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Central-Verein-Zeitung · 1930-05-16 · 20 (16.5.1930) · p. Seite 264

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
20 (16.5.1930)
Date
1930-05-16
Page
Seite 264 (sequence 8)
Language
German
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2ö4 Felix Weltsch: WMW MS WMllS" Angezeigt von Dr. S. Weinberg. Das Zentralbürr» der zionistisch e n O r g a n i s a t i o n hat eineSchrift von Felix W e l t s ch, „Judenfrage und Zionismus" herausgegeben, die in einem Wettbewerb preisgekrönt wurde. Die Broschüre nennt sich aus dem Titelblatt „Eine Disputation". Diese Bezeichnung trägt sie aber zu Unrecht; bte Form eines Gespräches zwischen einem Zionisten nud einem „Gegner" ist zwar gewahrt, aber Weltsch gestattet dem „Gegner" nur höchst schwächliche Argumente, die häufig nur den etnen Sinn haben, dem Zionisten die Widerlegung zu erleichtern. So entsteht keine gedankliche Auseinandersetzung zwischen ebenbürtigen Gegnern, sondern eine Schwarz-Weih-Zeichnung zugunsten des Zionisten. Der „Gegner" erklärt gleich zu Anfang (Seite 3), für ihn gäbe es keine Judenfrage, sondern nur eine „Antifemitensrage"; also: ohne Antisemitismus sei das Judesein kein Problem und keine Ausgabe. Dadurch hat sich Weltsch seine Arbeit ungeheuer leicht gemacht. Indem er den Nichtzionisten diese bornierte Stellung beziehen läßt, kann er ihn nunmehr belehren: Nur der Zionist empfindet „sein Judesein als Aufgabe, als Ansporn zur Leistung". Das ist eine beliebte, aber unschöne Unterstellung! Die Nichtziomsten, die doch die Mehrheit der Juden ausmachen, vertreten keineswegs den negativistifchen Standpunkt, den Weltsch ihnen zudiktiert. Man kann sehr wohl den Zionismus ablehnen, und doch in dem Judesein eine wesentliche Ausgabe sehen, ganz unabhängig von der Existenz des Antisemitismus. Damit entfällt die Wert- Pensionspreis von JIM 8,50 an. Aerztliche Behandlung aufWunsch. Neuer Fernruf Nr. 7342. Prospekte. Verteilung, die Weltsch zwischen Zionisten und ihren Gegnern vornimmt. Das Judenproblem besteht nach Weltsch in der Frage: „Wie werden wir wieder schöpferisch?" (Seite 9 und 3.) Die Lösung gibt nach ihm nur der Zionismus. Warum? Weil er die Juden — schöpferisch mache. Das erinnert an den klugen Mann, der auf die Frage, warum Opium einschläsere, antwortet: „Weil es eine einschläfernde Kraft besitzt." Worin die Schöpferkraft besteht, ob der Zionismus der Weg dazu ist, das untersucht Weltsch nicht, er setzt es als selbstverständlich voraus. Weltsch stellt folgenden Trugschluß auf: Solange die Juden in Palästina lebten, waren sie schöpferisch, heute sind sie es nicht mehr, weil sie kein Land und keinen eigenen Staat besitzen, also müssen sie beides wieder erstreben. Selbst wenn man den in diesem Zusammenhang sehr nebelhaften Begriff „schöpferisch" nicht näher untersuchen und wenn man zugestehen würde, daß die Juden heute nicht schöpferisch seien, muß man fragen, ob der Mangel an Staat und Land die Ursache für diesen Tatbestand ist. Die Antwort ist leicht: Die alten Aeghpter waren im höchsten Maße kulturschöpferisch, die modernen Aeghpter besitzen bereits ein Land und einen Staat von Englands Gnaden, also das, was die Zionisten für die Juden erstreben. Sind deshalb die heutigen Aeghpter schöpferischer als die heutigen Juden? Wäre Land und Staat ausreichend, um eine Gruppe schöpferisch zu machen, so müßten die Aeghpter diese Eigenschaft besitzen. Offenbar ist es also mit der Schöpferkraft nicht so einfach, wie Weltsch glauben machen will. Judentum und Judesein stellen große und schwere Probleme, mit denen