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Central-Verein-Zeitung · 1930-06-27 · 26 (27.6.1930) · p. Seite 346

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
26 (27.6.1930)
Date
1930-06-27
Page
Seite 346 (sequence 6)
Language
German
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346 Bayerische Tagessorgen. Münchener Lrief für die „C.V.-3eilung". W. L. München, im Juni 1930. Die Besorgnisse, die auf allen Deutschen wegen der noch immer unsicheren politischen Lage und vor allem wegen der immer noch ungelösten wirtschaftlichen und finanziellen Schwierigkeiten lasten, drücken selbstverständlich auch aus uns Bayern in gleichem Maße, ja vielleicht noch mehr, weil Zu den allgemeinen deutschen Sorgen noch sehr begründete bayerische Besorgnisse kommen. Zwei Umstände vor allem sind es, derentwegen die Lage in Bayern noch gespannter erscheint als im Reich, und die noch stärker aus eine baldige Lösung hindrängen. Schon vor etlichen Monaten hat der bayerische Staats ge richtshof einige Bestimmungen des bayerischen Landtagswahlgesetzes, insbesondere über die Wahl der sogenannten Landesabgeordneten, als verfassungswidrig erklärt, und seitdem beschäftigt die Oesfentlichkeit die Frage, wie lange der Landtag in seiner bisherigen Zusammensetzung noch Weiterarbeiten könne. Beachtenswerte Stimmen haben sich dafür ausgesprochen, daß er nur noch eine den Beanstandungen des Staatsgerichtshofes Rechnung tragende Aenderung des Landtagswahlgesetzes und die unaufschiebbare Verabschiedung des Staatshaushalts vornehmen, dann aber sich auflösen müsse. Landtagsauflösung, Neuwahlen, das bedeutet aber von neuem E r - schütterungdesPolitischenLebens und Beunruhigung des Volkes. Das wissen die Parteien, die Land und Volk nicht zur Ruhe kommen lassen, sondern am Feuer der politischen Leidenschaften ihre Parteisuppe kochen wollen, vor allem die Kommutt i st e n und die Nationalsozialisten. Nun rückt die Gefahr der Landtagsauflösung noch näher, weil unter den Parteien der bisherigen Koalition über die Deckung des Fehlbetrages im Staatshaushalt eine Einigung nicht zu erzielen ist, da der Bauernbund die unpopuläre Schlachtsteuer nicht nnt bewilligen will. Das Loch im Staatshaushalt muß aber unbedingt vor der Landtagsauflösung irgendwie gestopft werden. Und ob das ein bloß noch geschäftssührendes Kabinett, hinter dem nur noch eine Minderheit steht, zuwege bringt, ist nicht abzusehen. Die Nationalsozialisten drängen, wie erwähnt, auf eine möglichst baldige Landtagsauflösung. Sie glauben, daß ebenso wie in Sachsen und Thüringen auch ihnen Neuwahlen einen starken Machtzuwachs bringen würden, und bemühen sich, zu diesem Zweck die Taten der thüringischen Regierung als große Erfolge hinzustellen, und verheißen den Bayern ähnliche Beglückungen, wenn ihnen die Neuwahlen einen entsprechenden Stimmenzuwachs bringen. Ein großer Wahlerfolg könnte ja vielleicht dazu beitragen, die inneren Schwierigkeiten der Partei nochmals zu überwinden, nachdem die vor kurzem abgehaltene Besprechung die auseinanderstrebenden Richtungen und Führer nur künstlich wieder zusammenführen konnte. Das wird aber den Massen der Anhänger geschickt verheimlicht. Der General- Mitgliederversammlung in München wurde mit unleugbarem Geschick ein Bild stetigen unaufhaltsamen Wachsens der Partei vorgeführt, und vor allem hatte der geschickte Regie- Leiter dieser Veranstaltung einen glänzenden Schlager vorbereitet, den Erwerb eines neuen Parteiheims in München, das der Bad Wilduosen, Hotel