Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 23 (6.6.1930)
- Date
- 1930-06-06
- Page
- Seite 300 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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300 A. Herr mann & Sohn BERLIN W 50 Ansbacher Strasse 42/43. B4, BAVARIA 5947, Schokoladen / Gebäck / Tee Feines Teegebäck von M. 0,98 an Br. Fromm’s Nährmittei fär Zuckerkranke. den Artikel verfaßt habe, zunächst antwortete, er wolle den Artikel erst einmal sehen, er habe ihn nämlich noch gar nicht angesehen. Aber das Gericht schenkte nun einmal den Aussagen des Zeugen Holz Glauben und mußte daher aus gesetzlichen formalen Gründen zur Freisprechung des Angeklagten Streich e r kommen. Wegen der Ungebühr gegenüber dem Staatsanwalt wurde er aber in eine Ordnungsstrafe von 50 Mark genommen. Trotz des Freispruchs lehnte das Gericht verständigerweise die Uebernahme der Verteidigungskosten auf die Staatskasse ab mit der Begründung, daß diese Verhandlung überhaupt nicht stattgesunden hätte, wenn Streicher schon früher den Verfasser des Artikels glaubhaft nachgewiesen hätte. So hat Streicher wenigstens eine kleine Strafe für seine „Taktik der Klugheit" erhalten. Msklärmigsversammlung öes Centralvereins in Sensburg. Die vor kurzem verübte ruchlose Synagogenschändung in Sensburg, über die wir in Nr. 21 der „C. V.-Zeitung" berichteten, veranlaßte unsere dortige Ortsgruppe, die Bevölkerung zu einer öffentlichen Versammlung am 28. Mai einzuladen. Trotz des schönen Sommerabends waren mehr als 500 Personep der Einladung in den großen Saal des Hotels „Sensburger Hos" gefolgt. Man sah Angehörige aller Bevölkerungsschichten: Beamte, Kaufleute. Handwerker, Arbeiter und Landwirte des Kreises. Auch der stellvertretende Landrat des Kreises sowie der frühere Landrat, der Schulrat, die Richter des Amtsgerichts, eine Reihe von Offizieren und Schülern der Polizeischule sowie die politisch führenden Persönlichkeiten des Ortes waren erschienen. Die von dem Vorsitzenden unserer Ortsgruppe Sensburg, unserem Freunde P o m - m e r, vorzüglich vorbereitete Versammlung wurde von dem Repräsentantenvorsteher der dortigen Gemeinde, Kaufmann M a l l i g s o n, in vorbildlicher Weise geleitet. Der Syndikus unseres Landesverbandes, Kurt S a b a tz k h (Königsberg), hielt einen mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag: „Die Wahrheit über Deutsch turn und Judentum". In der Aussprache sandten die Nationalsozialisten, die nur in geringer Anzahl erschienen waren, einen jugendlichen Redner namens Breda aus O r t e l s b u r g vor. Der junge Mensch, der bezeichnenderweise seine Wortmeldung unter der Flagge „parteilos" vorgenommen hatte, wurde wegen seiner unreifen demagogischen Ausführungen von der Versammlung ausgelacht und zog es deshalb vor, gleich nach seiner Rede den Saal zu verlassen. Sächlich und vornehm rechnete der Gausekretär K a l e s s e vom Standpunkt des Reichsbanners unter lebhaftem Beifall der Versammlung mit der nationalsozialistischen Politik ab. Die Versammlung fand ungeteilten Beifall der jüdischen wie der christlichen Teilnehmer. Diese, insbesondere auch die führenden Persönlichkeiten, brachten ihr Bedauern darüber zum Ausdruck, daß nicht bereits viel früher derartige Versammlungen in Sensburg stattgefunden hätten. Nur von einer derartigen Austlärung, die sich von Parterpolitik rmd von Verhetzung jeder Art freihalte, könnten leicht beeinflußbare Menschen vor unbesonnenen Handlungen bewahrt werden. Ost Preußische Tageszeitungen berichteten sehr anerkennend über den Verlauf der Versammlung. §erdinand Blumenthal 60 Zahreall Der deutsche Jude. L. H. Geheimrat Ferdinand Blumenthal gehört dem Hauptvorstande des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens seit 20 Jahren an. Er folgte in seinem Amte seinem unvergeßlichen Vater, der durch seinen Weitblick, seine Tatkraft und seine außerordentlich umfangreichen Beziehungen in erster Linie unserer Vorkämpfer stand. Diese vornehm verpflichtende Erbschaft hat Geheimrat Ferdinand B l u m e n t h a l mit Freuden, mit Tatkraft und mit innerer Begeisterung übernommen. Wenn auch seine Leistungen auf unserem Gebiete nicht immer der Außenwelt bekannt werden konnten, so wissen die engeren Mitarbeiter im Centralverein doch, wie Ferdinand V l u m e n t h a l in stiller Arbeit und mit nie versagendem Interesse sich unserer Bestrebungen angenommen hat. Die jüdischen Deutschen grüßen ihren Förderer und Freund von ganzem Herzen an seinem Ehrentage. Der jührer öer Wissenschaft. Am 5. Juni d. I. vollendet das Hauptvorstandsmitglied des Centralvereins, Geheimrat