Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 23 (6.6.1930)
- Date
- 1930-06-06
- Page
- Seite 301 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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301 Streifzüge. Gemeindepolitik kann mir insofern Gegenstand der Erörterungen im Contra tvereiu sein, al^ sie sich mit den Bestrebungen und Grundsätzen unserer Bewegung deckt oder ihnen widerspricht. Vor kurzer Zeit waren es zehn Jahre, seit die Jüdische Volkspartei in die Berliner Gemeinde eingezogen ist. Die „Indische Rundschau" begrüßt in einer Reihe von Aussätzen diesen Tag nnd feiert die Bolkspartei als die Schöpferin erlies lebendigen jüdischen Selbstgefühls, eines neuen Stolzes, eines aufrechten Einstehens für die eigene Gemeinschaft. Sind das nicht Ziele, die der C e n t r a l v e r e i n seit feinem Bestehen verfolgt hat? War er es nicht, der gerade in der Richtung dieser Forderung beispielgebend vorgegangen ist? Der Centraloerein wird sich freuen, wenn diese seine Forderungen durch die Gemeinden und dort auch durch die Volkspartei ei ne nachhaltige Stütze erlangen. Wenn aber weiter gesagt wird, die Stärkung des j ü d i s ch e n V o l k s t n m s. a u ch i n s eine n g e g e n lv ä r t i g e n W o h n - sitze n, gehört zur Gegenwartsarbeit der Jüdischen Bolkspartei, so kann und wird sich der Centralverein mit dieser Forderung niemals absinden. Wir werden niemals dulden, daß, wie es in der „Jüdischen Rundschau" heißt, aus der religiös-sozialen Judenheit ein Politischjüdisches Volkstum geschaffen und alles getan wird, um dieses Politisch-jüdische Volkstum zu fördern. Diese Förderung würde nämlich bedeuten, daß wir — wie die Feinde der Juden behaupten — Gäste im fremden Wirtsvolk sind. Wir sehen in einem solchen Programm einen furchtbaren Weg, eine völlige Verkennung des Wesens des Judentums, und wir können solchen Aeußerungen gegenüber nur immer wieder betonen: Wir wahren und fördern unser jüdisches Sem, indem wir uns eine Stärkung unseres deutschen Volkstums nicht in unseren g e g e n w ü r t i g e n Wohnsitzen, sondern in unserem deutschen Vaterlande vornehmen. Und wenn in einem späteren Artikel Herr Dr. Wolfsberg von der Volkspartei die Hebraifierung der Diaspora verlangt, so wissen wir, daß damit nicht die Förderung der heiligen Sprache, sondern die Einführung einer zweiten Muttersprache für das nichtreligiöse Leben — gefordert wird. Auch hier muß unsere Ablehnung c ntschiede n sein. Wir kennen keine „jüdische Volkspolitik in der Diaspora", wie sie die „Jüdische Rundschau" wünscht, sondern wir kennen nur ein Streben der Gemeinde, religiöse Vertiefung, Durchdringung mit jüdisch - religiösen Werten und sozialer Arbeit in unserer deutschen Heimat zu fördern. Solches muß einmal gesagt werden, um so mehr, als wir unter keinen Umständen den Gedanken aufkonnnen Lassen können, daß ein irgendwie erheblicher Teil der deutschen Judenheit sich mit diesen Forderungen der „Jüdischen Rundschau" einverstanden erklären könnte. Hier stehen sich Auftastungen gegenüber, zwischen denen eine Brücke leider nicht geschlagen werden kann. Sind aber Männer und Frauen der Auffassung, so sollten sie nicht in der Oeffentlichkeit der „Jüdischen Rundschau" davon sprechen, daß sie irgendwie den Deutschvölkischen gegenübertreten könnten. Wer sich, wenn auch in bester' Absicht, die Gedankenführung irgendeine 8 Chtmvinismus zu eigen macht, kann sich nicht wundern, wenn dadurch die Straft der deutschvölkischen Bewegung im weitesten Sinne, auch menn eine solche Absicht rächt im entferntesten besteht, immer gesteigert wird. II. Gewisse Vorgänge in dem Verein für das Deutschtum i m Auslände und jetzt auch int udeLend e u t s ch e n £> c i m a t 8 - b u n d 6. V. beweisen, wie völkischer Chauvinismus immer mehr um sich greift. Der Verein für das Deutschlum int Auslande ist in feinen reichsdentfchen Abteilungen zweifellos von dem Willen beseelt, jedem Deutschen, gleichviel welcher Religion und welcher Abstanimnng, freie Betätigung und zielbewnßte Mitarbeit für seine guten Ziele zu gewähren. Soweit seilte außerhalb des Deutschen Reiches liegender! Gruppen in Frage kommen, sind sie zmn entscheidenden Teile chauvinistisch eingestellt und sehen in dein Inden nur beit Gast int deutschen Wirtsvolk. Wir Nüssen von einer Direkt* Kurswagen Berlin-Bad Ems ab Berlin, Potsdamer Bahnhof 8.45 an Bad Ems 19.43 ab Berlin, Bahnhof Friedrichsir. 