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Central-Verein-Zeitung · 1930-07-11 · 28 (11.7.1930) · p. Seite 370

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
28 (11.7.1930)
Date
1930-07-11
Page
Seite 370 (sequence 6)
Language
German
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370 Der D. h. v. schließt NationaLsozialiften aus. Der Deutschnationale Handlungsgehilfenverband hat (wie der „Vorwärts" meldet) Mitglieder und Funktionäre, die der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei nngehören, ausgeschlossen. Es handelt sich dabei nicht etwa um eine örtliche Aktion, sondern um Mitglieder in Rostock, Altona, Leipzig, Schwübisch-Gmünd, Weimar usw. Der D. H. V. fürchtet Zweifellos, daß die Nationalsozialisten die sehr mühsam zusammengehaltene Einheitsfront der deutschnationalen Kaufmannsgehilfen Zerschlagen. Derselbe Deutschnationale Handlungsgehilfenverband hat früher wiederholt auf seine engere Verbindung mit den Nationalsozialisten verwiesen, mit denen er nach feinem Programm auch in der Bekämpfung der Juden übereinstimmt. Anscheinend wird er jetzt die Geister, die er gerufen hat, nicht mehr los. Die nationalsozialistische presse fälscht Talmuözitate. Von Oberrabbiner Dr. Carlebach (Altona). Meine Besprechung des Buches „Rassenlunde des jüdischen Volkes" von Dr. Hans F. K. Günther geht der nationalsozialistischen Presse auf die Nerven. So schreibt die „Deutsche Front" vom 1. Mai, der „Angriff" vom 18. Mai u. a. rn. zu meiner Bemerkung, daß über aller Rassenverschiedenheit doch immer das versöhnende Gebot der Nächstenliebe stehe: „Oh, daß du geschwiegen hättest, Talmudjünger! Steht nicht im ,Schulchan Aruchh dieser schönen Sammlung talmudischer Weisheit, geschrieben, Joreh deah 113, 1: ,Ein jeder (Jude), der mit einem Unbeschnittenen ißt, tut so viel, als ob er mit einem Hunde äße'?" Dieses Zitat ist eine Fälschung. In Wirklichkeit heißt es so: „Jede Speise, die nicht auch roh gegessen werden kann, und die auf der Tafel der Vornehmen als Gericht und Zukost zum Brot erscheint, ist dann, wenn sie ein Nichtjude gekocht hat, sogar in jüdischen Geräten und im Hause eines Juden, verboten, weil das von Nichtjuden Gekochte (wegen der Gefahr der Mischehe) verboten ist." Mit einem zweiten Zitat steht es nicht besser. Die „Deutsche Front" (immer zu ergänzen: „Der Angriff" uss.) schreibt: „Heißt es nicht weiter: Cochem ha-mischpat, 183, 7 Hagah: „Wenn ein Jude mit einem Nichtjuden ein Handelsgeschäft macht und es kommt ein anderer Jude dazu und hilft ihm, den Nichtjuden irre zu machen in bezug aus Maß, Gewicht oder Zahl, so teilen sie den Gewinn, gleichviel, ob er (der zweite Jude) ihm (dem ersten) gegen Bezahlung (i) oder umsonst geholfen hat!" Dieses Zitat ist insofern entstellt, als im Talmud nicht von einem Nichtjuden schlechthin, sondern von einem Heiden gesprochen wird, wie der Baer Hetew quellenmäßig zeigt. Wenn beispielsweise die Ware eines Juden von ungesetzlichen Zöllnern und Steuererpressern (Anossim) bedroht war und ein dritter den Juden vor dem Zugriff solcher Erpresser bewahrt hatte, so stand diesen: ein gesetzlicher Anteil am Gewinn zu. Die Behandlung, die dieser Abschnitt erfahren hat, ist ein treffender Beweis für die M e t h o d e d e r Judenfeinde, Stellen au s d em Zusammenhang heraus zu greifen und ihnen durch schiefe Ausdeutung und V e ra l l g e m e i n e rung ein unmoralisches G e P r ä g e z u g e b e n. Was klar und deutlich