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Central-Verein-Zeitung · 1930-06-20 · 25 (20.6.1930) · p. Seite 328

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
25 (20.6.1930)
Date
1930-06-20
Page
Seite 328 (sequence 4)
Language
German
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32$ mit den heutigen in gar keiner Weise verglichen werden könnten. Von Günthers Berufung nach Jena sprach Tr. Blüth als von der Einrichtung einer „Professur für Antisemitismus". Frick habe gegen den Einspruch der Jenaer Professorenschaft Günther vor einigen Tagen die Anstellungsnrknnde überreicht und der Senat habe der Studentenschaft, die sich gegen den Beschluß ihrer Lehrer ausgesprochen habe, verziehen. Nach Schilderung weiterer Tatsachen und Begebenheiten aus dein „Dritten Reich" bat Dr. Blüth die Versammlung, die Vorgänge in Thüringen als warnendes Beispiel auszunehmen. Er mahnte, nicht untätig zu sein und immer politisch zu denken. Dann würden thüringische Zustände niemals in Preußen verwirklicht werden können. Als letzter Redner sprach der Syndikus des Centralvereins, Dr. Alfred Wiener, und betonte, daß die feierliche Stunde gebiete, vor der deutschen Öffentlichkeit Protest dagegen einzulegen, daß die Juden als Zersetzende, volkssremde Elemente schuld an der Entsittlichung des deutschen Volkslebens und der deutschen Kultur seien. Mit einer starken Zurückhaltung wird der Deutsche, dem Vaterlandsliebe nicht Lippenbekenntnis, sondern letztes Erlebnis ist, von seinen deutschen Gefühlen in öffentlichen Versammlungen sprechen. Heute ist die Stunde, wo dies geschehen muß. Ein völkischer Führer hat einmal gesagt: Deutsch sein heißt eine Sache um ihrer selber willen tun. Gäbe es einen Nobelpreis für deutsche Gesinnung, so würden die jüdischen Deutschen nicht die schlechtesten Anwärter auf diesen Nobelpreis sein. Auf allen Schlachtfeldern, wo deutsche Soldaten kämpften, sind deutsche Juden für ihr Vaterland gefallen. In Ostasrika kämpften und starben sie unter Lettow von Vorbecks Fahnen. Für Deutschland gingen Posener Juden in polnische Konzentratronslager. Zu Tausenden verließen sie die durch den Friedensvertrag uns abgerissenen Gebiete, weil sie unter fremder Herrschaft nicht leben wollten. In der Weltkraftkonferenz steht ein Einstein unter den führenden deutschen Gelehrten. Max Liebermann ist der ausgezeichnete Maler deutschen Erlebens. — Für all diese strahlenden Beweise deutscher Vaterlandszugehörigkeit und deutscher Vaterlandsliebe haben sie bei einem Teil des deutschen Volkes Schimpf und Verleumdung geerntet. 81 jüdische Friedhöfe sind geschändet und Gotteshäuser sind verunreinigt. In wenigen Tagen wird die große Glocke des Kölner Doms die deutsche Freiheit am Rhein einläuten. Wir werden beglückt ausatmen, daß kein fremder Soldat mehr auf deutscher Erde steht. Aber ein ganz anderer Jubelsturm würde das deutsche Volk durchbrausen, wenn nicht nur die deutsche Landschaft frei sein würde, wenn alle Glieder des deutschen Volkes sich freimachen würden von Haß und Niedrigkeit, wenn wahre vaterländische stille Arbeit erstes und höchstes Gebot wäre, wenn Menschlichkeit und Verstehenwollen das politische, niedergebrochene Leben Deutschlands wieder auszeichneten. Dr. Wiener schloß mit der Verlesung einer Stelle aus dem Testament des freiwillig aus dem Leben geschiedenen deutschjüdischen Studenten Maximilian Spaeth. in dem es heißt: „Es ist mein glühendster Wunsch, den ich mit ins Grab nehmen will, daß Deutschland und sein armes verblendetes Volk eines Tages, frei von allen Binden, die ihm jetzt die Sehkraft seiner Augen verhüllten, aufs neue und für immer zu Macht und Blüte gelangen möge, besser an Art wie die vergangene, unvergänglich an Dauer und Wert/ Zustirmt Dr. Broönitz, legte als Ergebnis der Erörterungen der Versammlung folgende Entschließung vor, die die einhellige Zustimmung der Anwesenden fand. Die staatsbürgerliche Gleichberechtigung der deutschen Juden, die sich durch Geschichte, Kultur, seelische und geistige Gemeinschaft mit dem deutschen Volke unlösbar verbunden fühlen, wird durch die deutsche Reichsverfaffung verbürgt. Selbstherrliche Willkürakte eines Ministers oder der Regierung eines deutschen Landes werden die jüdischen Deutschen nicht hindern, wie bisher ihrem deutschen Vaterlande opferfreudig und hingebungsvoll zu dienen. Sie legen aber Protest ein gegen die Verfassnngsverletzung, die sich der thüringische Innenminister Dr. Frick mit seinen Verordnungen, insbesondere der über „Deutsches Schulgebet" hat zuschulden kommen lasten. Wir erwarten von den Hütern