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Central-Verein-Zeitung · 1930-07-04 · 27 (4.7.1930) · p. Seite 354

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
27 (4.7.1930)
Date
1930-07-04
Page
Seite 354 (sequence 2)
Language
German
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354 Ursprung 1835 Lebens-, Aussteuer- und Mitarbeiter gesucht. Ueberlegung zwingen, wie sich die wirtschaftliche Zukunft der Juden in Deutschland gestalten soll. Der UmschichtungsProzeß, der schon vor dem Kriege eingesetzt hat, wird durch diese Wandlungen in der Struktur unserer Wirtschaft in dem letzten Jahrzehnt aufs äußerste verschärft. Die Wirtschaftl i ch e A s s i m i l a t i o n d e r I u d e n i st stärker denn je geworden und damit auch ihre soziale Angleichung. Um diese Entwicklung zu verstehen, ist es nötig, Rückschau zu halten über die Jahre seit Beendigung des Krieges. Denn die Veränderungen in der deutschen Volkswirtschaft sind ja sehr stark durch den Krieg beeinflußt worden. Da das Geschick der deutschen Juden sie heute unlösbar mit ihrem deutschen Vaterlande verbunden hat, muß dessen Schicksal auch das ihre sein. Wenn Deutschland durch den Krieg große Teile seines Landes verloren hat und damit 10 Prozent seiner Bevölkerung einbüßte, so vermissen die Juden seitdem 12 Prozent ihrer Glaubensgenossen, besonders durch die Abtretung Posens, Westpreußens, wichtiger Teile Oberschlestens, vor allem aber auch durch den Verlust des Elsaß. Das verkleinerte Deutschland, dem man auch die Kolonien und die Handelsflotte nahm, seufzt unter den Lasten der Reparationsverpslichtungen. Dieses Menetekel des Krieges, das auch unsere Kinder und Enkel noch bedroht, wird für alle Deutschen, ganz gleich welchen Glaubens, zu einer drückenden Bürde, die natürlich der Wirtschaft ihren Stempel ausdrückt. Dazu kommen als weitere Erscheinungen des Krieges die hohen Aufwendungen für die Kriegsfolgen: für die Pensionen und Renten und auch die Zunehmende Komplizierung der Verwaltung. So kurz der Zeitraum im Weltgeschehen auch sein mag, der uns heute von jenen Tagen des Umsturzes trennt, so verschieden waren doch die wirtschaftlichen Strömungen, die ihn beherrschten. Denn die Jahre nach dem Kriege haben auch ideologische Wandlungen mehrfacher Art mit sich gebracht. Auch sie müssen betrachtet werden, 'wenn man die heutige Lage verstehen will. Unmittelbar nach der Revolution erscholl der Rus nach Sozialisierung. Die Volksbeauftragten sprachen zunächst davon, daß die Sozialisierung marschiere. Aber sie ist nicht marschiert. „Die deutsche Revolution hat nicht enteignet oder gar konfisziert. Sie hat nur ein paar wirtschaftliche Selbstverwaltungskörper organisiert, in denen die privatkapitalistischen Interessen unbehindert weiter regierten, allerdings gesalbt mit einem Tropfen sozialistischen Oels." (M. I. Bonn.) In der Sozialisierungskommission, in der auch jüdische Männer von großem Rus saßen, vor allem Walther Rathenau, Prüfte man dieses Problem, aber dabei blieb es. Die Inflation hat dann alle Bestrebungen nach Vergesellschaftung der Betriebe vernichtet. Im Gegenteil: sie wurde zu einer Zeit des uneingeschränkten Individualismus. Jetzt wollten die Privatunternehmer sich den Staat untertan machen, wollten die Staatsbetriebe in Privatunternehmungen verwandeln. Diese Zeit führte aber zur Entthronung des