KaiseM Schönste, ruhige Lage, mit jedem Komfort der Neuzeit. Volle Pension von M. 10,— bis M. 13,—. (Telephon Nr. 9). Parteigeschäftsstelle die Möglichkeit bieten sollte, den erhofften Mitgliederzuwachs bis z u r Zahl von einer Million zu bewältigen. Man braucht solche Großsprechereien nicht allzu tragisch zu nehmen, mag man auch hinter die Behauptung, daß die Partei jetzt schon eine Viertelmillion eingeschriebener und zahlender Mitglieder habe, ein Zweifelndes Fragezeichen setzen. Aber es wäre zwecklose Verkleinerung der Leistungen der Gegner, wenn man die Bedeutung dieses Planes der , Nationalsozialisten unterschätzen wollte. Einst vor der Auflösung der Partei nach dem Hitler-Putsch hatte sie ihre Geschäftsstelle in einer aufgelassenen obskuren Gastwirtschaft in einem ärmlichen Stadtviertel. Heute erwirbt die Partei ein adeliges Palais in einer der vornehmsten Straßen, der Stadt. Wenn der angekündigte Plan verwirklicht wird, dann werden sich die Massen der Braunhemden künftig nicht mehr nur vor dem Bürgerbräukeller und ähnlichen Lokalen, dann werden sie sich in der Brienner Straße und auf dem klastischen Königsplatz, der Lieblingsschöpfung König Ludwig I., versammeln, mit Trommeln und Pfeifen, mit Trutz- und Kampfliedern, mit Heilrufen und all dem lärmenden Zubehör nationalsozialistischer Kundgebungen. Ob die Besitzer der vornehmen Palais und Villen in diesen Straßen, die Fürstin Hohenlohe, die Prinzessin von L i ch t e n ft e i n, die Gräfin T ö r r i n g, über solche „Bereicherung" einer Straße erfreut sein werden, die trotz des allmählich eindringenden Geschäftslebens ihren vornehmen Charakter bisher bewahrt hat, mag man billig bezweifeln. Ganz besonders pikant erscheint es aber, daß Hitler für sein Parteiheim ein adeliges Palais gewählt hat, das u n - mittelbar gegenüber dem Gesandtschaftshotel des päpstlichen N u n t i u s l i e g t! Je nachdem es die taktischen Gesichtspunkte gebieten, gebärdet Adolf Hitler sich ja als treuer Sohn der katholischen Kirche. Zu anderen Zeiten aber spart er auch nicht mit Bosheiten gegen die katholischen Parteien, ja sogar die katholische Kirche selbst. Verschmäht es doch der „Völkische Beobachter" nicht, in einem Leitartikel über die oben erwähnten Finanz- und Koalitionsschwierigkeiten der bayerischen Regierung als Lösung der Deckungsfrage vorzuschlagen, das Defizit durch Gelbe Raucherzähne. „Ich benutze seit Jahren die Chlorodont-Zahnpaste und bin mit der Verwendung derselben sehr zufrieden. Trotzdem ich ein Kettenraucher bin, sind meine Zähne stets blendend weiß. Auch fehlt mir kein einziger Zahn, so daß ich behaupte, nur „Chlorodont" erhält meine Zähne gesund." H. Gronenberg, München. — Chlorodont: Zahnpaste 60 Pf. und 1 Mk., Zahnbürsten, Mundwasserl Mk.beihöchsterQualü *ät. In allen Chlorodont-Verlaufsstellen zu haben. Ab st r i ch von 20 Millionen an den Leistungen des bayerischen Staates für kirchliche Zwecke zu decken. Bei dieser Haltung liegt es nicht ganz fern anzunehmen, datz es den Nationalsozialisten besonderes Vergnügen macht, ihre lärmenden Massenaufmärsche vor dem Parteiheim sich gerade unter den Fenstern des päpstlichen Nuntius abspielen zu lasten. Ob allerdings nicht der Einspruch der geschädigten Nachbarn und die Baupolizei noch ein Wort zu dem Plan mitzureden haben, an das vornehme Palais, das jetzt die nationalsozialistische Geschäftsstelle aufnehmen soll, einen Zweitausend Personen fastenden Versammlungsraum anzubauen, bleibt abzuwarten. Nicht übersehen