Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 26 (27.6.1930)
- Date
- 1930-06-27
- Page
- Seite 343 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Die grundlegende Bedeutung der Snchsentinlilen. Von Dl Alfred Wiener. Zurzeit 23. Juni. I. Hebet das Ergebnis der Sachsen wählen am letzten Sonntag hat die Presse im ganzen Reiche berichtet: Die Nationalsozialisten haben ihre Stimmenzahl fast verdreifacht; ihre Mandatszahl ist von 5 auf 14 gestiegen. Deutschnationale haben 3, Deutsche Volkspartei gar 5 Sitze verloren. Die Wirtschaftspartei hat bei einem Verluste von knapp 30 000 Stimmen statt 11 10 Sitze im Landtag erhalten. Die Sozialdemokraten und Kommunisten haben ihren Besitzstand gut behauptet. Die Sozialdemokraten haben rund 50 000 Stimmen (jetzt 32 Sitze gegen 33) eingebüßt, die Kommunisten 10 00O gewonnen (13 Sitze gegen 12). Die Mahraunsche Volksnationale Reichsvereinigung errang im ersten Anlauf fast 40-OOO Stimmen und 2 Sitze. Der „Marxismus", das Kampfziel der bürgerlichen Parteien und der „unbedingt niederzuzwingende Todfeind" der Hitler-Partei, steht demnach unangetastet, wenn auch nicht verstärkt. Folge also: der Nationalsozialismus hat sich seine Wählermassen aus den Rechtsparteien geholt und hat bewiesen, daß er, in Sachsen wenigstens, gar nicht die Fähigkeiten hatte, die Arbeiterschaft entscheidend zu beeinflussen. Er hat die bürgerlichen Parteien zersetzt und Angehörige des Mittelstandes — welche bittere Wahrheit aus einem deutschnationa len Flugblatt! — „einem verkappten, mit dem Worte national verbrämten Marxismus" nahegebracht. Wer die Teilnehmer der großen Hitler-Versammlung im Dresdener Zirkus Sarasani (Eintrittspreise 0,30 bis 3 Mark) genau beobachtete, konnte unschwer die Besucherinnen der vielen Kaffeekränzchen in den Dresdener Konditoreien, die Kaufleute und Rentiers, die höheren Beamten, den Studenten mit seinen Familienangehörigen, vereinzelt auch den Angestellten erkennen. „Der Mann der schwieligen Faust" zierte nur die nationalsozialistischen Flugblätter. Er pflegt ja auch nicht im Privatautomobil, die in stattlicher Zahl unweit des Zirkus parkten, zu Versammlungen zu fahren. Für unsere Bestrebungen ist es von Wert zu wissen, daß die Nationalsozialisten in ihrer Agitation den programmäßigen Antisemitismus fast ganz einrosten ließen. Die „große staatspolitische Linie", der Komps für wahren Sozialismus, gegen Marxismus und Republik, sollte ersichtlich nicht durch zu groben Antisemitismus verrückt, die neu zu werbenden Anhänger wohl auch nicht durch die antijüdischen Haßpredigten der Schule Streicher und Straffer kopfscheu gemacht werden. Deshalb also die Versammlungen frei von Judenhaß! „Angriff", „Nationalsozialist", „Stürmer", „Völkischer Beobachter", die ja kaum in des Wählers Hände kommen, sorgen schon dafür, daß der Artikel „Judenhaß" im nationalsozialistischen Lager reichlich und in guter Qualität vorhanden ist. II. Wenn heute behauptet wird, daß die bürgerlichen Parteien, vor allem Deutschnationale und Deutsche Volkspartei, den Nationalsozialismus hätten gewähren lassen und ihm in wohlwollender Neutralität begegnet seien, so ist das u n w a h r. Die Deutschnationalen haben in Wort und Schrift, besonders in einem in Chemnitz gedruckten Flugblatt, den Hitler-Jüngern recht deutliche Wahrheiten gesagt, haben den Wählern aus nationalsozialistischen Wirtschafts- Programmen und aus nationalsozialistischer Praxis den Widersinn und die Gefahr des nationalen Sozialismus ausführlich und überzeugend vorgeführt. Auch die Volkspartei hat es an nichts fehlen lassen. In Anschlägen und Anzeigen hat der Abgeordnete Dr. Rudolf Schneider mit den Nationalsozialisten kräftiges Deutsch geredet, und auch sonst hat die Volkspartei um ihretwillen sich scharf gegen die Hitler-Partei gewendet. Nur das