Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 27 (4.7.1930)
- Date
- 1930-07-04
- Page
- Seite 358 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Schwartzkoppens Memoiren „Die Wahrheit über Dreyfus" / Von Or. Bruno Weil Alfred Dreyfus, Elsässer und Jude von Geburt, Hauptmann in einem französischen Feldartillerieregiment, ist im Jahre 1894 wegen Landesverrats angeklagt, durch den Spruch des ersten Pariser Kriegsgerichts zu lebenslänglicher Deportation verurteilt worden. Nach über vierjährigem Kampfe ist es seiner Familie, seinen Freunden und den zahlreichen Streitern für das Recht gelungen, durch Spruch des Kassationshoss das erste Urteil zur Aushebung zu bringen. Ein zweites Kriegsgericht in Rennes verurteilte Dreyfus im September 1899 wiederum, billigte ihm aber mildernde Umstände Zu. Zehn Tage daraus verließ er begnadigt die Haft. Im Jahre 1906, nach einer zweiten Kampagne für die Revision auch des zweiten Urteils, sprach ihn der Kassationshof selbst mit allen Ehren frei. Die französische Republik setzte ihn in Rang und Stand ein, beförderte ihn und ließ ihn an dem gleichen Platze zum Ritter der Ehrenlegion schlagen, an dem er die grausame Demütigung der Degradation fast 12 Jahre vorher über sich hatte ergehen lassen müssen. Aber hatte das Urteil des höchsten französischen Gerichtshofs die Kraft, alle Zweifel an der Schuld des Rehabilitierten zu beseitigen? In Deutschland hatten die Blätter von rechts während vieler Jahre wie verzweifelt für die Schuld Dreyfus' gefochten, und sie waren in ihrer Verteidigung der Politik-des französischen Generalstabs gegen den jüdischen Hauptmann so weit gegangen, daß die konservativen „G r e n z b o t e n" ihnen, im Jahre 1899 ins Stammbuch schrieben: „Die Parteinahme für die Generäle gegen die Juden hat unsere Nationalisten zu Rechtsverächtern g e - st e m p c 11, denen alles zuzntrauen ist, im vermeintlichen und vorgeschobenen Nassen- und Klassenintereste. Deutsch ist das nicht und christlich eberrfowenig, mögen sich die Gewaltmenschen noch so taut ihres Deutschtums rühmen und Cristum im Munde führen." Auch in Frankreich gaben sich die Antisemiten nicht geschlagen. Als letzte Burg chauvinistisch - antisemitisch - deutschfeindlichen Angriffswillens gegen Dreyfus blieb immer noch der Kreis um die „A ction Francais e" übrig. Daher erschien es mir sowohl im Interesse des deutschen Vaterlandes wie der Beseitigung der letzten Zweifel an Dreysus' Unschuld, wie auch im Interesse der deutsch-französischen Beziehungen gelegen, den Versuch zu machen, von der deutschen Seite her eine völlige Aufklärung des Falles Dreyfus herbeizuführen. Dieses seit dem Frühjahr unternommene Werk kann jetzt als nahezu vollendet angesehen 'werden. Die Zusammenhänge auf der deutschen Seite sind, von wenigem abgesehen, so völlig klargelegt, daß sogar die deutsche Rechtspresse heute mit einem gewissen Triumphgesühl die These der Unschuld Dreyfus' verficht. Die Aufrollung dieses Falles hat zudem in der gesamten gebildeten Welt die Ueberzeugung verstärkt, wie leicht aus religiösen, rassenmäßigen, nationalen Vorurteilen Rechtsirrtümer zustande kommen können. Und über unser Jahrhundert hinaus wird für alle Zeiten der Fall Dreyfus wie eine warnende Inschrift über den Türen der Beratungszimmer zu den Strafgerichten stehen, um an die