Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 20 (16.5.1930)
- Date
- 1930-05-16
- Page
- Seite 260 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2277379-2277676-2277696--06005-2286792- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2ö0 geschleppt, an einen Baum genagelt, die Augen wurden ihm ausgestochen, wobei die rasende Horde den „gemarterten Hindenburg" im Stile von Kriegstänzen umsprungen haben soll. Den Vergleich mit den Indianern würden diese sich mit Recht verbitten: „Wir Wilden sind doch bessere Menschen." Ernster noch als solche Ausschreitungen ist die Entwicklung, die einzelne Parteiführer nehmen. Ob man sich alsLohndiener industrieller Geldgeber zu gut ist, ob man aus taktischen Gründen den arbeitersreundlichen Charakter der Partei stärker betont, eines steht fest: es hat stch ein linksradikaler Flügel der Nationalsozialisten gebildet, der das Wort Sozialismus mindest so oft im Mnnde führt wie kommunistische Agitatoren. Die Frage, ob der 1. Mai zu feiern sei, hat erbitterte Kämpfe in der Führerschaft heraufbeschworen. Der Gau Groh-Berlin hat jedenfalls flammende Aufrufe zum rücksichtslosen Kampf gegen den Weltkapitalisrnus erlassen und den 1. Mai als Festtag der nationalen Arbeit Proklamiert. Graf Reventlow polemisiert gegen die „neuen Meininger", mit denen er jene alten Offiziere und Generale meint, die die Partei heute als Theatertruppe herausstellt: „Die Gewinnung eines einzigen Arbeiters ist unendlich wertvoller als Beitrittserklärungen von einem Dutzend männlicher und werblicher Exzellenzen, überhaupt von „gehobenen" Persönlichkeiten, die der Partei die Ehre antun wollen, ihr anzugehören. Die NSDAP, ist eine Arbeiter- - Partei, der nationale Sozialismus ist eben etwas durchaus anderes als das Nationalsein des bürgerlichen Patrioten." Hitler muß sich Zwischen diesen streitenden Fronten: Reventlow, Otto Straßer, Goebbels auf der einen Seite, und feinen Getreuen, denen im Sinne der Geldgeber das Wort Sozialismus unangenehm in den Ohren klingt, hindurchwinden. Er prägt die gewiß „glasklare" Formel: „Die Wurzel des Nationalsozialismus liegt nicht im Sozialismus als Allerwelts- Erlösungsidee, sie ist auch kein mit einem nationalen Vorzeichen versehener Teil dieser Idee, sondern ein völlig neuer politischer Begriff, dessen Totalität nicht in verschiedene Bestandteile zerlegt werden kann." ... zum Sowjetstern? Mit dem Feuer zu spielen, ist gefährlich. Die Flamme des Scheinsozialismus, die in jeder nationalsozialistischen Versammlung entzündet wurde, glänzt genau so rot wie die kommunistischen Lagerfeuer, von denen „nationale" Kreise den deutschen Bürger und den deutschen Arbeiter ins Lager der national zuverlässigen Hitler-Leute hinüberfahren wollten. Der Plan ist nicht gelungen. Schon frohlockt die „Rote Fahne", daß sich die enttäuschten, irregeleiteten Arbeiter aus der nationalsozialistischen Front in Kiel in die rote Klassensront eingereiht haben. Der Reichswehrminister muß in seinem oben Zitierten Erlaß daraus Hinweisen, daß sich die Methoden der Nationalsozialisten in nichts von denen der Kommunisten unterscheiden. Er verweist auf einen angeblichen Bericht der G. P. XI. an Moskau, in dem es heißt: Es sei sehr richtig, daß die nationalsozialistische Propaganda unsere Bestrebungen unterstützt. Dev einfache Mann könne einen Unterschied zwischen den beiden hätten der Propaganda kaum erkennen. Vielleicht werden die spendenden Förderer sehr bald enttäuscht sein und einsehen, daß sie ihr Geld schlecht angelegt haben. Der Weg von der radikalsten Rechten bis zur radikalsten Linken ist gar nicht so weit, und eines Tages könnte sich das Hakenkreuz auf der Fahne mancher Sturmabteilung in einen Sowjetstern verwandeln. Dr. Hans Reiclimarm. Der „Zriöericus" entdeckt Mädchenhandel... in alten Hetzschriften. Herr F. C. Holtz, Herausgeber des „Fridericus", Besitzer eines bemerkenswert langen Strafregisters, lebt von der Sensationsberichterstattung über die Unsittlichkeit der anderen, treibt also selbst ein im höchsten Maße unsittliches Gewerbe. Neuerdings scheint ihm der Stoff ausgegangen zu sein, über aktuelle Verderbtheit zu schreiben. Vielleicht fürchtet er auch, daß man die Parallelität Zwischen den von ihm verdammten Missetaten und seinem eigenen Tun allzu leicht feststellen könnte. So steigt er in die Vergangenheit hinab, stöbert in alten Scharteken und findet das Pamphlet eines als Verfasser der Schrift „Judentum und Sozialdemokratie" berüchtigten Skribenten, Alexander Berg, „I u d e n b o r d e l l e, Enthüllungen aus dunklen Häuser n". Das packt ihn, da fühlt er sich zu Hause, und siehe da: Herr Holtz und sein „Fridericus" schreiben, als Leitartikel mit fetter Schlagzeile, als ob die Schrift von Berg noch feucht vom Druck sei und nicht schon 1887 erschien: „Prima Menschenfleisch." Lange Namenslisten entnimmt der „Fridericus" der Broschüre, von Menschen, die der Prostitution, der Verschleppung junger Mädchen ins Ausland Vorschub geleistet haben. Die