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Central-Verein-Zeitung · 1930-06-13 · 24 (13.6.1930) · p. Seite 313

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
24 (13.6.1930)
Date
1930-06-13
Page
Seite 313 (sequence 5)
Language
German
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Hans Günther als Rassenforsdier. Eine Widerlegung der „Rassenkunde des jüdischen Volkes”. Von Universitätsprofessor Dr. Friedrich Hertz (Halle). Die rassenkundlichen Bücher Hans Günthers, besonders seine „Nassenkunde des deutschen Volkes", haben in verhältnismäßig kurzer Zeit eine außerordentliche Verbreitung erlangt. Die Hakenkreuzler aller Richtungen betrachten sie als wissenschaftliche Offenbarung, als unerschütterliches Fundament ihrer Weltanschauung und ihrer praktischen Forderungen. Daher haben es ja auch die Nationalsozialisten in Thüringen durchgesetzt, daß die Negierung Hans Günther zum Professor an der Universität Jena ernannte, obwohl die Universität gegen diese Ernennung entschieden Einspruch erhoben hatte. Vor kurzem hat nun Günther eine Rassenkunde des jüdischen Volkes erscheinen lassen, die zweifellos eine sehr starke Wirkung ausüben wird und die hier kurz beleuchtet werden soll. Alle Schriften Günthers zeigen ihn als einen Autor von großer Belesenheit und Fleiß, der offenbar sachlich und billig zu urteilen wünscht. Allerdings bleibt diesem Wunsch die Erfüllung größtenteils versagt. Auch in dem neuen Buch ist ein sehr umfassendes Material in übersichtlicher Weise verarbeitet und der Verfasser strebt sichtlich nach nüchterner, wissenschaftlicher Urteilsweise. Ja, er lehnt es sogar gelegentlich ab, über den Wert oder Unwert von Rassen ein Urteil zu fällen. So sagt er auf S. 324: „Diejenigen Antisemiten, die versuchen, irgendeine rassische Minderwertigkeit der Juden zu erweisen, werden von rassenkundlich-vererbungswissenschaftlicher Seite kaum Zustimmung erfahren, denn es würde schwer sein, irgendeinen' brauchbaren allgemeinen Maßstab zur Beurteilung von Rassen und Völkern zu finden." „Nicht irgendeine Minderwertigkeit des jüdischen Rassengemisches macht den Kern der Judenfrage aus, sondern dessen rassisch-bedingte Andersartigkeit, vor allem dessen rassenseelische Fremdheit innerhalb der rassisch anders zusammengesetzten abendländischen Völker." Leider ist es aber Günther keineswegs gelungen, dem Grundsatz objektiver Betrachtung in den entscheidenden Punkten wirklich treu zu bleiben, und ebensowenig gelingt es ihm, die tiefe seelische Andersartigkeit der Juden in wissenschaftlich hinreichender Weise nachzuweisen. Allzuoft verfällt er doch wieder in eine Form des Denkens, die von Wissenschaft weit entfernt ist. Seine politischen Vorurteile sind offenbar so stark, daß der Wille zur Sachlichkeit dagegen nicht aufkommen kann. Daß Günther die oft geradezu grotesken Fehlurteile, die hieraus entspringen, nicht selbst merkt, ist nur ein weiterer Beweis dafür, daß die Rassenidee einen vergiftenden und lähmenden Einfluß auf das logische Denken ausübt. Selbst Köpfe, die eine wissenschaftlich-kritische Schulung durchgemacht haben, verfallen unter ihrem Einfluß unwillkürlich in eine grob unwissenschaftliche Denkart, die sie gegen handgreifliche Widersprüche, Unmöglichkeiten und Erschleichungen völlig blind macht. Günther geht von dem Grundsatz aus, daß jede Rasse eine seelischgeistige Eigenart hat, die erbmäßig unverändert übertragen wird und das ganze geschichtliche Bild der Rasse in stärkster Weise formt. Dem Einfluß der Umwelt, des Bodens und Klimas, den geschichtlichen Schicksalen, den fremden Einwirkungen und der bewußten