seiner rassischen Zugehörigkeit die Besorgnis der Befangenheit" bestehe. Der Angeklagte bat hierüber um einen Gerichtsbeschluß. Der Vorsitzende legte dem Angeklagten die Frage vor, ob er sich auch be s a n g e n fühlen würde, wenn er als Schöffe über einen Juden zu Gericht fitzen müsse! Der Angeklagte beantwortete diese Frage rn i t eine m „I a!" Nach fast einstündiger Beratung verkündete das Gericht unter dem Vorsitz des Landgerichtsrats Dr. Feder, daß das Gericht den Antrag des Angeklagten zurückweise, da der Vorsitzende die dienstliche Erklärung abgegeben habe, daß er nicht befangen sei. Landgerichtsdirektor Hirschberg übernahm darm wieder den Vorsitz. Koch erklärte dann, daß er den Kaufmann Sandelowsky nicht habe persönlich beleidigen wollen! („Der Jude Sandelowsky legt den Bauern den Strick um der: Hals und zerschlägt die Güter!"). Das Urteil lautete dann ans Verwerfung der Bern f u n g. Wahrnehmung berechtigter Interessen käme nicht in Frage, da der von dem Angeklagten für seine Partei geführte Kampf ihn nicht berechtige, den von seinen Mitbürgern geachteten Kaufmann Sandelowsky aus Nordenburg zu beleidigen. cUnlere &(er fchreihm: Der jüdische Mittelstand darf nicht untergehen. Mit Interesse habe ich, Mitglied des C. V., die Ausführungen des Syndikus Dr. Alfred Wiener in der Groß-Berliner Versammlung am 13. Mai gehört. Der Umstand, der mich in die Versammlung zog, war nicht so sehr das Elend der nationalsozialistischell Treibereien, sondern das Wort Ihres Programms, das sich auf die Verelendung des jüdischen Mittelstandes bezog. Dieses Problem ist es ja gerade, das schuld oaran ist, wenn die Jugend heute das, was der zweite Redner des Abends, Herr Dr. Tietz, als ihre Aufgabe bezeichnete, mimltd) die Erhaltung des Judentums, nicht mehr durchführen kann. Ein sehr hoher Prozentsatz sowohl der Mitglieder des C. V. als auch fast aller deutschen Juden ist und war immer in der Lage, auf Grund seiner Kenntnisse, feines mittleren Wissens und seiner guten oder erträglichen Religiosität feinen Kindern das zu geben, was sie in die Lage versetzte, die Werte des Judentums zu erkennen, und den Wunsch nach ihrer Erhaltung in sich zu erleben. Heute überläßt man gezwungenermaßen dem Sport oder irgendwelchen Sportverbänden, Schülerbünden, Schülerzeitungen und schließlich der Schule selbst, den Teil der Erziehung, auch den jüdischen, zu deren Beeinflussung einem einfach die Kräfte fehlen. Es geht unter keinen Umständen so weiter, daß man den vollkommenen Zusammenbruch unseres guten jüdischen Mittelstandes mit einer Geste nach Krieg und Inflation feststellt. Die Abwehr des Antisemitismus geschieht zu Recht und muß geschehen; man hat uns aber schließlich seit Jahrtausenden bekämpft, und wir leben immer noch. Wenn in Husum oder Ingolstadt verhetzte Dummkopse über die Stränge schlagen, wenn selbst in Berlin die Siebzehnjährigen wild um sich stechen und schießen, . . . wir glauben mit Klugheit und Güte dieser Dinge Herr werden zu können,, und ein sehr wesentliches Gebot hierfür ist in der Tat die Erhaltung und Befestigung der Brücke zu unseren christlichen Mitbürgern. Die Nationalsozialisten bellen allzu sehr, um viel beißen zu können. Ihre Bekämpfung durch den C. V. erscheint vollkommen ausreichend. Daneben muß als beste Hilfe die Selbsthilfe verbleiben, und ich unterschreibe wiederholt gern, daß die Zusammenarbeit mit unseren christlichen Mitbürgern in stärkster Form dazu gehört. In erster Linie aber ist und bleibt es die Pflicht der Eltern, ihren Kindern eine richtige Auffassung von Dingen und Menschen, von der Zeit und ihren Problemen, von Judentum und Religion zu geben; aber ein