Professor Dr. med. Ferdinand B l u m e n - thal, Direktor des Universitätsinstitutes für Krebsforschung in Berlin, fein 60. Lebensjahr. Die Verdienste dieses namhaften deutschen Gelehrten und Forschers, der sich besonders auch hoher Wertschätzung in den internationalen Kreisen seiner Fachgenosien erfreut und erfolgreich bestrebt ist, stets den guten Ruf der deutschen medizinischen Wissenschaft int Auslande zu festigen und zu mehren, wurden in unserer Zeitung bereits bei anderen Gelegenheiten hervorgehoben. Freunde, Mitarbeiter und Schüler haben dem Gefeierten zum Geburtstage eine umfangreiche, als Sonderband der von Blumenthal seit vielen Jahren geleiteten „Zeitschrift für Krebsforschung" erschienene Festschrift gewidmet, an der sich auch bedeutende Gelehrte des Auslandes mit wissenschaftlichen Beiträgen beteiligten. Allen sonst zu diesem Tage ihm zugedachten Ehrungen entzog sich der stets bescheidene und schlichte Jubilar. Ferdinand B l u m enthüls Lebensarbeit gehört der Erforschung und Bekämpfung der Krebskrankheit und der Fürsorgetätigkeit für die beklagenswerten Opfer dieser heimtückischen Erkrankung. Ungefähr um die letzte Jahrhundertwende setzten in Deutschland, ebenso wie in manchen anderen Kulturstaaten, die ersten aus breiterer Grundlage und systematisch aufgebauten Bestrebungen in dieser Richtung ein, die in der Gründung des Deutschen Zentralkomitees zur Erforschung und Bekämpfung der Krebskrankheit im Jahre 1900 zunächt ihren Niederschlag fanden. B l u m e n t h a l, der dieser Organisation feit der Begründung als Mitglied angehört, ist seit vielen Jahren der s ch r i f t f ü h r e n d e Generalsekretär d e s K o m i t e e s. Er hat es in dieser überaus schwierigen Stellung verstanden, durch fein großes organisatorisches Geschick und durch Zahlreiche einschlägige Veröffentlichungen und Vortrüge auch in weiteren Kreisen Interesse für die Krebsbekämpfung zu erwecken und Aufklärung über die Krebskrankheit zu verbreiten. Im Jahre 1903 wurde unter dem großen Kliniker Ernst von Leyden der Grundstock zum heutigen Universitätsinstitut für Krebsforschung in Berlin gelegt, dem Blumenthal ebenfalls seit der Gründung angehört und dessen Leitung seit jetzt fünfzehn Jahre in seinen Händen liegt. 1906 richtete das Zentralkomitee die ersten Fürsorgestellen für Krebskranke und -verdächtige ein, mit deren ärztlicher Leitung Blumenthal damals betraut wurde. Das Arbeitsprogramm dieser Krebsfürsorge bestand in Erfassung, Untersuchung und Behandlung der Krebskranken, in Fürsorge für sie in den Wohnungen, in Ausbildung von Aerzten, in Untersuchung und Behandlung von Krebskranken und in wissenschaftlicher Auswertung der gesammelten Erfahrungen. Was Ferdinand Blumenthal für die Aernisten der Armen in dieser Stellung geleistet hat, wird in der vorerwähnten Festschrift von dem hochverdienten früheren Charrtedirektor, Geheimrat E. Putter, geschildert. Das Krebsforschungsinstitut in Berlin war das Schmerzens- und Sorgenkind Blumenthals, und wohl deshalb hat er ihm bis auf den heutigen Tag stets seine besondere Liebe zugewandt. Aus kleinsten Anfängen heraus hat sich diese Forschungs- und Behandlungsstätte unter größten Schwierigkeiten zu einem der führenden Institute aus diesem Gebiete entwickelt. Liest man die aus Blumenthals gewandter Feder stammende Chronik in der zum fünsundzwanzigjährigen Bestehen des Institutes im Jahre 1928 herausgegebenen Festschrift, so wird man die Not der deutschen Wissenschaft in den Kriegs- und Nachkriegsjahren erst voll verstehen können. Keinen der Gönner, Mitarbeiter und Helfer des Institutes in diesen schweren Zeiten hat Blumenthal mit seinem Danke an dieser Stelle vergessen. Für den Wissenden spricht jedoch aus jeder Zeile, daß es in erster Linie Ferdinand Blunrenthal selbst gewesen ist, der in unermüdlicher Tätigkeit immer wieder Mittel und Wege sand, sein Lebenswerk zu erhalten, zu stützen und au 8 zu bauen. Nicht vergessen soll hier auch sein großes Verdienst für die Wiederaufnahme der durch den Krieg zerrissenen internationalen wissenschaftlichen Beziehungen sein. Die in neuerer Zeit aus dem Gebiete der Krebsforschung und -bekämpfung gemachten Fortschritte find unverkennbar. Doch bleibt noch vieles zu tun! In allen Kulturländern arbeitet man fieberhaft an den schwebenden Problemen, und Deutschland steht auch hier mit an erster Stelle. Wir geben deshalb heute dem Wunsche Ausdruck, daß unserem Vaterlande eine Führerkraft, wie sie Ferdinand Blumenthal auf diesem Gebiete darstellt, recht lange erhalten bleiben möge. Privatdozent Dr. med, Albert Simons (Berlin).