Erziehung spricht er dagegen nur eine sehr geringe Bedeutung zu. Alle Kultur gilt ihm als Ausdruck der Rassenseele, nicht als Ergebnis einer geschichtlichen Entwicklung, die sich aus zahllosen Einflüssen von Individuen, Gemeinschaften und Naturfaktoren ausbaut. Die Nassenseele soll sich besonders im Geist der Sprachen äußern (S. 37, 47, 53, 86, 130). Hierüber steht wohl zunächst der Sprachforschung ein Urteil zu. Gerade die hervorragendsten Sprachforscher verwerfen aber diese Vorstellung durchaus*). So hat Wundt den Schluß aus Sprachförmen auf dauernde Psychische Rassenanlagen als „vollends unerlaubt" abgelehnt, Paul erklärt die Abstammung für einen „sehr untergeordneten Faktor", S a u s s u r e bezeichnet es als Irrtum, die Sprache als Ausdruck der Rasse aufzufassen, Hugo S chu cha r d t hält einen solchen Einfluß für unerwiesen usw. Ebenso ablehnend verhalten sich die meisten bedeutenden Ethnologen gegen die Vorstellung tiefgehender geistiger Rassenunterschiede"). Im gleichen Sinn haben sich die größten Soziologen und die angesehensten Erforscher der Entwicklung von Recht, Religion, Kunst, Wirtschaft ausgesprochen. Angesichts der erdrückenden Einmütigkeit der maßgebendsten Fach-gelehrten wäre es also Pflicht Günthers, seinen Fundamentalsatz zuerst eingehend zu begründen. Unmöglich läßt sich eine weitgehende Verschiedenheit seelischer Rassenanlagen einfach als Axiom hinstellen, das keiner weiteren Begründung bedarf. Meine eigene Meinung ist, daß eine gewisse Verschiedenheit der TenrperamenLe, vielleicht auch eine solche der Abstufung und Häufigkeit mancher anderer Anlagen immerhin möglich erscheint, obwohl sichere wissenschaftliche Feststellungen mangeln. Es handelt sich aber gewiß nur um Schattierungen derselben Grundlagen. Nachdrücklich muß verworfen werden, daß die Umwelt gegenüb er den Erbanlagen gar keine Bedeutung habe. Dies widerspricht allen Ergebnissen der Soziologie und einer vergleichenden Geschichtsbetrachtung. Unzählige Beispiele sprechen vielmehr dafür, daß dieselben Erbanlagen sich ganz verschieden entwickeln, wenn die geistige Umwelt eine verschiedene ist. Selbst nähere Gesinnungsgenossen Günthers sind hierin ganz anderer Meinung als er. Nächst Günther ist heute wohl Professor Siegfried Passarge die höchste wissenschaftliche Autorität der Hakenkreuzler. Sein kürzlich (ebenfalls im völkischen Verlag Lehmann, München) erschienenes Buch „Das Judentum als landschaftskundlichesethnologisches Problem" (1929) läßt die Bedeutung der erblichen Rassenanlagen sehr zurücktreten. (Vgl. S. 131.) Er schreibt sogar (S. 398): „Die dem Ghetto entronnenen Judenfamilien gleichen sich unter dem Einfluß gemeinsamer Erziehung, Lebensweise, Sprache, Bildung, Kleidung an die Wirtsvölker an. Es verflachen die Talmudgehirne, es schwinden die gegensätzlichen Charaktereigenschaften, es löst sich die Geschlossenheit der Organisationen, es schwindet die Fermentwirkung. So würde denn im Laufe der Zeiten der Konfliktstoff beseitigt werden, wenn nicht aus den bestehen bleibenden Ghettos immer aufs neue Talmudgehirne und Ghettocharaktere mit allen ihren zersetzenden Eigenschaften, sowie feindliche Vorstellungen und unheilvoll wirkende Organisationen herauskämen und die in Umwandlung Begriffenen aufs neue infizieren würden." Diese Auffassung ist offenbar jener Günthers diametral entgegengesetzt. Das Rassengemisch der luden. Die Methode Günthers besteht nun darin, daß er das Rassengemisch der Juden in seine ursprünglichen Bestandteile zu zerlegen sucht. Jeder dieser hypothetischen Grundrassen legt er eine geistige Eigenart bei. Als den im