ungeheuerlich großer Bruchteil dieser Eltern ist wirtschaftlich, seelisch und körperlich zermürbt. Deswegen müssen beim C. V. zwei große A u s g a b e n Hand in Hand gehen: Abwehr des Antisemitismus und Anregungen zum W i e d e r a u s b a u des d e u t s ch e n jüdischen Mittelst a n d e s. In einer Vorstandssttzung unserer Gemeinde wurden vor einigen Monaten 90 000 Berliner Juden als indifferent bezeichnet. Ein Sonderbureau ist damit beschäftigt, diese 90 000 zu sondieren, zu rubrizieren, sie gewissermasten auszuwecken. Man wird dabei mit Ziemlicher Sicherheit finden, daß ein uuerhört hoher Prozentsatz dieser 90 000 nicht nur ein sehr schweres Leben führt, sondern in ganz verzweifelter Not den sie völlig zermürbenden Daseinskampf kämpft. Solche Menschen können nur darüber lächeln, daß man außer der primitiven Sorge um Brot nock: Zeit für seine Kinder, für Abwehr des Antisemitismus, für jüdisches Wissen aus Vergangenheit und Gegenwart, mit einem Wort: für Erhaltung des Judentums, haben kann. Sie können auch nicht verstehen, daß man sich Gedanken darüber macht, ob der leihe sitzen an jedem Tage Juden des Mittelkommt oder nicht. Irl der Staatlichen Pfandleihe sitzen an jeden: Tage Juden des Mittelstandes, zermürbt, bedrückt und mitgenommen, und ihre Sorgen sind von anderer Art. Ein Repräsentant unserer Gemeinde, Herr Marcus, hat kürzlich als unsere Hauptaufgabe bezeichnet, u n s e r e Menschen zu erhalten und sie nicht untergehen zu lassen. Was wird für deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens getan? Vorsichtig ausgedrückt: bestimmt zu wenig. Es herrscht tiefste Erregung darüber, daß man, um mit Herrn Marcus zu sprechen, unsere Menschen untergehen läßt, und zu viele Beträge in ein fremdes Land gibt, in dem es nach dem Bericht einer allerersten Feder, des ehemaligen Botschafters von Kühlmann, zu grausamsten Gewalttaten zwischen Juden und Arabern kommen wird, wenn England infolge eigener Sorgen sich nicht mehr in stärkster Form mit dem^ jüdischen Kolonisations unternehmen zu belasten gedenkt. Schon heute sehen sich weitblickende und einflußreiche Schichten, die mit ihrem Geld und ihren Sympathien den Siedlungsversuch in Palästina gefördert haben, nach anderen Weltgegenden um, nach denen jüdische Kolonisation mit größerer Sicherheit geleitet werden könnte. Ich glaube. Ihnen die Zusicherungen geben zu können, daß vorstehende Gedankengänge, hier nur lose und knapp angedeutet, von einer außerordentlich großen Zahl der Juden unserer Stadt geteilt werden. Deutscher jüdischer Mittelstand verkommt und verbittert, er hat keine Zeit mehr für die Erziehung seiner Kinder und keine Kraft, mitzuhelsen an der Abwehr dessen, was uns im eigenen Land bedroht. Helfen Sie mit stärksten Worten in Ihrer Zeitung an unserem Wiederaufbau, dann werden wir wieder Zeit und Kraft zur Abwehr der nationalsozialistischen Rüpeleien wie zu jeder anderen Kulturaufgabe haben. Mit C. V.-Gruß L. M. ' In ihren Berichten über die Eisenacher Protestkundgebung des Centralvereins vom 15. Juni führten sowohl das „Gothaische Tageblatt" als auch der in Berlin erscheinende „Reichsbote". aus, Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil (Berlin) habe in seinem Vortrag behauptet, daß die Juden zur deutschen Kultur mindestens so viel beigetragen hätten wie die Christen. Demgegenüber sei, um Mißverständnisse zu vermeiden und einer Legendenbildung vorzubeugen, festgestellt, daß Dr. Weil in seinem Referat lediglich erklärt hat: „Die Juden, die nur ein Prozent der deutschen Bevölkerung darstellen, haben im Verhältnis zu ihrer Bevölkernngsziffer zur deutschen Kultur so viel beigetragen wie die Christen." 8.