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Central-Verein-Zeitung · 1930-05-23 · 21 (23.5.1930) · p. Seite 275

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
21 (23.5.1930)
Date
1930-05-23
Page
Seite 275 (sequence 3)
Language
German
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275 Neuwahlen inSaWn. Der sächsische Landtag hat mit 50 gegen 46 Stimmen seine Auflösung beschlossen. Die Neuwahlen sind aus den 22. Juni angesetzt. Es besteht kein Zweifel, daß es sich in dem bevorstehenden Wahlkampf darum handeln wird, sestzustellen, ob Sachsen ein zweites Thüringen werden oder ob die Nationalsozialisten ihr erstes Jena erleiden sollen. Die Nationalsozialisten haben die Bedeutung der von ihnen mit Sehnsucht erwarteten Neuwahlen schon vor längerem erkannt. In zwei Versammlungen in Leipzig unmittelbar vor der Auslösung des Landtags haben der nationalsozialistische Neichstagsabgeordnete Wagner und der t h ü r i n g i s ch e S t a a t srat Marschler ihre Ziele sehr offen dargelegt. Herr Wagner führte aus: Thüringen und Sachsen sollen als Aufmarschgebiet für Preußen u nd das ganze Reichdienen. Ob sie wollten oder nicht, die Bürgerlichen müssen durch das kaudinische I o ch. Halbheiten werden nicht geduldet. Die Nazis brauchten gar nicht die Mehrheit. Wenn es ihnen gelingt, über Mitteldeutschland im ganzen Reich so stark zu werden, daß ohne sie nichts mehr geschehen könne, dann'würden sie den ganzen Reichstag einsperren, damit er keine Dummheiten mehr machen könne. Dem N e i ch s w e h r m i n i st e r würde man, wenn sie noch nicht allein regieren könnten, einen Hakenkreuzler als Kommissar aus die Nase setzen. Staatsrat Marschler, die rechte Hand von Frick, erklärte noch deutlicher: Die Bürgerlichen werden von den Nazis nur als e i n e v e r ä ch t l i ch e B a n d e v o n Geschäftemachern behandelt, die sich nicht einzubilden brauchten, daß der Hakenkreuzlernrohr gehe, wenn er seine Schuldigkeit getan habe. Friß Vogel oder stirb, das ist das Nazirezept gegen die Bürgerlichen. Der sächsische Wahlkampf wird zu beweisen haben, ob die großen politischen Parteien sich ihrer Verantwortung für das Bestehen der deutschen Republik bewußt sind. Sonderbericht für Bukarest, im Mai 1930. Ganz gegen den Willen der jetzigen Regierung, die den ernsten Willen hat, Ordnung und Ruhe im Lande zu halten, brachen vor etwa zwei Wochen judenfeindliche Ausschreitungen in Rumänien aus, die ein Besorgnis erregendes Ausmaß angenommen haben. Das erste Zeichen zum Wiederbeginn der Barbareien wurde diesmal in dem kleinen moldauischen Marktflecken Tnrgul-Frnmos gegeben. Der frühere Professor der Jassyer Fakultät, C u z a, der bei den letzten Teilwahlen das Abgeordnetenmandat des Bezirkes Roma n errang, brach mit einer Anzahl Studenten in einigen Automobilen aus, mn im Triumph in Jassy einzuziehen. In dem ruhigen Städtchen TLrgul-Frumos, das ans ihrem Wege lag, wollten sie ihre ersten Trophäen ernten. Sie hielten bei der Durchfahrt an und begannen die Inden, die ihnen vor Augen kamen, zn verprügeln sowie Fenster und Auslagen einzuwerfen. Empört über diese unerwartete Invasion lehnte die Bevölkerung sich gegen die Ruhestörer auf; die aber hatten die Stirn, nach der Ankunft in Jassy bei der Polizei anzuzeigen, s i e wären von Juden belästigt worden! Es blieb aber nicht bei diesem einen Zwischenfall. Tags darauf wurden diese „patriotischen" Kundgebungen auch in anderen Teilen des Landes, in Jassy, Galatz und Bukarest fortgesetzt. In Galatz nahmen die Anhänger der „Eisernen Garde" unter Führung des berüchtigten Corneliu Codreanu nach der Rückkehr von einer militärischen Hebung aus dem privaten Flughafen vor dem Theater „Paradies" Ausstellung, in dem gerade eine die „C.93.