Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 24 (13.6.1930)
- Date
- 1930-06-13
- Page
- Seite 315 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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315 saßt Günther weiter religiöse Unduldsamkeit auf. Aber auch diese fand sich keineswegs nur bei Semiten; die arischen Perser haben darin mindestens ebensoviel geleistet. Bei den Hellenen wurden viele freie Denker wegen Gottlosigkeit verfolgt (Sokrates!) und Plato verlangt Strafbestimmungen gegen Ungläubige, die an die schönsten Zeiten der Inquisition erinnern^). Offenbar waren auch die alten Perser und Hellenen vom semitischen Nassengeist angesteckt. Besonders hübsch ist der Satz, daß die orientalische Nasse (die Araber) durch ihr seelisches Verhalten fruchtbares Land in Wüste verwandelt hätte. Aber haben die Israeliten P a - lästina nicht mit großem Fleiß an gebaut? Waren sie nicht lange Zeit ein ganz ausgesprochenes Bauernvolk, das den Handel'mit Argwohn ansah?') Günther kann dies freilich nicht ableugnen. Aber das Dogma von der Abneigung aller Semiten gegen ein seßhaftes bäuerliches Leben beherrscht ihn in solchem Maße, daß er sich den Uebergang der früheren Nomaden zur Seßhaftigkeit nur durch Rassenmischung mit den alten Kanaanitern erklären kann (S. 116, 125). Dagegen sagt fein Gesinnungsgenosse Passarge zustimmend: „Ein so ausgezeichneter Kenner des Orients wie L a y a r d stellt mit Erstaunen fest, wie schnell aus den Nachkommen von Beduinen fanatische Fellachen mit echt bäuerlich-fellachischen Eigenschaften werden." (S. 131.) Ist es ferner Günther unbekannt, daß die Araber in Spanien, in Silizien und an vielen anderen Orten geradezu die Schöpfer der intensiven Landwirtschaft und einer hohen Kultur geworden sind, die mit ihrem Untergang wieder verfiel? Wie stimmt dies zu dem nomadischen Verwüstungstrieb?8) Wahrscheinlich wird er darauf antworten, dies seien keine unvermischten Araber gewesen. Aber einerseits bestand doch die Zumischung meist aus mediterranen Elementen, die also der orientalischen Rasse nahe verwandt waren, und anderseits legt Günther überall das Hauptgewicht auf die Rassenzugehörigkeit der leitenden Schichten, die doch überwiegend arabisch waren. Ein für die ganze Methode Günthers sehr bezeichnender Zug ist, daß er, wenn einmal bei Orientalen ein Zug von Treue auffällt, gleich annirnmt, so könne nur ein nordischer Mensch gehandelt haben. Es ist immer wieder derselbe Kreisschluß: erst nimmt er willkürlich an, daß bestimmte Eigenschaften nur einer bestimmten Rasse zukommen, und dann schließt er aus dem Ausscheinen solcher Eigenschaften auf das Vorkommen der betreffenden Rasse. Gegen alle damit in Widerspruch stehenden Tatsachen ist er blind. So habe ich längst mit vielen Beispielen nachgewiesen^), daß aufopfernde Gefolgstreue und die Heiligung des Freundschaftsbandes unter gewisien sozialen Verhältnissen bei Völkern der verschiedensten Rassen geherrscht haben. Ergänzend erwähne ich, daß Herodot (III, 8) berichtet, die Araber hielten einen Freundesbund heilig wie fast kein anderes Volk. Von den sizilianischen Arabern sagt A. M ü l l e r"), sie seien für den Hohenstaufenkaiser Friedrich II. und sein Haus „durchs Feuer gegangen", „Im Kampf für Friedrichs Söhne gingen sie (wären es Nordländer gewesen, würde es heißen: „mit echt germanischer Treue") Zugrunde; die Schlacht von Tagliacozzo bezeichnet das eigentliche Ende des sizilianisch-italischen Sarazenentums." Rassenkreuzung — Rassenschande? Rassenmischung hält Günther für ein Uebel, für eine „Nassenschände" (S. 342). Dabei gesteht er aber selbst zu, daß sich sein