Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 25 (20.6.1930)
- Date
- 1930-06-20
- Page
- Seite 334 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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334 Friedrich Gundolf. Zu seinem. SO. Geburtstag am 20. Juni / Von Leo Hirsch Dein „größten deutschen Dichter der Gegenwart", Stefan George, stand Gundolf in seinen Anfängen sehr nahe. George ist von höchst aristokratischem Wesen, hat sich nie ins „Volk" gemischt und nie sich „gemein gemacht". Gundolf, als Jude, als Universitütsprosesfor, ist mehr eure agorale Natur, Zugleich aber Aristokrat und vielfach von den gleichen Lebensantrieben erfüllt wie George. Es scheint natürlich, daß Gundolf Georges Mittler und Künder wurde, obwohl ihm nichts ferner sein mag als lärmendes Werben mit der Trommel. Zeugen, Bekennen und Deuten aber ist Gundolss Sache so sehr, daß George vielfach durch Gundolss Augen gesehen erst groß und schön erscheint. Eine solche Meinung, zumal von einer Stelle ausgesprochen, welche der brennenden Lebensnähe der mehr straßenhasten Dichtung von Billons bis Kipling, von Heine bis Liliencron inniger verbunden ist als den entrückten Mysterien Georges, mag ketzerhaft wirken. Doch mutz einmal, und dann heute, gesagt werden, datz Gundolf für das Phänomen George fast so viel getan hat wie Mohammed für Allah. Vielleicht wäre Mohammed ohne Allah nicht gewesen. Was aber wäre Allah ohne Mohammed? Ueberdies, Gundolf hat wie Ernst Bertram nicht bloß über Stefan George geschrieben. Er wird seiner Bücher über Caesar, Shakespeare, Hölderlin halber in den Journalen der Literarhistorie als Literarhistoriker geführt und ist hier ein Führer. Die Literaturgeschichte dankt Gundolf ihre Enthebung aus dem rein Philologischen. Die Wissenschaften, also auch die Literaturwissenschaft, sind geistiges Handwerk, Ernpirik, während Kunst, Philosophie und Religion das große Ganze, die Welt aus dem Geiste noch einmal erschaffen. Gundolss Bedeutung ist nun, datz er die Literarhistorie aus empirischer Wissenschaftlichkeit ins allgemeine, aus der Philologie Zur großen ganzen Lebensgültigkeit emportrug. In seinem Kreise hält man George für einen Vollender Nietzschescher Prinzipien. Wir würden das in einer Richtung für Gundolf gelten lassen. Das Vortrotzende, Anstürmende, das Maskenhafte, Tausendstimmige, das Fordernde und Erzieherische von Nietzsche abgerechnet, bliebe ein Charakter der Betrachtung mit Herz und Vernunft, ins Tiefe und Weite deutend, eine akribe Weltseele, deren Bestes Gundolf teilt. Seine Art ist es, von vorn anzufangen und das Gegebene ins Harmonische umzusinnen. An sein Blut und seine Herkunft darf man auch hier denken: Gundolf schrieb über Hölderlin — wie Gustav Landauer. Die ergreifendsten Deutungen des Volksgeistes, des deutschen Geistes gaben Gundolf und Landauer: eines umfassenden Gesamtgeistes, der in hohen Volkszeiten dem ganzen Volke innewohnt, in wirren Phasen des Niedergangs in die genialen Einzelnen sich flüchtet, in denen allein dann das Volk verkörpert ist. Die Nennung Landauers ist nicht Zufällig oder willkürlich. Gundolf, der Aristokrat, ist konservativ —- wie Nietzsche konservativ war, Goethe, Shakespeare: in Erkenntnis der menschlichen Natur und des „göttlichen" Sinns in der Weltordnung. Landauer ist revolutionär — nue Nietzsche revolutionär war, Goethe, Shakespeare: in Einsicht der göttlichen Natur des Menschengeistes und der menschlichen Würde im Kampf um das bessere Leben. Ueber Goethe, Shakespeare, Hölderlin schrieben Gundolf wie Landauer ihre besten Essays. Gundolf aber schrieb über Caesar, während Landauer in Brutus sich selbst sah. An derart hohen Symbolen und großen Anlässen wird die Alltags-Fragestellung ob konservativ oder revolutionär usw. klein, arm und überflüssig . . . Gundolf wird jetzt fünfzig Jahre alt. Landauer, den man erschlug, wäre im Mai sechzig geworden. Gundolf hat, obwohl er in Heidelberg doziert und berühmt gut liest, immer ver- Und weint der ftfeine Bruder, Kommt £ottcfiengfeicft und sprießt: Kommt /Cottcften gfeieft und sprießt: Nimm Kaiser-Dorax-pudei*, Momo,dann weint er nießt. halten und aus dem Hintergründe gelebt und gewirkt. Er wird sich auch jetzt wenig feiern lassen. Uns aber mag erlaubt sein, über viele Schranken hinweg heute diesem Manne zu danken, der eine beispielmätzige Erscheinung im deutschen Schrifttum ist. Er hat in einer verworrenen, verkrampften Zeit Einheit, Eigenart, Stil, Gediegenheit, Maß und Würde bewahrt'. Zum Tode Adolf von Harnacks Von Ludwig Feuchtwanger, Im Sommersemester 1906 besuchte