Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 26 (27.6.1930)
- Date
- 1930-06-27
- Page
- Seite 342 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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342 Geschick hinweggerissen hat, ehe ihre Saat aufging. Walther R a t h e n a u und Gustav Stresemann werden fortleben als die Pioniere des Gedankens der Völkerverständigung, der sich durchsetzen mußte, sollten die Bajonette -er Fremden am Der nachfolgende Artikel, eine wertvolle psychologische Studie, ist angesichts des Ergebnisses der sächsischen Wahlen von besonders aktueller Bedeutung. Die Forderung des Verfassers, den Laus der Geschehnisse unserer Tage mit äußerster Aufmerksamkeit zu betrachten, wird durch den Hitler-Sieg in Sachsen zum Gebot für uns. Die S ch r i s t l e i t u n g. Es gehen zurzeit im parteipolitischen Leben des Deutschen Reiches Dinge vor sich, die die größte Aufmerksamkeit erheischen. Dabei sind die Vorgänge um so bedeutsamer, weil sie ein Spiegelbild des gesamten Lebens der Gegenwart bilden. Politik ist ja überhaupt heute keine Einzelerscheinung mehr, sondern infolge der unlösbaren vielfachen Verflechtung Einzellebens und Einzelerlebens mit dem Gesamtleben ist Politik der Ausdruck umfassender geistiger, wirtschaftlicher und auch seelischer Komplexe. Was also in der Politik sich zuträgt, ist nicht aus ihr heraus entstanden, sondern steht in engstem Zusammenhang mit viel weiter greifenden Erscheinungen. Man glaubt immer noch gern, auch weil es bequem ist, daß mit dem Wechsel der Staatsform der revolutionäre Vorgang sich erledigt habe. Dabei ist das, was sich am 9. November 1918 und anschließend zugetragen hat, nur der äußere Beginn einer viel gewaltigeren Umwälzung. Ob man diese Dinge begrüßen soll oder nicht, steht hier nicht zur Debatte. Wir haben uns mit der Tatsache abzufinden. Die Geschichte lehrt, daß Revolutionen ihre geistige Vorentwicklung haben, daß ihr erstes deutliches Erkennbarwerden der Angriff gegen die Staatsautorität ist, und daß dann erst die eigentliche Um¬ oder Neuformung des geistigen und wirtschaftlichen Lebens angeht. So haben wir es bei der französischen Revolution gesehen, so scheint es in Rußland zu sein, und ähnliches dürfte auch bei uns Vorgehen. Auch die politischen Parteien haben sich nach der Staatsumwälzung ziemlich unverändert gehalten. Einige haben ihre Namen gewechselt, sie haben ihre Einstellung zum Staatsbegriff den veränderten Verhältnissen angepaßt; im großen und ganzen aber blieb alles beim alten. Nun aber hat feit 1918 die große Umformung unseres Wirtschaftslebens begonnen. Da Wirtschaft eine Angelegenheit ist, die jeden einzelnen aufs tiefste berührt, hat diese Umformung stärksten Eindruck auf die geistige und seelische Struktur der Menschen notwendigerweise im Gefolge. Ohne in diesem Zusammenhang' aus die wirtschaftliche Umwälzung näher eingehen zu können, sei ihr Grundgedanke dahin präzisiert: Ausschaltung des Individuums als des selbständigen Trägers eines Wirtschaftsgebildes, Zusammenballung der wirtschaftlichen Kräfte, die nunmehr die Wirtschaft tragen. Daraus resultieren tiefgehende/zurzeit vielleicht unüberbrückbare Gegensätze zwischen denen, die als bisherige Träger der Wirtschaft ausschieden, und denen, auf die die Macht übergegangen ist. Die bürgerlichen politischen Parteien — diese Umformung geht ja nahezu ausschließlich das Bürgertum an — vereinigten aber bisher die, die jetzt auseinandergerissen werden. Hier ist