eine Notstandsvorschrift aus heidnischer Zeit ist, in der Steuer- und Zollerpressungen gang und gäbe waren, wird unter der Hand zu einer allgemeingültigen Regel jüdischer Religionsübung gemacht. Der verbrecherische Leichtsinn, mit welchen: die „Deutsche Front" ihre Anklagen erhoben hat, soll nicht geduldet werden. Mai: muß sie solange der Fälschung bezichtigen, bis sie diese Tatsache in aller Oefsentlichkeit bekannt hat. Mch -er Kaufmann muß sich wehren. Aus Köln wird uns geschrieben: Es steht außer Zweifel, daß der jüdische Kaufmann heute doppelt schwer zu kämpfen hat. Einmal trifft ihn die allgemeine Wirtschaftsnot in gleichem Maße wie jeden andern. Darüber hinaus aber machen sich infolge der nationalsozialistischen Hetze vielfach Boykottbestrebungen bemerkbar, die ebenfalls überwunden werden müssen. Antisemitische Anpöbeleien im geschäftlichen Briefverkehr sind keine Seltenheit; sie geschehen meist dann, wenn geschäftliche Maßnahmen, und seien sie noch so korrekt, dem andern unangenehm sind. Der jüdische Lieferant darf liefern, aber Bezahlung anfordern darf er nicht. Gleich sind das „jüdische" Gepflogenheiten, um von häßlicheren Ausdrücken ganz zu schweigen. Wie sich der jüdische Kaufmann hierzu einstellen soll, kann nicht so leicht auf eine allgemeingültige Formel gebracht werden. Wir haben vielfach erlebt, daß antisemitische Angestellte hinter den beleidigenden Aeußerungen steckten. Auch ein Chef kann sich in einen: schweren Augenblick einmal zu einer unbesonnenen Aeußerung hinreißen lassen, ohne dabei Antisemit zu sein. Darmn muß zuerst geprüft werden. N i e - m a l 8 aber darf der jüdische Kaufmann a nt i s e m i t i s ch e Ungezogenheiten würdelos h i n n e h m e n, u i: d er i ft e s s i ch und der jüdischen Gemeinschaft schuldig, daß korrektes Geschüftsgebahren stets in U e b e r e i n st i m rn u n g mit den: P r i n - zip der persönlichen Ehre als Jude bleibt. Ein besonderer Fall mag hier belehrend wirken. Eine Kölner jüdische Großfirma mahnte einen Geschäftsinhaber in Chemnitz an, ältere, bereits verfallene Rechnungen zu begleichen, damit die neu vorliegenden Aufträge ausgeführt werden könnten. Der Chemnitzer Kaufmann antwortete prompt mit einer antisemitischen Bemerkung und erklärte den Abbruch der Geschäftsverbindung. Trotzdem ging nach drei Wochen eine neue Bestellung ein, der noch eine Mahnung auf rasche Lieferung folgte. Die Kölner Firma erklärte aber nunmehr ihrerseits, daß weitere Aufträge nicht eher erledigt werden könnten, bis eine gebührende Entschuldigung wegen der früheren antisemitischen Beleidigung erfolgt sei. Die Kölner Firma hat Rückgrat genug gehabt, lieber auf einen Kunden zu Verzichter:, als antisemitische Kränkungen hinzunehmen. Mag der Kampf besonders schwer sein, ohne Aufrechtheit mtb Würde kann er niemals erfolgreich geführt werden. Dem Kölner Beispiel lassen sich gewiß viele andere anreihen, aber, es sei allen gesagt: „Geschlossenheit in bewußter Abwehrstellung ist auch hier die Forderung des Augenblicks!" L. J. .. mal mußt -u's sagen!" Ein Offener brief an die -eutschen 3uöen." A. H. Die Jahrgänge der „C. V.