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Central-Verein-Zeitung · 1930-05-16 · 20 (16.5.1930) · p. Seite 259

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
20 (16.5.1930)
Date
1930-05-16
Page
Seite 259 (sequence 3)
Language
German
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» » « Freiheit, die sie meinen Die neueste Entwitklung im nationalsozialistischen Lager. Im Reidie des Herrn FrUk* Nun beten die Kinder täglich in der Goethe- Stadt im schönen Thüringen: „Drum mach uns frei von Betrug und Verrat, mache uns stark zu befreiender Tat!" So glaubt Herr Frick dem zersetzenden Einfluß des Judentums Zu begegnen und die Forderung der Neichsversassung zu erfüllen: „In allen Schulen ist sittliche Bildung, staatsbürgerliche Gesinnung, Persönliche und berufliche Tüchtigkeit im Geiste des deutschen Volkstums und der Völkerversöhnnng zu erstreben. Beim Unterricht in öffentlichen Schulen ist Bedacht zu nehmen, daß die Empfindungen Andersdenkender nicht verletzt werden." (Artikel 148.) Was mag das jüdische Kind wohl denken, wenn ihm seine Schulkameraden im täglichen Gebet „Betrug und Verrat" vorwerfen! Mißbrauch religiösen Empfindens zu parteipolitischen Zwecken! So will es der Minister Frick. Er hat ja sonst so wenig zu bieten. Das nationalsozialistische Wirtschastsprogramm zu In Magdeburg findet zurzeit eine auf mehrere Tage berechnete Hauptverhandlung gegen Münchmeyer statt. Eine Reihe von Verfahren ist Zusammengezogen worden, um zur Entscheidung gebracht zu werden. Münchmeyer terrorisiert Gericht und Zeugen in unerhörter Weise. Bei Redaktionsschluß kann über den Ausgang der Verhandlung noch nichts gesagt werden. Wir werden in der nächsten Nummer ausführlich darauf zurückfommen. erfüllen, hat er sich noch nicht angeschickt. (Seine Koalitionsgenossen würden sich dafür auch bedanken.) Und statt des billigen und saftigen Huhns im Topf, das jeder nationalsozialistische Wühler für sich schon serviert sah, setzt man den Thüringern ein Frick — assee von neuen Steuern, Kopfsteuer, Mietzinserhöhung, vor, das manchem den Appetit verderben wird. Herr Frick hat auch mit seinen anderen Maßnahmen zur restlosen Beseitigung „volksfremden Einflusses" wenig Glück: die Ernennung Schultze - Naumburgs zum Leiter der Weimarer Kunsthochschule hat dem Minister heftige Kritik aus den eigenen Reihen eingetragen. In Nr. 20 der „Nationalsozialistischen Briefe" eifert ein kunstsachverständiger Nationalsozialist Wendland gegen den reaktionären „Neubiedermeier" Schultze-Naumburg. „So müssen wir als bedauerliche Tatsache feststellen, daß eine junge Bewegung wie der Nationalsozialismus einen Exponenten einer absterbenden Kunstgeneration an eine Stelle gesetzt hat, an die Kräfte der Jugend gehören. . . Die Bewegung des Nationalsozialismus wird sich von den reaktionären Elementen und vor allem den reaktionären kulturellen Anschauungen noch gründlich reinigen müssen." Und auch mit dem Zweiten „Kunsterlaß", mit dem Herr Frick die „schwarze Kunst" aus deutschen Tanzsälen verbannen wollte, sind Kritiker aus den eigenen Reihen nicht einverstanden. Eine musikalische Sachverständige bekennt sich zum Rhythmus und zum Jazz. Sie belehrt den Minister, daß der Jazz nicht von den Negern stamme, und daß man ihn ebensowenig verschmähen solle wie die Kosakenlieder und den Tschardas der Zigeuner. Herr Frick und seine Freunde hören das Raunen ihrer Wählerschaft, und sie wissen, daß weitere Enttäuschungen vermieden werden müssen. Deshalb stellt die nationalsozialistische Fraktion des Thüringer Landtags ihren Koalitionsfreunden unerfüllbare Bedingungen: Nationalsozialisten in die Polizei, Annahme des Schächtgesetzes von allen Koalitions- Parteien, Bereitstellung von Mitteln für die Erwerbslosen, Boykott der Warenhäuser und Konsumvereine, Landesspende als dauernde Einrichtung. Werden die Bedingungen nicht angenommen, so tritt man aus der Negierung aus. Dann kann man wieder ins Land hinausziehen „als einzige Partei, die das deutsche Volk retten kann". Nichts schadet dieser Partei mehr als praktische Ueberuahme der Negierungsverantwortung. Heute kann man sich noch aus den Gauparteitagen als Champion unter den Ringern um die deutsche Wählerschaft ausschreien, lind wenn die Trompetenmusik vor der nationalsozialistischen Schaubude ertönt und die „Meisterringer" Hitler, Goebbels, Frick und Straffer sich zur Bühne begeben, dann