ei>ne und Entscheidende: die Presse i st nicht mitgegange n. Der „Kampf gegen ein rotes Sachsen" hat viele Schriftleiter anscheinend farbenblind gemacht. Wie hätten sie sonst das strahlende Rot der Hakenkreuzfahne übersehen können? Schon die einflußreichen „Leipziger Neuesten Nachrichten" begönnerten die Hitler-Jünger. Der „Dresdener Anzeiger", der der Volkspartei nahestehen soll, handelte brav nach dein alten Sprichwort vom Waschen, bei dem die Hände naß zu machen unratsam: ist. Die Chemnitzer Presse („Allgemeine Zeitung", „Chemnitzer Neueste Nachrichten", „Chemnitzer Tageblatt") half nolens volens Hitler schon dadurch in den Sattel, daß über alle wichtigeren Hitler-Versammlungen ausführlich an den besten Stellen der Blätter und in blühender Sprache berichtet wurde. So hielten es auch viele Zeitungen in den Klein- und Mittelstädten und waren so die brauchbarsten und billigsten nationalsozialistischen Wahlhelfer. Das Münchener Leiborgan der Partei hatte dann nur nötig, ein halbes Dutzend Stimmen sogenannter bürgerlicher Zeitungen aus Sachsen nachzudrucken, um „Hitlers Siegeszug" zu beweisen. Wird alle die freiwilligen und unfreiwilligen Helfer des großen Trounnlers das zertrümmerte Porzellan im sächsischen Wahlladen nicht endlich stutzig machen? III. Die Ursachen des nationalsozialistischen Aufstiegs in Sachsen — und damit im wesentlichen in Deutschland überhaupt — klarlegen, bedeutete eine umfangreiche Arbeit, die im Augenblick hier nicht ausgeführt werden kann. Nur das eine: Die Nationalsozialisten sind glänzende Strategen, sind fleißige, fleißigste Politiker. Sie beginnen ihren W a h l k a m p f nicht vier Wochen vor d e m Wahlta g. Landauf und landab überzogen und überziehen sie Sachsen, nicht minder als das Reich sonst, täglich mit ihren Versammlungen. Der Staatsbürger von heute ist ein anderer als der von 1910. Die wirtschaftliche Not hat das aufkommende Politische Interesse entscheidend belebt. Die politischen Parteien sollen Rede und Antwort über die brennenden Tagesfragen stehen. Die blinde Gläubigkeit den Parlamenten gegenüber ist zerronnen. Diese Tatsachen werten die Nationalsozialisten geschickt für sich aus. S i e a l l e i n geben im wesentlichen den Wählermassen die Antwort. Die meisten der anderen Parteien haben das Deutschland von 1910 kaum hinter sich gelassen. Sie sollten den Nationalsozialisten dies Alleinrecht auf den politischen Markt streitig machen. Sie sollten von nationalsozialistischer Versammlungs- und Plakattechnik manches lernen. Sie sollten bei aller grundsätzlichen Gegnerschaft die aufopfernde Redetätigkeit der nationalsozialistischen Abgeordneten anerkennen und — nachahmen. Sie sollten aber auch endlich dafür sorgen, daß die ihnen nahestehende Presse nicht fortgesetzt der NSDAP. Zutreiberdienste leistet, die das frische Grab eines Stresemann so widerlich — der „Nachruf" im Jngolstädter „Donauboten" sollte öffentlich angeschlagen werden! — beschmutzen ließ, deren Abgeordnete und Anhänger in wüsten Angriffen vor des Reichspräsidenten verehrter Greisengestalt nicht haltmachen. Gesamtergebnis für den Zreistaat Sachsen Reichstagswahl Mai 1928 Landtagswahl Mai 1929 Landtagswahl 22. 6. 1930 Zunahme gegen 1929 Abnahme gegen 1929 Mandate Verlust (+) Gewinn (—) NSDAP. . * e . 133 958 376 958 242 766 — 11 + 9 Deutschnationale .. 218 319 124 300 — 94 009 5 — 3 Christlich-Sozialer Volksdienst . . ... — — 57 408 — — 2 — Deutsche Volkspartei . . . , . 363 382 227 319 — 136 063 8 — 5 Wirtschaftspartei und Zentrum . . . . s , 255 571 330 344 . 276 702 — £3 642 10*) — 1 Volksnationale Reichsvereinigung . . * , — — 39 351 — — 2 — Demokraten. 115 289 83 671 — 31 618 3 — 1 SPD. . .. 922 932 871 327 — 51 605 32 — 1 Kommunisten. . . . . 381568 345 530 355 552 10 022 — 13 + 1 *) Nur Mandate der Wirtschaftspartei.