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Central-Verein-Zeitung · 1930-05-30 · 22 (30.5.1930) · p. Seite 287

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
22 (30.5.1930)
Date
1930-05-30
Page
Seite 287 (sequence 3)
Language
German
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Das Zest -er Offenbarung. Von Rabbiner Dr. Schorsch (Hannover). Zu den Aeutzerungen, in denen sich eine Gemeinschaft offenbart, gehören ihre Feste. Ob sie alt oder jung ist, auf der Entwicklung Zum Geistigen oder Vergänglichen begriffen, machtsüchtig oder friedliebend, pathetisch oder einfach, ob sie aussteigt oder absinkt — die Feste sind der Spiegel ihres Charakters. Sie sind jedoch keine Ruhepunkte, sondern Zeichen dauernder Bewegung, schimmernde Tropfen aus einem dahinfließenden Strom oder zitternde Zeiger an der Ausdrucksuhr des Gemeinschaftslebens. Man braucht die Menschen ja nur einrnal bei ihren Festen zu beobachten! Es gibt nicht-zwei gleiche Feste auf der Welt, weil in jedem Fest nicht nur die Seele der Gemeinschaft zum Ausdruck kommt, sondern auch die Seele der feiernden Lebendigen, die unterschieden find und sich ständig verändern. Die Feste sind also Ergebnis zweier Strömungen; die eine geht aus von einem Ereignis, von einem — vielleicht uralten — Gebauten, die Zweite v o m S e e l e n z u st a n d der Gegenwart. Es gibt viele solcher Verschmelzungen, Mittelschnitte verschiedener Bewegungen; aber die Feste sind dadurch besonders gekennzeichnet, daß der Mensch sich in ihnen lockert, und sein wahres Wesen für den Tieferschauenden sich klar herausschält. In den Festen also tritt die Seele der Gemeinschaft Zutage, und offenbart sich der Mensch als Wesen und Glied eines Ganzen. Wir Juden feiern Schowuaus, das Fest d e r O f s e nbarung. In diesem Fest offenbart sich auch in besonderer Art und Weise das Wesen der jüdischen Gemeinschaft. Wir Juden glauben daran, daß vor Jahrtausenden Gott auf den Berg Sinai herabgestiegen ist, um aus dem Feuer seine ewigen Gesetze zu verkünden! Ganze Zeiten und Geschlechter dünkten sich erhaben über diese Lehre, weil sie den Naturgesetzen widerspräche. Daher hat man hier und da einen anderen Sinn in die Offenbarung gelegt. Aber nie wurde das Fest aufgehoben! Und nun mehren sich in heutiger Zeit wieder die Stimmen, die den gewaltigen, lebendigen Gott in seinem freien Wirken erkennen! Hütte das Judentum den Glauben an die Gottesofsenbarung aufgegeben, so würde es heute beschämt werden von der sich mehrenden Schar der Gläubigen außerhalb seiner Reihen. Aber es wird nicht beschämt, denn Jahr für Jahr kehrte das Schowuausfest wieder, und man schmückte die jüdischen Gotteshäuser mit frischem Grün. Gibt es ein besseres Zeichen dafür, daß die Lehre der Gottesoffenbarung lebt! Wie sich auch die einzelnen mit Worten dazu stellten — das uralte Ereignis, die jahrtausend alte Wahrheit wurde von allen aus ihren Schultern weiter getragen, und so erhoben sich im Fest der Gesetzgebung die kleinen Menschen in die Sphäre über¬ 287 persönlichen, gewaltig dahinströlnenden religiösen Lebens. Die Juden sind nicht größer und kleiner als andere Menschen, nicht besser und nicht schlechter; aber daß sie — vielleicht manchmal wider Willen und unbewußt — die Lehre der Offenbarung durch die Jahrtausende weitertrugen, ist Beweis dasür, daß sie eingetancht sind in den Strahlenglanz eines sie erhebenden und erhaltenden göttlichen Lebens. Wie aber ist es für den einfachen Menschengeist zu verstehen, daß Gott sich am Berge Sinai offenbarte? Für