auch die Nichtzionisten ernsthaft ringen. Der Zionismus gibt ein einfaches Rezept: „Schasst ein jüdisches Land, und alles wird gut." Das ist aber eine Verkennung der Wirklichkeit, ein dogmatisches Hinwegschreiten über zweitausend Jahre jüdischer Geschichte. Was hat Weltsch etwa zu der religiösen Entwicklung der Juden zu sagen, was zu der langen Geschichte seit der Zerstörung des jüdischen Staats durch die Römer? Er sagt sehr einfach: „Es war ja doch nur ein Provisorium." Schöne wektze Zahne. „Auch ich möchte nicht vel> fehlen, Ihnen meine größte Anerkennung und vollste Zufriedenheit über die „Chlorodont-Zahnpaste" zu übermitteln. Ich gebrauche „Chlorodont" schon seit Jahren und ich werde ob meiner schönen weißen Zähne ofr beneidet, die ich letzten Endes nur durch den täglichen Gebrauch Ihrer iChlorodont-Zahnpafte erreicht habe." E. Neichelt, Schwerz, Amt Niemberg, Caalkreis. — Chlorodont: Zahnpaste, Zahnbürsten, Mundwasser Ein Heilspreis iMk. bei höchster Qualität. In allen Chlorodont-Verkaussstellen zu haben. (Seite 9.) Das heißt, sehr leicht mit Tatsachen fertig werden, die nun einmal Wirklichkeit und Leben sind. Weltsch ruft an einer Stelle ironisch aus: „Es geht doch nichts über Rezepte, welche einfach und großzügig sind." (Seite 35.) Er sieht aber nicht, daß dieses richtige Wort in erster Linie auf den Zionismus angewandt werden muß. Der Gedanke, in einem eigenen Land und einem eigenen Staat liege das Allheilmittel, was ist er anders als ein „einfaches und großzügiges Rezept"? Den Nichtzionisten macht Weltsch den Vorwurf der Assimilation. Ist aber nicht der Zionismus und gerade der Zionismus eine Assimilation in Höchster Potenz? Wenn etwa dem jüdischen Liberalismus vorgehalten wird, er sei eine Angleichung an die Ideen der nichtjüdischen Umwelt, so muß mit gleichem Recht betont werden, daß der Zionismus eine Angleichung an die nationalistische Idee Westeuropas ist und daß seine ganze Ideologie nicht den Quellen des Judentums entstammt. Ein richtiges Volk hat Staat und Land, also müssen es auch die Juden haben, das ist die Schlußweise des Zionismus. Er übersieht, daß dabei jüdische Werte aufgegeben werden und ein Weg beschritten wird, der dem historischen Judentum durchaus fremd ist. Die Assimilation an westeuropäische Formen geht bis ins einzelne der zionistischen Organisation. In den Parlamenten gibt es Fraktionen und Regierungskrisen, also muß es auch gleiche Erscheinungen aus jedem Zionistenkongreß geben. Wenn man überhaupt von Assimilation reden will, dann muß es beim Zionismus geschehen. Aber ist das wirklich echter Antisemitismus nach Heinemanns eigner Erklärung? Haben wir hier nicht das klassische „Kampf- und Werbemittel", wie es 1914 die Engländer gegen die Deutschen benutzten? Auch in A e g y p t e n, und das heißt im wesentlichen in Alexandrien, findet Heinemann keine Hinweise aus religiöse Gründe für den Judenhaß. Obwohl die Juden hier doch schon frühzeitig ansässig waren und auch eine Rolle spielten, kann von Antisemitismus erst die Rede sein, als sie eine Machtstellung errungen hatten und diese benutzten, um die Knebelung des eroberten Palästina, ihres Mutterlandes, zu verhindern. Jetzt erst erwacht der Widerstand gegen ihren Anspruch auf Vollbürgertum; die Sorge wegen der zunehmenden Einwanderung zeigt sich erst im zweiten vorchristlichen Jahrhundert. Rom trieb anfangs eine judenfreundliche Politik, die jedoch früher oder später auf Schwierigkeiten, ja unlösbare Konflikte stieß. Z,u den ersteren ,zählte wohl die religiöse Frage, aber sie war nicht entscheidend; nahmen doch die Römer auf die religiösen