Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 25 (20.6.1930)
- Date
- 1930-06-20
- Page
- Seite 335 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2277379-2277676-2277701--06089-2286885- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
MltM MWVVMLM? Von Dr. Olga Bloch. Die Bezeichnung Judenporzellan für Erzeugnisse der Berliner Porzellanmanusaktur in sriderizinnischer Zeit hat sich allgemein eingebürgert und sich so weit verbreitet, daß es besondere Mühe verlohnt, diesem für die - Geschichte der Berliner Juden interessanten Kapitel eingehendere Beachtung zu schenken. Nach dem Siebenjährigen Kriege war ein langgehegter Wunsch Friedrichs des Großen in Erfüllung gegangen: es war zur Gründung einer Porzellansabrik in Preußen gekommen, und der König wurde zum eifrigen Förderer des jungen Unternehmens. Im Gegensatz zu anderen keramischen Betrieben der Zeit war die Berliner Manufaktur nicht aus einer fürstlichen Laune heraus entstanden, um dem Ansehen eines absolutistischen Herrschers Genüge zu tun, sondern ihre Gründung entsprach ganz und gar der merkantilistischen Einstellung des Königs'. Zur Hebung der einheimischen Porzellanindustrie wurde nun also auch jene bekannte Verordnung erlassen, auf Grund der kein Jude die Heiratserlaubnis erhielt, bevor er nicht ein Service gekauft hatte, dessen Wert nach seinem Vermögen bestimmt wurde. So kommt es, daß man heutzutage in vielen alten Berliner Familien Zahlreiche Porzellane findet, die mit dem Namen Judenporzellan bezeichnet zu werden pflegen. Auf Grund des 'Namens ist man natürlich geneigt anzunehmen, daß es sich dabei um spezielle Leistungen der Berliner Manufaktur handelt, die für den Haushalt der Juden bestimmt waren. Geht man den Dingen jedoch mehr auf den Grund, so mutz man fast seststellen, datz es sich um Keramiken handelt, die sich von den Erzeugnissen anderer bürgerlicher Haushaltungen der damaligen Zeit nicht unterscheiden. In Frage kommen für einen Vergleich nur Erzeugnisse, die in den Jahren 1769 bis 1787 entstanden sind; denn jene Verordnung Friedrichs des Großen wurde von seinem Nachfolger und Neffen Friedrich Wilhelm II. bekanntlich bald nach des Großen Königs Tode wieder aufgehoben. Man hat zur näheren Charakteristik der sogenannten Judenporzellane gesagt, daß die dazu verwandte keramische Masse nicht von der Feinheit und Ausgeglichenheit in der Glasur wäre, daß man wohl eine eigens dafür hergestellte Mischung der Erde verwandt hätte. Dies scheint mir aus verschiedenen Gründen nicht einleuchtend. Die Berliner Porzellanmanufaktur hat wie selten ein keramischer Betrieb des 18. Jahrhunderts über alle Bestellungen und Unternehmungen, seien sie nun technischer oder sachlicher Natur, Buch geführt; ihre Akten vermögen uns heute in vorbildlichster Weise Aufschluß zu geben über Dinge aller Art. Zahlreiche Rezepte für die Herstellung von Porzellanen sind uns erhalten: t über spezielle Herstellungsverfahren für jüdische Keramik ist weder in den Bestellbüchern noch in den Manufakturakten etwas - zu ermitteln. Auch Friedrichs des Großen sogenannte Sesfionsbücher enthalten nichts, was einen Anhaltspunkt für die Annahme geben könnte. Es war der Leiter der Berliner Manufaktur, Kolbe, der eine Geschichte des Betriebes während der ersten hundert Jahre des Bestehens geschrieben hat (Kolbe: „Geschichte der Berliner Porzellanmanufaktur",1885). Dort heißt es auf Seite 149: „An dieser Stelle dürfte auch des eigentümlichen Rechts der Manufaktur zu erwähnen sein, vermöge dessen die Juden genötigt waren, ein gewisses Quantum Porzellan gegen bare Zahlung zu entnehmen und solches im Ausland 335 abzusetzen. Es beruhte dies auf eiuem königlichen Befehl vom Jahre 1769, welcher indes nicht zu ermitteln ist." Betrachtet man nun rein kuustgefchichtlich die Gegenstände, die noch in mancher Berliner jüdischen Familie aus der frideriziani- 'ft--* -i ”, V/jiW: schen Zeit erhalten sind, so muß man feststellen, daß Unterschiede sachlicher Natur sich eben durch Dinge äußerer Natur erklären lasten: wer damals in der Lage war, sich für eine große Geldsumme ein Service zu bestellen wie die Taselserviees Friedrichs II., mit denen er seine zahlreichen Schlösser so zahlreich ausstattete, daß man mit Recht gesagt hat, die friderizianischen Schlösser seien die ersten Kunstgewerbeschulen Preußens gewesen, der konnte erwarten, daß auch seine Teller, Schüsseln und Platten jene wunderschöne Bemalung, Eleganz und Form zeigten, die wir heute an den Leistungen Alt-Berlins so bewundern. Wer über wenig Kapital verfügte, konnte eben nur Tasten und Teller beziehen mit jenem spärlichen Dekor, der ein wenig kleinbürgerlich anmutet und von den bedeutenden Arbeiten der friderizianischen Zeit allzuweit entfernt ist. Es scheint mir also der Schwerpunkt im Kapitel „Judenporzellan" darauf zu liegen, daß Friedrich der Große die Berliner Juden überhaupt dazu gezwungen hat, Abnehmer der Manufakturerzeugniste zu sein, viel weniger scheint mir, daß Grund vorhanden ist zu der Annahme, man habe diese Porzellane nun weniger dekorativ ausgestattet. Vielleicht könnte man diese Ausführungen noch durch einen kleinen Rückblick vervoll- Rauch’ "VsORfE zur Arbeit — zur Erholung Sl6 ist’S, die Dich beruhigt, die Dich erheitert.