--3 eitung". jüdische Truppe gastierte. Als die Zuschauer das Gebäude verließen, stürzte sich die „Eiserne Garde" auf sie und rief ein Handgemenge hervor; dem sofortigen Einschreiten der Polizei ist es Zu verdanken, daß kein größeres Unheil entstand. In Bukarest wurden einige Studenten arg verprügelt. Die Tätigkeit der Judenverfolger beschränkte sich jedoch nicht auf Straßenkämpfe; sie wurde durch Cuza auch ins Parlament getragen. Cuza beschimpfte vom ersten Tag seines Einzuges in die .Kammer an die Inden und die jüdische Religion, die er als verbrecherisch bezeichnete. Die ganze Kammer war empört und erhob sofort Einspruch, gegen diese gewissenlosen, verhetzenden Behauptungen, und der Präsident des Hauses forderte Cuza aus, seine beleidigenden Worte zurückzuziehen. Natürlich wurde besonders die jüdische Bevölkerung durch diese Beschimpfungen sehr erregt. Der Präsident der 11. E. R. (Bereinigung rumänischer Juden), F i l d e r - rn a n n, überreichte dem Kammerpräsidenten zwei Denkschriften; die eine bezog sich auf die von Cuza gebrauchten- Ausdrücke „Verbrecherische Religion und Klerus", die andere auf die Verhaftung jener Juden, die von den Studenten in Türgul-Frumos verprügelt worden waren. Der Kammerpräsident Ciceo- Pop versicherte, daß er solche Ausdrücke, die den Landesgesetzen und dem Parlamentsstntnt Hohn sprächen, niemals dulden würde, und fügte noch hinzu: kein wahrer Christ könne die jüdische Religion verbrecherisch nennen, da doch die Bibel die Grundlage des Christentums und ein Angriff gegen die Bibel auch ein Angriff gegen das Christentum sei. Er versprach außerdem, wegen des Vorfalls in Targul-Frumos erneut beim Innenminister zu intervenieren, damit die in der Denkschrift der 11. E. R. hervor gehobenen Punkte untersucht würden. Gleichzeitig mit dem Vorgehen der U. E. R. erhob auch der Chefrabbiner wlrSsilcherprgsOrinMs? von Hellmut von Gerlach. Wir haben bereits in Nr. 14 der „C. V.- Zeitung" vom 4. April in einem Aussatz: „Kommt Herr Rüge?" Wissenswertes aus seinen Personalakten mitgeteilt. Nachstehende Mitteilungen Hellmuth von Gerlachs ergänzen die von uns gegebene Charakteristik von Fricks Prätendenten für den Jenenser Lehrstuhl der Philosophie. Die S ch r i s t l e i t u n g. I. Es war nicht lange nach dem Kriege, da traf ich mit Dr. Rüge aus einer öffentlichen Versammlung der Friedensgesellschaft in Heidelberg zusammen. Er hatte sich ein Dutzend völkischer Studenten als Claque mibgebracht. In seiner geistig ungemein tiefstehenden Diskussionsrede hatte er die Wendung gebraucht, daß er mir meine Ansichten eigentlich nicht übelnehmen könne, da ich zu einem anderen Volke gehöre. Hier hakte ich in meinem Schlußwort ein. Es entspann sich folgender Dialog: Ich: Sie haben in Ihrer Rede den Ausdruck gebraucht, ich gehöre einem andere