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Central-Verein-Zeitung · 1930-06-13 · 24 (13.6.1930) · p. Seite 314

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
24 (13.6.1930)
Date
1930-06-13
Page
Seite 314 (sequence 6)
Language
German
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314 rückhaltende Geschlechtlichkeit, Leidenschaft des schöpferischen Wirkens, heldischen Wagemut usw. In dem neuen Buch wird die n o r d i s ch e Nasse öfters herbeigerufen, nämlich überall dort, wo den Juden oder anderen Orientalen eine gewisse Kulturleistung nicht ganz abgesprochen werden kann. Da findet Günther sofort, daß irgendwie nordisch-indogermanische Elemente möglicherweise beteiligt waren. Freilich wird dies meist nur angedeutet, man läht-es den Leser erraten, denn man ist ja ein streng objektiver Forscher. So war die Oberschicht der Sumerer „vielleicht" nordisch (S. 48) und die Sumerer haben die Grundlagen für alle vorderasiatische Kultur gelegt.' Das Gesetz Hamurapis „läßt deutlich Einwirkungen der nordischen Nassenseele erkennen" und hat auch das älteste Recht der Hebräer beeinflußt (S. 54). Zum Aufbau der hebräischen Gesittung haben die einwandernden Hebräer selbst viel weniger beigetragen als die dort ansässigen Kanaaniter, die einen relativ starken nordischen Einschlag hatten (S. 118 sf., 125). Die Propheten und eine „gewisse edlere Geistesfreiheit" regten sich hauptsächlich dort, wo auch „nordischer Geist" vorhanden war (S. 125). Die Philister waren nordischer Herkunft; es wäre möglich, daß sie die Buchstabenschrift erfunden haben, „wahrscheinlich" brachten sie Pferd und Eisen, jedenjalls hatten sie „hohe Begabung". Im Kampf mit ihnen haben die Hebräer erst gelernt, was zum Ausbau einer eigenen Gesittung nötig sei und den Wert eines staatlichen Zusammenschlusses erfahren (S. 138). Aus den Worten des Philisters Jthai, der einen Teil des hebräischen Heeres befehligte, hört Günther einen „Klang nordischer Gefolgschaftstreue" heraus (S. 141). David, der größte Staatsmann und König Israels, war möglicherweise vorwiegend nordischer Rasse (S. 161). Ebenso werden die Vornehmen unter den Hebräern noch um 580 v. Chr. als „vorwiegend nordisch" geschildert (S. 129). Natürlich wurzelt auch das Christentum nicht im Judentum, Christus war ein Galiläer, also wohl nornordisch (S. 313). Die Auffassung Gottes als „Vater" soll auf arisches Vorbild zurückgehen (S. 124). Nach allen diesen Vermutungen darf man doch wohl schließen, daß alles Edle auf nordische Herkunft zurückzuführen ist, alles Gemeine oder Böse auf orientalische oder vorderasiatische. Eine äußerst bequeme Methode! Wenn einmal (Gott behüte!) ein jüdischer Günther aufstehen sollte, so könnte er mit solchen Gründen Revanche nehmen und die ganze Kultur für das Judentum annektieren. Natürlich soll die Möglichkeit nordischer Elemente oder Einflüsse gar nicht bestritten werden. Hier sollte nur die Art gekennzeichnet werden, in der Günther alles, was irgendwie Kulturwert hat, mit Hilfe bloßer „Vermutungen" und „Möglichkeiten" für die nordische Rasse beschlagnahmen möchte. Günthers Phantasien über die Rassenseele. Woher hat nun Günther eigentlich dieses erstaunliche Wissen von der seelischen Eigenart von Rassen, die jedenfalls in hio rischer Zeit nirgends mehr rein anzutreffen sind, ja deren ganze Existenz nur eine Hypothese ist? Offenbar hat Günther, abgesehen von den Juden, flr die Ausmalung der vorderasiatischen Rassenseele hauptsächlich das Charakterbild des armenischen Volkes herangezogen (S. 26), und für die Schilderung der orientalischen Rasse Züge der nomadischen Araber, der Beduinen (S. 67). Aber es lassen sich schon aus der Geschichte der Armenier bzw. der Araber viele Tatsachen anführen, die mit der ihnen zugeschriebenen Rassenanlage ganz und