dürfen wir auch die großzügige Art, in der der Neichskassierer der Nationalsozialisten die Kostendeckung für diesen erhebliche Mittel erfordernden Plan aufzubringen gedenkt. Es wird einfach eine Zwangs-Sonder- Umlage von 2 Mark für jedes Mitglied ausgeschrieben, und da man fast eine Viertelmillron zahlender Mitglieder zu haben vorgibt, rechnet man also aus einen Eingang von über 400 000 Mark. Selbst, wenn nicht alle Mitglieder sich dieser Zwangsumlage willig fügen, ist doch bei der nicht zu leugnenden Opserwilligkeit gerade der mit schmalem Einkommen ausgestatteten Parteimitglieder wahrscheinlich, daß eine sechsstellige Zahl eingeht, mit der man die Anzahlung für den Hauskauf und einen Teil der Baukosten aufbringen kann. Und für den Rest wird es der Herr Reichsschatzrneister vielleicht nicht verschmähen, eine der Großbanken um Belehnung anzugehen, die man sonst so gern als „Hyänen der Zinsknechtschaft" und als „Judenbanken" verlästert. Für unsere Freunde sollte aber das Vertrauen in die Opferwilligkeit derMitglieder, das der Reichsschatzmeister Hitlers so stolz verkünden kann, ein Mahnruf und Ansporn sein, sich den weit geringeren Beitragsansorderungen, die wir an unsere Freunde und Mitglieder stellen, nicht zu verschlietzenk „Neutrale" Presse. Es nur nicht mit den Hakeukreuzlern verderben! Aus Ludwigshafen wird uns geschrieben: Wer Gelegenheit hatte, in den letzten Jahren die Haltung der sogenannten parteipolitisch neutralen Tageszeitungen in Deutschland zu verfolgen, dem wird der bedauerliche Umstand nicht entgangen sein, daß ein nicht unerheblicher Teil dieser Presse recht bedenkliche 'Neigung entwickelt, sich den Nationalsozialisten gefällig zu zeigen. Im „Völkischen Beobachter" existiert eine besondere Rubrik, in der die auffallendsten der mit dem Nationalsozialismus sympathisierenden Auslassungen und Berichterstattungen „neutraler" Zeitungen zitiert werden. Die Wirkung dieser Propaganda für den Nationalsozialismus ist stark; sie hat zu dem nationalsozialistischen Aufschwung der letzten Jahre Zweifellos erheblich beigetragen. Die Nationalsozialisten sind sich dieser Wirkung auch bewußt; sie suchen — wie man vom standhafteren Teil der fraglichen Zeitungsredaktionen immer wieder bestätigt bekommt — die Generalanzeiger-Presse mit allen erdenklichen Mitteln und leider mit Erfolg zu beeinflussen. Ein Musterbeispiel, wie weit diese Einflüsse da und dort schon gediehen sind, stellt die „Pfälzische Presse" in Kaiserslautern dar, ein in der Rheinpfalz stark verbreitetes, angeblich parteipolitisch neutrales Organ, das großen Wert darauf legt, in allen Bevölkerungsschichten gelesen zu werden und die jüdischen Geschäftsleute als Inserenten zu gewinnen. Diese Zeitung, die früher volksparteilichen Kreisen nahestand, hat ihre gesamte geistige und politische Haltung im Laufe der letzten Jahre so geändert, daß die „Pfälzische V o l k s z e i t u n g", ein maßvoll und vornehm redigiertes demokratisches Organ der Pfalz, sie nur mehr als „die halbnationalsozialistische Pfälzische Presse" zu bezeichnen pflegt. Bereits im Vorjahre, bei Gelegenheit der bayerischen Kommunalwahlen, erregte die Haltung dieses Blattes in weiten Kreisen der Leserschast unliebsames Aufsehen, als die großen pfälzischen Blätter sämtlich über den auch an dieser Stelle gewürdigten Fall des Nationalsozialisten Heinrich Förster berichteten und allein die „Pfälzische Presse" die Angelegenheit verschwieg; erst

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