klatschen immer Tausende Beifall. Es darf nicht verkannt werden: in diesen schönen Tagen, in denen der Frühling den Menschen aus den dumpfen Stuben in die Natur lockt und Versammlungen gemeinhin leer zu bleiben Pflegen, haben etwa 15 000 Menschen den Berliner Sportpalast und mehr als 10 000 die Dortmunder Westfalenhalle gefüllt. In Bayreuth marschierten fast 2500 Braunhemden auf, I n g o l st a d t. Landsberg sahen imponierende Versammlungen. Viele verzichten auf einen Frühlingstag im Freien, wenn man die Sendboten des dritten Reiches so schön den deutschen politischen Frühling künden hört. Bald wird man übrigens unseren alten Freund Richard Kunze, dessen schwunghafter Handel mit Gummiknütteln ihm den bekannten Beinamen eingetragen hat, das nationalsozialistische Horn blasen hören. Er hat schon viele politische Instrumente gespielt. Seine deutschnationale Kapelle hat ihn als Kapellmeister ausgeschlossen. Was bleibt ihm übrig, als sich in das nationalsozialistische Orchester als einfacher Hornbläser einzugliedern. Für Frontabende empfehlen wir das Musikstück: Etappenleben in Gardelegen. 230 000 eingeschriebene Mitglieder warten angeblich unter Hitlers Fahne auf den Tag der deutschen Revolution. Diese Zahl ist übertrieben. Trotzdem gibt die tägliche agitatorische Leistung der Nationalsozialisten (60 bis 100 öffentliche Versammlungen am Tage) zu denken. Stadiratswahlen in Goffies. In Gotha, wo Nachwahlen für den Stadtrat stattsanden, hat die Partei innerhalb von fünf Monaten tausend Stimmen gewonnen und ihren Besitzbestand innerhalb von etwa eineinhalb Jahren vervierfacht. Jetzt sitzen inr Stadtparlament dieser früheren roten Hochburg 11 Nationalsozialisten neben 10 Kommunisten; die Deutsche Volkspartei und die Deutschnationalen haben nur je vier Vertreter in das Rathaus ensenden können! Gerade wir, die wir die Bedeutung der Nationalsozialisten als eines d a u e r n d e n Politischen Faktors leugne n, verschließen uns nicht der gegenwärtigen wachsenden Gefahr ihrer agitatorischen Rührigkeit. Wenn die anderen Parteien den Gegner ruhig gewähren, wenn sie ihn, wie in Gotha, fast allein die Versammlungstribüne beherrschen lassen, wird diese Partei der Phrase immer mehr Phrasengläubige um sich sammeln. Der Gothaer Wahlerfolg ist fast restlos auf Kosten der Deutschnationalen und der Deutschen Volkspartei errungen. Es muß daher wunder nehmen, daß I n d u st r i e l l e und andere Geldgeber der Partei den Nazipudel immer noch füttern. Er sollte die verlorenen Schäflein in das nationale Lager treiben, und nun entwickelt er sich ganz gegen den Willen seiner Herren zum beutegierigen Hund, der die eigenen Kinder der Herren frißt. „Auch du, mein Brutus, auch du, du frißt? So ruft wehmütig der Moralist." Und er frißt und beißt schonungslos nach allen Seiten. Hauskrieg unterm Hakenkreuz. Reichswehr und Stahlhelm werden von den Nationalsozialisten aufs heftigste angefallen, weil sie den Agitationsweg nicht kampflos den „Zersetzern" und Hitlers Zellenobleuten freigeben wollen. Zwischen dem Berliner Major von S t e p h a n y vom Stahlhelm und Herrn Dr. Goebbels ist eine heftige Fehde ausgebrochen. Und der Reichswehrminister, der seinen Soldaten die Augen über den revolutionären Charakter der Nationalsozialisten in einem Erlaß öffnete, wird der Verhetzung mit gefälschten Unterlagen bezichtigt. Kube bezeichnet ihn als „den bewußten Zersetzer desBismarck-- Reichs" und droht mit Enthüllungen über „Anbiederungsversuche" der Reichswehr an die Nationalsozialistische Partei/ Um die nationale Zuverlässigkeit der Nationalsozialisten ist es schlecht bestellt: ebensowenig wie sie Reichswehr und Stahlhelm schonen, machen sie halt vor H i n d e n b u r g. Eine der scheußlichsten Beschimpfungen, die der Reichspräsident über sich ergehen lassen mußte, soll der Sturm 5 der Berliner Nationalsozialisten in M e h r o w (Mark) verübt haben. Ein Hindenburg-Bild wurde in einen Garten Dr. Hans Reichmann: Freiheit, die sie meinen . . . 3. 259. — Aus der Arbeit des Central Vereins. S. 261. — Paula Ollendorff zum 70. Geburtstag. S. 263. — Dr. H. Stern; War Antiochus Epiphanes Judenfeind? S. 263. — Dr.S.Weinberg: FelixWeltsch, , Judenfrage und Zionismus.“ S. 264. — Rabbiner Dr. Hugo Hahn (Essen): Christliche Forscher über jüdische Quellen des Urchristentums. S. 265.

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