gar nicht übereinstimmen und die Unstimmigkeiten wachsen ins Ungeheure, wenn man auch noch die anderen Völker vergleicht, die Günther als vorwiegend vorderasiatisch bzw. orientalisch ansieht. Die Armenier treten uns zuerst als kriegerischer, freiheitliebender Stamm entgegen, später füllt uns an ihnen besonders ein überaus kräftiges Nationalgefühl und Streben nach Eigenart auf. Die karge Natur ihrer Berge zwang viele Armenier zur Auswanderung in die umliegenden Länder, wo sie zähe Händler wurden, genau wie die Schotten in England und die Schweizer in Frankreich, Italien usw. Jahrhunderte der Unterdrückung haben ihr Charakterbild stark beeinflußt. Ebensowenig finden wir vorwaltenden Händlergeist bei den alten Asshrern, die vielmehr als rauhes Kriegervolk in die Geschichte eintreten und gewiß ebenso staatenbildende Kraft bewiesen haben wie die Babylonier. Die große Mehrzahl der Menschen vorderasiatischer Rasse trieb stets Ackerbau, aber auch kriegerischer Geist, F r e i h e i t s st o l z und Räubert um waren unter ihnen stark vertreten, man denke nur an die Bergstämme des Kaukasus und die Kurden, die teilweise stark vorderasiatisch aussehen. Wie passen ferner die von Günther angegebenen vorderasiatischen Züge auf die Türken, die doch Zweifellos auch sehr viele Elemente dieser Herkunft in sich ausgenommen haben? Man könnte eine Menge solcher Fragen stellen. Selbst Günther merkt gelegentlich, daß etwas nicht stimmt. Er erklärt dann z. B., daß innerhalb der vorderasiatischen Raffe wahrscheinlich zwei verschiedene geartete Schläge zu unterscheiden seien, nämlich einerseits ein mehr bodenständiger, bäuerlicher Schlag, anderseits ein mehr freizügiger, händlerischer Schlag. (S. 35.) Dem ersten sollen die anatolischen Türken, ein Teil der Perser und die in Armenien ansässigen Armenier angehören, dem zweiten dagegen die außerhalb ihrer Heimat zerstreut wohnenden Armenier und Juden. Diese Lösung ist wirklich von genialer Einfachheit. Es ist nur nicht einzusehen, warum man bei zwei Schlägen stehen bleiben soll. Bei genauerem Studium würde Günther vielleicht erkennen, daß innerhalb jeder Rasse zehn oder fünfzig verschiedene Eharakterthpen zu finden sind, und er könnte dann mit gleichem Recht erklären, es gebe eben zehn oder fünfzig verschiedene Schläge innerhalb der Rasse. Offenbar hebt aber eine solche Betrachtungsweise die Annahme der Nassenseele überhaupt auf. Diese Annahme steht und fällt doch mit dem Satz, daß die Spannweite der seelischen Entwicklungsmöglichkeiten einer Rasse eng umgrenzt sei. Kein Anthropologe wird eine Bevölkerung, die alle möglich e n S ch at t ie r u n g e n der H a u tsa r b e a u s w e i st, für eine einheitliche Rasse erklären, und ebenso kann eine große. Mannigfaltigkeit seelischer Typen bei relativer Einheitlichkeit des physischen Typus nicht mit der Behauptung in Einklang gebracht werden, es gebe eine einheitliche Nassenseele. Wenn man ferner die seelischen Züge näher betrachtet, die Günther zur Charakterisierung dervorderasiatischen bzw. orientalischen Nasse anführt, so sieht man sofort, daß er sich ziemlich willkürlich solche Züge zusammengesucht hat, die später seine aktuell-politische Argumentation stützen sollen. Man mag dem Alten Testament noch so ablehnend gegenüberstehen, so wird man doch bei einiger Sachkenntnis nicht in Abrede stellen, daß mit den Propheten eine überaus starke Strömung zum ethischen Monotheismus erscheint, die zuerst noch mit anderen Elementen vermengt ist, allmählich aber reiner zutage tritt. An Stelle der naturalistischen, leidenschaftlichen Gottheit zeigt sich ein Idealbild der Gerechtigkeit, Heiligkeit und Güte. Der barbarische Kriegergeist weicht tiefer Friedenssehnsucht, die nationale Ausschließlichkeit mildert sich und es bildet sich ein religiöser