Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 24 (13.6.1930)
- Date
- 1930-06-13
- Page
- Seite 316 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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316 über die Juden an Schärfe weit übertreffen. Schließlich: Quod licet Jovi, non licet bovi! — Die deutsche Literaturgeschichte wird Herrn Günther für die „Feststellung" dankbar sein, daß Heinrich Heine eigentlich Chaim Bückeburg hieß. Bisher hat man noch nie etwas davon gewußt"). Schlagworte und Widersprüche. Der Antisemitismus ist nach Günthers Behauptung aus der Selbstabsperrung, dem Fremdenhaß, der Ueberhebung und der Ueberempfindlichkeit der Juden entstanden. Es ist ohne weiteres zuzugeben, daß solche Tendenzen bei den Juden tatsächlich vorgekommen sind und teilweise noch Vorkommen, und dies hat gewiß gelegentlich steigernd auf den Haß gegen die Juden gewirkt. Es gehört aber ein' großer Mangel an Fähigkeit gerechter Abwägung dazu, wenn Günther hierin die Hauptmotive erblickt, die die Gegnerschaft gegen die Juden erst erzeugt hätten. Den tieferen Grund des Gegensatzes findet er in der Verschiedenheit der Rassenseelen begründet. Weder religiöse noch wirtschaftliche Gründe machen den Kern der Judenfrage aus. Sie besteht vielmehr nach Günther darin, daß die Juden durch die Beherrschung der Presse und ihre Kapitalsmacht imstande sind, „das Geistesleben der nichtjüdischen Völker von deren angestammten geistigen Werten abzulenken und es immer mehr zu den geistigen Werten hinzusühren, die dem Judentum als die maßgebenden^ erscheinen (S. 314). Jnsbesonders hat das Judentum auf diese Weise dazu beigetragen, den „modernen Geist" im Leben der Völker vorherrschend zir machen. Merkwürdig! Bisher hat Günther mit größtem Nachdruck betont, daß die Rassenseele allen Einflüssen der Umwelt trotzt, daß alle Beeinflussung von außen nicht imstande ist, sie aus den ererbten Bahnen zu lenken. Und jetzt sollen die Juden dieses Wunder doch zustande gebracht haben, indenr sie den anderen Völkern den ihnen fremden „modernen Geist" beibrachten! Um die Juden hierzu zu befähigen, hat sie Günther vorsorglich mit besonderen Gaben ausgestattet. Aus der vorderasiatischen Erbschaft sollen sie nämlich eine besondere Fähigkeit zur Einfühlung in fremdes Seelenleben, zur Auslegung und Umdeutung fremder Geistesgüter haben (S. 28). Wenn wir den Gedanken Günthers etwas deutlicher fassen, so meint er offenbar, daß die Juden rassenmäßig geborene Verführer und Verfälscher seien. Sie wollen den Nichtjuden ihre jüdische Geistesart aufschwatzen, und da diese größtenteils aus sehr zweifelhaften Eigenschaften besteht, wäre dies ein böser Tausch. Bei diesem teuflischen Beginnen kommen den Juden weitere Eigenschaften, ebenfalls vorderasiatischer Herkunft, zustatten, nämlich die Neigung zu leidenschaftlichem Gefühlsausdruck und der Wille zur seelischen Macht über Gemeinschaften durch Steigerung ihrer Affekte. Die Juden sind geborene Verkünder und Agitatoren (S. 35). Man könnte nun gegen diese These einwenden, daß die Gabe, Massen durch leidenschaftliche Beeinflussung aufzupeitschen, doch nicht ausschließlich auf Juden beschränkt ist. Sonst müßte man Adolf Hitler als den höchsten Ausdruck der vorderasiatischen Rassenseele ansehen. Der ganze moderne Nationalismus, nämlich der Kult der nationalen Macht, wird dadurch gekennzeichnet, daß er die Massenleidenschaften in raffiniertester Weise bis zur Raserei aufzustacheln versteht. Die Juden spielen dabei wohl keine besondere Rolle. Im Gegenteil, der radikale Nationalismus ist fast überall auch antisemitisch, und es bildet ja einen Hauptvorwurf gegen die Juden, daß