der Liefere Grund zu suchen für.die großen Schwierigkeiten, mit denen die alten politischen Par¬ Rhein verschwinden. Wie Mose haben sie nur vom hohen Berge hernieder einen Blick in das Land der Verheißung tun dürfen. Beide sind als Opfer auf dem Wege in dies Land gefallen. Ihr Werk aber ist unvergänglich. Die rückhaltlose teien zu kämpfen haben. Diese Schwierigkeiten bestehen fast restlos darin, daß sie sich bemühen müssen, eine gemeinsame Plattform zu finden für Elemente, die bisher auf derselben Grundlinie gestanden haben, die aber jetzt Welten voneinander scheiden. Hinzukommt nun ein weiteres, aus derselben Wurzel Herrührendes: Die Jugend wird von dieser Umwälzung am stärksten betroffen. Zukunftshoffnungen, die bisher die Kraft der Jugend ausgemacht haben, sind zunichte geworden. Für sie erst recht verlangt die Entwicklung auch eine geistige und seelische Umstellung, ein Hinarbeiten und Hinstreben auf ganz neue Ziele. Solange sie diese Umstellung aber nicht vollzogen hat, muß sie um ihre Zukunft bangen. Sie wird unsicher, verzweifelt, enttäuscht wind gibt die Schuld den Aelteren, die sie ilin ihre Zukunft betrogen haben sollen und die doch selbst von dieser Entwicklung überrannt sind und ebensosehr unter ihr leiden. So erklärt sich auch, daß die alten politischen Parteien die ungeheure Mühe haben, die Jugend überhaupt noch zu sich heranzuziehen. Unter dem Motto: Wahlrechtsr e f o r m, S t e u e r n o t, Stärkung der Staatsgewalt und ähnlichen S ch l a g w ö r t e r n sucht man heute die alten Parteien umzugestalten und neue Parteien zu gründen. Damit ergreift man nur Symptome. Der wahre und tiefe Grund aller Unzufriedenheit scheint aber darin zu liegen, daß die Welt sich geändert hat und daß es den Ausdrucksformen unseres politischen Lebens noch nicht gelungen ist, sich aus diese veränderte Welt einzustellen. So pathetisch es klingt, es sei dies mit aller Deutlichkeit ausgesprochen, weil man es wissen mutz, um die Dinge richtig zu begreifen und um sie mit der ungeheuren Aufmerksamkeit zu verfolgen, die sie verdienen. Geht man von dieser Erkenntnis aus, so wird man alsbald feststellen müssen, daß auch nahezu alle Parteineugründungen, die uns die letzten Jahre bis in die letzten Monate hinein beschert haben, aus demselben Gedanken herstammen. Nationalsozialismus, Wirtschaftspartei, die Mahraunsche Gründung der Volksnationalen Vereinigung, die Volkskonservative Partei, sie alle werden getragen von dem Kampf des entmachteten Individuums gegen den zur Macht gelangten Kollektivismus, der mit dem Schlagwort fälschlich auch als Kapitalismus bezeichnet wird. Alle diese Parteien — vielleicht mit einiger, nicht mit vollkommener Ausnahme der Volkskonservativen Partei — rekrutieren sich aus denselben Menschenmassen, nämlich aus denen, die durch die Wirtschaftsumformung aus ihrer Bahn geworfen sind. Bei den Nationalsozialisten und den Volksnationalen redet die Jugend ein entscheidendes Wort mit, und deutlich ist in ihrer Stimme die Unzufriedenheit, die Enttäuschung und die Verzweiflung über das zu hören, was ihr, wie eben geschildert, entrissen zu sein scheint. Daß viel Pathos, viel Unklarheit in den Bestrebungen dieser Parteien liegt, ist nicht verwunderlich. Kümpfen sie doch gegen eine Entwicklung, die noch nicht abgeschlossen ist und deren Weg noch nicht endgültig beschrieben werden kann. Auch muß die Ohubewundern.de Anerkennung, die ihnen heute noch Verblendung und Kurzsichtigkeit parteipolitischer Gegner