Universalismus, der alle Menschen als zum Heil berufen ansieht. Die Auffassung der Familie und Ehe verfeinert sich bedeutend und es entfalten sich sozialethische Ideen, die die Niedrigen und Ge» drückten, die Armen, Sklaven, Fremden, ja selbst das Vieh zu schützen suchen. Welcher Gegensatz zu dem Geist der hellenischen Religion und Sitte, zu der Vorstellung von Göttern voll Sinnlichkeit, Tücke und Neid, zu der Verachtung des Weibes, der Barbaren, der Sklaven, der Arbeit und der Arbeiter! Zwar waren die hellenischen Philosophen über die Volksvorstellungen vielfach hinausgewachsen, aber ihre Lehre blieb doch auf die Hochgebildeten beschränkt. Nur in Israel fand dieser Geist machtvolle, auf das Volk wirkende Verkündigung durch den Mund der Propheten. Vielfach Zeigen sich bei den Propheten schon Ansätze und Uebergänge zum Christentum, so daß die Behauptung, die Lehre Jesu sei der jüdischen Entwicklung fremd und nur aus der nordischen Nassenseele erklärbar, den Gipfelpunkt der Abgeschmacktheit und Verblendung bildet. Wenn dem so wäre, warum ist denn Christus nicht dort erschienen, wo die nordische Rasse ihre Hauptsitze hatte, sondern gerade in Palästina, wo sie doch wohl nur spärlich vertreten war? Und wie läßt sich seine an alle Menschen gerichtete Botschaft des Friedens und der Brüderlichkeit mit Günthers Darstellung der nordischen Nasienseele vereinbaren, die doch angeblich Frieden und Menschheitsverbrüderung verwirft? Alle diese Dinge sieht Günther einfach nicht oder er geht mit einer flüchtigen Bemerkung darüber hinweg. Dafür sammelt er aber mit großer Sorgfalt alle Züge, die bei wissenschaftlich naiven Menschen einen Abscheu gegen das Judentum hervorbringen mögen. Charakteristisch ist z. B., daß er der vorderasiatischen Rassenseele eine Vermengung von Sexualität und Religion, eine „Verquickung von Heiligtum und Bordell" nachsagt (S. 23 und 123). Nun fanden sich ja bei vielen Völkern Kulte, die die Fruchtbarkeit der Natur, das Geheimnis der Zeugung, feierten und mit geschlechtlichen Handlungen oder Symbolen verbunden waren, auch bei den Hellenen, Römern und Indern. Gerade das Alte Testament hat aber solche Dinge zuerst und am -entschiedensten verpönt. Ganz fremd sind der Bibel auch die schamlosen Geschichten von den Göttern, die Homer und die griechischen Tragiker erzählen^) und die teils dem Bedürfnis der Aristokratie nach göttlichen Ahnen, teils ihrer Freude an Frivolitäten entsprungen waren. Günther gefällt sich überhaupt öfters in der Hervorhebung „orientalischer" Sinnlichkeit (S. 33, 272, 304), und er sagt den Juden eine rassisch bedingte sexuelle Abnormität (Verwischung der Geschlechtscharaktere) nach, die eine Neigung zur Homosexualität begünstigen soll. Er erinnert sich aber nicht etwa an die weite Verbreitung der Knabenliebe bei den alten Hellenen. Am stärksten war sie bei den kriegerischen Doriern ausgeprägt, die Günther als rein nordisch ansieht^). Mit Verwunderung erwähnen die hellenischen Schriftsteller, daß die Asiaten die Knabenliebe als Laster verabscheuen. (Vgl. z. B. Plato, Symposion 182.) Mehrfach bemerkt auch Herodot an den Asiaten ein Schamgefühl in unserem Sinne, das den Hellenen fehlte (1,10, 1,133, II, 35). Wenn ferner Günther den Ritüalismus, die kleinliche Buchstabenfrömmigkeit bei den Juden als Rasfenzüge auffaßt, so sollte er sich doch auch fragen, welcher Raffe der extreme Ritualismus der Veda und der Avesta, der heiligen Bücher der alten Arier, Zuzuschreiben ist. Nirgends findet sich im Alten Testament eine so geschäftsmäßige Auffassung von der Religion, eine so würdelose Opsergabebettelei wie in der Veda°). Vielleicht waren die alten Arier auch schon durch vorderasiatisches Blut vergiftet? Als spezifisch orientalischen Raffenzug

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