Mittelstandes. Sie raubte allen jenen Schichten, die ihm angehörten, dem Kaufmann, dem Handwerker und Gewerbetreibenden, ebenso wie dem Arzt, dem Rechtsanwalt, dem Ingenieur, dem Schriftsteller, wie dem Angestellten, die Kapitalien und die Ersparnisse. Diese Schreckenszeit hat den jüdischen M i t t e l st a n d besonders hart betroffen. Denn seine Angehörigen wurden der Existenzmittel beraubt, die sie zur Foctführung ihrer Betriebe gebrauchten. Die Deflation hat dann diese Entwicklung noch fortgeführt. Viele Unternehmer, die ihre Kraft in der Hochstimmung der Inflation überschätzt hatten, standen jetzt vor der Frage, ob sie ihr Werk noch aufrechterhalten sollten. Der Ruf nach der Hilfe des Staates erhob sich. Der Staat als Unternehmer trat noch schärfer als früher in die Erscheinung. Schon im Kriege hatte Deutschland dazu übergehen müssen, die Erzeugung wichtiger Produkte, die es bisher vom Ausland bezog, selbst vorzunehmen. Unter maßgeblicher Beteiligung jüdischer Männer der Industrie und der Wissenschaft hatte das Reich Stickstosfwerke, Aluminiumfabriken und Elektrizitütsunternehmungen gegründet. Durch die verschiedensten Beteiligungen, die aus der Staatshilse entstanden waren, hatte der Staat jetzt einen starken Einfluß aus die Wirtschaft gewonnen. Seine Position verstärkte er noch dadurch, daß er nach streng kapitalistischen Grundsätzen seine Betriebe meist in Form von eigenen Aktiengesellschaften zu verwalten begann. Ein kapitalistischer Sozialismus war entstanden. Juden hatten ihn mit ins Leben gerufen. Iu-en in allen Lagern -er Wirtschaft. Der Kapitalmangel, der sich in der gesamten Wirtschaft geltend machte, mußte zu einem starken U m st e l l u n g s p r o z e ß führen. Die Periode der Nationalisierung setzte ein. Neue Konzentrationen von stärkstem Ausmaß entstanden und sind noch im Werden. Riesengebilde der Wirtschaft türmen sich auf. Ueberall bilden sich neue Zusammenschlüsse: Kartelle und Konzerne. Eine amtliche Statistik zeigt aber, daß in denjenigen Industrien, in denen der jüdische Einfluß besonders stark ist, die Konzernierung weit weniger Platz gegriffen hat als dort, wo Juden kaum in der Verwaltung zu finden find. So stehen dem stark konzentrierten Bergbau oder der Farbenindustrie die weniger gebundene Textil¬ oder Bekleidungsindustrie gegenüber. Aber es wäre falsch, den jüdischen Unternehmer als kartellseindlich anzusprechen. Die Warenhäuser, 'in denen Juden noch heute eine große Rolle spielen, wenn auch hier ihr Einfluß zurückgeht, bieten ein deutliches Bild dafür, wie stark beute auch auf dem Gebiet des Handels die Zusammenschlußbewegung geworden ist. So finden wir Juden heute in allen Lagern der Wirtschaft. Diese Umstellung der Betriebe führt auch zu ihrer Um Organisation. Jnuner stärker wird die Ersetzung der menschlichen Kraft durch die der Maschine. Neben der Mechanisierung der geistigen geht die Vergeistigung der mechanischen Arbeit einher. Die Zahl der Arbeitnehmer wird immer größer, die der Selbständigen geht immer mehr Zurück. Zählte man 1882 noch 28 Prozent aller Erwerbstätigen zu den Selbständigen, so sind es 1925 nur noch 17,3 Prozent. lieber zwei Fünftel dieser Selbständigen entfallen auf die Landwirtschaft. Hierzu gehören auch die Bauern und die Siedler aus kleinster Parzelle, aber unter diesen Millionen finden sich nur wenige Juden. Sehr erheblich