n Volke an. Warum so geheimnisvoll? Welchem Volk soll ich angehören, wenn nicht dem deutschen? Ich unterbreche mein Schlußwort, um Ihnen Gelegenheit zur Klarstellung zu geben. Rüge (sich außerordentlich verlegen von seinem Platze erhebend): Ich meine natürlich das j ü d r s ch e! Ich: Es ist mir völlig neu, daß ich samt meinen Brüdern, die Gardeoffiziere waren, Jude sein soll. Bei dem Studium meiner Familiengeschichte habe ich davon nichts gefunden. Aber Ihre Studien als die eines Mannes der Wissenschaft werden wohlgründlicher gewesen sein. Ich wäre Ihnen außerordentlich dankbar, wenn Sie mir Ihre wissenschaftlichen Beweise für Ihre Behauptungen mitteilen wollten. Rüge: Ja, sind Sie denn nicht Jude? Ich habe das bisher immer a n g e n o in m e n. I ch : So, es handelt sich bei Ihrer Behauptung also nicht um eine w issens ch a f t l i ch belegte Tatsache, sondern um eine aus der Lust gegriffene A n n a h m e. Hoffentlich haben Sie nicht früher, als Sie noch Privatdozent waren, ebenso leichtfertig Ihren Studenten Dinge als feststehend vorgetragen, die für Sie bloße Vermutungen waren. Herr Rüge ließ sich völlig belämmert auf seiner Sitzgelegenheit nieder. Die Versammlung freute sich unbändig. Woraus Rüge mit seiner sehr verlegen dreinblickenden Claque, die schon längst nicht mehr in Aktion zu treten gewagt hatte, den Saal verließ. . II. Dr. Rüge hat meines Wissens danach nie mehr in Heidelberg öffentlich zu sprechen unternommen. Er verlegte bald das Feld seiner _ politischen Tätigkeit nach Oberscht e sie n zu den dortigen Feineorganisa- Horten und nach M ü n d) e n. Hm so überraschter war ich, als mir einige Zeit danach ein Westschweizer Freund ein Rundschreiben schickte, das Dr. Rüge an Professoren der Schweiz, auch der. französischen, versandt hatte, um sie im Hinblick auf seine Notlage a n z u schnorre n. Man fand es in den Kreisen der Schweizer Wissenschaft sehr auffällig, daß ein Mann, der in Deutschland die wildesten Haßpredigten gegen das Ausland vom Stapel ließ, sich nicht genierte, Ausländer unter ausdrücklicher Bezugnahme aus seine angebliche Zugehörigkeit zur deutschen Wissenschaft um Unterstützung anzugehen. Der Würde der deutschen Wissenschaft dürfte er damit kaum einen Dienst geleistet haben. III. Im Februar 1922 kam Dr. Rüge von Breslau nach Berlin mit ganz besonders gefährlichen Plänen. Ern anständiger Mann der Rechten, in dessen Gegenwart Rüge mit seinen Absichten ausgcpackt hatte, eilte in höchster Aufregung zu mir und bat mich, die nötigen Schritte bei der bedrohten Persönlichkeit zu tun, damit sie sich schützen könne. Er sagte mir wörtlich: „So phantastisch der Plan anmuten mag, Rüge i st blinder Fanatiker, ihm ist alles z w 5 n t r a 11 e n." Ich fühle mich nicht befugt, näheres über das damalige Vorhaben Ruges und meinen Gewährsmann dafür mitzuteilen, solange mich dieser nicht dazu ermächtigt. Aber ich meine allerdings, daß angesichts der Deutschland bedrohenden Blamage, wie sie Ruges Professur in Jena bedeuten würde, mein Gewährsmann gut daran täte, jetzt mit seiner Wissenschaft an die Oesfentlichkeit zu treten. Gegenüber gemeinschädlichen und gemeingefährlichen Personen wie Rüge ist vornehme Zurückhaltung nicht am Platze.

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