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Central-Verein-Zeitung · 1930-05-30 · 22 (30.5.1930) · p. Seite 286

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
22 (30.5.1930)
Date
1930-05-30
Page
Seite 286 (sequence 2)
Language
German
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LSö unwidersprochen gemeldet und in der Oesfentlichkeit bereits mehrfach erörtert wurde, die Axt an den Religionsunterricht gelegt, um die fundamentalste Stütze dieses Unterrichts, das Alte Testament, ins Wanken zu bringen und an seine Stelle eine Reihe ebenso abgeschmackter wie tendenziöser Schulgebete zu setzen. Wer in der Stadt Goethes und Herders sich zu solchen Gedanken und Maßnahmen bekennt, hat den Anspruch verwirkt, den Kulturinteressen weiterer Volksschichten zu dienen. Der Widerspruch erscheint beinahe grotesk: der „Bildungsminister" des moder - n e n Weimar lehnt das „Fremdrassige", also das Orientalisch-Jüdische, in Bausch und Bogen ab; er will, bei der religiösen Unterweisung der Schüler, dem urältesten geistigen Erzeugnis des Orients, dem Alten Testament, seine Bedeutung als Lehrgegenstand entziehen — und auf dem geheiligten Boden des klassischen Weimar gehen Morgenland und Abendland für Religion, Kunst und Wissenschaft eine neue, unzertrennliche Verbindung ein: Gottes ist der Orient! Gottes ist der Okzident! Nord- und südliches Gelände Ruht im Frieden seiner Hände! — so kündet Goethes milde, versöhnende Altersweisheit; und Humanus Herder, dessen geistiger Universalismus alle Völker, alle Religionen, alle Kulturen wie zu einer großartigen kosmischen Einheit zusammenfaßte, ließ aus dem Alten Testament den Geist der hebräischen Poesie wieder lebendig werden, als den Urgeist, aus dem das abendländische Christentum die stärksten Wurzeln seiner Krast gezogen habe. Beide, der Frankfurter Juristensohn und der ostpreußische Sproß einer frommen Lehrersamilie, wußten, was sie der ältesten Urkunde des Menschengeschlechts zu verdanken hatten. „Ich hatte überhaupt zu viel Gemüt an dieses Buch verwandt, als daß ich es jemals wieder hätte entbehren können" — dies autobiographische Goethesche Bekenntnis enthüllt die außerordentlichen Seelenkräste, die den Dichter Zeit seines Lebens mit dem Alten Testament verbunden haben und die ihn immer wieder zu diesem lebendigen Urquell orientalischjüdischer Geschichte, Sage und Dichtung hinzogen. Schon der Knabe Goethe lernte Hebräisch, um die ersten Bücher Moses im Urtext lesen zu können; die Geschichte Josephs und seiner Brüder regte ihn zu seiner frühesten Jugenddichtung an; reifer geworden, versenkt er sich in die geheimnisvollen Bücher der Propheten, übersetzt das Hohelied Salomonis, dies „glühende Buch der Liebe", spürt dem Wirken und dem Schicksal des Religionsstifters Moses nach, begleitet exegetisch Israel auf seinem Zuge durch die Wüste, breitet über die lyrisch hinströmenden Gedichte des „West-östlichen Divan" den Glanz des Orients und krönt die Beschäftigung mit altbiblischen Stoffen in der Konzeption und Gestaltung seines „Faust", dessen „Prolog im Himmel" von Hiobklängen widertönt und der in einer der mächtigsten Schlußszenen des zweiten Teiles, der Grablegung Fausts, an den sagenhaften Kamps der Geister um den Leichnam Moses erinnert. Und Herder, der mit dem inneren Blick des Sehers und Propheten das -ganze Weltall durchmaß? Für ihn war das Alte Testament dichterische, von