Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 19 (9.5.1930)
- Date
- 1930-05-09
- Page
- Seite 247 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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L47 völkische öil-urrg ist keine volksbilöung. Unzulässige Propaganda im „Münchener Dolksbildungskalender". Unter dem Titel „Münchener Volksbildungskalender 1930" hat der Kreisverband München im Landesverband für freie Volksbildung in Bayern ein durchaus begrüßenswertes Handbuch herausgegeben, das einen Ueberblick über die in München vorhandenen Blldungsbestrebungen ermöglicht. Das Buch (Verlag Ernst Reinhardt, München), ist gut ausgestattet und gewährt einen Einblick nicht nur in die staatliche und städtische Tätigkeit aus diesem Gebiet, sondern auch in die freie Bildungsarbeit. Es mutz allerdings überraschen, daß, während die neutrale, katholische, evangelische und sozialistische Bildungsarbeit in ausreichender Weise berücksichtigt wird, die j ü d i s ch e Bildungsarbeitvollständig tot geschwiegen wird; dafür kommt aber die „v ö l k i s ch e" Bildungsarbeit in geradezu übertriebener- Weise zu Worte. Mancher Leser wird mit Staunen wahrnehmen, wieviel völkische „Bildungs"organisationen es gibt. Es seien daher im folgenden, soweit dies nötig ist, mit einigen charakteristischen Bemerkungen, diese Organisationen aufgeführt: A. Jugendbewegung (Aelterenschast) und Studententum. 1. Der Großdeutfchc Ring (Außenamt der Landcsabteilung Bayern: München, Widenmaherstraße 12/3 r.). 2. D i e fahrenden Gesellen (Bund für deutsches Wandern und Leben im DHV.). Gesellenschaft der Freunde der Artamanen. Ferner „Die Geusen, Bund der jungen Nation, Gruppe Scharnhorst". 3. Der Hochschulring deutscher Art (München, Leopoldstraße 13). B. Kulturpolitische Vereinigungen. 1. T h u l e - G e s e l l s ch oft, München, Herzogstraße 61. Fichte-Gesellschaft, München, Jvhann-Houis-Strnße 7, Paul-de-Lagarde-Berein, München, Malsenstraße 50/0. 2. K a m p f b u n d f ü r Deutsche K u l - t u r, gegr. 1928. Vorsitzender: Alfred Nosenberg, Schriftsteller und Schriftleiter; Geschäftsstelle München, Schellingstraße 39/1. Zeitschrift: „Mitteilungen des Kampsbnndes für deutsche Kultur". 3. N a t i o n a l s o z i a l i st i s ch c r I u - ristenbund, Vorsitzender: Tr. Frank II, München. 4. Den Aufgaben einer völkisch begründeten Pädagogik dient der „B und völkischer Lehrer" (aus welchem der „Nationalsozialistische Lehrerbund" hervorging). C. Völkisches Schrifttum. Neben den bereits genannten Zeitschriften erscheinen in München: 1. „Der W el tk a m p s" (Deutscher Volks- Verlag, München; Herausgeber Alfred Nvsenberg). 2. „Deutschlands Erneue r u n g" (Verlag I. F. Lehmann, München; Schriftleiter von Müffling). 3. „Volk und Nass e" (im gleichen Verlag), hat sich die Rassensorschung zur Ausgabe gestellt. 4. „D e r R h y t h m u s" (C. H. Vecksche Verlagsbuchhandlung, München, Zeitschrift des Bode-Vundes), verbreitet die Forschungsergebnisse Dr. Nud. Bodes, der die Erneuerung der deutschen Körperkultur in Verbindung mit der Erziehungsfrage erstrebt." Dabei behauptet der Berichterstatter, was in diesen Organisationen schon an „bedeutender völkischer Kultur und Bildungsarbeit geleistet wurde", sei nur „ein Anfang". Er schließt seine Ausführungen mit den bombastischen Worten: die von der Schriftleitung besser gestrichen worden wären: „Es ist ein Kampf zwischen Blut und Gold, zwischen Licht und Finsternis. Der Sieg wird dort sein, wo blnthaftes Volkstum zur bewußten Lebensmacht wird." vr. Buckolk Wassermann (München). Klarheit über -as Mische Schrifttum 1 Erfolgreiche flufklärungsverfammlung in Sonneberg (Thür.) Der Centralverein veranstaltete im Gesellschaftshaus in Sonneberg eine öffentliche Aufklärungsversammlung, bei der Rabbiner Dr. Neuhaus (Mühlheim) vor überfülltem Saal über das Thema „Der Talmud, gibt es Geheimnisse und Geheimorden im Judentum?" sprach. Der Vorsitzende unserer Ortsgruppe Sonneberg, Bernhard Rosenb e r g , leitete die Versammlung und wies in seinen einleitenden Worten auf den Zweck des Abends hin, aus dem Munde eines hervorragenden Talmndkenners zu erfahren, was an dem Gerede um den Talmud Wahrheit und was Dichtung sei. Der Einladung waren christliche Bürger aus allen Berufen und Gesellschaftsschichten, Mitglieder des Jungdo und des Stahlhelms, Vertreter der Geistlichkeit, der