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Central-Verein-Zeitung · 1930-05-16 · 20 (16.5.1930) · p. Seite 261

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
20 (16.5.1930)
Date
1930-05-16
Page
Seite 261 (sequence 5)
Language
German
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261 Ms -er Arbeit öes Eentralvererns Tagung -es Sezirksverban-es Saar. Am 4. Mai d. I. fand die diesjährige Tagung des Bezirksverbandes Saar des Centralvereins in Saarbrücken statt, an der ungefähr 40 Männer und Frauen als Delegierte aus dem gesamten Saargebiet und als Vertreter befreundeter Organisationen teilnahmen. In der vormittags abgehaltenen Arbeitssitzung begrüßte der Vorsitzende des Verbandes, Dr. Hugo S t e i n t h a l, u. a. den Direktor des Centralvereins, Dr. Ludwig Holländer, als Vertreter der Zentrale und Dr. Erich Kehr (Kaiserslautern) als Vertreter des freundnachbarlichen Landesverbandes Pfalz. Den von hoher Sachkenntnist getragenen Finanzbericht erstattete Fräulein M eher sSaarbrücken) und erläuterte den Voranschlag für das Jahr 1930. Die Versammlung erkannte die bisherige finanzielle Leistung an und genehmigte den vorgelegten Voranschlag. Darauf nahm der Vorsitzende selbst das Wort zu einer Darstellung über die Abwehr- und Aufklärungsarbeit des Verbandes und der politischen und wirtschaftlichen Lage des Saargebietes. Er schilderte die nationalsozialistischen Bemühungen, mit stärkster Unterstützung aus dem Reiche im Saargebiet Fuß zu fassen und die erfolgreiche Abwehrtätigkeit des Centralvereins. Die daran anschließende Aussprache förderte eine Reihe wertvoller Anregungen zutage. Im weiteren Verlauf der Tagung machte Dr. Holländer in einem fast einstündigen Referat außerordentlich interessante vertrauliche Mitteilungen aus der vielgestaltigen Arbeit der Zentrale. Er schloß mit dem Aufruf, daß jeder einzelne sich selbst in den Dienst der gemeinsamen Sache stellen und tätig Mitarbeiten müsse. Die dann vorgenommenen Wahlen ergaben die einstimurige Wiederwahl des bisherigen Verbandsvorstandes und die Wahl von Rabbiner Dr. Friedrich Rüls und Dipl.-Jng. Paul Weib erg, beide Saarbrücken, als Verbandsdelegierte. Am Abend sprach Dr. Holländer vor Mitgliedern der Gemeinde im überfüllten „Gelben Saale" des Johannishofes über „Die Sorgen der deutschen Juden; Erfahrungen, Erfolge und Mißerfolge in der Tätigkeit des Centralvereins". Er entwarf ein Bild der Zustände im Reich und des Werdens der seelischen Struktur des deutschen Volkes und seiner politischen Parteien und gab die Richtlinien für die Abwehr gegen den die Zwangläufigkeit der Verhältnisse in geschickter Weise ausnützenden Nationalsozialismus. Mit einen: eindringlichen Appell zur Mitarbeit aus dem Munde von Dr. Steinthal endete die Versammlung. Trotz gegnerischer Störungen erfolgreicheE.v.-versammlung in München-Gla-bach. Am 6. Mai fand in München-Gladbach eine öffentliche Versammlung des C. V. statt, zu der die Bevölkerung von Gladbach und Rheydt durch Anschlag an Säulen eingeladen worden war. Direktor Dr. Holländer behandelte die Frage: „Hindern die Juden Deutschlands Wiederaufbau?" Die überfüllte Versammlung, die polizeilich geschlossen werden mußte, weil trotz des sehr großen Saales auch nicht annähernd alle Besucher Unterkunft fanden, zeigte besonders deutlich die Roheit und Niedrigkeit der nationalsozialistischen Agitation. Man suchte Dr. Holländer in jeder Weise zu stören, unterbrach ihn fast bei jedem Satze, konnte aber schließlich nicht umhin, sich stark blamiert zu fühlen, weil er auf jeden Zwischenruf antwortete. Daß diese Zwischenrufe einen geradezu erschreckenden Tiefstand von Wissen und Bildung der fanatisierten