Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 20 (16.5.1930)
- Date
- 1930-05-16
- Page
- Seite 263 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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2HZ Paula (dllenüorff. Zürn 78. Geburtstage am 18. MaL 1938. Am 18. Mai feiert Paula O l l e n d o r f f (Breslau) ihren 70. Geburtstag. Ueberaus groß ist die Zahl der Freunde und Verehrer, die an diesem Tage das Bedürfnis empfunden werden, - \\ in dankbarer Treue dieser hochverdienten Frau zu gedenken. Weit über die Grenzen unseres Vaterlandes hinaus ist sie als eine der hervorragendsten Vertreterinnen des deutschen Judentums bekannt und anerkannt. Den Lesern unserer Zeitung brauchen wir nicht erst zu sagen, was sie für den Centralverein bedeutet. Sie hat mit der Kraft ihrer warmen, aus dem Herzen kommenden mtb in die Herzen -dringenden Beredsamkeit unserer Bewegung die wertvollsten Dienste geleistet. Und ihre ganze, so überaus vielseitige Lebensarbeit a u f p o l i t i s eh e m u n d sozialem Gebiete i m Nahmen der konsessio-- n e l l e n und i n t e r k o n f e s 's i o n e l l e n F r a ue n b e we g u n g stand und st e h t unter der Idee des Cen tralve reins, die besten Kräfte deutscher Kultur ix n b j üd ischer Religion zu h arm o n i f dj e r Verbindung und Aus - w irkung zu bringen. Ausgewachsen in einem von echt jüdischem Geiste erfüllten Elternhause, lernte Paula Ollendorff frühzeitig Nächstenliebe und Wohltun als verpflichtende Grundlagen des jüdischen Lebens erkennen. Mit regem Geiste erschöpfte sie alle Bildungsmöglichkeiten, die damals den Frauen ofsenftanden. Als Lehrerin und Erzieherin schuf sie sich im Auslande (Ungarn und England) Wirkungskreise, in denen chre geistigen und seelischen Anlagen sich zur schönsten Reife entfalteten. Ihre Bollendung fand diese mütterliche Frau in einer Ehe, die, von reinster Liebe getragen und auf höchster geistiger Gemeinschaft aufgebaut, ihr das Glück der vierfachen Mutterschaft schenkte. Ihr Breslauer Heim wurde ein Mittelpunkt geistiger, künstlerischer und sozialer Interessen. Doch blieb diesem begnadeten Leben auch tiefstes Leid nicht erspart. Ein früher Tod entriß ihr den Lebensgefährten auf der Höhe ihres Schaffens, entriß ihr zwei blühende Kinder. Nur tiefstes Gottvertrauen und stärkster Lebensmut vermögen solche Prüfungen zu überwinden. Paula Ollendorff hat die Kraft gefunden, Glück und Leid in werktätige Menschenliebe mnzusetzen. In ihrer mütterlichen Liebe ist sie den Enterbten des Schicksals Helferin und Trösterin geworden. In ihrer Heimatst a d t Breslau bedeutet der Name Paula Ollendorff ein soziales Programm. Dort wirkt sie als Mitglied des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde, als Dezernontin des jüdischen Wohlfahrtsausschusses, in der Gefangenen- und Krankenfürsorge, als Vorstandsmitglied der Ortsgruppe des C. V. und der Liberalen Vereinigung. Teils auf ihre Anregung, teils unter ihrer tätigen Mitwirkung sind das jüdische Mädchenherrn, das Kleinkinder- und das Kinderlandheim des I. F. B. unb in Erfüllung eines von ihr lang gehegten Wunsches, vor kurzem das Breslauer Jugendheim entstanden. An führender Stelle ist sie ferner tätig im Provinzialausschuß für jüdische Wohlfahrtspflege, sie ist Abgeordnete des Preußischen Landesverbandes jüdischer GemenDen, Mitglied des Hauptvorstandes miö des Weltverbandes der Vereinigung für liberales Judentum. Im besonderen Maße hat sie ihre Kräfte dem jüdischen Frauenbunds gewidmet, und ist in allen seinen Instanzen — Ortsgruppe, Provinzialverband, Hauptvorstand und Weltverband — an hervorragender Stelle tätig. Für sie ist Inhalt und Endziel der Frauenbewegung Erziehungsarbeit. Durch ihr Leben und Wirken ist sie einer ganzen Generation jüdischer Frauen Vorbild und Erzieherin geworden. Doch machte ihr Streben nicht halt an den Schranken der Konfessionen. Sowohl in der interkonfessionellen Frauenbewegung wie im politischen Leben hat sie eine starke Wirksamkeit entfaltet. Mit den ersten Frauen ist sie 1919 als demokratische Stadtverordnete in das Breslauer Sbadtparlament eingezogen. Als sie nach zehnjähriger Tätigkeit wegen Ueberlastung aus diesem Amte ausscherden mußte, hat die Ortsgruppe der Demokratischen Partei sie in dankbarer Anerkennung ihrer Verdienste zum Ehrenmitglieds ernannt. Wie erklärt sich der Reichtum einer Persönlichkeit, die so in die Weite und Tiese zu wirken vermag? Wir können es nicht besser ausdrücken. als mit ihren eigenen Worten, die sie in einem wundervollen Vortrage einer anderen bedeutenden Frau — Rahel Varnhagen — gewidmet hat: „D e r Reichtum ihrer geistige n und s e e l i s ch e n B e g a b u n g hat z w e i Pole, Verstand und Gut e." Und was sie aus einer inneren Wahlverwandtschaft heraus der Rahel als Erbteil des Judentums nachrühmt, „ihre tiefe Sehnsucht nach höchster menschlicher Vollendung, ihr Kampf gegen das Unrecht, das Menschen von Menschen erfahren", gerade das ist es, was Paula Ollendorff zu der mutigen £rägeriu unserer Ideale macht. Möge sie uns noch viele Jahre als Vorbild voranlenchten! 