der Reichsverfastnng, dem Herrn Reichspräsidenten, dem Reichskabinett und dem Verantwortlichen Herrn Reichsinnenminister, daß sie diese Verfastungsverletzung ahnden, den verfassungsmäßig gesicherten Anspruch der thüringischen und deutschen Juden auf Gleichberechtigung Gewähr leisten und ihn gegenüber der widerstrebenden Länderinftanz duchsetzen. Justizrat Dr. Brodnitz gab der -Genugtuung darüber Ausdruck, daß aus einem politischen Aufschrei, den die Kundgebung darstellen sollte, eine Stunde heiliger Andacht geworden sei. Unrecht und Beleidigung durch einzelne Machthaber könnten uns niemals verleiten, das teure deutsche Vaterland zu vergessen. Die einstimmig angenommene Resolution werde sofort den zuständigen Stellen, insbesondere dem Herrn Reichspräsidenten, zugeleitet. Mit dem Ruf „Gott segne unser Vaterland!" schloß der Vorsitzende die würdig, harmonisch und eindrucksvoll verlaufene Kundgebung des Centralvereins bentfdjcr Staatsbürger jüdischen Glaubens. Am BMein-Lml. Die Leitung der Protestkundgebung im Bechstein-Saal lag in den Händen des Vorsitzenden des Landesverbandes Groß-Berlin des C. V. Dr. Bruno Glaserfeld. Er begrüßt die Anwesenden und dankt ihnen für ihr Erscheinen trotz der großen Hitze. Dadurch, daß wir gezwungen waren, drei Versammlungen abzuhalten, sehen wir, daß wir auf dem richtigen Wege sind, indem wir unsere Mitglieder zu uns riefen, Protest zu erheben gegen die Zustände in Thüringen. Dr. Glaserseid berichtet von der Unterredung der maßgebenden Herren des C. V. mit Dr. Wirth, der versicherte, daß er mit aller Macht daraus sehen wird, auch Thüringen wie es die Nationalversammlung gewollt hat, als einen Rechtsstaat intakt zu halten. Hieraus erteilt Dr. G'laserseld Rabbiner Dr. Salomonski das Wort. Dr. Salomonski beleuchtete vom religiösen Standpunkt aus die Frage der Thüringer Haßgebete. Neben einigen richtigen Grundgedanken enthielten diese eine völlige Verkennung religiöser Auffassung. Es sei nicht möglich, sich Gott als einen Parteigott vorzustellen. Als Vertreter der thüringischen Juden sprach Rechtsanwalt Dr. Krotoschin (Gotha). Die thüringischen Juden gehören ganz überwiegend dein Mittelstand an. Es sind kleinere und mittlere Kaufleute und Gewerbetreibende. Im Wirtschafts- und Finanzleben spielt der Jude in Thüringen keine Rolle, wohl dagegen haben in Thüringen Juden wesentlich zur Erhaltung und Vertiefung deutscher Kulturwerte beigetragen. Da will ein Frick sich hinstellen und verkünden, daß die thüringischen Juden eine Gefahr für das deutsche Volkstum seien. Wenn Lächerlichkeit töten würde, es wäre heute kein Nationalsozialist mehr in der thüringischen Regierung. Dr. Krotoschin dankt vor allem dem C. V. an dieserStelle noch einmal für die tatkräftige Unterstützung und die Einberufung der Eisenacher Kundgebung. Mittelschnllehrer Dr. Stern sah das Ganze vom pädagogischen Standpunkt aus am Die Haßgebete stehen in flagrantem Gegensatz zu den Bestimmungen der Reichsversassung, die von Frick beschworen wurde. Dr. Alfred Wiener sprach im wesentlichen das gleiche, was wir bereits im Herrenhausbericht wiedergegeben haben. Zn der Philharmonie. Die zweite Parallelversammlung, zu der ebenfalls sämtliche Eintrittskarten ausverkauft waren, fand im Oberlichtsaal der Philharmonie in der Bernburger Straße statt. Die Versammlung, die von über 400 Personen besucht war, wurde von Herrn Stadtverordneten Rechtsanwalt Dr. Eyck eröffnet. Er führte aus, der Geist der Verteidigung unserer Ehre habe uns zusammengesührt. Das sei zwar in erster Linie unsere eigene Sorge, aber doch auf dem Boden der allgemeinen deutschen Besorgnisse und der Schicksalsgemeinschaft mit dem ganzen Vaterland. Die allgemeinen Nöte, unter denen wir zu leiden haben, feien auch der psychologisch Nährboden des Nationalsozialismus im ganzen Reich und insbesondere in Thüringen. Mit dem Geist von Weimar, in dem sich deutsches Wesen in klassischer Zeit konzentriert habe, in dessen Zeichen in unseren Tagen die neue deutsche Verfassung entstanden sei, fühlten wir deutschen Juden, wie alle anderen Deutschen, uns besonders verbunden. Wir seien davon überzeugt, daß Fricks neuer Geist von Weimar den alten nicht besiegen könne. Als weiterer Redner sprachen Syndikus Dr. Wiener, Rechtsanwalt Dr. Blüth (Eisenach), Rabbiner Dr. Salomonski und Rechtsanwalt Dr. Weil, die schon in den beiden anderen Versammlungen gesprochen hatten. Zum Schluß wurde auch hier die Entschließung des C. V. einstimmig angenommen. (Bericht über die Eisenacher Kundgebung auf Seite 330.)

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