erschreckend große Möglichkeit menschlichen Irrens zu erinnern. Vier Dinge waren besonders von der deutschen Seite her zu untersuchen und, wenn möglich, zu klären: die Schuld oder Unschuld D r e y s u s', die Schuld oder Unschuld des Majors E st e r h a z y, die Frage, ob der Oberst Henry ein Komplize Esterhazys gewesen ist, und schließlich die Einwirkung der ganzen Affäre aus die deutsch-französischen B e z i e h u n g e n. Das in der großen Aktenpublikation des Auswärtigen Amts ^enthaltene reiche Material zur Dreysus-Asfäre, das sich besonders in den Bänden 9 und 13 befindet, konnte ich zu meinem Vortrag in der Berliner Singakademie am 5. Februar, von dem aus die eigentliche Debatte in der ganzen Welt nnhub, in allen Einzelheiten benutzen. Zudem war mir bekannt geworden, daß aus einem Schreiben des Militärattaches Schwartzkoppen an seinen früheren Botschafter, den Grafen Münster, sowohl die Unschuld Dreyfus' wie die Schuld Esterhazys sich mit absoluter Bestimmtheit folgern ließ. Im Anschluß an den Vortrag hat dann die Familie Münster den Entschluß gefaßt, der Oesfentlichkeit den vollen Wortlaut dieses äußerst wichtigen Dokumentes mitzuteilen. So durste ich es in meinem Buche wagen, die erste zusammenfassende I)reyfus-Geschichte, von der de u tschen t e a u s gesehen, zu geben. Die in Hannover lebende W i t w e des Generals v o n S ch w a r tzkoppen hat dann, nachdem ich auch in Hannover meinen Dreysus-Bortrag gehalten, und nachdem sie von der Kritik der Haltung ihres Mannes Kenntnis erhalten hatte,, den ebenfalls in Hannover lebenden Ober st Dr. Schwertfeger mit der Sichtung und Herausgabe allen Materials betraut, das ihr verstorbener Mann hinterlassen hat. Nach dem Wunsche des verschiedenen Generals Schwartzkopepn selbst ist dem Buche der Titel „Die Wahrheit über Dreyfus" gegeben worden. In diesem Buch wird nicht der Versuch gemacht, eine zusammenhängende und künstlerisch vollendete Darstellung des Dreyfus- Falles zu geben. Dieses Buch beansprucht dokumentarischen Wert, und es besitzt ihn in reichem Maße. Denn in seinem ersten Teil, der die eigenhändigen Aufzeichnungen Schwartzkoppens enthält, spricht der große Zeuge jener Tage, spricht derjenige, dem außer dem Verräter allein die volle Wahrheit bekannt sein konnte. Und^ Schwartzkoppen spricht in diesem Teil des ^chwertsegerschen Buches mit solcher Eindringlichkeit, daß sein eigener Schluß gerechtfertigt erscheint: „Es hat überhaupt niemals eine Affäre Dreyfus, es hat immer nur eine Affäre Esterhazy gegeben." Max von Schwartzkoppen hatte eine überaus glänzende militärische Laufbahn hinter sich, als er im Dezember 1916, General der Infanterie, Kommandeur einer Infanteriedivision, ins Elisabeth-Krankenhaus in Berlin eingeliefert wurde. Aber der tiefe Schatten, den die Dreysus-Asfäre aus sein Leben geworfen hat, hat ihn bis in seine Todesstunde nicht verlassen. Als er aus tiefer Ohnmacht auf seinem Krankenlager erwachte, richtete er sich im Bette aus und ries mit lauter Stimme: „Franzosen! Hört aus mich. Alfred Dreyfus ist unschuldig! Er hat niemals etwas begangen! Alles waren nur Intrigen und Fälschungen! Dreyfus ist unschuldig!" Und im Anschluß an^diese Worte hielt er dann in französischer Sprache noch eine längere Verteidigungsrede zugunsten Dreyfus'. Wie alles kam? Schwartzkoppens eigene Darstellung: „Am 20. Juli 1894, nachmittags Zwischen 3 und 4 Uhr, ließ sich bei mir auf dem Militärbureau der deutschen Botschaft in Paris (Rue de Lille 78) durch den Bureaudiener August Bunde ein Franzose in Paßangelegenheiten melden. . Auf meine Antwort, daß der Bittsteller Zu mir gelassen werden könne, betrat kurz darauf ein Herr mein Zimmer, den ich sofort als einen französischen Offizier in Zivil erkannte." Dem Militärattache Schwartzkoppen war von seinem Botschafter ausdrücklich untersagt, mit französischen Offizieren oder Beamten Spionagebeziehungen anzuknüpfen. Schwartzkoppen behauptet auch, daß er Esterhazy mehrfach zurückgewiesen habe, obwohl er den Wert dieses Agenten bald erkannte. Erst nachdem er sich mit dem Chef des preußischen Nachrichtenbureaus aus deutschem Boden getroffen und dessen Weisung entgegengenommen hatte, nahm er Esterhazy in Dienste. In schmuckloser Reihenfolge, aber dafür um so erschütternder wirkend, zählt Schwartzkoppen die Besuche aus, die Esterhazy ihm auf der Botschaft abgestattet hat, teilt er mit, welche Dokumente ihm geliefert wurden, welches Honorar er gelegentlich gezahlt hat. Dieses Schwartzkoppen-Brrch ist ein fortgesetztes, besonders eindrucksvolles und ein überhaupt nicht zu widerlegendes Plaidoyer für die Unschuld des Hauptmanns Dreyfus. Aber es hat noch ein weiteres grotzes Verdienst: aus ihm gehen die offiziell bisher niemals zugegebenen Beziehungen des deutschen Militärattaches zu dem französischen Verräter Esterhazy in allen Einzelheiten hervor. Die Darstellung, die Schwartzkoppen geschrieben hat, endigt mit dem Tage (10. November 189.8), an dem im „Matin" ein Faksimile des Bordereaus erschien und, worüber die Welt sich 30 Jahre den Kopf Zerbrach — das Geheimnis des Bordereaus —, es wird von Schwartzkoppen entschleiert. Das Bordereau ist gar nicht gleichzeitig mit dem in ihm aufgeführten verräterischen Urkunden in die Botschaft gekommen, sondern diese Urkunden hat Esterhazy in der Zeit vom 1. bis 6. September dem Militärattache persönlich übergeben, nachdem er in Abwesenheit Schwartzkoppens das Bordereau in das offene Brieffach gelegt hatte, und nachdem der französische Nachrichtendienst es dort hatte entwenden lassen. So hatte Schwartzkoppen das Bordereau nie gesehen. Erst die Veröffentlichung im „Matin" brachte ihm absolute Gewißheit, daß es von Esterhazy herrührte, daß also Dreyfus, der um seinetwillen verurteilt worden war, unschuldig fein müsse. Es ist bedauerlich, daß Herr von Schwartzkoppen zum Schreiben der Fortsetzung seiner Erinnerungen nicht gekommen ist. So hat es Oberst Schwertfeger unternommen, im zweiten T e i l d e s Buches die Zeit seit Ende 1896 bis 1904 zu rekonstruieren, und er teilt dabei eine Reihe wichtiger und für die Drehfus-Forschung künftig unentbehrlicher Briefe mit, die Herr von Schwartzkoppen mit einer Reihe von Personen, die an der völligen Aufklärung der Drehsus-Sache interessiert waren, gewechselt hat. Aber das Schwartzkoppen - Schwertfeger- Buch verfolgt auch noch einen weiteren Zweck. Das Buch ist bestimmt eine Reihe von Fragen zu beantworten, die der deutschen Politik angehören, in denen ich eine dem Grafen Münster außerordentlich günstige Bad"" , Bslel Kaiserboi Schönste, ruhige Lage, mit jedem Komfort der Neuzeit. Volle Pension von M. 10,- his M. 13.—. (Telephon Nr. 9). A$$B