Verdammungsurteil aus bloße „Vermutung" gründet und daß die Wissenschaft bisher keine Beweise für die Schädlichkeit der Rassenmischung liefern konnte. So sagt Günther (S. 301): „Aber auch im Falle der Nachkommenschaft aus Mischehen wird man an eine gewisse Schädlichkeit der Rassenkreuzung denken dürfen. Zwar läßt sich dies heute kaum erweisen, denn die vielen bekannten Beispiele der Minderwertigkeit von Mischlingen aus einander ferner stehenden Rassen lassen sich in der Regel auch durch die meist ungünstige Auslese derjenigen erklären, die solche Mischverbindungen eingehen. Aber ich möchte vermuten, daß die Forschung, wenn ihr Blick erst einmal auf die Möglichkeit von Kreuzungsunstimmigkeiten gelenkt ist, auch manches finden wird, was eine gewisse Schädlichkeit der Rassenkreuzung wahrscheinlich macht. Es scheint mir zwar nach den bisherigen Ergebnissen der Nassen- und Erblichkeitsforschung und nach den vorliegenden Aussagen der Forscher etwas zu viel behauptet, wenn Basler schreibt: ,Von den meisten Rasienforschern wird — unzweifelhaft mit Recht — die Auffassung vertreten, daß Kreuzung stark abweichender Rassen unter Umständen für die Nachkommenschaft ungünstig ist? Die Ungünstigkeit könnte immer noch durch die minderwertige Auslese der Erzeuger von Mischlingen bedingt sein. Aber ich vermute, daß genauere Nachforschung Baslers Annahme bestätigen wird." An anderer Stelle (S. 344) behauptet dagegen Günther rundweg, die Vermengung Zwischen Abendländern und Juden sei „unnatürlich", d. h. die Mischung so verschiedener Erbanlagen lasse ein beiden Teilen angemessenes und förderliches Geistesleben nach allen geschichtlichen Erfahrungen nicht zu. Warum aber teilen Sie uns diese geschichtlichen Erfahrungen nicht mit, Herr Günther? Wieso sind die bloßen „Vermutungen" von S. 301 auf S. 344 schon Zu „Erfahrungen" geworden? Doch, halt. Günther bringt wirklich zwei wunderbare Belege für seine Behauptung, die dem Leser nicht, vorenthalten bleiben sollen. Es sind folgende: 1, Die Zusammensetzung der Juden aus verschiedenen Nassen scheine der Hauptgrund der mangelnden staatlichen Einigung des Gesamtvolkes gewesen zu sein (S. 125). Ein halbwegs besonnener Kopf hätte sich wohl selbst eingewendet, daß der Grad der politischen Zersplitterung mit dem Grad der Rassenmischung nicht Zusammenfalle. Wie gemischt müßten da die Deutschen sein, die trotz aller bitteren Lehren einer z w e i t a u s e n d j ä h r i g e n Geschichte die Zersplitterung in viele Kleinstaaten noch immer nicht ganz überwunden haben! Anderseits muß man fragen, wie denn Günther seine Annahme eines Mangels an Einheitsgesühl in der jüdischen Rassenseele mit dem von ihm so oft behaupteten starken Zusammengehörigkeitsgefühl aller Juden vereinigen kann? Noch viel schöner ist aber das Zweite Argument Günthers. Er sagt nämlich: 2. Das Bewußtsein von der eigenen Gemischtheit habe bei den Juden ein Gefühl der Sünde, ein schlechtes Gewissen erzeugt. Die Vermischung mit Fremdstämmigen sei ihnen als „Verunreinigung" ihres Bluterbes erschienen und habe eine „Empfindung der dem ganzen Volke erblich eigenen sittlichen Schlechtigkeit bewirkt". Hieraus erklärt Günther die angebliche jüdische Vorstellung der „Erbsünde" (S. 177). Dieser Gedankengang Günthers ist überaus bezeichnend für die roh m a t e r i a l i st i s ch e Tendenz aller dieser Rassentheorien, die so gerne von der Höhe ihres angeblichen Idealismus aus den Materialismus des anderen herabblicken. Das „schlechte“ Gewissen. Also das Gewissen ist nicht eine Stimme aus der höheren Welt der sittlichen Werte, nicht eine Selbstbesinnung aus das Sittcngesetz und das Göttliche