Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 27 (4.7.1930)
- Date
- 1930-07-04
- Page
- Seite 356 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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356 6er ideale Wund-u. Kinder-Puder wirkt heilend u vorbeugend, daher unentbehrlich zur.Säuglingspflege Heinrich Mack Nachf., Ulm a D. 29,1 Prozent, bei den Juden aber 53,8 Prozent Selbständige. Die Zahl der jüdischen Handwerker betrug 40 000, davon mehr als 17 000 Selbständige. In Berlin gab es 1907 85 574 jüdische Erwerbstätige, davon allein 36 696 im Handel. Hirsch nimmt an, daß noch heute mindestens die Hälfte aller Juden im Handelund Bankwesen tätig ist. Ernst Landsberg schätzt, daß in der Textilindustrie und im Textilhandel ungefähr 30 000 jüdische .Inhaber existieren, davon 15- bis 25 000 in Berlin. Diese Zahlen dürften stark übertrieben sein. Vor dem Kriege zählte man auch 37 000 jüdische Rentner. Und heute? Ihre Zahl ist aus ein Minimum geschwunden. Denn die Proletarrsterrrng des jüdischen Mittelstandes hat auch die Rentnerschicht vernichtet. Sie hat aber auch dazu geführt, das; die meisten der jüdischen Erwerbstätigen fich heute in abhängiger Stellung befinden. Das Schicksal öes Kapitalismus. Wir sehen also, daß sich das Schicksal der deutschen Juden stark den: der übrigen deutschen M i t b ü r g e r äugen ä h e r t hat. Die großen Wandlungen unserer Wirtschaft haben diesen Prozeß verursacht. Dazu kommt aber noch ein anderes Moment von größter Tragweite. Wir stehen vor dem Problem des Geschicks unserer Wirtschastsepoche, auf das wir in diesen Blättern schon hingewiesen haben?) Seit Jahren beschäftigen sich Wirtschaftsführer, Wirtschafts- Politiker und Wirtschastsgelehrte mit der Frage der Zukunft des Kapitalismus. Auch bei diesen Debatten finden wir jüdische Männer in den verschiedensten Lagern. Während Jakob G o l d s ch m i d t in seiner großen Rede aus dem Bankiertag zu Köln erklärte: „Es wird in der Welt niemals weder eine kapitalistische noch eine sozialistische Gesellschaftsordnung in Reinkultur geben", fordert aus dem Gewerkschaftskongreß in Hamburg Fritz N a P h t a l i die Wirtschaftsdemokratie als den Weg zum Sozialismus. Zu gleicher Seit aber proklamiert S o m b a r t auf der Züricher Tagung des Vereins für Sozialpolitik das Ende des Kapitalismus, jener Gelehrte, der die Juden als Väter des Kapitalismus augesprochen hat. Wie man auch sich entscheiden mag, das Schicksal des Kapitalismus wird mitbestimmend sein für das Geschick der deutschen Juden. Denn schon jetzt zeigt sich, daß die starken Veränderungen der letzten Zeit auch die wirtschaftliche Lage der Juden verändert haben. Tie Konzentrationen im Bankwesen, die immer stärkere Ausschaltung des Großhandels verdrängen sie aus ihren Positionen. Viele Zusammenbrüche alter jüdischer Firmen, die wir erst jetzt erlebt, und über die wir hier berichtet haben, sprechen hierfür eine beredte Sprache. Hierzu kommen aber noch Momente, die außerhalb der wirtschaftlichen Sphäre liegen. Die völkische Bewegung, vor allem der Nationalsozialismus mit seinem judengegne- *) Vgl. den Artikel des Verfassers „Das Ende des Kapitalismus", „C.-V.-Ztg." Nr. 23 vom 7. Juni 1929. rischen aber auch ausgesprochen antikapitalistischem Programm, wird zu einer großen Gefahr für den jüdischen Wirtschastsmenschen. Die B o y k o t t b e st r e b u n g e n, mit denen die antisemitischen Hetzapostel besonders die Bewohner der Kleinstädte und die Landbevölkerung aufwiegeln, rauben vielen jüdischen Erwerbstätigen draußen im Lande ihre Existenz, wenn es nicht gelingt, ihnen rechtzeitig Einhalt zu gebieten. Sie zwingen diese Juden, in die Großstadt abzuwandern, und, bisher selbständige Menschen, abhängig zu werden. Die Riesenorganisationen schalten nicht nur Hunderte von Selbständigen aus dem Wirtschaftsleben aus, sie verdrängen auch die Juden aus ihren Werkstätten und Bureaus. Hier ist es der A s e m i t i s m u s, der für die deutschen Juden als Gefahr aufsteigt. Eine Bestrebung, die die Betriebe „judenrein" halten will, so daß in ihnen weder ein jüdischer Ingenieur oder Chemiker, noch eine jüdische Stenotypistin angestellt wird. Oft sind es auch die Arbeitnehmer, die vom Prinzipal die Entfernung des jüdischen Kollegen oder seine Fernhaltung vom Unternehmen verlangen. Was wirö aus öer Milchen Iilgenü! Probleme von schwerwiegender Bedeutung sind es also, die sich vor uns austürmen, Fragen, die vor allem das Schicksal der jüdischen Jugend angehen. Es wäre falsch, mutlos in die Zukunft zu blicken. Jüdischer Energie, jüdischem Fleiß und jüdischer Intelligenz ist es noch immer gelungen, besonders in schweren