0. Soli. Helene Lange gestorben. Am 13. Mai verschied nach nwnatelangem schwerem Leiden die bekannte F ü h r e r i n der deutschen Frauenbewegung, Helene Lange. Sie war die letzte der Generation, die die Frauenbewegung in Deutschland geschaffen hatte. Sie hatte, wie sie selbst bei der Feier des 60jährigen Jubiläums des Allgemeinen deutschen Frauenvereins in Meißen aussührte, die Fackel des Freiheitskampfes für die Frauen aus den Händen von Auguste Schmidt, der Gründerin des Allgemeinen deutschen Frauenvereins, übernommen. Die Frauenbewegung war für Helene Lange eine Knlturbewegnng, ein Kamps um die Freiheit des Menschengeschlechtes. 1817 geboren, ausgewachsen in den von Freiheitsdrang erfüllten Jahren, in denen Schwarz-Rvt-Gold «das Banner für Freiheit und Gleichheit war, war sie von wahrhaft liberalem, demokratischem Geiste erfüllt. Sie kannte keinen Unterschied zwischen Protestanten, Katholiken und Juden; sie kannte nur Menschen. Sie verabscheute jeden Gewissenszwang und verachtete den Antisemitismus genau so wie jede andere Bewegung, die Menschen ihres Geschlechtes, ihrer Nasse oder ihres Glaubens wegen bedrücken will. Helene Lange zählte zum Mitarbeiterkreis der von Paul Nathan herausgegebenen „Nation", sie gedachte auch in unserer Paul - Nathan - Gedenknummer des verstorbenen Mitkämpfers. Wir betrauern den Tod dieser großen Frau, deren warmherzige Menschlichkeit uns ebenso unvergessen sein wird wie ihre Verdienste um die Durchsetzung der geistigen Freiheit. Dr. M. E. Wm Antiochus Epiphmws Mmeind? Au Professor % Heinemanns Ausführungen in -er „Neal-Encpclopä-ie". Von Dr. phil. fj. Stern. Der Antisemitismus hat noch nicht das wissenschaftliche Interesse gefunden, das seiner kulturgeschichtlichen und psychologischen Bedeutung entspräche. Zwar fehlt es nicht an -gelegentlichen Behandlungen des Problems; wohl jeder Historiker und Kulturphilosoph hat sich darüber seine Gedanken gemacht, und auch in Sonderdarstellungen ist man der schwierigen Frage zu Leibe gegangen — es sei nur an Constantin Brunner, Matthias Mises, Coudenh o v e - K a l e r g h i, F e l i x G o l d m a n n und Arnold Zweig erinnert. Aber die Fachwissenschaft, die sich doch mit so viel Ernst und Eifer den entlegensten kulturgeschichtlichen und völkerpsychologischen Problemen der Südseeinsulaner und Eskimos widmet, ist bis dahin dem antisemitischen Problem aus dem Wege gegangen, vielleicht, weil es als politische Frage zu heikel, vielleicht auch, weil es zu weitschichtig ist. Neuerdings hat nun ein jüdischer Gelehrter von Ruf die Anfänge des Antisemitismus in streng wissenschaftlicher Weife, ohne jeden polemischen und apologetischen Einschlag, auf Grund der Quellen darzustellen versucht: der Breslauer Professor Dr. I. Heinemann in Pauly-Wissowas „Real-Encyclopädie der klassischen Altertumswissenschaft" unter dem Stichwort „Antisemitismus" (Supplement V. I. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart, 1929). Heinemann versteht unter Antisemitismus die „grundsätzliche Abneigung gegen das Judentum". Damit sind von vornherein alle diejenigen Aeußerungen und Handlungen von der Betrachtung ausgeschlossen, die als „Kamps- und Werbemittel für den Tagesgebrauch", also eines bestimmten Zweckes wegen, anzusehen sind. Weiterhin ist zu beachten, daß im antiken Antisemitismus die später und heute so mächtigen religiösen und rassischer) Motive noch nicht wirksam sind. So scheidet sich Heinemann schon gleich am Anfang seiner Untersuchung von der Auffassung Mises' und Coudenhoves, die allen Antisemitismus letzten Endes auf den religiösen Gegensatz zurückführen. Heinemann unterscheidet in der Antike vier K o n f 11 f t § Ij e r b e, von denen für die Erforschung der Wurzeln des Judenhasses die drei wichtigsten: Syrien, Aegypten und Rom in Frage kommen. Im Hinblick aus unsere geschichtlichen Kenntnisse liegt uns das syrische Problem am nächsten. Heinemann faßt es kurz und bündig in die Frage zusammen: „War Antiochus Epiphanes Antisemit?" Das heißt, war ihm die Vernichtung der jüdischen Religion, des Judentums Selbstzweck? — Nach den jüdischen Berichtern und nach einigen antiken Historikern j a; der moderne Historiker Heinemann dagegen sagt n e i n. Und mit Recht! Denn das Ziel des Antiochus liegt ja klar vor aller Augen: er wollte einen nationalen und kulturellen Einheitsstaat, den „verschlissenen Nationalstaat", und dabei war ihm jede völkische Eigenart, nicht nur die jüdische, im Wege. Erst aus dem unerwarteten Widerstand erwächst dann ein echter Antisemitismus: der Ausrottungskampf gegen die Juden wird jetzt als K u l t u r k a m p f gegen eine minderwertige Religion gerechtfertigt.