das Gefühl unserer Vorfahren muß sich dort etwas Unerhörtes Zugetragen haben, denn sie kleiden den Vorgang in das Bild eines drohenden Berges, der sich erhebt, um das ganze Volk zu erschlagen, wenn es die Gotteslehre nicht annimmt. Vielleicht sind die heutigen Menschen so gehetzt, so übermüdet, so übersättigt, daß sie zwar ein Gefühl für technische Errungenschaften, aber nicht mehr für das g e i st i g Unerhört e besitzen. Dieses Gewaltige liegt darin, daß eine ganze Gemeinschaft sich zu ei ne r übergeordneten, ge i sti g e n Welt bekannt bat. Bekannt nicht mit Worten, sondern mit der Tat, die — wir können es heute überschauen und um uns blickend verstehen —- Blut und Leben und Glück dieser Menschen gekostet hat. Was aber schützen die Menschen höher als das greifbare Leben und grobes, sinnliches Glück? Welche Toren waren doch unsere Vorfahren — so mögen viele schon gedacht haben — die dieses Greifbare einem Phantom, einem unsichtbaren Gotteswilleu opferten! Sie gaben die sinnliche, aufreizende Gottesverehrung auf; sie ließen sich zwingen, einen Tag der Woche weder dem Erlverbsnoch dem Vergnügungstrieb nachzugehen, sondern der Versenkung in das Göttliche zu leben; sie ließen sich Gesetze aufdrängen, die alle Begierden beschränkten! Und das alles, weil ein unsichtbarer Gott aus dein Feuer zu ihnen geredet habe! An diesen Gedanken erkennt mau die wahre Bedeutung des Schonnmusfestes. Jawohl, unsere Vorfahren haben alles, was Menschen sonst hochschützten, aufgegeben oder eim geschränkt, weil sie das, was andere für ein Phantom "hielten als lebendige W a h r heit erkannten, lveil sie den Mut fanden, sich nur unsichtbaren Gewalten zu bekennen, weil sie — Menschen ans Fleisch und Blut — Hinaufstiegen in ein unsichtbares, unvergängliches, ewiges Reich des Geistes, in die Welt des rein Göttlichen! Wer dies ermessen kann, versteht den ungeheuren Vorgang. Es ist immer eine Offenbarung, wenn die Menschen des Körpers sich durch die Tat zur reinen Welt des Geistes bekennen. Es ist jedes Mal ein unerschrockenes Aus-den-Neihen-Treten. Damals trat unser Volk gemeinsam ans der Front der Völker, um zum Gottesvolk zu werden. Das war die Offenbarung am Berge ^inai. Am Schowuausfest offenbart sich die Geilleinschaftsseele des Judentums. In der Feier dieses Festes offenbart sich der Jude. Werm er in persönlicher Entscheidung den Mut findet gegen die Zeitströmllng und trotz aller Feindschaft sich zum Volk des Geistes zu bekennen, so hat er, wie unsere Vorfahren am Berge Sinai, die Offenbarung des Göttlichen erlebt. sondern auf den Wert der Gaben ankommt. Was Goethe der altbiblischen Kultur schuldig ist, wie sie seine menschlichen Kräfte angeregt, seine dichterische Phantasie beflügelt hat, ist bereits ausgeführt worden; welchen Einfluß jedoch auf das Gesamtbild seiner Weltanschauung der Jude B a r u ch Spinoza ansübte, mag turnt im vierzehnten Buch von „Dichtung und Wahrheit" Nachlesen. Anderseits mußte Goethe, genau wie Herder, in den Juden das Gefühl persönlicher und sozialer Selbstachtung wecken, als er sie, unbeschadet der ablehnenden Haltung, die sein konservativer Sinn gegenüber manchen Neuerungen in der Judengesetzgebung bekundete, in den gesellschaftlichen und kulturellen Kreis von Weimar aufnahm und ihr Schaffen mit lebhafter Anteilnahme begleitete. Es genüge, hier die Namen des Malers Moritz Oppenheim, des Dramatikers Michael Beer, des jungen Mediziners David Veit und des seltsam vagabundierenden, polnischlitauischen Philosophen S a l o m o n M a i m o n zu