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Central-Verein-Zeitung · 1930-06-20 · 25 (20.6.1930) · p. Seite 330

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
25 (20.6.1930)
Date
1930-06-20
Page
Seite 330 (sequence 6)
Language
German
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330 Schluss des Stimmungsbildes aus dem Tteichstag Die Demokraten schicken den früheren Reichsinnenminister Dr. Külz als Redner vor. Nur kurz streift dieser den Fall Frick, aber er läßt keinen Zweifel daran, daß die Demokraten in Frick alles andere, nur nicht einen Mann sehen, der Ministerqualitäten besitzt. Das spricht Dr. Külz in dem Satze aus: „Vom Standpunkt eines deutschen Ehrenmannes und Beamten ist es unmöglich, das; derselbe Mann, der sich als Todfeind des Staates bekennt, gleichzeitig als Schützer der Ordnung dieses Staates auftritt." Die Sozialdemokraten haben den ehemaligen thüringischen Minister Fröhlich zu ihrem Sprecher bestimmt. Er nennt das Kind beim richtigen Namen, als er aus führt: „Herr Frick hat nicht den Mut, heute zuzugeben, daß er mit den ,art- und volkssremden Kräften' die Juden gemeint habe. Er hat sogar den traurigen Mut, dies abzuleugnen. Der Eentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat Herrn Frick einen Verleumder genannt, falls er nicht den Beweis dafür erbringt, das; durch die Juden die sittliche Grundlage des deutschen Volkes untergraben werde, wie Frick dies behauptet hatte. Herr Frick hat nicht darauf geantwortet. Der Verleumder bleibt also auf ihm fitzen.." # Unser Bericht würde nur unvollkommen sein, würden wir die kraftvolle und mutige Rede des volksparteilichen Abgeordneten von K a r - dorfs mit Stillschweigen übergehen. Herr' von Kardorss sagte unter anderem: „Man mag stehen, auf welchemStandpunkt man immer wolle. Man mag ein gläubiger Christ oder ein Atheist sein, jeder wird der Meinung sein müssen, daß die Gebetshandlung eigentlich die innerlichste religiöse Handlung ist, die es gibt. Was hier versucht wird, ist nicht nur eine Profanierung, sondern es ist eine Blasphemie ohnegleichen." Sehr energisch wendet sich Kardorss gegen die Rasienprofesiur Günther, die Frick der Universität Jena aufgezwungen hat. Da spricht der volksparteiliche Redner von Zuständen, die unerträglich sind. Als er sagt: „Nichts hat soviel dazu beigetragen, das Ansehen Deutschlands in der Welt wiederherzustellen, wie die Geistesarbeit, die an den deutschen Universitäten geleistet wird", ruft ihm der Nationalsozialist Straffer zu: „Sie sind wohl Jude?!" Das ist der ganze Geist, den die Nationalsozialisten gegen die Front der anständigen Menschen aufzubieten haben. Geradezu jämmerlich Fricks Berteidigungsrede. Wieder bekennt er sich nicht zu seinen Worten und Taten, redet drum herum, rnacht Ausflüchte. Als er erklärt, er habe die Schulgebete eingeführt, um den christlichen Geist zu fördern, hört man aus der Mitte und auch von rechts empörte Zwischenrufe. Frick ist vollkommen in die Verteidigung gedrängt. Die Hände in den Hosentaschen, steht der thüringische Volksbildungsminister und Reichstagsabgeordnete Dr. Frick am Rednerpult, lächelt ununterbrochen höhnisch, weiß sich nur mit Grobheiten gegen seine Gegner zu verteidigen, denen schließlich die Geduld reißt. Stürmische Zwischenrufe von links und aus der Mitte zerreitzen seine nationalistische Hatzrede. Endlich wird die Empörung so grotz und laut, datz der letzte Teil der Rede überhaupt nicht mehr verstanden werden kann. Einige Parteifreunde Dr. Fricks, darunter der berü—hmte Herr Stöhr, werden ans dem Saale gewiesen, weil sie den Reichstag anscheinend mit einer Hatentreuzkaschemme verwechseln und Radau- und Schimpfszenen veranstalten. * Die Front der anständigen Menschen hat sich mit Dienstag im deutschen Reichstag gegen Frick gebildet. Hoffen wir, daß sie stark genug ist, um bald dem nationalsozialistischen Spuk in Thüringen ein Ende zu machen. A. Ph. BkbtMim Proiksttimtgebung in Mmch. Eisenach, 15. Juni 1930. Unsere Thüringer Freunde, die als religiöse Minderheit in Thüringen geachtet und friedlich bisher im schönen Goethe-Lande mit ihren nichtjüdischen Volksgenossen Zusammenwohnten, haben es mit Freude begrüßt, daß der Cen t r a l v e r e i n als berufener Hüter unserer Gleichberechtigung sie zum Protest nach Eisenach zu einer Kundgebung „Der alte und der neue Geist von Weimar" rief. Aus allen Teilen Thüringens waren sie erschienen. Der Saal des Hotels Zimmermaun war überfüllt. Der stellvertretende Vorsitzende des Landesverbandes Thüringen, Fabrikbesitzer Bruno H e i n e m a n n (Meiningen), Mitglied unseres hauptvorstaudes, gab den Empfindungen aller jüdischen Thüringer Ausdruck, als er feststellte, daß die thüringischen Juden nicht gesonnen seien, sich wehrlos und ohne Protest beschimpfen und um ihre Gleichberechtigung bringen zu lassen. Ueber „d e n alten u n d n e u e n G e i st" von Weimar sprachen dann der stellvertretende Vorsitzende des Centralvereins, Dr. Bruno Weil (Berlin), Rechtsanwalt