allem Dogma losgelöste Offenbarung, in der er die „heilige Stimme Gottes aus dem Morgenlande" 31t vernehmen glaubte; für ihn war insbesondere der Schöpsungsbericht der Genesis ein morgenländisches Gedicht, dem er sich mit tiefer Naturnndacht hingab, und das er dann, wie ein begeisterter Rhapsode, zu mächtigem Klingen brachte. In diesen Stronr von Poesie bettete er auch die älteste lyrische Dichtung der Hebräer, an deren Glanzstück, den Psalmen, er seine eigene sprachgewaltige Uebersetzungskunst wiederholt erprobte; und zu einer weihevollen Symbolik des Dichterischen erhob er den Sabbat, in dem sich für ihn das Andenken des Weltenschöpfers wie in einem ewigen Gedächtnisgesange fortdauernd erneuerte. Aber auch auf den sittlichen Kern des Alten Testaments stieß sein forschendes Auge vor: besonders in den Spruchbüchern und Propheten fand er, im Verhältnis der Kinder zu ihren Eltern, ja in dem ganzen Familiengeiste das ausnehmendste Zeugnis der „frühesten, süßesten Moral", und wie er die Gesetze Moses wegen ihrer Bedächtigkeit und Sittsamkeit pries, so verehrte er den Gesetzgeber selbst als einen „Wohltäter des menschlichen GeschlechM. Nichts von schlichterer Eindruckskraft, als Herders Legende auf den Tod Moses, mit dem herrlichen orphischen Ausklang: „Da küßte der gnädige Gott seinen Knecht und nahm ihm im Kusse seine Seele. Moses starb am Munde Gottes, und Gott begrub ihn selber, und niemand weiß die Stätte seines Grabes."- Wie die religiösen Urkunden, die mythenbildenden und poetischen Kräfte der alttestamentarischen Vorzeit in den klassischen Geist von Weimar eingegangen sind, so konnte auch das nachbiblische Judentum in seiner geschichtlichen Entwicklung, seinem Schicksal, seinem Wesen, seinen individuellen Leistungen zwei so erlauchten Vertretern dieses Geistes, wie Goethe und Herder, nicht verschlossen bleiben. Beiden ist das jüdische Problem schon früh zum Bewußtsein gekommen: dem einen, als fern empfänglicher Knabensinn alle Schrecknisse des Ghetto aus der Judengasse seiner Vaterstadt Frankfurt in sich aufnahm; dem anderen, als er, aus dem bibelfesten Elternhause ins Leben hinaustretend, die Anfänge der Menschheitsgeschichte in der mosaischen Ueberlieserung zu erkennen glaubte. Kein Zweifel; Goethe sowohl als Herder waren noch in den Anschauungen ihrer Zeit befangen, die den Juden als nationale und soziale Ausnahmeerscheinung betrachtete und ihn, den Angehörigen eines fremden und heimatlosen Volkes, selbst in dem Weimar der freigesinnten Herzogin Anna Amalia unter besondere, nur wenig gelockerte Gesetzesvorschriften stellte; aber ebenso kein Zweifel, daß manche ihrer abschätzigen Aeußerungen — die der Rassenspezialist H. St. Chamberlain für Goethe mit innigem Behagen Zusammengestellt hat — nur aus solchen traditionellen Anschauungen zu verstehen sind. Es gibt keine innere Verbindung zwischen der klassischen Lebensform, wie sie sich am reinsten in Goethes „Iphigenie" und Herders „Briefen zur Beförderung der Humanität" ausprägt und einer Betrachtungsweise, die den sittlichgeistigen Wert eines Menschenleugnet, weil er einer bestimmten Stammes- oder Religionsgemeinschaft angehört. Herder selbst war sich einer solchen, aller Toleranz hohnsprechenden Ungerechtigkeit vollauf bewußt, als er gestand: „Von Kindheit auf ist mir nichts abscheulicher gewesen als Verfolgungen und Beschimpfungen eines Menschen über seine