Empfindungen der unterworfenen Völker die größte Rücksicht. Aber zwei Tatsachen schufen den verderbenbringenden Gegensatz: das Bestreben der Juden, sich der römischen Herrschaft zu entziehen, und die Verbreitung ihrer Religion im römischen Bürgertum. Damit soll zwar nicht gesagt sein, daß die Befreiungskämpfe der Juden keine Religio ns-, sondern reine Machtkämpfe gewesen seien. Denn die Juden hatten es unmittelbar ja nicht mit der toleranten Zentralregierung, sondern mit den brutalen örtlichen Machthabern zu tun. Aber es ist doch interessant — nicht zuletzt auch in bezug auf heutige Gedankengänge weiter jüdischer Kreise —, zu welchen Feststellungen Heinemann hinsichtlich der machtpolitischen Einstellung der damaligen Judenheit kommt, daß nämlich „ein sehr großer Teil des jüdischen Volkes im Altertum die Abneigung gegen den Angriffskrieg noch nicht besaß, die im Mittelalter durch die zahlenmäßige Schwäche der jüdischen Minderheiten und einseitige Berussschichtung erzeugt wurde . . Eine Erkenntnis übrigens, die keinem Historiker mit freiem Blick als neu erscheinen dürste. Wesentlich für das Verständnis des antiken Judenhasses sind nun auch die V o r w ü r f e, die gegen die Juden erhoben wurden. Sie sind uns im allgemeinen nicht neu; wir kennen sie größtenteils aus den Beschuldigungen der modernen Antisemiten, die ja ausnahmslos aus den alten Quellen schöpfen. Den Römern erscheinen die Juden als aufrührerisch und neuerungssüchtig; ganz allgemein aber sind die Beschuldigungen, die sich aus dem Ritus, genauer aus den vermeintlichen Grundlagen desselben, ergaben. Weil die Juden, wohl im Gegensatz zu allen anderen Völkern jener Zeit, durch ihre Religion zur Abschließung in Speise und Trank, in Gottesdienst und nicht zuletzt in der Ehe gezwungen waren, warf man ihnen Ungeselligkeit, Menschenhaß, Hochmut vor. Ganz unverzeihlich fand man es vor allem, daß sie die Mischehe ablehnten, und es wirkt in dieser ernsten Auseinandersetzung humoristisch, wenn ein „wohlgesinnter" Römer einen Rabbi, weil die Juden den Umgang mit Sklavinnen ablehnen, vorwurfsvoll fragt: „Sind sie nicht Menschen wie du?" So kommt Heinemann zu dem Schluß, daß die Wurzeln des antiken Antisemitismus in politischen und g e i st i g e n Konflikten zu suchen sind, und diese Ursachen wirken wechselseitig auseinander ein: der politische Antisemitismus erhält Nahrung durch das vermeintliche Bild vom Glauben und von den Eigenschaften der Juden, und umgekehrt erzeugt die Leidenschaft des politischen Kampfes die schweren Beschimpfungen. Damit erscheint einmal die Theorie von der religiösen Wurzel des Judenhasses, zum andern aber auch die allgemeine, auch von Mommsen vertretene Auffassung widerlegt, daß der Judenhaß und die Judenhetzen so alt seien wie die Diaspora. „Vor 88 v. Ehr. hat es in der Diaspora aller Wahrscheinlichkeit nach überhaupt keine Judenhetzen gegeben, und auch später nur da, wo man vor allem an der Macht der jüdischen Siedlungen Anstoß nimmt." Die Abneigung gegen die jüdische Religion spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle, und, wie wir gesehen haben, ist es auch hier weniger die Religion selbst, als die psychologisch zwar: verständliche, sachlich jedoch unzutreffende Begründung, die man gewissen religiösen Ausdrucksformen, unterlegte. Es wäre nun zu wünschen, daß sich Forscher fänden, die mit gleicher Gründlichkeit und Unbefangenheit das Werk Heinemanns sortsehten und das Rätsel zu entschleiern suchten, das der Antisemitismus der ernsten Betrachtung immer noch bietet. 59548^9878

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