ich die Frühvorlesungen Harnacks an der Berliner Universität: „Einführung in die Evangelien". In präzisen, scharf formulierten Sätzen legte der große Gelehrte am Schluß jeder Vortragsstunde das Ergebnis nieder; am Leitfaden des so entstandenen Vorlesungshefts las ich das Neue Testament noch viele Jahre. Der eulenartige Kopf mit den Zurückgebürsteten grauen Haaren, die Brille auf der scharfen Hakennase, die baltische Sprechweise mit dem gaumigen, etwas verschleierten Tonfall: Das Ganze und das Einzelne jeder Bewegung in diesen prachtvollen Vorlesungen steht unvergeßlich vor mir. Das unbefangene, tiefere Eindringen in die christliche Lehre und in ihre Entstehung aus dem jüdischen Mutterboden hatte aus den jungen jüdischen Studenten, dem die Fragen der eigenen religiösen Praxis aus den Nageln brannten, die mächtigste Wirkung. Seit dieser Zeit habe ich mich von religionsgeschichtlichen Spezialstudien nie ganz losgelöst, trotz allen Brotstudiums und der täglichen Berufsarbeit. Harnack als erster Anreger und Lehrer in diesen Dingen war deshalb so wichtig, weil man unter seiner Führung ein absolut zuverlässiges, in den Methoden philologisly-kritisches, in den Ergebnissen streng rationales, unromantisches Fundament bekam. Harnack war Textkritiker und Philologe ersten Ranges. Seine mehrbändige christliche Dogmengeschichte, die man an Hand der Texte lesen mutz, seine großartige Geschichte der Entstehung und Verbreitung des Christentums in den ersten beiden christlichen Jahrhunderten, besonders sein letztes mustergültiges Werk über den Ketzer Marcion, der das Alte Testament und seinen Gott aus dem christlichen Lehrgebäude mit fanatischer Glut hinauswerfen wollte, sind unübertroffene Meisterleistungen strengster, voraussetzungsloser Wissenschaft. In allen diesen Werken setzt sich der protestantische. liberale Theologe mit peinlicher Akribie mit den Lehren des Judentums ausernander; er fand für die Tatsache der Uebernahme der jüdischen Grundlehren in das Christentum unter Abwertung des Systems der jüdischen Pflichtenlehre die Bezeichnung „Entschränkung" des Judentums. Darin lag ein eindeutiges Werturteil und ein Bekenntnis. Der christliche Theologe konnte nicht über seinen Schatten springen. Die Absolutheit des Christentums evangelischen Bekenntnisses blieb auch für Harnack unantastbar. Aber er half selbst die Waffen unbestechlicher Textkritik und historischer Schulung schmieden, mit deren Hilfe man mit seiner eigenen negativen Beurteilung des Judentums nicht allzu schwer fertig werden konnte. „Er häufte Zweifel zentnerschwer und fiel dann wütend drüber her." Wie die liberale protestantische Theologie des ausgehenden 19. Jahrhunderts mit einem 8a1w mortals aus dem Trümmerhaufen, den sie angerichtet hatte, wieder zur Absolutheit des Christentums kam, habe ich rn meiner Einführung zu dem Jesus-Buch vor; Detlef Nielson ausführlich geschildert. Ist das einmal ausgesprochen, was Harnack in seinen Vorlesungen über das Christentum und in seiner Dogmengeschichte auf Grund einwandfreier Forschung gesagt hat, so helfen die neuesten Werke der protestantischen dialektischen Theologie trotz ihrer Schärfe gegen das vermeintliche Zerstörungswerk der liberalen Forscher lvie Harnack nichts mehr, um das massive alte Glaubensgebäude wieder aufzurichten. Harnack hat jetzt bei seinem Tode keine gute Presse. Das kann in einer Zeit, die mit allen Mitteln den Geist als Widersacher der Seele, das Bewußtsein als Verhängnis schlecht macht, nicht anders sein. Die Zeitmode will nicht mehr wißen, „wie es eigentlich gewesen ist", sondern erbaut sich aus vielerlei Gründen lieber an der „höheren" Wahrheit, der Mythe und an einer weit verbreiteten historischen Belletristik. Wenn dre unveräußerlichen Denkgesetze und die Methoden unnachsichtlicher Kritik wieder zur Ehre kommen, werden die Forschungen Harnacks fürlange Zeit hinaus wieder Richtung und Wege weisen. Soeben erschienen! „Denn es ist nicht genug, dass die Juden ewig so fort ihrer Feinde mit Worten sich zu erwehren suchen — sie müssen auch tun: die einzige wirklich Bettung verheissende Möglichkeit ist offenbar noch niemals von ihnen ernstlich in Erwägung gezogen worden.“ CONSTANTIN BRUNNER Von den Pflichten der Inden und von den Pflichten des Siaaies. Preis broschiert 6M., gebunden 8 M. GUSTAV KIEPENHEUER VERLAG, BERLIN. Das Buch, dessen Vorwort hier unter dem Titel „Ein neuer Brunner“ abgedruckt war, beurteilt ohne andere Rücksicht als die der Wahrheit die jetzige Lage der Juden und gipfelt in grundlegenden Forderungen an die Juden und an den Staat.