sie für VMerfrieden und Völkerverständigung eintreten. Wo sich bei anderen Nationen Gegnerschaft gegen das Deutschtum findet, da fallen Deutschseindschaft und Judenfeindschaft stets zusammen und die Juden werden beschuldigt, sie hätten Sympathien für die „Boches". Es kommt also wohl hauptsächlich darauf an, wofür die Gabe der Massenlenkung eingesetzt wird. Der gefährliche moderne Geist. Günther bezeichnet die Juden als Träger des „modernen Geistes". Dieser Geist scheint ihm der gefährliche Feind, gegen den sich die Nichtjuden im Antisemitismus zur Wehr setzen. Ist aber dieser Geist spezifisch jüdisch oder hat er sich nicht vielmehr aus den eigenen seelischen Tendenzen der Völker entwickelt? Günther neigt bald der einen, bald der anderen Annahme Zu. Als spezifisch jüdisch-vorderasiatisch sieht er z. B. den Expressionismus in der Kunst an (S. 311), weil die vorderasiatische Seele eine Neigung zum „Sichi-hineinsteigern", Zur Uebersteigerüng des Affekts, habe. Wir müssen es den Kunsthistorikern überlassen, diese Entdeckung eingehender zu würdigen. Uns scheint der Expressionismus eine verunglückte Abart des romantischen Subjektivismus zu sein. In jüngster Zeit hat ein bedeutender Literarhistoriker") Klopstocks ekstatische Dichtung als „Expressionismus" - gekennzeichnet und mit der modernen Erscheinung eingehend verglichen. Man kann den Expressionismus tatsächlich in die Zeit des Pietismus, des Barocks und der Gotik zurückverfolgen. Vom Standpunkt Günthers müßte man in allen diesen Fällen Ausbrüche der vorderasiatischen Rassenseele annehmen. Ebenfalls als jüdisch faßt Günther den Kapitalismus auf, wobei er sich auf S-ombart beruft (S. 307). Aber die Wirtschaftshistoriker sind sich wohl heute darüber, einig, daß Sombart gewaltig übertrieben hat. Soeben hat ein hervorragender Vertreter dieses Faches, Professor Alfons D o p s ch, ein Werk") erscheinen lassen, in dem er zu beweisen sucht, daß die seelischen Triebkräfte des Kapitalismus stets vorhanden waren, selbst in der Karolingerzeit, deren besonderer Kenner er ist. Die Juden spielen in seiner Darstellung nur eine geringe Rolle. Ferner stoßen wir hier wieder auf einen verborgenen Selbstwiderspruch, der Günther nicht zum Bewußtsein gekommen ist. Was immer man dem Kapitalismus sonst vorwerfen mag, und so sehr seine Zügelung und Ueberwindung gerechtfertigt erscheint, jedenfalls steht fest, daß nur er den ungeheuren Aufstieg der weißen Rasse des Abendlandes über alle anderen Nassen der Welt ermöglicht hat. Ueberdies beruht doch die großartige wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands, die auch die Grundlage seiner staatlich-kulturellen Stellung bildet, vor allem auf seiner kapitalistischen- Organifationsleistung. Gerade die nationalen Parteien, die Günther nahestehen, betonen ja immer wieder die Unersetzbarkeit des großen Wirtschaftsführers, also des kapitalistischen Unternehmers. Ja, Günther selbst hat in seiner „Rassenkunde des deutschen Volkes" als festgestellt angenommen, daß die höheren Stände mehr nordisches Blut haben als die anderen (S. 231). Dies gilt also wohl auch von den Unternehmern. Allerdings macht Günther hie und da abfällige Bemerkungen über den Kapitalismus des beweglichen Kapitals und der Großbanken, die das rassisch-minderwertige Proletariat züchten (S. 356). Er meint auch, der Reichtum werde etwas Gemeines, sobald der unnordische Mensch zu Reichtum komme (S. 293). Er neigt dazu, einen nordischen und einen unnordischen Kapitalismus zu unterscheiden. Aber hier muß der Volkswirt und Wirtschaftshistoriker entschieden Einspruch erheben. Der Kapitalismus eines Morgan, Rockes