Presse usw. gefolgt. Ueber den Vortrag von Rabbiner Dr. Neuhaus berichtet die ,,Sormeberger Zeitung" vom 29. April: „Der Redner bewies durch Proben aus dem Talmud die Tiefe, den Ernst und die Strenge der jüdischen Ethik. Das alles war ungemein interessant, und man gab acht, daß einem kern Wort entging . . . Die seelische Einstellung zum Juden ist durch diesen Vortrag wesentlich gewandelt worden. . . . Der Verfall war stark und herzlich. Wie ganz anders war dieser Abend als politische Radauversammlungen mit antisemitischem Einschlag." Das „Coburger Volksblatt" vom 3. Mai schreibt: „Dr. Neuhaus hat in klarer, außerordentlich sachlicher Weise als Jude Ausführungen gemacht, die in keiner Weife von einer Fremdvassigkeit Spuren zeigte. Sein Bekenntnis zum Deutschtum war ehrlich und überzeugend und hat damit der Centralverein, Ortsgruppe Sonneberg, seinen Zweck, Aufklärung zu schassen, vollkommen erreicht. Zeder einzelne nichtjüdische Zuhörer verspürte eine Wandlung in seiner Einstellung zum Judentum." Charakteristisch war die Haltung der Nationalsozialisten vor und nach dem Vortrag. In einem Aufruf hatten sie ihre Anhänger zur höchsten Alarmbereitschaft aufgefordert und die Besucher der Veranstaltung des Centralvereins vorher feststellen lassen. Keiner der Hörer ließ sich durch diese Kontrollevom Besuch des Vortrages abhalten, trotzdem sie nachträglich in dem Blatt der Sonneberger Nationalsozialisten als „Spießer" und „Spießer-Anhang der Sonneberger Mischpoche" bezeichnet wurden. Ein christlicher Redakteur, der verständnisvoll über den Abend berichtete, wird sofort verdächtigt-, „in seinen Adern Negerblut" zu haben, und es wurde behauptet, zwischen seinem Namen: John und Cohn bestünde engste Geistesverwandtschaft. Trotz all ihrer Verleumdungen und Anstrengungen gelang es den Nationalsozialisten nicht, den Eindruck des unbestritten erfolgreichen Abends zu zerstören. Frick-Ecke Nr. 2 Herr Fridk möge die „deutsche” Kultur im eigenen Lager „reinigen”. Erklärung. Die in dem anläßlich unserer.Kundgebung am 29. Juni v. I. herausgegebenen Flugblatt enthaltenen Behauptungen über die Person des sozialistischen Gemeinderatsmitglieds W a g - n e r, betreffend Jndustrieverschleppung, nehmen wir als unwahr zurück. Die bet-r. Aeußerungen sind von uns gebraucht worden wider besseres Wissen, lediglich in der Absicht, Herrn Wagner und damit die Ortsgruppe der SPD. zu verleumden und eine arbeitslose Masse a u s z u - hetze n. Ortsgruppe NSDAP. Otto Kästner. Aus dem Anzeigenteil der „Lauschaer Zeitung Nr. 42 vom Y. April 1930. Dos Reichsgericht sagt: JiitonrepuM ist ein Echimpswett. Das Reichsgericht hat in einer jetzt in der „I u r i st i s ch e n W 0 ch e n s ch r i s t" vom 19. April veröffentlichten Entscheidung vom 15. November 1929 zum Ausdruck gebracht, daß die Bezeichnung des heutigen Staates mit dem Worte „Judenrepublik" eine Beschimpfung im Sinne des Republikschutzgesetzes darstellt. Damit hat sich im Laufe der Zeit eine bedeutsame Wandlung in der Ausf assu ng des ersten Strafsenats vollzogen; denn noch im Jahre 1923 hatte er die Bestrafung einer Reihe wegen der gleichen Verfehlung Angeklagter abgelehnt. Auf die Begründung jener Entscheidung ist in der „C. V.-Zeitung" wiederholt eingehend hin gewiesen worden. Das Reichsgericht führt zur Begründung seiner neuen Auffassung in der Entscheidung vom 15. November 1929 folgendes aus: „Nach der tatsächlichen Annahme der Strafkammer hat der Beschwerdeführer mit der Bezeichnung als „Judenrepublik" „ein Schimpfwort gebrauchen und damit seine Verachtung gegenüber der deutschen Republik wegen dieser Staatsform zum Ausdruck bringen wollen. Er hat also die Verfassung des Deutschen Reiches als solche, mithin auch die in ihr enthaltenen Einrichtungen und Vorschriften angreifen wollen, in denen sich der republikanische Gedanke verkörpert. Tie erörterte Absicht des Beschwerdeführers hat die Strafkammer daraus gefolgert, daß nach seinen Anschauungen und nach denen der Kreise, an die sich der „Frankfurter Beobachter" wendet, in dem Worte „Jude" alles das zusammengefaßt ist, was man an schlechten und verächtlichen Eigentümlichkeiten dem Juden glaubt vorwerfen zu können." Die jetzt geübte weise Zurückhaltung berauch in ihrer Kürze vorbildlichen Entscheidung möge auch künftig nufer höchstes Gericht auszeichnen! Rechtsanwalt Dr. Max Mayer (Berlin).