im Menschen, nicht ein Gefühl der Disharmonie Zwischen dem Einzelwillen und dem Sozialwillen, sondern es entspringt der körperlichen Vermischung verschiedener Nassen, die einen Konflikt der Rassenseelen herbeisührt! „Die Juden erscheinen jedenfalls als ein Volk mit schlechtem Gewissen", erklärt Günther, „wenn man sie mit den Persern, Hellenen, Römern und Germanen vergleicht, die ihnen gegenüber als Völker guten Gewissens erscheinen". Ist diese Behauptung Günthers nicht die schwerste Beleidigung, die man den „arischen" Völkern überhaupt Zufügen kann? Jedenfalls steht sie doch mit allem in Widerspruch, was bisher als höchster Wert der deutschen Gesittung galt. Günther fügt seinem Satz noch folgende Erläuterung hinzu: „Echt jüdisch berühren Ausführungen wie diese aus dem Evangelischen Bunw, Heft 6, Jahrgang 1928: ,Gott wird weder im Wettersturm noch im Anschauen des ruhig gestirnten Himmels, weder in der Freude noch im Leid erlebt, sondern einzig und allein in der Tatsache, daß das Sündenbewußtsein in einem Menschen aufwacht und nicht mehr zur Ruhe kommt/" Wahrlich „echt jüdisch"! Den Namen Luthers, aus dessen Erlebnis der Sünde die deutsche Reformation erwuchs, hat Günther wohl noch nie gehört? Angesichts solcher Selbstbekenntnisse und Widersprüche könnte man eigentlich die Akten über den „Forscher" Günther schließen. Aber wir müssen noch etwas ausharren, sonst wird mir vielleicht nachgesagt, daß ich sein Buch nicht gründlich genug gelesen habe. Die Darstellung, die Günther vom modernen Judentum entwirft, ist wieder im rein Anthropologischen, also soweit es sich um das Körperliche handelt, großenteils anzuerkennen. Er gibt einen guten Ueberblick über die neueren Forschungen. Sobald aber Günther auf das Seelische zu sprechen kommt, verfällt er leicht in die gröbsten Jrrtümer. Er schöpft dann unbedenklich aus trüben antisemitischen Hetzschriften, deren Behauptungen längst hundertfach widerlegt sind. So führt er an, der Talmud habe die Nichtjuden als etwas Tierisches verachten gelehrt, und die jüdische Sittlichkeit habe den Umgang mit Nichtjuden ganz anders geregelt als mit Juden. Gewiß finden sich auch im Talmud einzelne gehässige Stellen, die aus besonderen Verhältnisien verstanden werden müssen. Aber die vielen gegenteiligen Stellen kennt Günther nicht oder will sie nicht kennen"). Wie soll man es nennen, wenn Günther behauptet, jüdische Arbeitgeber verführten ihre weiblichen Angestellten in solcher Zahl, daß die unteren und mittleren Schichten der Großstadtbevölkerung schon einen starken vorderasiatischen und orientalischen Einschlag Hütten? (S. 304.) Sogar in Stockholm, wo es doch nur wenige Juden gebe, sei ihm dies aufgefallen! Offenbar befassen sich die Stockholnrer Juden hauptsächlich damit. Mit besonderem Behagen führt Günther einen weiteren Kreisen gänzlich unbekannten und völlig bedeutungslosen jüdischen Journalisten an, der allerlei törichtes Zeug über den Haß der Juden gegen die Christen verbrochen hat (S. 25, 322). Es ist dies offenbar ebenso beweiskräftig, als wenn man das Gerede hakenkreuzlerischer Agitatoren als Beweis dafür verwenden würde, daß alle Christen die Juden tödlich hassen. Hervorragende Menschen sollen fast stets Antisemiten gewesen sein, wobei Günther sich aus das Zeugnis des Juden Meininger beruft (S. 320). Dies ist natürlich aufgelegter Unsinn. Ein Goethe oder Schopenhauer hat freilich kritische Bemerkungen über jüdische Züge gemacht, aber deshalb darf man sie noch lange nicht Antisemiten nennen. Mit gleichem Recht müßte man sie sonst Antideutsche heißen, denn sie haben ja auch über die Deutschen Aussprüche getan, die jene