Massen aufwiesen, muß nngemerkt werden. So viel Verworrenheit, wie die dort sich sehrwichtig fühlenden Nationalsozialisten verzapften, wird nicht allzuoft von Menschen, die sich für ernsthafte Leute halten, in eine Versammlung hineingerufen. Wir kennen das. Von den Nationalsozialisten muß aber immer wieder das eine festgestellt werden: Warum haben die Herren, die zu Hunderten im Saale anwesend waren, nicht den Mut bewiesen, in der freien Aussprache das Wort zu ergreifen? Warum entziehen sie sich fortgesetzt dieser Aussprache, obwohl in einer ganzen Reihe von öffentlichen Versammlungen Dr. Holländer ihnen immer wieder den Vorwurf der Feigheit gemacht hat? So schwätzten sie Dinge nach, die ihnen vorgetragen werden, die an sich schon unsinnig sind und die sie zudem nicht einmal verstehen. Traurig für unser Volk, traurig für unsere Kultur. Das empfand auch Prälat Dr. M e f f e r t in Gladbach, der voller Empörung in der Aussprache, die dem Vortrag folgte, das sittliche Semerkungen. Herr Goebbels hat im „Angriff" auf eine bestimmte Vorlesung des Geheimrats Gerstmeyer im Orientalischen Seminar der Universität Berlin hingewiesen und den Besuch dieser Vorlesung seinen Anhängern besonders empfohlen, da Gerstmeyer Nationalsozialist sei. Er mußte eine Enttäuschung erleben; Geheimrat Gerstmeyer ist laut Mitteilung der Amtlichen Preußischen Pressestelle nichts weniger als ein Nationalsozialist. Ossenbar liegt eine Verwechslung mit Herrn Gerstenhauer, dem bekannten rechtsstehenden thüringischen Politiker vor. Den Jüngern des Nationalsozialismus ist ein Besuch der Vorlesung von Geheimrat Gerstmeyer dennoch durchaus zu empfehlen. In diesem Falle sollten sie ruhig auf Herrn Goebbels hören. In der Presse wurde jüngst daraus hingewiesen, daß der akademische Berufsberater der Universität Köln, Dr. Fritz C r e m e r , einem - jüdischen Studenten aus Duisburg, der um Auskunft über die Aussichten eines Juristen im freien Beruf und im Staatsdienst bat, die Antwort erteilt habe: „Bei Ihrer Konfession kommt ein Fortkommen in der Staatsverwaltung meistens praktisch nicht in Frage." Darob erfolgte eine unseres Erachtens nicht begründete Beschwerde. Herr Dr. C r e m e r hat aus Grund seiner langjährigen Erfahrungen mit sabbattreuen jüdischen Abiturienten und Jungakademikern den ihn anfragenden Studenten, der strenggläubiger Jude ist, nach bestem Wissen und Gewissen beraten. Die Auskunft, die er gegeben hat, ist nach Lage der Verhältnisse nicht als unrichtig zu bezeichnen. Dr. Creme r, der sich politisch überhaupt nicht betätigt, ist in Köln als ein Mann st r e n g st e r Gewissenhaftigkeit, Sachkunde und Unparteilichkeit bekannt. Abneigungen gegen irgendwelche Volkskreise liegen ihm völlig fern. * Bei der Beratung des Haushalts des Preußischen Staatsministeriums im Plenum des Landtags am 9. Mai sagte Abgeordneter K u b e (N. S.) u. a.: Der preußische Ministerpräsident sollte dem Beispiel des Ministers Dr. F r i ck in Thüringen folgen und mit Sparsamkeit von oben anfangen. Zunächst solle er einmal a l l e I u d e n aus seinem Ministerium hinauswerfen. Schon vorher hatte der zur Deutschen Fraktion gehörende Abgeordnete Vollmers in seiner Rede, als er sich über angeblich bauernfeindliche Justiz beschwerte, sich auf die Schwere der Strafe für holsteinische Bauern berufen, die „nur" mit einer schwarzen Fahne an einer Sense demonstriert hätten. Verhalten derer geißelte, die sich iit der Versammlung wie Barbaren benahmen und nachher nicht einmal den Mut hatten, den: Redner irgendwie entgegenzutreten. Selten haben die Nationalsozialisten wohl ans dem Munde eines hohen Geistlichen derartige Wahrheiten gehört, wie sie