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Central-Verein-Zeitung · 1930-05-09 · 19 (9.5.1930) · p. Seite 246

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
19 (9.5.1930)
Date
1930-05-09
Page
Seite 246 (sequence 2)
Language
German
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L4H Parteien führende Regierung viel weiter kommen sollen, selbst wenn zugegeben werden muß, daß auf den: heißen Boden Palästinas die beiden politisch oft anspruchsvollen Partner kaunr je restlos zu befriedigen sein werden, und selbst, wenn es zweifellos richtig ist (Bericht S. 140), daß beide,' Juden wie Araber, schwerlich Neigung haben, sich vorkommendenfalls im Wege des Kompromisses zu einigen oder in ihrem Vorgehen und in ihren Forderungen dem unumstößlichen Doppelcharakter des Mandats Rechnung zu tragen. Der Bericht sagt hier: „Die politischen Führer auf beiden Seiten verfolgen ihre verschiedenen Ziele mit einseitiger Krastanstrengung („single minded vigour"). Ihr Tatendrang erstreckt sich auch stets nur auf eine Seite der Fragen; Hindernisse, die den Weg verbauen, werden völlig außer acht gelassen oder beiseite gefegt, als wären sie bedeutungslos. Die Idee eines Kompromisses besteht kaum."^) Wenn die arabische Seite sich aber immer wieder bei der Kommission beklagt, die MandatsverlvalLung bevorzuge die Zionisten, itnb die Kommission diese Klagen bis zu einem gewissen Grade auch anerkennt, so ist es nur gerecht, darauf hinzuweisen, daß die arabischen Führer sich bisher grundsätzlich jeder Zusammenarbeit mit der Regierung — etwa wie die Jewish Agency — entzogen haben. Schon allein durch diese Tatsache haben die Zionisten einen Vorsprung, der ihnen gewissermaßen aus mechanischen Gesetzen in den Schoß gefallen ist, und den man ihnen nicht böse ankreiden kann, zumal es doch den Behörden obliegt, etwa vorkommende Uebergrisfe zurückzuweisen. Als Ergebnis ihrer Untersuchungen empfiehlt die Kommission der Regierung, eine neue Feststellung über ihre Politik, also eine Art N e u a u f l a g e von Churchills Feststellung, herauszugeben, in der insbesondere die Rechte des nichtjüdischen Bevölkerungsteiles in Palästina scharf herausgearbeitet und die durch das Mandat gewährleistete jüdische Mitarbeit eindeutig begrenzt werden soll. Bei allen diesen Bemühungen wird aber leider damit zu rechnen sein, daß sie einen wahren Erfolg nicht haben werden, noch haben können: Wie soll die arabische und die jüdische Größe auf einen Nenner gebracht werden? Dafür wäre die unbedingte Voraussetzung, eine v c^l l k o m m e n durchsichtige, bis g u m letzten I -Punkt unangreifbare E r L l ä r u ng der A i 0 n i st i s ch e n O r g a n i s a t i 0 n über i h r Endziel in P a l ä st i n a. Und hier steht das große Fragezeichen. Von der Vernehmung des Revisionistenführers I a b 0 L i n s k y berichtet die Kommission (S. 169) zusammenfassend: Er und die Seinen erstreben die Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina. Mau werfe ihm vor — die Kommission läßt Jabotinsky kommentarlos sprechen —, er, der Extremist, habe nur dieses Ziel vor Augen, aber auch die „allgemeinen Zionisten" (Ille general Äonisks) Hütten das gleiche Ziel — „so he says“, setzt der Bericht hinzu. Verschieden sei lediglich der Weg, das Ziel sei doch das gleiche. (^. 110.) Es tut natürlich bitter weh, eine Fahne einzurollen, d i e große Hoffnung „Judenstaat" begraben zu müssen. Trotz Balsour-Deklaration, trotz Churchill-Weißbuch wird vom „I u deu - staa t", nicht etwa nur bei den hier ganz eindeutigen Revisionisten, weitergeredet. Und der Zuhörer hat selbst bei den Zionisten, die den „Judenstaat" nicht mehr laut fordern, das Gefühl, das aus taktischen Erwägungen heraus Begriff und Forderung „Judenstaat" nur vorübergehend beiseite gelegt worden seien; sogar der oberste Führer konnte den Wunsch, ein Weißbuch möge dereinst zum „Blauweißbuch" werden, noch vor zwei Jahren nicht unterdrücken. Wie die Zionistische Organisation diese e n tscheidende Frage beantworten will, ist ihre Sache. „Hätte der Zionismus — und zwar nicht erst vor dieser Kommission, sondern schon lange vorher, wie manche Zionisten seit Jahren erfolglos gefordert haben, ein Arbeits- Programm anfgesteüt, das mit vollem Bewußtsein und mit voller Bejahung der Bination