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Von deutsch-jüdischer Jugend · 1930-05-23 · 2 (23.5.1930) · p. Seite 6

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Journal
Von deutsch-jüdischer Jugend
Volume
6 (1930)
Issue
2 (23.5.1930)
Date
1930-05-23
Page
Seite 6 (sequence 2)
Language
German
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6 irrationale und darum einzig schöpferische bezeichnet—, hatte seinen Grund in einem vielleicht als religiös anzusprechenden Aufschwung jugendlicher Seelen. Seit dem Krieg ist die Lage eine andere. Es gibt vielfach Bewegungen, die nicht nur der Augenblicksnot (wie in der Wandervogelzeit) steuern, sondern die Haltung von Mensch und Volk in allen Zeiten bestimmen wollen. Sie gehen gewiss in verschiedenen Richtungen. Aber mag es sich um die Gestaltung neuer religiöser Wirklichkeit, um die Erweckung des Volksgeistes, um das Streben nach neuartiger Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung, um die Besinnung auf Ursprung und Wesen von Sprache und wissenschaftlicher Erkenntnis handeln, immer fordert die Bewegung den Einsatz des ganzen Menschen, verlangt sie stete Bewährung dessen, was als das Richtige erkannt und unter dem Ansturm der „ewig Gestrigen“ zu verteidigen ist. Für die Jugend der Nachkriegszeit, der hündischen aber auch teilweise der nichbündischen, ist, soweit ich sehe, das charakteristisch: dass sie auf eine eigene Umwandlungsbewegung verzichtet und sich in die Gefolgschaft einer der angedeuteten Richtungen begibt. Von Kreisen junger Forscher — von denen die deutschen Staaten eine erhebliche Anzahl bereits auf die Lehrstühle der Universitäten gesetzt haben — werden umgestaltende wissenschaftliche Bewegungen getragen, und zwar nicht nur in der philosophischen Disziplin. Die tiefe Wirkung des George-Kreises auf die Jugend ist bekannt und die Erstarkung religiöser Richtungen ist nicht zuletzt auf das Konto der jungen Generation zu schreiben. Der gesunde Kern in einer „völkischen“ Bewegung (aber nicht in der, die sich so nennt), ist etwas, was insbesondere von der bewegten D e u t s c h - j ü d i s c h e n Jugend erfasst wird und ihr einen bestimmten Platz im Volksganzen anweist. Das Wertvolle in dieser jugendlichen Gefolgschaft liegt in einem Doppelten: in dem Anspruch auf überzeitliche Geltung, den die Bewegung erhebt, und in der Veränderung der gesamten Haltung, die vom einzelnen verlangt wird. Nicht jede gegenwärtige Bewegung erscheint deshalb als eine der Gefolgschaft der Jugend würdige, aber wo diese Gefolgschaft mit ganzer Seele geleistet werden kann, da bildet sie den jugendlichen Menschen in einem weit tieferen und ernsteren Sinne, als es die von Thiess gekennzeichnete Jugend tun kann, die den englischen Pfadfindern ähnlich ein schönes, sicherlich für das spätere Leben nützliches „Jugendland“ verlebt. Und damit gewinnt das Problem der politischen Erziehung der Jugend ein anderes Aussehen. Denn zu den grossen Bewegungen, die über die Gegenwart hinaus Geltung beanspruchen dürfen, gehören die politischen sicherlich. Es ist in der Tat unmöglich, im Sinne von Frank Thiess Landwirtschaft zu treiben, ohne zu agrarpolitischen Fragen Stellung zu nehmen, Sozialarbeit zu leisten, ohne von der „sozialen Frage“ eine bestimmte Ansicht gewinnen zu wollen. Eine „objektive“ Erziehung erscheint unmöglich. Der Jugend geht es nicht um Betätigung — das könnte eine elende Gschaftlhuberei geben — sondern um Haltung in der Betätigung. Der Mangel der politischen Erziehung in Deutschland scheint mir darin zu liegen, dass der junge Mensch keine Gelegenheit zu gründlichem unbefangenen Umblicken erhält. Die Einseitigkeit der Presse aller Richtungen (wie werden die Reichstagsverhandlungen wiedergegeben!), die Abgeschnürtheit der verschiedensten sozialen Klassen gegeneinander geben nicht das erwünschte „Material“ für die „politische Instruktionsstunde“. Der Staat seinerseits macht zudem viel zu wTenig und in einer, wie mir scheint, nicht immer geeigneten Weise für sich und seine Einrichtungen Reklame (im besten Sinne des Wortes). Wenn tnan etwa daran denkt, wie in dem russischen Film „Turksib“ der Eisenbahnbau Turkestan—Sibirien (eine technische Leistung, die schliesslich auch in anderen Staaten bewältigt wird) zu einer grossartigen Propagierung der staatlichen Politik benutzt wird, so dürfte das unbeschadet jeder anderen politischen Einstellung vorbildlich sein. Ein Staatsbürgerunterricht, der der Jugend eine Vorstellung von den Funktionen des Staates durch praktische Vorführungen gäbe, der ihr grosse und leitende Gesichtspunkte der Staatspolitik und vor allem die Vorstellung von der tiefen Verbundenheit des einzelnen mit dem Staatsgefüge vermittelte, würde den Demagogen das Handwerk erschweren. Freilich setzt das einen Staat voraus, der sich selbstbewusst mitten in sprengenden wirtschaftlichen und politischen Bestrebungen durchsetzt. V \ Von der Arbeit der deutsch-jüdischen Jugend Als Nachwirkung der Grünauer Tagung des Jugendausschusses des C. V., die erstmalig auf breiter Basis zeigte, dass es so etwas wie eine „C.V.