versagt, die Zukunft wird sie ihnen in reicher Fülle schenken. Heil dem Volke, dem solche Kämpfer dienen! macht gegen eine Entwicklung, die,, nicht gehemmt werden kann, häufig mit schönen Worten vertuscht werden. Wie stehen 'wir Juden 3 u diesen Dingen? Zunächst mühen wir erkennen, was wir ja auch leider reichlich schon fühlen, daß wir wieder die Opfer dieser Zeit sind, und zwar in doppelter Hinsicht: einmal ergreift eine Entwicklung, die so stark wie die jetzige das Bürgertum beeinflußt hat, uns, die wir wesentlich zu dieser Schicht gehören, ganz außerordentlich. Die Zahl der Elemente unter uns, die durch die wirtschaftliche Umformung aus ihrer Bahn geworfen sind, wird aller Voraussicht nach prozentual größer sein als bei den andern; denn nur ganz wenige von uns erfreuen sich des Genusses der zusammengeballten Wirtschaftskraft. Zum andern tragen wir aber natürlich — nach Meinung der Gegner — wie immer die Schuld am Umglück der Zeit. Obwohl wir selbst ungemein unter ihr leiden, werden wir noch, weil es einfach, bequem und beliebt ist, für das Unglück verantwortlich gemacht. Daher der starke antisemitische Einschlag in der parteipolitischen Neubildung, der sich natürlich am krassesten im Nationalsozialismus auswirkt. Von den beiden Neugründungen der letzten Zeit hat, so weit zu erkennen ist, nur die Volksnationale Vereinigung zur Judenfrage Stellung genommen, indem ihr Führer Mahraun auf der Gründungstagung in Kassel erklärt hat: Wenn auch der Jungdeutsche Orden, der Veranlasser der Gründung, nach wie vor zu seinem völkischen Grundgedanken stehe, so nehme die Volksnationale Vereinigung jeden, auch den Juden auf, wenn er sich nur zu ihren Ideen bekenne. Es sei ein Zeichen starken Minderwertigkeitskomplexes, wenn eine Gemeinschaft sich dadurch degradiert fühle, daß Juden zu ihr gehörten. Bei dem starken Einfluß, den Mahraun unter seiner Anhängerschaft hat, ist anzunehmen, daß man seine Weisungen beachtet. Eines muß bedenklich stimmen. Der Gedanke der christlichen Staatsauffassung wird fast überall mit allem Nachdruck propagiert. Wenn es auch durchaus verständlich ist, daß Träger der Arbeit in einem Staate, der zu 99 Prozent aus Christen besteht, den Standpunkt des Christentums betonen, so können doch vielleicht auf die Dauer Zweifel bestehen, ob denen, die zwar die gleiche Auffassung vom Staat und von ihren Pflichten zu ihm Haben, aber sich nicht zum christlichen Gedanken bekennen, die Mitarbeit nicht erschwert oder gar unmöglich gemacht wird. Wenn Selbstverständliches so stark unterstrichen wird, so muß man Verdacht schöpfen und besorgt werden. Parteipolitischer Bildwechsel — Zeitenwende! Ungeheueres spielt sich vor unseren Augen ab. Es ist nicht leicht, in einer Zeit zu leben, die so gärt. Die Probleme überstürzen sich. Der Blick wird leicht getrübt. Man sieht nur äußere Anzeichen und erkennt nicht den tiefen Grund des Werdens und Geschehens. Aber .man muß sich bemühen, die Dinge richtig zu erfassen. Vielmehr, als sie zu beobachten und den Ablauf der Entwicklung abzuwarten, bleibt dann nicht übrig in einer Periode, in der alles noch in Fluß ist. Zumal wir Juden, die, wie gezeigt wurde, in einem doppelten Feuer stehen, sollten mit äußerster Aufmerksamkeit den Lauf der Geschehnisse verfolgen, um, soweit unsere Kräfte es erlauben, Gefahren abzuwenden, wo sie uns drohen, und mitzuarbeiten, wo es uns möglich ist und richtig erscheint. 4-olttifchev Wildwechsel. Bon Rechtsanwalt Ir. Kurt Alexander Mefeldt.