a l i L ä t Palästinas Rechnung trägt, dann wäre die Kommission auch hier zu anderen Ergebnissen gekommen." Dieses klare Bekenntnis von Robert Weltsckst) zieht zwar hier noch nicht die Letzten Folgerungen, den „Judenstaat" betreffend, aber sie weist den Weg, während der Präsident der deutschen Zionistischen Organisation immer noch vom „Judenstaat", wenn auch mit allen Vorbehalten, spricht). Wesentlich wird nun bei diesen Klarstellungen sein, was unter dem „biyationalen" Staat zu verstehen ist. Selbst wenn man die beträchtlichen innerzionistischen Schwierigkeiten einer Einigung darüber im Augenblick Zurückstellt — ist nicht zu befürchten, daß die nicht wegzndisputierenden Gegebenheiten in Palästina — 83 Prozent Araber, 17 Prozent Juden, nur „jüdische" Arbeit u. a. — unübersteigbare Felsblöcke aus den Weg zu einem echten Frieden legen? Als Nichtzionist, als Anhänger einer nur kolonisatorischen Siedlungsarbeit, wird man diese so überaus ernsten Bedenken, diese drückenden Befürchtungen fürganz Palästinas Zukunft, diesen Pessimismus nie los. Der Zionist aber wird seinem Ziele zustreben müssen und wollen. Und so veröffentlicht der „ÜrUh Schalom"0) soeben sein neues Programm, dem tuir die folgenden Stellen entnehmen. Allerdings sei darüber kein Augenblick Unklarheit, daß dieser zionistische „Friedensbund" mehr qualitativ als quantitativ in Palästina und in der gesamten zionistischen Welt wirkt. Ja, daß sein schärfster Widerpart, der Revisionismus, an Anhängern ihn weit, weit überflügelt und seit den Unruhen ersichtlich noch stärker vorwärts gekommen ist. Ter „Brüh Schalem", so lautet ein Programmpunkt, „ist der Meinung, daß Palästina weder ein jüdischer Staat noch ein arabischer Staat, sondern ein binatronaler <staat sein sollte, in dem Irl den und Araber — ohne daß ein Unterschied zwischen Mehrheit und Minderheit gemacht wird — die gleichen bürgerlichen, politischen rlnd sozialen Rechte genießen sollen. Tie beiden Völker sollten, jedes unabhängig in der Verwaltung ihrer internen Angelegenheiten, aber vereinigt in ihren gemeinsamen Interessen sein. Tie Gesellschaft ist der Meinung, daß eine der für die Realisierung des Zieles^ des Zionismus wesentlichen Bedingrrngen die Schaffung eines Uebereinkommens Zwischen Juden und Arabern über die zukünftigen politischen Beziehungen in dem zu erbauenden Palästina ist, sowie über die Zusammenarbeit zwischen Juden und Arabern in der Zeit, während der die Schaffung des gemeinsamen Landes noch im fortschreitenden Werden ist Die Gesellschaft ist der Meinung, daß die Schaffung eines palästinensischen binationalen Staates nur bei einer entsprechenden Entwicklung beider Völker vollzogen werden kann, und zwar einerseits durch jüdische Einwanderung, anderseits durch eine Besserung der wirtschaftlichen und der kulturellen Lage der Araber. Eine Zusammenarbeit zwischen Juden und Arabern tut in allen Angelegenheiten not, die das gemeinsame Heimatland angehen: an die Stelle eines nationalen Antagonismus sollte eine palästinensische Politik treten." Wer sieht nicht schon bei diesen: Bruchstück des Programms die Wolfsgruben und spanischen Reiter drohen? Etwa jüdische Einwanderung und wirtschaftliche Lage der Araber? Doch wozu weiter schwarz malen! Wenn es überhaupt einen Weg aus diesem Engpaß gibt, so ist er in diesem Programm wenigstens einigermaßen abgesteckt. Das revisionistische Kriegsgeschrei wird den „Brith Schalom“ sicher nicht einschüchtern. Wer wie Jabotinsky „heldische" Politik treibt, wer nur aufs Ganze geht, wer den Judenstaat mit Palästina beherrschender jüdischer Majorität verlangt, möge dies ruhig oder unruhig fortsetzen. Die Rechnung, die diese Politiker zu bezahlen haben werden, wird dem gesamten Zionismus sehr teuer zu stehen kommen. Aber selbst unter den Brith-8chaIom-Freunden, mehr noch Zwischen diesen und den der Einsicht zugänglichen Arbeitern, wird es bitterbösen Kampf kosten, eine halbwegs allen tragbar scheinende Plattform für das Programm des Binationalismus herzustellen. Schon haben die Vorpostengefechte eingesetzt, und sie sehen nicht schön aus. Ueberschreibt doch der einsichtige Arbeiterführer und Schriftleiter des „Dawar", Dr. M. Beilin - s 0 n, seinen Aufsatz gegen Dr. Hugo Bergmann vom „Brüh Schalom“ bereits: „V 0 n der