Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 9 (1930)
- Issue
- 18 (2.5.1930)
- Date
- 1930-05-02
- Page
- Seite 238 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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23$ St es (©. 139): „Es sollte eine gründlichere wähl der einzelnen Immigranten, als dies bisher der Fall war, getroffen werden und dies mehr in Uebereinstimmung mit den Bedürfnissen des Landes/^) Diese Worte sind wohl mit Rücksicht auf die Arbeiterschaft Palästinas vorsichtiger, ja undeutlicher gefaßt als die Vorschläge der Shaw-Kommission oder bie Aeußerungen Campbelle. Aber besagen sie im Grunde nicht dasselbe? Die Einwanderer ^Kategorie 3) wählt bisher im wesentlichen die jüdische Arbeiterorganisation aus, und diese hat nun einmal — ist es nicht allzu verständlich? — eine rote Brille aufgesetzt. Erinnern wir uns recht, kamen in früheren Jahren nicht wiederholt Klagen von misrachistischer Seite, Laß misrachistische Arbeiter weniger gut bei der Ankunft als die Angehörigen der Arbeiterorganisation behandelt wurden. Aus alledem kann man nur herleiten, daß die Shaw-Kommisston weder eine unsachliche Auswahl der Einwanderer wünscht, noch gar eine Ueberschwemmung mit Einwanderern, wenn die palästinische Wirtschaft sie nicht verträgt. Und jeder Palästinafreund, ob Zionist, ob Nichtzionist, sollte sich dagegen am allerwenigsten stemmen, selbst auf die Gefahr hin, dem Selbstbewußtsein und der politischen Zielstrebigkeit der wackeren palästinischen Arbeiter eines höheren Zwecks wegen wehe zu tun. Jedenfalls scheint es gar nicht berechtigt, solcher Vorsichtsmaßnahmen wegen von einer „Abschnürung" der Einwanderung zu sprechen. Ueber die eisernen Tatsachen der Wirtschaft kann auch der begeistertste Nationaljude nicht hinwegspringen, der, wie etwa Jabotinsky, vor der Kommission jährlich 30 000 Einwanderer für Palästina ersehnt. Und selbst der Weizmann der Friedenskonferenz von 1919, der 50- bis 60 000 Einwanderer jährlich, nach dem nationalen Palästina bringen wollte"), «) „Bericht der Gemeinsamen Palästina-Kommission", London 1928. „Jüdische Rundschau", Nr. 21 vom 21. März 1919. wird sich mit der Tatsache abfinden müssen: das wirtschaftliche Palästina der Gegenwart ist ein kleines, noch unentwickeltes Ländchen, das unzweckmäßig gesteigerte und unsachgemäße Einwanderung, ganz abgesehenvon dem arabischen Widerstand, zum Erliegen bringen würde! Die So-enfrage. Ernster und schwieriger liegt die Bodensrage. Hier sagt der Kommissionsbericht dem Sinne nach dieses: Zwei Beispiele in den letzten Jahren (Emek und Wadi ei Hawareth) haben bewiesen, daß eine Unterbringung der durch zionistischen Bodenerwerb ausgekausten Fellachen nicht mehr erfolgen kann. Alle werden darin übereinstimmen, welche Gefahr ein landloses Bauernvolk für die Entwicklung Palästinas bedeutet. Folglich mutz man entweder jeden weiteren Bodenankaus unterbinden oder aber die wirtschaftlichen Methoden. müsien so verbesiert werden, daß auf kleinerem Anbaugebiet weit mehr Menschen als bisher beschäftigt werden können. Da aber die arabischen Bauern nicht die Mittel haben, solche Verbesserungen selbst zu leisten, muß die Regierung mit Anleihen einspringen oder eine Agrarbank gegründet oder andere Wege gefunden werden, um diesen Umstellungsprozeß schnell und gut durchzusühren. — Eine solche Feststellung in die Tat umsetzen, heißt nichts anderes, als vorerst jeden Bodenerwerb unmöglich machen. Selbst wenn die Regierung gewillt ist, sich für eine großzügige Umstellung und grundlegende Verbesserung der landwirtschaftlichen Methoden kräftig einzusetzen — welche geraume Zeit würde vorübergehen, ehe die Früchte solcher Anstrengungen reisen würden, ehe der Bodenankauf wieder» freigegeben werden könnte? Ob die Sachverständigen, die ja keine Landwirte sind und sich auf nicht einmal übereinstimmenden Aussagen von Landeskennern verlassen mußten, mit ihrer Voraussetzung, jeder weitere Bodenkauf würde Bauern aus ihrem Berufe rettungslos verjagen, recht haben, kann hier mangels der notwendigen gründlichen Sachkenntnis nicht entschieden werden. Eine soeben erscheinende Arbeit von Alfred B o n n 6 : „Die sozialökonomischen Strukturwandlungen in Palästina"") sagt über die Veränderungen in der Landwirtschaft feit Kriegsende manches Interessante aus und behauptet, aus eigenen Beobachtungen, feststellen zu können, daß „Besitzer größerer unbearbeiteter Bodenstücke durch den Verkauf von zwei Drittel bis drei Viertel ihrer Grundstücke bie Möglichkeit erhielten, auf dem verbliebenen Stück eine noch immer sehr einträgliche Pflanzung zu errichten. Ohne Verkauf zu den gegen früher vervielfachten Preisen hätte der Bodeneigentümer die Mittel für kostspielige Pflanzung nicht gehabt." (S. 321/22.) Dev Fall wird sich nicht mit den Fällen decken, die der Kommissionsbericht im Auge hat. Die Fellachen sind ja gewöhnlich nicht die Besitzer so großer Landstrecken, die oft hu Auslande sitzen und ihre Böden bearbeiten lassen. Aber wie dem auch sei: Klar ist, daß dieses Problem schwierig und heikel ist, weil bisher anscheinend noch nicht genug Einzelfälle vorliegen, um ein gültiges Allgemeinurteil nach dieser oder jener Richtung abgeben zu können. So vorsichtig die Zionistische Organisation in den letzten Jahren, getreu der Parole des Basler Kongresses von 1927, das Bestehende vorerst zu erhalten, mit der Neuanlage von Kolonien war, niemand hatte bisher selbst mit einer vorübergehenden Abdrosselung des Bodenerwerbs gerechnet. Gerade im Hinblick aus die Zukunft der jüdischen Siedlungsarbeit kommt dieser Frage eine Bedeutung allerersten Ranges zu. (Ein weiterer Aufsatz folgt.) 11) Im „Archiv für Sozialwissinschaft und Sozialpolitik, Tübingen 1930, 63. Band, 2. Heft, S. 309 ff. 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