ihnen Prälat Meffert sagte. Aber auch ihn beschimpften sie in der niedrigsten Weise. Von Bedeutsamkeit war, daß einer der Hanptschreier der Nationalsozialisten erklärte, sie wollten ja gar kerne Wahrheiten, sie wollten nur Fanatismus und Gewalt. Die Versammlung hat aber eine n Erfolg gehabt: Sie hat Hunderte von Menscher: über die niedrige Art des nationalsozialistischen Kampfes belehrt, :md sie hat auch gezeigt, daß wir nicht daran denken, uns irgendwie durch den Schrecken, den diese Menschen zu verbreiten suchen, abhalten lassen, dasjenige zu sagen, was wir für richtig halten. Wir werden uns niemals durch Störungen und Zwischenrufe ins Bockshorn jagen lassen und immer Lügen Lügen und Feigheit Feigheit heißen. Die gesamte München-Gladbacher Presse hat eingehende Berichte über die Versammlung gebracht, so daß die Bewohner von Gladbach und Rheydt, die der Versammlung nicht beiwohnen konnten, aus den Berichten der Presse entnehmen konnten, wie es mit Geistigkeit und dem Anstand der Nationalsozialisten in Wirklichkeit bestellt ist. während aus der anderen Seite Juden hohe Entschädigungen für unschuldig erlittene Untersuchungshaft erhielten. Diese Ausführungen wurden mit Rufen wie „unerhört" von den Nationalsozialisten und den Mitgliedern der Deutschen Fraktion begleitet. * Als cim gleichen Tage im zweiten Teil der Landtagssitzung der B e r i ch t aus de m Raiffeisen - Unters u chungsaus s ch u ß des Landtags zur Debatte stand, erhielt der sozialdemokratische Abgeordnete K lt 11 n e r als Berichterstatter dazu das Wort, ^eine Ausführungen waren sehrmaßvoll und zurückhaltend in der Kritik. Er bemühte sich, wirklich objektiv zu sein. Sein Bericht fand die Zustimmung der Deutschen Volkspartei, des Zentrums, der Demokraten und selbstverständlich auch der Sozialdemokraten. Die Nationalsozialisten hatten, da sie keine Fraktionsstürke besitzen, keinen Sitz im Untersuchungsausschuß gehabt. Aber auch als Zuhörer — die Sitzungen waren öffentlich — war niemals jemand von ihnen erschienen. Das hinderte aber den nationalsozialistischen Abgeordneten Dr. L e h nicht, im Plenum unerhörte Angriffe gegen K u t t n c r 3 lt richte n. Er warf ihm Parteilichkeit vor und erklärte: „A u s g e r e ch n e t einen Juden stellen die Sozialde m v k r a t e n hier als B e r i ch t e r st a t t e r hi n. Aber es geht gegen die Raiffeisen-Bank, die gegründet wurde, um den Einfluß des jüdische n Kapitals' z u brechen. Ausgerechnet ein Jude stellt sich bei dieser Sache in Den Vordergrund. Es handelt sich hier nicht um irgendeine Objektivität, es handelt sich um einen Hatz des Juden gegen die Raiffeisen-Bank. Wir wollen Ihnen, Herr Kuttner, nicht den Ruhm lassen, daß Sie sich als Hüter der Sauberkeit hinstellen. Das lassen wir bei Menschen von Ihrer Sorte nicht zu. (Präsident Bartels rügte diese Redewendung.) Mit solchen Menschen wie Sie rechnet man auf der Straße ab!" Ter Abgeordnete Kuttner erklärte unter größter Aufmerksamkeit aller Parteien, aber unter dem Gejohle der fünf Nationalsozialisten, sehr würdig, er schätze die „germanische Nasse" außerordentlich; Dr. L e y könne er aber, nicht zu ihr zählen, da diesem alle lobenswerten Eigenschaften dieser Rasse fehlten, cs sei denn, Leh wolle den Beweis dafür führen, daß sie nicht aus lauter hochgezüchteten Individuen bestehe. Stürmische Zustimmung bei der übei'grotzen Mehrheit der Abgeordneten fand Kuttner, als er den Nationalsozialisten aus ihre hämischen Zwischenrufe sagte: „Das ist der große Vorteil des parlamentarischen Systems, daß niemand daran gehindert wird, seine innere Minderwertigkeit zu demonstrieren." iMjjy

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