Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 25 (20.6.1930)
- Date
- 1930-06-20
- Page
- Seite 329 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Abrechnung -er -eutjchenvolksvertretung mit Zrick! Stimmungsbilö aus -er -enkwür-igen Reichstagssitzung vom 17. Juni. Kritiker des Parlamentarismus und dar-. Unter auch solche, die zu seinen überzeugtesten Anhängern gehören, haben uns oft erklärt, daß den Verhandlungen unserer Parlamente der große Schwung fehlt.. Wer am Dienstag, den 17. Juni, den , Verhandlungen des Deutschen Reichstags i beigewohnt hat, wird eine solche Kritik; nicht schlechthin gelten lassen können, i Gewiß war das Thema, das im Rahmen der Be-! ratungen des Haushalts des Reichsinnenministe- ' riums zur Debatte stand — Fr ick und das Reich ' — nicht gerade sehr erfreulich. Gewiß suchten : die Nationalsozialisten nach altbekannter und ge- . wohnter Weise durch ihr jedem Anstand hohni sprechendes Verhalten den Parlamentarismus; wieder einmal zu diskreditieren, aber zur Ehre l des Deutschen Reichstags sei es gesagt: die Eini heitsfront aller anständigen Menschen von links bis rechts brachte diesen Versuch zum Schei- ' Lern. Die Debatte stand auf einer Höhe, wie wir sie nur an ganz großen Tagen gelvohnt sind. Die Redner, die Frick entgegen traten, sprachen frei, lebendig, oft mit starkem sittlichen Pathos. Atemlos lauschten tljueu die Hunderte, die auf den Tribünen dichtgedrängt Kopf an Kopf versammelt waren. Im Abgeordnetenparkett ' scharten sich die Volksvertreter um die Rednertribüne, um kein Wort aus der großen Debatte zu verlieren, und auf der Presseempore folgten i wohl zweihundert Journalisten gespannt dem : Gange der Verhandlungen, um allen deutschen Zeitungen und der großen Presse des Auslandes den wesentlichen Teil der Auseinandersetzungen im Reichsparlament zu berichte!!. * Im Mittelpunkt der Debatte stand die große; Rede, in der Reichsinnenminister Dr. Mrrih Nachdem sich die Nationalsozialisten eine Zeitlang zurückgehalten hatten, um „moralische Eroberungen" in den Kreisen gestitteter Mitbürger zu machen, zeigen sie in den letzten Tagen und Wochen wieder ihr wahres Gesicht. Aus allen Teilen des Reiches kommen Nachrichten über Rüpeleien der „Erneuerer Deutschlands", wie sie in einem Kulturstaat unmöglich sein sollten. Besonderes Aufsehen erregte der Vorstoß der Berliner Nationalsozialisten in das Freibad Wannsee, wo sich am Sonntag das erholungsuchende arbeitende Berlin aushült. Dreißig Nationalsozialisten scharten sich um ihre Hakenkreuzfahne und provozierten alle Vorübergehenden, die ihnen „verdächtig" vorkamen. Man kann der Badeverwa'ltung keinen Vorwurf machen, daß sie nicht sofort energisch eingegriffen hat, muß aber bedauernd sest- , stellen, daß nicht Vorsorge getroffen war, den vom Strande verwiesenen Störern das Wiederkommen unmöglich zu machen. — Wie wir hören, ist die Polizei entschlossen, jedem neuen Versuch des nationalsozialistischen Rowdytums ~ sich am Wannseestrand auszu- Loben — mit unerbittlicher Schärfe zu begegnen. Ein zweiter charakteristischer Fall hat sich in Wiesbaden ereignet, wo der nationalsozialistische Stadtverordnete und Schriftleiter des mit Herrn Dr. Frick abrechnete. Dr. Wirth gehört zu den besten Rednern des Rerchstages. Das zeigte sich auch am Dienstag wieder. Scharf geißelte er den Inhalt der von Frick eingesnhrwn .Schulgebete. In einem der Gebete heiße es: „Herr, mach uns frei von Betrug und Verrat." Wie nun, fragt Dr. Wirth, lvenn ein intelligentes Kind den Lehrer fragt, was diese Worte bedeuten? Soll er dann auch davon sprechen, daß der thüringische Volksbildungsminister Dr. Frick wegen Hochverrats mit fünfzehn Monaten Festung bestraft worden ist? Die Nationalsozialisten lärmen, toben, totenblatz sitzt Frist auf feinem Platz: der Hieb hat gesessen, das beweist auch der stürmische Beifall, den der Reichsinnenminister auf der Linken und in der Mitte bis weit in die Reihen der Deutschen Volkspartei hinein erntet. Ans Wirths Augen strahlt die Helle Kampfesfreude. Man merkt es ihm an, die Drohbriefe, die er tagtäglich haufenweise von Fricks Gesinnungsfreunden erhält, machen keinen Eindruck auf ihn. Er zitiert Fricks Wort von den „art- und volksfremden Kräften" und kommt . darauf zu sprechen, daß dieser im thüringischen Landtag erklärt hatte, man habe in den letzten zehn Jahren Gelegenheit genug gehabt, die Ar.t- und Volksfremdheit der Juden kennenzulernen. Da donnert Dr. Wirth empört in den Saal hinein, und fast alle Parteien zollen ihm stürmischen Beifall, »vährend es bei den Nationalsozialisten geradezu zu hysterischen Wutausbrüchen kommt: „Ich bestreite das ganz entschieden tun hct der deutschen Juden Witten. Ich würde die Verfasiung erheblich verletzen, wenn wir