Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 24 (13.6.1930)
- Date
- 1930-06-13
- Page
- Seite 317 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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317 I diele Aufklärer waren sogar dem Judentum nicht freundlich gesinnt, weil sich die Aufklärung gegen die Autorität der Bibel richtete und die Juden damals noch in starrer Tradition gebunden waren"). Man erinnere sich der sehr abfälligen Urteile Voltaires über die Juden. In der französischen Revolution, die die Ideen der Aufklärung zu verwirklichen suchte, haben die Juden überhaupt keine Rolle gespielt. Daß sie später die Sache der Aufklärung, die auch ihnen die Menschenrechte verhieß, zur eigenen machten, ist wohl verständlich. In welchem Maße aber die Juden sich mit radikaleren Tendenzen der Aufklärung erfüllten, hing größtenteils von Zeitpunkt und Ausmaß ihrer wirklichen Zulassung zur Nationsgemeinschaft ab. Das Mutterland der Aufklärung, des Individualismus und „Liberalismus" war England. Es ist bekannt, daß die Juden hier großenteils eine konservative Haltung einnehmen, und jedenfalls haben sie der Nation den größten konservativen Staatsmann, D i s r a e l i, gegeben. Jener Rassengegensatz, den Günther Zwischen Juden und Nichtjuden für unvermeidlich ansieht. kommt in England gar nicht in Frage. Aber auch in Frankreich hat der Rassenantisemitismus a u sgesPiel t, und in I tali en denkt man gar nicht daran. Die Mehrheit des deutschen Volkes will auch nichts davon wissen. Die Welt ist eben, mit Ausnahme einiger Staaten Osteuropas, so verblendet, die Aufklärungsideen für die selbstverständliche Grundlage aller Kultur zu halten. Da soll nun gerade das deutsche Volk dem Warnungsruf Günthers folgen und sich der drohenden „Semitisierung" durch „Aufnordung" entziehen? Was Günther will, ist eine glatte Scheidung der „Rassen". Die Juden sollen in ein neues geistiges Ghetto zurück, die Heirat zwischen Juden und Nichtjuden soll als „Rassenschande" gelten. Wahrlich, ein treffliches Mittel, um dre Juden zu loyalen, zufriedenen Staatsbürgern zu machen, die Einigkeit im deutschen Volke zu kräftigen und die Sympathien der Welt zu gewinnen. Wissenschaft oder Romantik? Günther gehört zu jener unter den Gebildeten Deutschlands so häufigen Art, die durch eine wohlmeinende romantische Schwärmerei für die Vergangenheit Zu völliger Ungerechtigkeit gegen die Gegenwart verleitet wird. Hans Delbrück hat in seinem köstlichen Aussatz „Die gute alte Zeit"*?) gezeigt, wie man zu allen Zeiten bis in das graueste Altertum zurück immer über den Verfall der Sitten, über die wachsende Erwerbsgier und Zügellosigkeit geklagt hat. Alles, was Günther als Wirkungen der vorderasiatischen Rassenseele beschreibt, könnte man aus Stellen aus Walther von der Vogelweide, Berthold von Regensburg und ihren Zeitgenossen belegen. Was Günther „modern" nennt, ist im Wesen so alt wie die menschliche Natur. Das Neue daran ist die Hülle, die äußere Zutat. Etwas besser ist es aber — dank der Aufklärung — doch geworden. Der gemeine Mann ist nicht mehr das bloße 'Lastvieh rassenstolzer Herrenmenschen, er hat schon die Möglichkeit, sich zur Persönlichkeit zu bilden. Und der wirklich „modern" denkende und fühlende Mensch ist sicher pflichtbewußter, freier, geistiger und sittlicher als der Ritter des Mittelalters, zu dessen Hauptzügen Untreue und rohe Sinnlichkeit gehörten. Insbesondere hat sich auch unser Gefühl für geistige Redlichkeit geschärft. Dieser Wert wäre allerdings schwer bedroht, wenn der Rassenglaube weiter um sich greifen würde. Niemand hat die Gefahr treffender geschildert als H. St. Chamberlain, der auch eines der Opfer dieser vernunstseindlichen Strömung war und der wohl in einem