Zeiten neue Wege zu finden. wichtige Entscheidung im Kampf gegen den Wirtschaftsboykott. In Krefeld wurde ein rituelles Aufschnittgeschäft eröffnet und dieses in den dortigen Zeitungen bekanntgemacht. Ein antisemitischer Buchhändler brachte das Inserat in seinem Schaufenster zum Aushang unter Hinzusetzung von Bildern, die einen jüdisch aussehenden Schächter und einen katholischen Geistlichen darstellten, und fügte den Zusatz bei: „Wer beim Juden kauft, ist ein Landesverräters" Aus der Zeitungsanzeige hatte der Buchhändler den Namen der jüdischen Geschäftsinhaber, deren Wohnung und Telephonnummer vorher entfernt. Trotzdem hat das Landgericht in Krefeld in den Akten 20112/30 durch Urteil vom 5. Juni 1930 den Buchhändler verurteilt, bei Vermeidung von Geld- oder Haftstrafen die Geschäftseröffnung unter Hinzusetzung von Bildern oder Worten oder mit dem Zusatz: „Wer beim Juden kauft, ist ein Landesverräter" bekanntzugeben. Es gebe, so führt das Gericht aus, in Krefeld nur zwei rituelle Auffchnittgeschäfte, so daß die Annahme gerechtfertigt sei, daß der Leser der Anzeige ohne weiteres erkennen könne, um welches Geschäft es sich handele. Das Verhalten des Beklagten stelle einen Angriff auf die Ehre der jüdischen Geschäftsinhaber dar, verstoße aber auch außerdem gegen die guten Sitten. K. L. Aussprache im windthorst-Vund Der Windthorst-Bund Breslau hatte in einer Aussprache zu Anfang d. I. den Nationalsozialisten Gelegenheit gegeben, über die Ziele ihrer Bewegung zu sprechen. Um — aus Gründen seiner Neutralität — auch die Gegner des Nationalsozialismus zu Worte kommen zu lassen, folgte vor kurzem eine von den Vertretern der großen Parteien, des Windthorst- Bundes, des Jungdo, der NSDAP., der christlichen Gewerkschaften und des Centralvereins gut beschickte Veranstaltung, in der Bezirksverordneter Erwin Niffka (Berlin), Mitglied der Neichsleitung der Windthorst- Bünde, vom katholischen und christlichen, und Tausende werden sich mit dem Geschick absinden müssen, ihr Leben hindurch als Dienende tätig zu sein. Denn dem Drang zur Selbständigkeit, der dem Juden eigen ist, sind heute überall Schranken gesetzt: durch die Kapitalarmut und die Veränderungen in der Wirtschaft. Nicht jeder jüdische junge Mann wird heute zum freien Unternehmer aussteigen können. Deshalb mutz die Erziehung der jüdischen Jugend unter bewußter Einstellung ans die neue Gestaltung der Wirtschaft erfolgen. Es wird erforderlich sein, neue Betütigungsmöglichkeiten zu erspähen und durch eine geeignete Berufsberatung den Strom in bisher unbetretene Gebiete, vielleicht auch mehr aus das Handwerk und die Landwirtschaft abzulenken. Unter diesen veränderten Verhältnissen wird a u ch d e r j ü d i s ch e U n t e r n e h m e r mehr als bisher sich als der Verwalter einer öffentlichen Funktion, als der Leiter in der Volkswirtschaft fühlen müssen. Geht unsere Wirtschaft neue Wege — und viele Anzeichen deuten darauf hin —, dann werden sie dahin führen, wo es auch dem Aermsten möglich sein muß, mehr Anteil zu haben an den Gütern dieser Erde. So wie es die Propheten als die ersten Apostel sozialer Ideen forderten. In demselben Geiste, in dem Walther Rathenau, in dessen Seele der Führer eines Weltkonzerns mit dem Verkünder einer neuen Wirtschastsepoche miteinander rangen, erklärte: „Wir find nicht da um des Besitzes willen, nicht um der Macht willen; auch nicht um des Glückes willen, sondern wir sind da, zur Verklärung des Göttlichen aus menschlichem Geiste." Dr. med. Friedrich Brodnitz (Berlin), Hauptvorstandsmitglied des Centralvereins, vom deutsch-jüdischen Standpunkt aus den Antisemitismus und die nationalsozialistische Bewegung ablehnten. An beide mit großem Beifall aufgenommenen Referate schloß sich eine ausgedehnte Aussprache. Die „Breslauer Zeitung" und die „Schlesische Volkszeitung" berichteten über die Veranstaltung. Zu Führeraussprachen in ganz ähnlichem Sinne hatte kürzlich die Arbeitsgemeinschaft West des Provinzverbandes der Windthorst- Bünde Berlin-Brandenburg Dr. Hans Grundei und Bezirksverordneten Erwin Niffka als Vertreter der Windthorst-Bünde sowie die stellvertretenden Syndici des Centralvereins, Dr. Alfred Hirschberg und Dr. Hans Reichwann, als Redner gewonnen. Die Referenten äußerten sich grundsätzlich zu den Themen „Nationalsozialismus und Christentum" und „Nationalsozialismus und Judentum" und erörterten eingehend das Parteiprogramm der Nationalsozialisten. „Germania" und „Märkische Volkszeitung" würdigten die beiden Versammlungen in langen Berichten. -th- Den Gleiwitzer jüdischen Gefallenen! Das soeben vom R.j. F. errichtete Denkmal auf dem Gleiwitzer jüdischen Friedhof