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Central-Verein-Zeitung · 1930-06-06 · 23 (6.6.1930) · p. Seite 302

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
23 (6.6.1930)
Date
1930-06-06
Page
Seite 302 (sequence 6)
Language
German
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302 Sün-enpfuhl Serlin. von Leo Hirsch. In den „Süddeutschen Monatsheften" erschien kürzlich eine größere Arbeit über die -Stadt Berlin, ihre soziologische Struktur und ihre kulturellen Verhältnisse. Der sleißige Verfasser, der die Vorarbeit an Statistiken so wenig gescheut hat wie die Sammlung Persönlicher Eindrücke, heißt Richard Korherr und ist von Oswald Spengler sichtlich beeinflußt. Die Folge ist, daß er die Stadt Berlin als einen rapiden Sonderfall des untergehenden Abendlandes ansieht, als einen besonders typischen Fall voller Untergangssymptome. Berlin, „die späte Stadt," ist „auf Sumpf" erbaut, und vorsichtig deutet Herr Korherr an, daß auch das innere Fundament, das geistige oder seelische Grundstück Berlins sumpfig sei. Denn der fleißige Autor versteht die Kunst, aus Statistiken Moral zu machen und aus einem fundierten Baedeker eine Rede ä la Abraham a Santa Clara, nur nicht gar so deutlich und immer mit dem Anschein von Objektivität. In seiner Darstellung steht die Jazzmusik mit dem Geburtenrückgang, die hastige Kopisterei des Berliner Literaturbetriebs mit der religiösen Uninteressiertheit in engem Zusammenhang. Berlin ist ihm ein Sündenbabel wie das alte Rom, mit farbenprächtigen Ausschweifungen der Allzureichen, mit dem heulenden Elend der Allzuarmen, mit politischen Exzentrizitäten, sozialen Mißständen, ohne feste Mittelschicht, kurzweg: Sumpf. Wie kommt der fleißige Mann zu solchen Feststellungen? Oder ist Berlin wirklich eine solche Lasterhöhle? Die Entrüstung des Herrn Korherr, zumal sie von den „Süddeutschen Monatsheften" in die Welt getragen wird, erscheint als eine literarische Aktion gegen Berlin. Sie wäre also zu erklären aus der Meinung des kleinlichen Kleinstädters gegen den Großstädter? Als eine „Kampfhandlung" der kleinen gegen die große Stadt, die von überallher die besten Kräfte magnetisch anzieht und anziehen muß? Als eine Art Eifersuchtstat also? Der Gegensatz von Nord und Süd ist natürlich begründet, und wir wissen sehr wohl, wie fremd München und Berlin sich sind. Aus solchen Gegensätzen moralische Folgerungen zu ziehen, und zwar völlig zuungunsten der anderen Seite, halten wir allerdings für wenig fair und trotz dem statistischen Unterbau für nicht objektiv. München gegen Berlin, ein Baedeker mit sittlicher Entrüstung. — „Ein Geist gewinnt heute in Berlin das Uebergewicht, gegen den ganz Deutschland in heiligem Zorn aufstehen muß. Der deutsche Geist ist viele Irrwege gegangen; aber die einzige maßlose Verirrung, die heute der tonangebende Berliner Geist bedeutet, ist gänzlich undeutsch", schreibt da Herr Korherr. Nun, das mag er halten wie er will. Wir wissen, daß in Berlin die sozialen, kulturellen, religiösen und moralischen Verhältnisse so wenig ideal sind wie in den kleinen Städten, aus denen „die Kräfte" nach Berlin kommen, also wohl auch jene „entsittlichenden" Kräfte. Wir sind gewiß nicht kritiklos, aber wir erlauben uns gleichwohl, am fahrplanmäßigen Untergang des Abendlandes zu zweifeln, obwohl wir uns nicht enthalten können, Kritiken von der unschöpserischen Art dieser fleißigen Arbeit als Untergangssyptome zu nehmen. Zwischendurch und so ganz nebenbei erkennt man übrigens, woher hier der Wind Pfeift. Der „Geist von Berlin" ist dem fleißigen Autor anscheinend zu jüdisch infiziert, und — er sagt es, aber er spricht es nicht aus — daher die vielen Abtreibungen in Berlin, daher der Bolschewismus, daher die „maßlose Korruptions- Wirtschaft". So schreibt Herr Korherr: „Die meisten Dissidenten zählt Neukölln (im Volksmund New Moskau) mit seiner verhetzten Bevölkerung (15,7 v. H. Religionslose)." Also, Paradies des nördlichen Schwarzwaldes. Weltberühmter Herz- und Nervenkurort. Bevorzugte Sommerfrische. Ideales Luft- und Sonnenbad. 12000 Kurfremde, bildführer durch den. Kurverein. verhetzt, religionslos — wir wissen Bescheid. Denn: „Die Juden nach Rasse lassen sich nicht seststellen. Man muß auf jeden Fall den Großteil der Dissidenten in den reicheren Bezirken Berlins dazurechnen." Wie es aber in den „reicheren Bezirken" zugeht, plaudert ein „Zwischenstück" aus: „Was die Diwans des Westens schon an Perversesten. Orgien der Lebewelt gesehen haben, kann sich sicher ohne Scheu neben die wildesten Dirnenseste Babylons stellen." Das also ist der „Geist von Berlin"? Und doch muß der sleißige Sammler von Beobachtungen in Berlin auf ein harmloses Gemüt nicht gleich einen gehässigen, unobjektiven Eindruck machen. Er verstreut sein Salz vorsichtig und geschickt, hier ein Körnchen, da ein Körnchen: In der Grenadierstraße „standen die Ostjuden in erregten Gruppen beisammen, an ihren Bürten zupfend und scheu umherblickend; und dann ging's wieder in die Betsäle. Drüben aber am Bülowplatz Lärmten die Kommunisten vor der „Roten Fahne" . . . Meist sind diese Juden Händler . . . Hier ist die hohe Schule der Sklareks, der Barmats, hier lernt man „handeln"; die Masse der Ostjuden mit alten Kleidern (Hirtenstraße), Mänteln zweifelhafter Herkunft (Ecke Grenadier-, Münzstraße), Altpapier, Schmuck; die Auserwählten, die nach dem Westen verziehen, mit Staatsgeldern, mit Industrien, mit Politik." Also, wieder einmal „die" Juden? Mußte Herr Korherr deutlicher werden? Wir wissen Bescheid: Ostjuden — Rote Fahne — Sklareks — handeln — Altpapier — Staatsgelder — Politik. Der Kreis schließt sich, die Herrenab Dr. THEINHARDT’s $)ia(kükec=Diät bietet jede Gewähr für Zuverlässigkeit, da nach Vorschrift erster medizinischer Autoritäten auf dem Gebiete und unter ständiger ehern. Kontrolle bergest eilt. DieErzeugnisseunsererFirma verstoßen in keiner Weise gegen den Ritas. Verkaufsstellen werden auf Wunsch nachgewiesen. Dr. Theinhardt’s Nährmittelgesellschaft A.-G., Stuttgart-Cannstatt. 'ÄrCebuts] vormals Lchrchofs-Hoiel Besitzer: Gebrüder Schumann. 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