nennen, der, mit seiner Transzendentalphilofophie zwischen Kant und Fichte in der Mitte stehend, bei Goethe den Wunsch erregte, ihn „in seinem Zirkel" zu sehen. Und, wie wenn die Juden ihrem verständnisvollen Förderer eine besondere Dankesschuld zurückerstatten wollten: sie fingen an, seinen Ruhm iu Deutschland laut zu verkünden. Es war Rah el L e vi n — die trotz ihrer späten Taufe im Herzen Jüdin blieb —, die mit ihrem ekstatischen „Ich bet' ihn an! Ich bet' ihn an!" Zuerst in die Fanfare der Goethe-Begeisterung stieß und für die jeder neue Band Goethe zu Einern Fest wurde. Dieser Goethe-Kult wurde dann, wiederum von Juden, in den ruhigen Strom einer wissenschaftlichen Durchforschung des Goetheschen Gesamtwertes geleitet: an der Spitze der Goethe-Gesellschaft, die zu diesem Zweck gegründet wurde, staud vierzehn Jahre lang der Jude Eduard S i m s o n, der allverehrte Präsident der Deutschen Nationalversammlung und des ersten Deutschen Reichstags, und fast alle nennenswerten Goethe-Biographien, von dem tüchtigen, in weit mehr als hunderttausend Exemplaren verbreiteten Werke Albert Bielschowskys angefangen, biszuFriedrichGundolss großartig gestaltendem Wurf und Emil Ludwigs psychologisch eindringlicher Geschichte eines Menschen, haben Juden zu Verfassern. * Es ist für einen Angehörigen der älteren Berliner Germanistengeneration, die sich einst um den wahren Statthalter des klassischen Geistes von Weimar, den unvergeßlichen Erich Schmidt, gesammelt hat, besonders schmerzlich, den Blick auf das heutige Weimar zu richten, in dem die Spuren dieses Geistes völlig verwischt erscheinen. „Die uns das Leben gaben, herrliche Gefühle, erstarren in dem irdischen Gewühle" — aus solcher Erstarrung, wie Faust sie einst empfunden, löst sich nur langsam die Erinnerung an jene Zeiten, in denen unter Erich Schmidts imponierender Leitung Juden und Christen dem Weimar Goethes und Herders in einträchtiger Gemeinschaft gehuldigt haben. Nie wurde diese Eintracht etwa durch ein häßliches Wort konfessioneller Gegensätzlichkeit oder gar Mißachtung gestört, ob wir mm in ernster Seminararbeit oder bei heiterem * Becherklang Zusammensaßen; niemals ließ der Meister seine Schüler auch nur andeutend ahnen, daß der Nathan-Gedanke, dem er, wie kein anderer, in seinem monumentalen Lessingwerke Ausdruck verliehen, nicht auch von seinem Innersten Besitz ergriffen habe. Ja, als er dem ihm befreundeten Bert hold A u e r b a ch den Nekrolog schrieb, fand er nur Worte des Abscheus für das widerliche „Hep-Hep-Geschrei", das dem alten Manne die letzten Jahre seines Lebens verkümmert habe, und an dem Beispiel des trefflichen Erzählers wußte er überzeugend nachzuweisen, daß man ein Jude und gleichzeitig ein guter Deutscher sein könne. Eine andere Melodie dringt aus dem Weimar der Gegenwart 31t uns herüber. Und als hätte sich in seinen Mauern nie die heitere Tonwelt des strahlenden Götter- und Goethelieblings, des aus jüdischem Stamm entsprossenen Felix Mendelssohn ausgebreitet — die Fricksche Melodie klingt trist und dumpf und möchte den „rassefremden Elementen", den Juden, am liebsten zum Grabgeläute werden. Aber Herr Frick uröge sich daran erinnern, daß es sein berühmter Amtsvorgänger, der Staatsminister Goethe, war, der den Juden Energie, Beharrlichkeit, Zähigkeit als hervorstechende Wesenszüge zugesprocheu und ihre in die Ewigkeit fortwirkende Lebenskraft mit den Worten bezeugt hat: Sie gehen nicht zugrunde, weil es Individuen sind.

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