Augenblick der Selbsterkenntnis die Worte niederschrieb: „Indem die eigenen Leistungen immer hervorgehoben, die Errungenschaften der anderen verschwiegen oder vertuscht, gewisse Dinge immer ins hellste Licht gestellt, andere im tiefsten Schatten gelassen werden, entsteht ein Gesamtbild, welches in manchen Teilen nur für das subtilste Auge von der nackten Lüge sich unterscheidet. Die Grundlage aller echten Soeben gelangt zur Verteilung:!lllllI!l!l!ll!!IIIIII!l!ll>!ll!lll!llllllll!ll!llll!II!llllll!lllllll!lllllllllllllllll!l!llllll!l!llilllll!!l!ll!ll!ll!!llll!!lll!>lll!!llllllllll!ll-HII>llllll Die Thüringen-Sondernummer der C.V.-Zeitung (Monaisausgabe) AUS DEM INHALT: Pfarrer W. Nithack-Stahn: Hassgebete. — Einundachtzig geschändete Friedhöfe. — Wird Günther Professor in Jena? — Dr. Hugo Lachmanski r Das heutige und das klassische Weimar. Das zersetzende Judentum. - Der „aufbauende44 Nationalsozialismus. - Der Erfurter Judeneid. Tausend Jahre in Thüringen. - Oberstleutnant a. D. MaxBrunzlow: An meine alten Kameraden. Bestellungen sind zu richten an das Büro des Centralvereins, Berlin SW 68, Lindenstrasse 13« Wahrheit: die gänzlich uninteressierte Gerechtigkeitsliebe, fehlt fast überall; daraus kann man erkennen, daß wir noch Barbaren sind." (H. St. Chamberlain, „Grundlagen des 19. Jahrhunderts", II. Auslage, S. 94.) 1) Vgl. Näheres in meinem Buch „Raffe und Kultur", 3. Auflage, 1925, S. 128. 2) Vgl. ebenda S. 20, 22 ff. 3) Man denke an die Geschichte, wie Hephaistos den Ares und die Aphrodite beim Ehebruch ertappt und sic, in ein Netz verstrickt, dem Gelächter der Götter preisgibt, oder man lese den „Ion" des Euripides. 4) H. Günther, „Rassengeschichte des hellenischen und römischen Volkes", 1929, S. 16. Vgl. mein Buch S. 264. Sehr ausgeprägt sind auch Wcrkheiligkeit, Formalismus und nüchterne Interessenberechnung in der altrömischen Religion. 6) Vgl. S ch e i ch l, „Das Griechentum und die Duldung", 1903, und mein Buch „Raffe und Kultur", S. 275. 7) Vgl. mein Buch S. 289. 8) Uebrigens ga'd es schon im alten Arabien nicht bloß Nomaden. „Wo innerhalb großer Steppengebiete sich ein Fleck urbarer Erde findet, da sitzen inmitten der Nomaden Ackerbauer" Aber auch die Nomaden sind kein, Zigeunervolk, das aus Wanderlust bald dahin, bald dorthin zieht. Ihre Wanderungen sind durch die Jahreszeit und die Ergiebigkeit der Weideplätze streng vorgezeichnet. (Joseph Hell, „Kultur der Araber", 1919, S. 19.) s) Vgl. mein Buch S. 337 ff. 10) A. Müller, „Der Islam im Morgen- und Abendland", 1887, Dd. 11, S. 628. ") Dabei sind die Lehren des Talmud heute in vielen Werken unbefangener Gelehrter in streng wissenschaftlicher Weise dargelegt und leicht zugänglich. Vgl. z. B. „Die Lehren des Judentums nach den Quellen", von Dr. Simon Bernfeld, 3 Bände, 1922 (Verlag E. A. Schwetschke), und Weigl „Das Judentum", 1911. 12) Es ist auch natürlich erlogen und charakteristisch fiir die Quellen, aus denen Günther schöpft. 13) Ferdinand Josef Schneider, „Die deutsche Dichtung vom Ausgang des Barocks bis zum Beginn des Klassizismus", 1924, S. 115 ff, 128. ") Alfons D o p s ch, „Naturalwirtschaft und Geldwirtschaft in der Weltgeschichte", 1930. is) F. Wilke, „Das Frauenideal und die Schätzung des Weibes im Alten Testament", 1907. 16) Vgl. Rene Hubert, „Les Sciences sociales des FEncyclopedie", 1923, S. 41. i?) H. Delbrück, „Erinnerungen, Aufsätze und Reden", 1902, S. 179. Er hätte nach Hesiod hinzufügen können, der etwa 700 Jahre v. Ehr. die Entsittlichung in einer Weise schildert, die ganz „modern" anmutet. Aaffeeftube (zwischen Lägerstraße und Französische Straße) Raucher- und Nichtraucher-Räume getrennt Setzl auch warmes LMttaseNen Wie bisher: 1 Taffe Kaffee mit Sahne und Zucker 25 Pf.