Dr. Blut h (Eisenach), Dr. Reichmann (Berlin) und der Vorsitzende unseres Landesverbandes Thüringen, Rechtsanwalt Dr. F r e u d e n t h a l (Erfurt). Immer wieder wurden die Redner von Beifallskundgebungen unterbrochen. Die Entrüstung und der begeisterte Kampfwille für unser Recht fand Ausdruck in einer einmütig angenommenen Errtschlretzrrrrg. Die staatsbürgerliche Gleichberechtigung der deutschen Juden ist das Ergebnis eines mehr als hundert Jahre langen Emanzipationskampfes, das durch selbstherrliche Willkürakte der Minister oder Regierung eines einzelnen Landes in keiner Weise gemindert oder vermindert werden kann. Die Matznahmen des nationalsozialistischerr thüringischen Innenministers werden die Thüringer Juden auch in Zukunft nicht daran hindern, wie bisher ihrem deutschen Vaterlande opferfreudig und hingebungsvoll zu dienen. Aber sie legen entrüsteten Protest ein gegen die in Reden und Handlungen der gegenwärtigen thüringischen Regierung, und besonders ihres Innenministers, zum Ausdruck gebrachte Absicht der Herabsetzung der thüringischen Juden, und sie erwarten von den verantwortlichen Reichsinstanzen, das; diese gewillt und in der Lage sein werden, den verfasinngsmätzig gesicherten, unverjächrbaren Anspruch auf Gleichberechtigung der thüringischen und deutschen Inden zu gewährleisten und auch gegenüber einer widerstrebenden Länderinstanz dnrchznsetzen. Rechtsanwalt Dr. Welt verglich den Geist, der zu Goethes Zeit in Weimar geherrscht hak, und de>r Weltbürgertum, Toleranz und Achtung des Nebenmenschen verfocht, mit dem gegenwärtiigen Regime des thüringischen Innenministers Frick. Die deutschen Juden, die sich im Lause vieler Jahrzehnte die Gleichberechtigung erkämpft hätten, seien nicht gesonnen, die Angriffe des Herrn Frick wehrlos und ohne Protest hinzunehmen. Der Versuch, die Juden und die jüdische Glaubensgemeinschaft als eine außerhalb der gesetzlichen Garantien stehende, zu einer einer besonderen Behandlung unterworfenen, Gemeinschaft zu stempeln, werde an dem geschlossenen Widerstand der deutschen Juden zerschellen. Indem diese zum Protest gegen Frick aufrufen, handelnsie jedoch nicht nur in eigener Sache. Sie rufen zu Bundesgenossen alle diejenigen auf, denen an der Erhaltung des gegenwärtigen Staates gelegen ist, alle diejenigen, die der Meinung sind, das; ein modernes Staatswesen nur vom Gesichtspunkt der Gleichberechtigung ans existieren und sich Rang und Ansehen im State der Völker sichern kann. Darüber hinaus aber sei es gerade angesichts der großen deutschen Minderheiten-, die sich in fremden Staaten zerstreut in Europa befinden, eine besondere politische Torheit, den Grundsatz verfechten zu wollen, Blutszugehörigkeit sei für den Ausbau des Staates das entscheidende Moment. Mit welchem Rechte wollten dann die Deutschen in der Tschechoslowakei, in Ungarn, in Polen, den Anspruch vertreten, an der Führung der Geschicke des Staates Mitwirken zu dürfen? Herr Frick, der sich zunächst nicht gescheut habe, offen auszusprechen, daß die Haßgebete gegen den jüdischen Volksteil in Deutschland gerichtet seien, habe schließlich Angst vor seiner eigenen Courage bekommen und zunächst in halber Form die einmal ausgesprochene Torheit zu dementieren versucht. Die thüringische Gesamtregiernng habe ihn aber dann noch übertrumpft, indem sie seine Aeußerungen als offensichtlich erkennbare Ironie bezeichnet hätte. Dr. Weil erinnerte an die sarkastische Definition der Ironie, die Heinrich Heine aus dem Münchener Bierkeller gegeben hat, wonach die Ironie eine Erfindung der Berliner sei, gemacht, um bei jeder Gelegenheit,^ bei der eine kapitale Dummheit geschehe, erklären zu können, daß sie gar keine Dummheit, daß sie Ironie gewesen sei. Die deutschen Juden, so führte Dr. Weil weiter aus, erinnerten aber auch die verfassungsmäßig bestellten Hüter der Gleichberechtigung, den Reichsinnenminister, und schließlich auch den Reichspräsidenten, an die ihnen obliegenden Pflichten.. Auch der Reichspräsident Ebert habe in den Füllen, in denen Landesregierungen in offentsichtlichem Widerspruch zu den Grundsätzen der Reichsverfassung zusammengesetzt gewesen seien, die Autorität des Reiches zu wahren gewußt. Der Neichsinnenminister Wirth habe nach einigem Zögern den von Severing gezeigten Weg wieder ausgenommen. Es sei aber politisch ein unmöglicher Zustand, daß das Reich über jede einzelne Frage mit den Ländern wie zwei Zivilparteien vor Gericht gehe, besonders dann, wenn ganz offensichtlich auf der Seite des Landes nicht der Wunsch nach'der Austragung wirklich prinzipieller schwieriger Staatsrechtssragen angestrebt werde, sondern wenn das Land seine ganze Geschäftsführung zu offensichtlicher Verhöhnung und Verächtlichmachung der Reichsautorität benutze. Wenn der Reichsinnenminister nicht die Kraft ausbringen werde, diesem Vorgehen energisch Halt zu gebieten, so bliebe der Reichspräsident als letzte Instanz gegen Ueber-

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