heutigen Judentum hervorstechendsten Bestandteil, der auch der eigentliche Auslöser des Antisemitismus sein soll, sieht er die vorderasiatische Rasse an, die, abgesehen von den Juden, heute am stärksten bei den Armeniern, Neugriechen, Türken, Syriern, Neupersern und verschiedenen Kaukasusvölkern vertreten ist und früher auch den Völkern der Assyrer und Hethiter zugrunde lag. Dieser Rasse ist die am Balkan und in den Alpen verbreitete dinarische Rasse nahe verwandt. Dazu kommt die orientalische Rasse, die die ursprüngliche Trägerin der semitischen Sprachen war, also besonders die Araber, der aber auch die Bewohner der Mittelmeer-Randländer nahestehen, also ein beträchtlicher Teil der Spanier, Italiener, Südfranzosen. Sodann nimmt Günther an, daß den Israeliten schon frühzeitig mannigfache nordisch-indogermanische Bestandteile beigemengt wurden, die in und bei Palästina historisch nachweisbar sind. Schließlich sind dann den Juden im Laufe der Zeit noch hamitische, negerische, chasarische, slawische Bestandteile Zugesetzt worden. Die seelische Eigenart der Hauptelemente des Judentums gibt Günther folgendermaßen an: Vorderasiatische Rasse: Besonderer Handelsgeist, geschmeidiger Verstand, ausmalende Beredsamkeit, ausgesprochene Gabe, ja Eifer zur Einfühlung in fremdes Seelenleben, zur Berechnung und Ausnützung der Menschen, Fähigleit zur Auslegung und Umdeutung fremder Geistesgüter, Begabung für Schauspielkunst und vor allem für Tonkunst, Neigung zu berechnender Grausamkeit, kalte und „wollüstige" Grausamkeit, Mangel der Fähigkeiten zum Staatsaufbau und zur Staatserhaltung, dagegen Neigung und Fähigkeit zur Bildung von Glaubensgemeinschaften und mehr oder minder geheimer halb religiöser, halb Politischer Gemeinschaften, ein Schwanken Zwischen zügelloser Sinnlichkeit und Abtötung des Fleisches, Verquickung der Religion mit Sexualität, Neigung zum Sichhineinsteigern, zu rasenden Klagen und Freudenausbrüchen, Expressionismus in der Kunst, Wille zur seelischen Macht über Gemeinschaften durch agitatorische Auspeitschung, starke Einbildungskraft usw. Orientalische Rasse: Diese Rasse ist aus der Wüste hervorgegangen und ihr seelisches Verhalten neigt dazu, aus früheren Anbauflächen wieder Wüste werden zu lassen. Kennzeichnend sind: abschließende Würde, Starrheit der Empfindungen, religiöse Unduldsamkeit, Verfolgungswut, düsterglühender Ernst, immer wieder durchbrochen durch jähe Leidenschaft, würdige Selbstbeherrschung und plötzlich auslodernde geschlechtliche Sinnlichkeit, Wechsel zwischen lässiger, oft träg hindümmernder Ruhe und angespannter Unternehmung. „Eine nicht tiefe, doch scharfe Beobachtungsgabe, zähe Willenskraft, berechnende List, kalte Mitleidslosigkeit und ausschweifende Rachsucht werden stets gelenkt oder wieder beherrscht von einem nüchternen Verstand. Die ausgesprochene Streitbarkeit bleibt doch immer der Berechnung unterworfen: der überraschende Raubüberfall, dessen Gelingen sehr wahrscheinlich erscheint, kennzeichnet orientalisches Wesen (S. 60). Nordische Nasse: Die Eigenschaften der nordischen Rasse schildert Günther in diesem Buch nicht Zusammenfassend. In seinem früheren Buch „Nassenkunde des deutschen Volkes" (1922) tut er dies aber sehr ausführlich (S. 130) und findet am nordischen Menschen natürlich fast nur herrliche Eigenschaften, z. B. Urteilsfähigkeit, Wehrhaftigkeit, Mut, Gerechtigkeitssinn, Neigung zu unbestechlicher Sachlichkeit, Unzugänglichkeit gegenüber dem Geist d?s Massentums, unerschütterliche offenherzige Treue, staatsmännische Begabung, zu-

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