nicht als Reichsregierung die Hand über die deutschen „Nassauer Beobachter", Theo Habicht, vor einiger Zeit damit gedroht hat, daß die Nazis das Kurviertel für ihre politische Tätigkeit benutzen würden, falls das „Paulmenschloß" vom Magistrat für ihre Versammlungen nicht freigegeben werden würde. Der Magistrat hatte die Freigabe des „Paulinenschlosses" abgelehnt, und prompt erschienen am l e tz t e n - S o n n t a g e t w a 3 0 0 Nazis in kleinen Trupps auf der Wilh e l m st r a ß e, belästigten die Passanten, besetzten das C a s e B l u m u n d b e n a h m e n sich w i e — Nationalsozialisten. Auch hier hat die Polizei erngegrifsen und die größten Schreier und Unisoruckrüger auf die Wache gebracht. Solche Demon - st r a t i o n e n im K u r v i e r t e l sind nicht gerade geeignet, Wiesbadens Ruf als Kurort zu fördern. Als besonderes Kuriosum wird uns berichtet, daß 'sich unter den Hitler-Leuten ein Vollblutneger befand, der freudig den Hitler- Gruß erwiderte und ein Hakenkreuzabzeichen trug. Es ist schade, daß dieses „Stimmungsbild" nicht aus der Platte festgehalten werden konnte; Herr Frick hätte sicherlich seine Freude an „dieser^ Bekundung nationalsozialistischer Rassentheorien gehabt. 8ebr. Juden als einen Teil des deutschen Volkes halten würden. Das ist ja der Kern unseres staatlichen Lebens, das; der Staatsbürger in seiner Ehre, in seiner Würde von nns geschützt wird." Dieses Bekenntnis ist für einen deutschen Verfassungsminister selbstverständlich, aber wir wollen doch dem Reichsinnenncknister Dr. Wirth dankbar dafür sein, daß er es in aller Oeffentlichkeit abgelegt hat, ohne Rücksicht auf die Schlammflut von Verleumdungen, die die Nationalsozialisten über ihn bereits ausgegossen haben und nun erst recht über ihn in verstärkten! Maße ansgießen werden. Dr. Wirth hat Gutachten namhafter Geistlicher der beiden christlichen Konfessionen über den Inhalt der Schulgebete angefordert. Ans dem eines hervorragenden evangelischen Geistlichen verliest er packende Sätze, in denen es heißt: „Wenn man im politischen Kamps Menschen herabsetzen zu müssen glaubt, so ist das eine Sache, die jeder mit feinem Gewissen abznmachen hat. Jedenfalls aber gehört eine solche Kritik nicht in ein an Jesus Christus und Gott Vater zu richtendes Gebet, noch weniger in ein Gebet, das für Kinder bestimmt ist." Da fügt der Reichsinnenminister, und wieder begleitet seine Worte die stürmische Zustimmung von dreihundert Abgeordneten fast aller Parteien, in ehrlicher Empörung und mitt sittlicher Würde hinzu: „Um Christi Lehre und Glaubens Witten kann ich nicht glauben, das; in Deutschland ein christlicher Theologe sich zur Verteidigung dieser Hatzgebete zur Verfügung stellen wird." Er erklärt es für das gute Recht der angegriffenen Juden, lvenn sie sich in Versammlungen gegen die ihnen von Dr. Frick zugefügten Beleidigungen zur Wehr setzen. Reichsinnenminister Dr. Wirth hat seine Rede beendet, langsam leeren sich ^aal und Tribünen. Die Sitzung hat ihren Höhepunkt überschritten. Aber" draußen in den' Gängen, in den Wandelhallen, in den Arbeitszimmern der Abgeordneten und Journalisten wir dnoch lange über die Rede diskutiert, deren Eindruck sich niemand entziehen konnte,- der sie gehört hat. # Tie Nationalsozialisten können nach dem Verlauf der Dienstagsitzung des Reichstages nicht behaupten, daß außer ihnen noch ein einziger Parlamentarier sich mit Dr. Frick einverstanden erklärt, auch auf der Rechten nicht. Das beweisen auch die Ausführungen des zur Christlichnatioualeu Arbeitsgemeinschaft gehörenden Abgeordneten Dr. Mumm. Er, der wirklich nicht als Judenfreund anzusprecheu ist. sagte: „Auf keinen Falt kann ich mich als Christ damit abfinden, datz die Religion für irdische und politische Zwecke mitzbrancht wird, wie das in den thüringischen Schulgebeten geschieht." * Es erscheint selbstverständlich, daß das auch die Auffassung der Bayerischen Volksp artet und ihres Führers, des Prälaten Dr. Leicht, ist. Aber er drückt sich noch deutlicher aus: „In das christliche Gebet darf eine politische Partei nicht Hineinreden. In das Gebet darf man auch nicht die Verurteilung ganzer Volksgruppen cinflechten." Da ruft Dr. Frick dein Rcduer zu: „Das steht ja nirgends drinl" Wieder einmal bringt Frick nicht den Mut auf, sich zu seinen Worten zu bekennen. Und Dr. Leicht erwidert ihm auch sofort: „Sie haben die Gebete doch dahin erläutert." Der Führer der Bayerischen Volkspartei lehnt eine Beteiligung an der Judenhetze mit den Worten ab: „Ich bin ein Vertreter der christlichen Weltanschauung, die das Gebot enthält, daß wir alle Menschen Lieben sotten." Es wird immer schöner! Nationalsozialistische Uowöps treiben am wannseeskranö bei öerlin unö im Nurviertel Wiesbadens ihr Unwesen.