-Jugend“ gibt, machte sich von September 1929-in allen Teilen des Reiches ein starker Auftrieb der Jugendarbeit bemerkbar. An zahlreichen Orten entstanden meistens im Anschluss an Vorträge von Mitgliedern des Jugendausschusses neue Arbeitsgemeinschaften, die in der kurzen Zeit ihres Bestehens schon ganz ausgezeichnete Arbeit leisten. In den meisten Fällen gliedern sich die neuen Gruppen in die Gesamtarbeit des C. V. ein. Mitunter entstehen sie selbständig und vorläufig noch ohne organisatorische Bindung an den C. V. Besonders bemerkenswert ist u. a. eine Arbeitsgemeinschaft, die in D a r m s t a d t im Heim und unter tatkräftiger Leitung von Frau Margarete Goldstein stattfindet, und an der sich regelmässig ca. 25 junge Menschen, meist Studenten, beteiligen. Bei diesen — bisher zehn — Zusammenkünften steht die Besprechung jüdischer Fragen im Mittelpunkt. In Marburg kam es im Anschluss an ein Referat von Dr. Alfred Hirschberg zur Gründung einer Arbeitsgemeinschaft, die unter der Leitung von Studienreferendar Dr. Weil steht. Die junge Gruppe hat bereits einen festen Stamm von Mitarbeitern (Studenten, Schülern höherer Klassen, jungen Kaufleuten) und verspricht für die Zukunft erfreuliche Leistungen. In Gleiwritz (Oberschlesien) entstand eine Arbeitsgemeinschaft, deren erste Zusammenkunft ein grosser Erfolg war. Es besteht übrigens die berechtigte Hoffnung, dass sich auch in den anderen oberschlesischen Städten derartige Gruppen in kurzer Zeit zusammenschliessen werden. Das Leben in den bereits bestehenden Gruppen ist äusserst rege. Der Landes-Jugendausschuss Hessen- Nassau und Hessen hielt Anfang März eine Jugendarbeitstagung in Frankfurt a. M. ab, an der Dr. Otto F eidmann (Freiburg) über Rassefragen referierte; im Anschluss daran fand eine Arbeitsgemeinschaft statt, in der in eingehender Aussprache die im Referat aufgeworfenen Einzelfragen behandelt und vertieft wmrden. Aus dem Bezirk des Landes-Jugendausschusses Rheinland-Westfalen ist besonders bemerkenswert die Arbeit der Gruppe Duisburg unter der Leitung von Erich L e e s e r. Auch hier finden regelmässige Zusammenkünfte statt, deren Thema die Auseinandersetzung mit politischen und religiösen Bestrebungen und Strömungen des Judentums ist. In Düsseldorf, gleichfalls im Bezirk des Landesjugendausschusses Rheinland- Westfalen, ist eine Jugendarbeitsgemeinschaft gegründet worden. Auch an Orten, für die noch kein Landes- Jugendausschuss besteht, haben sich in letzter Zeit neue Gruppen gebildet, die eine beachtliche Aktivität entfalten. Erwähnenswert von ihnen ist besonders die Arbeit einer Gruppe in Köslin unter Leitung von Rechtsanwalt Simon und eines Kreises in Emden, bei deren letzter Zusammenkunft Herr Lehrer Klein (Norden) über „Jugend und Abwehr“ vor einem grossen Publikum Jugendlicher sprach. Leider berichten sie oft nur höchst unvollkommen an den Reichsjugendausschuss und entziehen sich dadurch der Förderung durch Rat und Tat. Denn selbstverständlich bemüht sich der Vorstand des Reichs-Jugendausschusses, die Schwierigkeiten, die bei der Arbeit auftauchen, zu beheben. Die einzelnen Gruppen leiden oft unter einem grossen Mangel an dem für Arbeitsgemeinschaften geeigneten Material. Täglich gelangen Anfragen an den C. V., die zur Erledigung kommen. Uebrigens arbeiten zurzeit Fachleute Grundrisse aus, in denen für bestimmte Gebiete das gesamte Material zusammengestellt wird. Das erste Heft dieser Art ist bereits im Druck und wird in den nächsten Tagen zur Verteilung gelangen können. Es behandelt den Teil der neueren jüdischen Geschichte, der sich um die Person von Gabriel Riesser und Moses Mendelssohn konzentriert. Ferner ist ein einleitendes Heft, dass allgemeine Grundsätze für den Aufbau von Arbeitsgemeinschaften und Kursen behandeln wird, in Arbeit und dürfte in allernächster Zeit fertiggestellt sein. Da aber das empfohlene Material für die einzelnen, besonders in kleinen Orten wohnenden Menschen oft nur schwer erreichbar ist, stellt der Jugendausschuss in vielen Fällen die Bücher selbst geschenk- oder leihweise zur Verfügung. Aktiv arbeitende Gruppen erhielten für ihre Arbeit Freiexemplare der ausgezeichneten Zeitschrift „Der Morgen“. Für die bedachten Gruppen beginnt das Jahres-Freiabonnement mit dem soeben erschienenen \ . 1

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