-Zeitung" gestatten ohne Mühe eine umfangreiche Zusammenstellung erfüllter Voraussagen. Seit dem ersten Austauchen der NSDAP, in der deutschen Politik haben wir an dieser Stelle gewarnt, gemahnt, beschwörend unsere Stimme erhoben, weil wir aus der genauen und eindringenden Kenntnis der Zusammenhänge die Entwicklung der Partei voraussahen. Als man in weitesten Kreisen, auch in der Führung großer politischer Gruppen, in den Nationalsozialisten nur eine Schar von Radaubrüdern, Ehrgeizlingen, Enttäuschten, ohne politischen Einfluß, ohne nennenswerte Gefolgschaft zu sehen vermeinte, erkannten wir, daß die Antriebsmomente des Nationalsozialismus noch auf Jahre hinaus in unverminderter, möglicherweise gesteigerter Stärke vorhanden bleiben und der Partei ohne Rücksicht auf die menschliche Qualitäten ihrer Führer, aus die Verwirklichung ihrer Ziele Anhänger aus allen Lagern verschaffen würden. Wir haben es oft niedergeschrieben, wir haben es unzählige Male ausgesprochen, daß wir jahrelang die einzigen waren, die sich mit qualitativ ausgezeichneten, aber quantitativ natürlich unzulänglichen Mitteln der heranbrausenden Sturmflut des Nationalsozialismus entgegenstemmten. In die H u n d e r t t a u s e n d e gehen die B r o s ch ü reit, die wir verbreiteten, in die M i l l i o n e n die Auflagen der Monatsa u s g a b e der „C. V. - Zeitung", in die M i l -! i o n e n die Flugzettel, Zehntausende nichtjüdischer Mitbürger gingen durch unsere Versammlungen. W i r standen mitten in: Sturmwinde, als in den Parteien, in der großen politischen Presse noch kein Lüftchen verspürt wurde. Unser A und O war: der Nationalsozialismus ist nur zu einem Teil Gefährdung des Judentums, er ist in der Hauptsache verhängnisvoll für die deutsche Republik, für die deutsche Kultur' Endlich hörte man auf uns. Und vielen wurde der Nationalsozialismus in seinen verschiedensten Erscheinungen nunmehr erstmalig zum interessanten Problem. Erwägungen, Beweisführung, Vorschläge, die seit Jahren in der „C. V. - Zeitung" immer und immer wieder gemacht wurden, tauchten jetzt in der großen Presse, in Zeitschriften, in Diskussionsreden auf. Jetzt endlich glaubte auch der letzte deutsche Jude an den Ernst der Gefahr, weil sie ihm auch von nichtjüdischer Seite in den schwärzesten Farben geschildert wird. s Jetzt fühlen sich auch die zweifelnden. Zögernden deutschen Juden zur Aktivität veranlaßt, weil nichtjüdische Zeitschriften an ihre Ehre appellieren, und jetzt sehen sie Offenbarungen, aus denen sie tiefe Einsichten schöpfen, weil sie sich nicht die Mühe nahmen, die „C. V.-Zeitung" zu lesen, in die Versammlungen des Centralvereins zu gehen. Der Appell, den in der Zeitschrift „Deutsche Republik" (Heft 39 vom 28. Juni d. I.) in seinem „Offenen Brief an die deutschen Juden" G. H. veröffentlicht, findet einen Widerhall, der uns überaus erwünscht und erfreulich ist und der uns keinen Augenblick melancholisch stimmt, weil hier ein vermeintlich nicht jüdischer Autor in einer nichtjüdischen Zeitschrift Wirkungen erzielte, um die wir uns bei manchen unserer Mitglieder mitunter bemühten. Neben dieser Tatsache ist es höchst belanglos, daß gegen manche der Anschauungen und Vorschläge G. Hs ernste Einwände erhoben werden könnten. Aber der Ges i n n u n g seiner Ausführungen ist beizustimmen und darauf kommt es jetzt am Aus wessen Appell auch immer die Zögernden und Widerstrebenden im deutschen Judentum reagieren, um sich endlich zur Tat zu bequemen, ist uns gleichgültig. Wir brauchen die Gesinnung opferfreudiger, von der tiefen moralischen und sittlichen Berechtigung unseres Daseinskampfes als deutsche Juden im deutschen Vaterlande überzeugte Menschen. Und diese scheint jetzt bei a l l e n vorhanden zu sein.

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