B i n a t i 0 n a l i t ä t^z ut Liquidat i 0 n"'). Von unserem Standpunkte ist in dem scharf kritisierten Aufsatz Bergmanns, der nach Beilinfon darin enthaltene Grundsatz bemerkenswert: „Vaterland k 0 m m t v 0 r Nationalität", auch in den „Diaspora- Ländern", besonders aber in Palästina. (S. 50.) Schlussbetrachtungen. In einem streng revisionistischen Aufsatze M. Groß manns, „Mit offenen Angen" („Jüdische Dolksstimme", Brünn, Nr. 17 vom 24. April) wird als (dritte) Gefahr des Shaw- Berichtes die „Enttäuschung und Entmutigung der jüdischen Massen" angeführt, „die den Eindruck gewinnen können, daß wir (die Zionisten) an eine eiserne Barriere stießen". Diesen starken Eindruck gewinnen aber vor allem die Kreise, die bei aller Zuneigung für Palästina den „nationalen" Ausbau der Zionisten aus Gründen der Ueberzeugung und des Gefühls ablehnen. Seit den Unruhen heben sich immer deutlicher die wesensverschiedenen, grundsätzlich sich entgegenstehenden Auffassungen der Zionisten und der Araber in Palästina über Gegenwarts- und Zukunftspolitik ab. Das offenbart fast jede Seite des Berichtes. Und der Eindruck ergreift einen, als ob zwischen beiden Völkern sich nicht nur eine „eiserne Barriere", sondern eine eiserne Wand der Trennung aufgerichtet hat. Solange so viele politische und wirtschaftliche Fragen keiner „Klärung" bedurften, hatte die Siedlungsarbeit weit weniger Schwierigkeiten zu gewärtigen. Je mehr durch Berichte und durch Weißbücher Klärungen sich als nötig erweisen, je mehr die Grenzen abgesteckt, die Meinungen gegenübergestellt, mall kann fast sagen, je mehr von Palästina geredet imb geschrieben wird — um so eingeengter wird die Aufbauarbeit werden. Weshalb es im gewissen Sinne gar nicht heilsam ist, daß Araber wie Juden in Palästina ein halbes Dutzend Zeitungen neu erscheinen lassen oder bestehende verstärken^). Es ist, wie schon früher ausgeführt wurdet), etwas w a h r h a f t Tr ag i sch es nrn den jüdischen Palästinaaufbau. Nationalismus nimmt den Chaluz an der Hand und führt ihn in die schwere Arbeit des Aufbaus. Und ohne diesen gefährlichen Begleiter hätte der Aufbau keinen Reiz für ihn, und er keine Ausdauer für das Werk. Nationalismus und Chauvinismus aber schaffen der Siedlungsarbeit diese unendlichen Schwierigkeiten, und Blut und Tränen sind zu unserer Trauer die Schatten, die ihm folgen. Vielleicht hilft den: zionistischen Idealismus und der so schönen, ulrbeugsamen Opferwilligkeit ein ^ichznrücksinden, das unabänderliche Tatsachen beschleunigen werden, z u eine m m e h r u n d in e h r kolonisatorischen Aufbau. Vielleicht ist das Bahnen dieses Weges eine besondere Verpflichtung für die nichtzionistischen Agench- AUtglieder. Wir wünschen Palästina eine ihm und dem Judentum dienende glückliche Zukunft. D Dr. Alfred Wiener „Juden und Araber" (Philo-Berlag 1930): „Von Mac Mahon bis Balfour", S. 38 f.; zum Kapitel „Selbstverwaltung", ebenda, S. 34 f. 2) Die Balfour-Deklaration (Brief Balfours an Lord Rothschild vom 2. November 1917) lautet: „Seiner Majestät Regierung betrachtet die Schaffung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk mit Wohlwollen und wird die größten Anstrengungen machen, um die Erreichung dieses. Zieles zu erleichtern fl. Teil), wobei Klarheit darüber herrschen soll, daß nichts getan werden soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte bestehender nichtjüdischer Gemeinschaften in Palästina oder die Rechte und die politische Stellung der Juden in irgendeinem anderer: Lande beeinflussen könnte/'' f2. Teil! — Der zweite Teil des 2. Teils spielt natürlich bei den Entschließungen der Mandatsmacht gar keirre Rolle, * * 3 4 * * *) Dieser Teil des Berichtes auch deutsch in der „Jüdischer: Rundschau" Nr. 34/32 vorn 25. April. 4) „Jüdische Rundschau" Nr. 29 vom 11. April, S. 260 (unten), 'y „Jüdische Rundschau" Nr. 15 vom 21. Februar. Leitaussatz, ö) „Jüdische Rundschau" Nr. 33 vom 29. April, liebet den ..Brith. Schalom“, Genaueres in „Juden und Araber". S. 25. ") „Zum jüdisch-amerikanischen Problem". Eine Aussatzreihe von Dr. M. Beilinson, Tel Aviw 1930, S. 47. 8) Liste in der „Frankfurter Zeitung" (Reichsausgabe) Nr. 306 bis 308 vom 26. April. ö) „Juden und Araber", S. 31.

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