Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 2 (23.5.1930)
- Date
- 1930-05-23
- Page
- Seite 5 (sequence 1)
- Language
- German
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ffeUoflg der tlt. 2 6erlta, 23, OTai 1930 ^a^cgong 6 Politische Erziehung der Jugend Bemerkungen zu einem Aufsatz von Frank Thiess / Von Ernst Heinrich Seligsohn Die folgenden Bemerkungen beanspruchen auch nicht annähernde Vollständigkeit. Sie wollen nach Möglichkeit eine von mehreren Seiten zu führende Aussprache hervorrufen. Frank Thiess — Kritiker und Darsteller moderner Kulturfragen — hat in einem in der Beilage der „Münchener Zeitung“ „Die Propyläen“ vom 21. März d. J. erschienenen Aufsatz sich mit der heutigen Jugend und ihrer Stellung im Staate beschäftigt. Seine Bemerkungen verdienen besondere Beachtung in unseren Kreisen, zumal sie eine Fortführung von Gedanken darstellen, die in seinem Buch „Erziehung zur Freih e i t“1) niedergelegt sind. Thiess stellt fest, dass die heutige Jugend, zu der er die Kriegsgeneration der heute bereits am Ende der dreissiger Jahre Stehenden rechnet, im Staate zu keiner führenden Stellung gelangt ist, obwohl der Staat und die öffentliche Meinung in allgemeinen, aber substanzlosen Sympathiekundgebungen die Mitarbeit der Jugend für erwünscht hält. Dadurch fühlt sich insbesondere die zur geistigen Führung berufene ältere Jugend in eine oppositionelle Haltung gegenüber dem Staat gedrängt, „in eine Opposition, die dem Staat nicht dient, vielmehr auf seinen Zusammenbruch wartet oder ihn herausfordert“. Der gesunde jugendliche Drang nach eingreifenden, den Staat und seine Einrichtungen umwälzenden Taten wird bei der Passivität des Staates „von Parteimännern und schlauen Demagogen abgefangen und für Aktionen gemissbraucht, in denen die Jungen nicht mehr als jugendliche Menschen, sondern nur noch als Kampfmaterial für undurchsichtige Zwecke zählen!“ Diese Entwicklung hält Thiess für durchaus unerfreulich. Die Aktivität der Jugend braucht sich durchaus nicht auf das politische Gebiet zu konzentrieren, weil — wie die Erfahrung der letzten Jahre zeigt — fruchtbare politische Arbeit von jugendlichen Kreisen so gut wie gar nicht geleistet worden ist. Um die Jugend zu fruchtbarer Arbeit zu gewinnen, muss der Staat freilich Ideen geben und die Aufmerksamkeit auf Gebiete lenken, auf denen jungen Menschen schöpferisch zu sein vermögen. Dazu rechnet Thiess: Volkssport, Naturschutz, soziale Arbeit, Landwirschaft, Technik, Jugendorganisation und einige Fächer, die „wesentlich durch jugendliche Denkart suggestiven Charakter erhalten“. Als Beispiel vorbildlicher Arbeit an der Jugend nennt Thiess die Hochschule für Leibesübungen in Berlin. Soweit die Feststellungen von Thiess reichen, dürften sie im wesentlichen richtig sein. Eine führende Beteiligung an den Staatsgeschäften ist der Jugend im Deutschen Reich versagt. Sicherlich erschwert der Parteienstaat mit seinen zahllosen Parteiinstanzen den Durchstoss des jugendlichen Menschen von eigentümlicher Geisteshaltung, und die vielberufene demokratische Führerauslese kann sich in der politischen Wirklichkeit nur selten vollziehen: denn Leistungsprüfungen und Begabtenauslese erzielen Ergebnisse nur im Gebiet des Wissens und der Handfertigkeit, gewährleisten nicht den Bestand aussergewöhnlicher politischer Geschicklichkeit und staatsmännischen Weitblicks. Es kommt hinzu, dass offenbar in Deutschland die Vorstellung tief eingewurzelt ist, dass die politische Betätigung Sache reifer Männer ist, während in anderen Ländern (man denke an Parker Gilbert, an Quesnay) diese Ansicht nicht besteht. *) Engelhorns Nachf., Stuttgart 1929. Darum fühlt sich die jüngere Generation, die, ob sie bürgerlich oder proletarisch ist, durch den Hang zur Entschiedenheit etwas Revolutionäres besitzt, von den radikalen Parteien am meisten angezogen. Aber, und das dürfte Thiess mit Recht betonen, die Wirkungsmöglichkeit in den radikalen Parteien ist nur eine scheinbar grössere, in Wahrheit wird der junge Mensch dort viel stärker Ideen und Programmen unterworfen, die ihm weder gemäss sind, noch von ihm verstandesmässig erfasst werden können. Aber nicht die Radikalität, mit der sich die Gruppen in Deutschland heute gegenüberstehen, ist zu bedauern, sondern die Demagogie und Verhefztlieit, die jede sachliche Auseinandersetzung unmöglich gemacht hat. Wir jungen Juden haben das besonders schmerzlich erfahren müssen. Die Solidarität und Fairness, die in jugendlichen Kreisen herrschen sollte, wird nicht gewahrt: es ist eine bisher ungelöste Aufgabe, mit völkischen Jugendlichen eine ernsthafte Auseinandersetzung überhaupt erst einmal zu beginnen, wenn man den Menschen als Gesprächspartner weder anhört, geschweige denn gelten lässt. Was zur Auseinandersetzung mit den von Thiess geäusserten Gedanken herausfordert, ist etwas anderes. Die Wege, die er zum Heile des Staates und der Jugend weist, sind zwar durchaus gangbar, aber sie können nicht zu dem von ihm erstrebten Ziele führen. Es wäre gewiss falsch, die geistige Bedeutung etwa sportlicher Betätigung zu unterschätzen, von der Thiess in mehreren Abhandlungen seines Buches handelt. Auch liier können die jungen Juden in besonders starkem Masse die Richtigkeit der Thiessschen Behauptungen beweisen. Denn selten hat die körperliche Betätigung eine bewusstere Abkehr von der Ueberwertung intellektueller Fähigkeiten bedeutet als in unseren Kreisen. Aber: körperliche Disziplin, sportliche Ritterlichkeit, unbefangener Blick für die in der Natur und im Volksleben wirksamen Kräfte — Eigenschaften, die Thiess als rühmenswerte Erfolge guter Jugenderziehung bezeichnet— sind nicht mehr als schätzenswerte Eigenschaften eines gesunden jungen Menschen, sie bürgen nicht für die auch von Thiess vorausgesagte U m - wandluag unseres staatlichen, sozialen und kulturellen Lebens. Wünscht man sich wie Thiess freilich eine Jugend2), die unbeschwert und von unsachlichen Ideen befreit ist, die nur Gefäss ist, in das im Alter der Reife auch die fruchttragenden politischen und kulturellen Ideen hineingetan wrerden, so besteht die Gefahr, dass diese „sachliche“ Jugend niemals für eine Umwandlung reif wrerden wird. Denn es geht nicht um sachliche oder unsachliche Ideen jugendlich intellektueller politischer Zirkel, sondern um etwas w^eit Umfassenderes. Die Wurzeln jeder tiefer greifenden Umwandlung liegen im „Irrationalen“. Der Bruch, den der Wandervogel mit der bürgerlichen Gesellschaft und Gesittung vor 30 und 20 Jahren vollzog — eine Periode, die Thiess als die 2) S. 177 ff. („Ueber die Jugend“). Jagendführer-Briefe, 1Sir. 1, wird in diesen Tagen versandt• Interessenten mögen sich melden!