20.23 an Bad Ems 7.43 Reihe von Männern und Frauen, die im B. D. A. und tut Sndetendeutschen vei matsbund E. B. führend sind, daß sie diese völkische Einstellung außerordentlich bedauern und ihre Ueberwindnng unbedingt erstreben. S o l a w g e e s unsere Ehre u n d u n s e r e M e n - s ch e n w ü r d e g e st a t t e u, lv olle n lv i r an de n A u f g a b e n dieser O rga ni - s a t i o n e n m i t Freude n m i t w i r k e u. Wir müssen aber im Interesse der Aufgaben dieser Verbände fordern, daß mit dieser Abstammungsschnüsfelei endlich einmal ein Ende gemacht wird. „Gedenke, daß du ein Deutscher bist", bedeutet etwas ganz anderes, als viele dieser „arischen" Ausländsdeutschen meinen. Ludwin Holländer. Palästina in Aufregung. Die jüörsche Einwanöerung vorerst gesperrt! Es schien vor kurzen Monaten so, als ob eine gewisse Beruhigung in Palästina nach den blutigen August-Unruhen eintreten würde, zumal der arabische Wirtschaftsboykott gegen die Juden stark abzuebben begann. Tie Beröffentlichung des Berichtes der e n g l i s ch e n parlamentaris ch e n Unke r s ü ch u n g sk o m m i s s i o u ü b e r die lin r u h e n aber, dessen weitreichende Bedeutung wir in diesen Blättern ausführlich gewürdigt haben, hat Wogen der Erregung von neuem angefacht. Die zlvei Forderungen des Berichtes, die der Einschränkung und Auslese der Einwanderer und die des zn verhindernden Bodenkaufs, haben die jüdische Bevölkerung Palästinas heftig aufgebracht. Als trotzdem der englische Höchstkommissar der Zionistischen Organisation 3300 Erlaubnisscheine für jüdische Einwanderer znwies, schien es ruhiger zu werden, bis unmittelbar nach dieser Bekanntgabe die englische Regierung die Erlaubnis zurückzog mit der Begründung, daß hier ein Irrtum des Höchstkommissars vorliege, und daß, bevor eine endgültige Entscheidung in der Einwanderungs- und 'Bodenfrage nicht gefallen sei, neue Einlvanderer nicht zugelassen "iverden könnten. Diese endgültige Entscheidung sollte eilt besonderer sachverständiger der englischen Regierung, der mittlerweile in Palästina emgetroffeu ist, Sir I o h n S i m p - s o ll, vorbereiten. Tie unerwartete Entscheidung der englischen Regierung ist ein schwerer Schlag für das na t i o na l - j ü d isch e A u f b a u lv e r k. Die Zionisten in der ganzen Welt und auch die Kreise der Agency legten in Versammlungen und Beschlüssen, die englischen amtlichen Stellen übercichl wurden, feierliche Verwahrung gegen die Einwandernngssperre ein. Tie jüdische Bevölkerung Palästinas veranstaltete einen eintägigen Protest-Streik, der ruhig dnrchgeführt wurde. Aber auch die Araber siud mit der englischen Negierungspolitik höchst unzufrieden. Die nach London entsandte arabische Delegation kehrte unter Protest nach Plästina zurück? Bei der Bedeutung des i n d i s ch e n M o h a ln m e - d i s m u s im gegenwärtigen Augenblick, der sehr energisch für die Forderungen" der palästinischen Araber eingetreten ist, sah sich die englische Regierung veranlaßt, eine beruhigende Erklärung über die Abreise der arabischen Delegation aus London zu veröffentlichen. Soeben hat sie sogar ein Weißbuch über die Lage in. Palästina nnd die Auffassung der Mandatsregienmg ausgegeben, das im Originaltext hier noch nicht vorliegt, das aber anscheinend wiederum die Unzufriedenheit der palästinischen Inden in hohem Maße hervorgerufen hat, wie telegraphische Mitteilungen erweisen. Die Stimmung unter den palästinischen Juden gibt wohl zutreffend der p a l ä ft i n i f ch c V c x t r c t c x d e r „I ü d i s ch e n R u n d - schau" wieder, der in einem' Aufsatze vom 30. Mai sNr. 42/43) das Folgende schreibt: „Es ist von großer Wichtigkeit, die Stimmung im Lande richtig zu übersehen und sich darüber klar zu werden, wie heute die Reaktion der großen Mehrheit der palästinischen Judenheit auf die Schritte der Regierung anssieht. Man fühlt sich verraten." Die politischen Grundlagen sind ins Wanken geraten, und man weiß nicht mehr, Uroma man "sich halten soll." VORANZEIGE. Dienstag, den 17. Juni, abends Bj{> Ubr, im PlenarSitzungssaal des ehemaligen Herrenhauses zu Berlin Protestkundgebung gegen die Herausforderung des deutschen Judentums durch den thüringischen Innenminister. Näheres durch die Einladungen. Central-V erein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens E.V* Berlin SW 68, Lindenstr. 13. Soeben erschienen l „Denn es ist nicht; genug, dass die Juden ewig so fort ihrer Feinde mit Worten sich zn erwehren suchen — sie müssen auch tun: die einzige wirkliche Rettung verh eissende Möglichkeit ist offenbar noch niemals von ihnen ernstlich in Erwägung gezogen worden.“ CONSTANTIN BRUNNER Von den PHiei (er Inden nnd m den NMn des Staates. Preis broschiert 6 M., gebunden 8 M. GUSTAV KIEPENHEUER VERLAG, BERLIN. Die Schrift, deren Vorwort hier unter dem Titel „Ein neuer Brunner“ abgedrnckt war, beurteilt ohne andere Rücksicht als die der Wahrheit die jetzige Lage der Juden und gipfelt, in bestimmten Forderungen an die Juden lind an den Staat.