ekler, Ford, Krupp, Thyssen, Stinnes, Hugenberg unterscheidet sich grundsätzlich in keiner Weise von jenem irgendeines jüdischen Unternehmers vergleichbarer Stellung. Daß natürlich Mr. Morgan andere Geschästsgrundsätze hat als ein kleiner jüdischer Altwarenhändler, dürfte selbst Günther nicht auf „Rassengründe" zurücksühren. Man muß also Günther in mehrfacher Hinsicht widersprechen. Der Kapitalismus ist nicht entfernt in dem Maße eine Schöpfung von Juden, wie er annimmt. Ferner übertreibt er den Anteil der Juden am Kapitalbesitz und ihren hieraus gegründeten politischen Einfluß maßlos. Auch ist es eine sonderbare Logik, den Kapitalismus als Ausdruck ausschließlich jüdischen Geistes hinzustellen, während doch klar zutage liegt, daß der völkische Antisemitismus von finanziell und politisch höchst mächtigen kapitalistischen Kreisen in stärkster Weise gestützt und gefördert wird. Daß diese Interessengemeinschaft sich heute gerne der Firma des „nationalen Sozialismus" bedient, gibt der Sache nur den Beigeschmack einer Spekulation auf die Dummheit breiter Massen, die nach Günther als „vorderasiatisch" zu klassifizieren wäre. Der „moderne Geist" soll schließlich nach Günther auch einen „hemmungslosen Individualismus" in bezug auf Ehe, Familie, Staat und Nation bedeuten. Er verteidigt Geburtenbeschränkung und Abtreibung, „zersetzt den Zeugungswillen", bespöttelt die Mutterschaft oder macht sie sogar verächtlich (!), er witzelt über Glauben, Volkstum, Rassenreinheit, tritt für Weltbürgertum, Völker- und Nassenmischung ein und dergleichen mehr. (S. 334.) Die Juden sollen die Haupt- Verbreiter dieses Geistes sein. Daß sie ihn erzeugt hätten, behauptet selbst Günther nicht, steht er doch zu Bibel und Talmud großenteils in vollem Gegensatz. Will man den Wert oder Unwert von Ideen beurteilen, so muß man sie zuerst ohne Vorurteil ausfassen und ohne Entstellung wiedergeben. Wenn nach Günthers Behauptung irgendein obskurer jüdischer Schriftsteller in einer ebenso obskuren Zeitschrift die Kokotte als den vollendetsten Frauentyp bezeichnet und die Mutterschaft bewitzelt hat, so ist dies zwar bedauerlich, im übrigen aber bedeutungslos. Die Aufbauschung vereinzelter Exzesse zu einer Anklage gegen eine ganze Rasse, scheint mir ein Verfahren, das eines „objektiven Forschers" unwürdig ist. Mindestens sollte er auch die Gegenrechnung aufstellen und erwägen, welche ungeheure Wirkung das Alte Testament aus das Familienideal der europäischen Völker, besonders der Protestanten, ausgeübt hat. Ein protestantischer Theologe, Professor F. Wilke, sagt"): „Man darf kühnlich behaupten, daß es die israelitische Religion gewesen ist, welche die Familie geschaffen hat." Läßt man also die agitatorische Verzerrung weg und berücksichtigt anderseits einiges, was Günther hier nur andeutet, aber andernorts näher ausführt, so sieht man, daß der „moderne Geist", den Günther als jüdisch bekämpft, nichts anderes ist als^ der G ei st des Lib e r a lism us, der Demokratie und der Aufklärung. Die Aufklärung war es, die Zuerst das Recht und die Würde des Individualismus verfochten, die die alten. Traditionen einer Vernunftkritik unterzogen, die die Ideen der Humanität verkündet hat. Herder und Lessing, Goethe und Schiller, Kant und W i n ck e l m a n n fußen auf dem Boden der Aufklärung und sind ohne sie nicht denkbar. An der Geburt dieses Geistes haben nun die Juden keinen großen Anteil gehabt, den einzigen Spinoza etwa ausgenommen, der aber doch erst spät eine breitere Wirkung ausübte. Ueberdies hat der Pantheismus Spinozas mehr dem ästhtisch-religiösen Zug der Romantik entsprochen, als dem ethischen Charakter der Aufklärung. Ja,