Namen lassen ihre Träger unzweifelhaft als galizpche Juden erscheinen. Prozeßberichte über die Sühnung der Verbrechen schließen sich an, nur um dem „Fridericus" die Möglichkeit zu geben, zu behaupten: heute geschähe von Juden und durch Juden das gleiche wie vor fünfzig Jahren, nur die Furcht vor den Juden sei größer geworden, und die Gerichte scheuten sich, jüdische Verbrecher zur Sühne zu ziehen — als ob sich die Juden aller Welt schützend vor Verbrecher stellten! Prostitution und Auswanderungen von jungen Mädchen zu unzüchtigen Zwecken sind, abgesehen von pathologischen Einzelfällen, noch nie in gesunden wirtschaftlichen Verhältnissen, bei hellen, gesunden Wohnungen, bei guten Erwerbsmöglichkeiten zu beobachten gewesen. In wenigen Gegenden der Welt aber ist menschliches Elend in so konzentrierter Form aufgehäust wie in den jüdischen Massenquartieren Galiziens und Polens. Eine Flucht aus Elend in zunächst verlockendes Wohlleben war in der Regel das, was Holtz Mädchenhandel nennt, und wie üblich: verbrecherische Elemente fanden stch, die den Auswanderungen der Mädchen Vorschub leisteten, sie begünstigten und anregten. Sie verachtet jeder Anständige, ob Jude oder Christ. Herr Holtz braucht alles dies nicht zu wissen. Aber, wenn er schon in alten Schriften stöbert, warum zitiert er nicht auch das Schreiben, das 1898 von den Spitzenorganisationen des Judentums an fünfhundert galizische Rabbiner versandt wurde, um sie aufzufordern, gegen Entartungserscheinungen der geschilderten Art in ihren Gemeinden auszutreten? Warum zitiert er nicht die Erklärung des deutschen R a b b i n e r v e r b a n d e s vom 7. Juni 1902, die in noch schärferer Weise den Mahnruf nach Galizien formuliert? Warum erwähnt er nicht The Jewish association for the protection of girls and women und deren jüdisches Zweigkomitee in in Hamburg? Warum weiß er nicht, daß auf der Sechsten deutschen Nationalkonferenz zur Bekämpfung des Mädchenhandels im März 1908 auch der Jüdische Frauenbund vertreten war und Anträge stellte, die einstimmig angenommen worden sind? Der Name B e r t h a P a P P e n-- h e i m und ihre unermüdliche Arbeit, die sie bis zur Königin von Rumänien führte, ist ihm auch nicht geläufig. Er weiß auch nicht, daß in Deutschland wegen Mädchenhandels bestraft wurden: 1907 eine Person, 1908 zwei Personen, 1909 vier Personen in drei Fällen, 1910 fünf Personen in zwei Fällen, 1911, 1912 kein Fall, 1913 zwei Personen in einem Fall, wobei der Anteil der Juden an diesen verschwindend kleinen Zahlen dahingestellt bleiben mag. In Deutschland kommen aber jährlich etwa eine halbe Million Menschen vor den Strafrichter! Die Gegenwart scheint für Herrn Holtz in der Tat ein wenig ergiebiges Feld zu sein. Es gelingt ihm nicht, für seine Behauptung vom jüdischen Mädchenhandel, d. h. von einer Verschleppung von Mädchen zu unsittlichen Zwecken als im Wesen des Judentums begründet, ja, sogar durch das jüdische Gesetz geboten. Beweise zu erbringen. Ihm ist auch ein Aufsatz, „Mädchenhandel", aus der Feder eines der ersten Fachleute auf diesem Gebiete, des früheren Kriminalrates und jetzigen Regierungsdirektors Dr. Koch, in der Zeitschrift „Die Polizei" vom 20. Februar 1929 entgangen. Vielleicht ist ihm die Autorität dieses nichtjüdischen Autors unantastbarer als die des Juden Dr. Max K r e u tz b e r g e r, der im Juli-August-Heft (1929) der „Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege" einen außerordentlich gründlichen Beitrag zur Frage der Prostitution, der Bordelle und des sogenannten Mädchenhandels und des jüdischen Anteils an ihnen liefert. Wir wollen deswegen auch nicht die Feststellungen des jüdischen Autors verwenden, sondern die Ergebnisse vortragen, die Regierungsdirektor Koch folgendermaßen formuliert: „Wenn es (das National-Komitee zur Bekämpfung des Mädchenhandels) jetzt von neuem eine rege Propagandatätigkeit entfaltet, so mutz man wissen, datz es mit dem Worte Mädchenhandel einen Begriff verbindet, der himmelweit verschieden ist von dem, was die Allgemeinheit darunter versteht. Die Polizei aber mutz sachlich und verantwortnngsbewutzt handeln. Sie darf bei Ermittlungen nach vermitzten Mädchen die Annahme eines Mädchenhandels in dem Sinne, wie ihn die Allgemeinheit anfsatzt, Überhaupt nicht in ihre Rechnung stellen und ihn als das »nehmen, was er ist, als einen Aberglauben." So schreibt der Fachmann. Wenn Herrn Holtz um die Förderung der Sittlichkeit, um die Verhütung der Erwerbs¬ und Arbeitslosigkeit bei jungen Mädchen zu tun wäre, die so oft zur Prostitution führt, dann schriebe er Aufsätze: Wie schaffen wir unseren Töchtern Lebensmöglichkeiten, wie bewahren wir sie vor Berührung mit Unsittlichkeit? Herrn Holtz aber liegt es nur an zwei Dingen: an Judenhetze und am Geldverdienern So stehen an den Straßenecken seine Zeitungsverkäufer. Junge Menschen gehen vorüber und lesen und hören: „Prima Menschensleisch, Stück für Stück 20 Psennig" —- und Herr Holtz rettet so Deutschtum und Sittlichkeit. A. H.