Religion" und ebenso, als er, die Allgemeingültigkeit alles geistig Bedeutenden hervorhebend, die gewichtige Frage stellte: „Wer denkt bei Spinozas, Mendelssohns, Herz' philosophischen Schriften daran, daß sie von einem Juden geschrieben wurden?" Aber der geistige Reformator des Menschengeschlechts wurde auch zu einem beredten Vorkämpfer der Judenemanzipation, indem er sich vor allem für eine gemeinsame, „nach einerlei llss Gesuntiiteifswasser! Fachinger Versandsteile, Berlin SW 11, Schöneberger Strasse 16a. Telefon: Liitzow 82601 U Grundsätzen der Moral und Wissenschaft" geleitete Erziehung von Juden- und Christenkindern einsetzte mit dem Ziel, die Juden als gleichberechtigte „Mitbewohner gebildeter Völker" an der Gesamtkultur der Menschheit aktiv teilnehmen zu lassen. Und als ob er vorahnend in kommende Dinge eingegriffen hätte: er verlangte, die Juden sollten die „alten Nationalvorurteile" ablegen und „ihren geistigen Tempel nicht auf den nackten Bergen Palästinas errichten"; ihr Palästina sei überall dort, „wo sie leben und edel wirken".- So wies Herder den Juden seiner Zeit den Weg, auf dem sie ihre Menschenwürde behaupten und zu nützlichen und geachteten Mitgliedern der Gesellschaft werden könnten: er brauchte ihnen nur den bedeutendsten ihrer Glaubensgenossen, Moses Mendelssohn, den er nach seinen eigenen Worten von Herzen hochschätzte, als Idealbild vorzuhalten, um sie der Erfüllung ihrer hohen Aufgabe entgegenzuführen. Und auch Goethe, der große Erwecker und Flammenträger, konnte in seiner Kulturmission vor den Juden nicht haltmachen. Es erscheint nicht notwendig, an dieser Stelle den ganzen Fragenkomplex noch einmal auszurollen, da das Thema „Goethe und die Juden" erst neuerdings von Heinrich Teweles, sodann auch von Julius B a b (in einer aufschlußreichen und klug abwägenden kleinen Schrift) behandelt worden ist. Nur soviel sei bemerkt: Goethes Verhältnis zu Juden und Judentum ist wie ein geistiger Austausch, wie ein gegenseitiges Schenken und Empfangen, bei dem es nicht aus die Fülle, Jena protestiert gegen Günther. Das Wolffsche Telegraphenbüro meldet aus Weimar: Wie der Rektor der Universität Jena mitteilt, haben Rektor und Senat der thüringischen Landesnniverfität gegen die Berufung des Schriftstellers und Rasieforschers Dr. Hans Günther zum ordentlichen Professor der mathematischnatnrwissenschaftlichen Fakultät durch das Bolksbildungsministerinm einstimmig Protest eingelegt, da das in der Universttätssatzung verbriefte alte Recht der Universität, bei der Berufung auf die Lehrstühle durch ihre Vorschläge sachkundig mitzuwirken, im Vorliegenden Falle durchbrochen worden ist. Dieser Protest der Jenaer Hochschullehrer wird hoffentlich von dem Verband der deutschen Hochschullehrer unterstützt werden. Sie alle haben es nötig, sich gegen das „System Frick" zu wenden. Das zeigt dev Beifall, den die Ernennung Günthers in der völkischen Presse gesunden hat. Als Beispiel sei nur der „Völkische Beobachter" zitiert, der in seiner Nr. 117 in einem Aufsatz „Deutschland erwache" schrieb: „. . . Mit der Ernennung Dr. Günthers in Jena hat der Nationalsozialismus bewiesen, daß er ernst macht, wo er sich Machtstellen erobert. Nach und nach müssen alle deutschen Hochschulen von verfaulender liberalistisch - freimanrerisch - jüdischer Klüngelwirtschaft gesäubert werden..

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