war die Z u - nähme der Selbständigen im Handel und Verkehr. Von der Berufszählung im Jahre 1907 bis zu der von 1925 vermehrten sie sich um 29,1 Prozent. Hierher werden wir auch Tausende von jüdischen Händlern zu rechnen haben. Wir dürfen uns aber nicht verhehlen, daß unter ihnen auch kleinste Existenzen stolz als „Selbständige" figurieren: Agenten und Vertreter, die nur ein Telephon und eine Schreibmaschine als einziges Requisit ihres Betriebes besitzen. Wenn sich die Schar jener Erwerbstätigen so stark vermehrt hat, so stark auch unter den Juden, dann ebenfalls unter den Nachwirkungen des Krieges, die viele Menschen zwangen, von neuem einen Beruf oder einen anderen Berus zu ergreifen. Ein neuer Mittelstand entsteht. 66 Prozent aller deutschen Erwerbstätigen gehören heute zu den A r b e i t n e h m e r n. M i t ihre n Angehörigen bilden jetzt die Arbeitnehmer im weitesten Sinne zwei Drittel der deutschen Bevölkerung. Während aber die Arbeiterschaft nur im Tempo der Gesamtbevölkerung wächst, erhöht sich der A n - teil der A n g e st e l l t e n s ch a s t immer stärker. Er betrug 1882 sechs Prozent, 1925 16.5 Prozent der Erwerbstätigen. Oder, um einen besseren Vergleich zu ermöglichen: setzt man die 1882 ermittelten Zahlen — 100, dann zeigt sich, daß die Zahl der Selbständigen von 1882 bis 1925 von 100 nur auf 116, die der Arbeiter von 100 auf 182, die der Angestellten aber von 100 aus 529 gestiegen ist! Unter diesen Angestellten, deren Zahl jetzt mehr als 3.5 Millionen betrügt, finden sich am meisten kaufmännische Angestellte. Stärker als der Anteil der männlichen ist der der weiblichen gewachsen. Aber unter ihnen finden wir auch heute Tausende von Angehörigen der ehemals freien Berufe, Tausende von angestellten Aerzten, Zahnärzten, Anwälten usw. Ein neuer Mittelstand entsteht. Diese gewaltige soziale Umschichtung, die das deutsche Volk erlebt, ist auch von größter Bedeutung für die deutschen Juden. Wir besitzen leider bisher noch keine genauen Zahlen, die uns erlauben, für die Schlußfolgerungen, die wir aus unseren Beobachtungen ziehen, den statistischen Beweis zu führen. Mit um so größerer Spannung sehen wir deshalb den Untersuchungen der Akademie für die Wissenschaft des Judentums, und besonders denen der Kommission für Statistik und Wirtschastskunde unter Führung des hervorragenden Statistikers Professor Heinrich Silbergleit, deren erster Band in Kürze erscheinen soll, entgegen. Erst diese Ermittlungen, die sich aus amtliches Material stützen, werden es uns ermöglichen, diese Behauptungen zu bestärken. Denn gewiß hat Julius H i r s ch recht, wenn er betont: „Der größte Teil der jüdischen Erwerbstätigen ist h e u t e sicherlich i n der Stellung des U n s e l b st ü n d i - gen", aber noch fehlen uns hierfür die positiven Beweise. Nach der Berufszählung von 1907 konnte Segall folgende Statistik über die B e r Zugehörigkeit der Juden Deuts ch l a n d aufstellen: Man zahlte 1895 1907 Selbständige 105 319 104 931 Angestellte 20 639 36 446 Arbeiter 56 857 52 954 Im Jahre 1907 war der Prozentsatz der Selbständigen bei den deutschen Juden noch doppelt so groß wie bei der G e s a m t b e v ö l k e r u n g. Die meisten Juden befanden sich im Handel. Dort zählte man damals im allgemeinen (Fortsetzung des Artikels Seite 356)

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