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Central-Verein-Zeitung · 1930-04-25 · 17 (25.4.1930) · p. Seite 226

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
17 (25.4.1930)
Date
1930-04-25
Page
Seite 226 (sequence 6)
Language
German
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jOjfC / Von Pani Wiegier. Soeben ist im Ullstein-Verlag, Berlin. Band I der „Deutschen Literatur" von dem bekannten Kritiker und Literarhistoriker Paul Megler. der u. a. unsere INoses-INendelssohn-Vummer im September vorigen Jahres durch eine tiesgründige Arbeit bereichert hat, erschienen. Mit Erlaubnis von Verfasser und Verlag geben wir nachstehend das Kapitel über Rahel Lewin wieder. Die Schriftleikung. Der Literaturgeist von 1810 ist am glitzerndsten und freiesten in der Rahel, die Humboldt, schon bevor er Student in Güttingen war, in Berlin gesehen hat, mit der er ständig verbunden bleibt und über die er in einem Brief an Charlotte Diede bemerkt: „Sie empfand und nahm auch die Erscheinungen des Lebens immer in ihrer vollen Wahrheit auf. Ileberhaupt war Wahrheit ein ausgezeichneter Zug in ihrem intellektuellen und sittlichen Wesen." Der Stael ist Rahel Lewin, die Tochter des Goldwarenhündlers Lewin Markus in Berlin, 1804, als Dreiunddreißigjährige durch den schwedischen Gesandten Brinckmann vorgestellt worden, und sie hat die gefeierte Französin kaptiviert. Die Rahel war in Karlsbad mit Goethe zusammen, der gegen 1830 (nach Jenny von Pappenheim) auf sie hinweist: „Da werdet ihr Bedeutendes kennenlernen." In ihrer Dachstube in der Jägerstraße, ihrem „Mausoleum" und ihrem Salon, liest sie den „Wilhelm Meister" und den „Tasso"; Goethe ist ihr „der höchste, der einzige Dichter, Gewährsmann und Bestätiger in allen Einsichten und Urteilen". Zugleich sind Friedrich Schlegel und Dorothea Veit, Tieck, Gentz, Fouque mit mannigfachen Namen sonst in ihrem Konventikel, in dem sich der Prinz Louis Ferdinand, Adel, Bürgertum, Literaten und Theaterleute ein Rendezvous geben und der Dünkel der Kaste ausgehoben ist. Die Rahel ist für diese Gesellsthast, in der Pauline Wiesel, Louis Ferdinands Geliebte, nicht weniger mitzählt als er selbst, geboren. „Ich habe", so wirbt sie 1813 um Clemens Brentano, „unendliche Gegenwart und Schnelligkeit des Geistes, um aufzusassen, zu beantworten, zu behandeln, großen .Sinn für Natur und alle Verhältnisse, verstehe Scherz und Ernst, und kein Gegenstand 'ist mir bis zur Ungeschicklichkeit fremd, der uvort Vorkommen kann. Ich habe unendlich wiel getan, mit Bewußtsein, und doch getrieben wie eine Pflanze zum Wachstum, Blühen und Fruchttragen; meist besann ich mich erst nachher; an den heterogensten, gescheitesten, "jüngsten, viel älteren Menschen als ich; wirklich unendlich; ich erinnere mich aber aus der ganzen Masse nicht eines einzigen, der es gewußt, bemerkt, beachtet oder anerkannt hätte." 5Sie verschwendet, verbrennt sich in sprühenden Stichflammen. Noch Heinrich Heine sieht um die Lippen der „geistreichsten Frau des Universums", als sie Jean Paul nennt, ein „rätselhaft wehmütiges, Dernunftvoll mystisches Lächeln", und Grillparzer ist von der Alternden, die, von Krankheit zusammengekrümmt, einer Fee oder Hexe ähnelt, bezaubert: „Meine Müdigkeit verflog oder machte vielmehr einer Art Trunkenheit Platz." Die Rahel, die nach Jean Pauls Wort das Leben poetisch behandelt und vom Leben ebenso behandelt wird, ist keine Dichterin. Sie dichtet, und auch hierin ist sie der Romantik kongenial, ihre Briese und ihr Tagebuch. Der Freund ihrer Jugend ist der mit ihr gleichaltrige Daniel Veit, der in Jena Medizin studiert. -1795, als Dreiundzwanzigjährige, verliebt sie, die ' Jüdin, sich in Karl von Finckenstein, den Sohn des preußischen Ministers. Eine Oper von Righini 'wird gespielt, er, der sich für den diplomatischen Beruf vorbereitet, sitzt in der Gesandtenloge, blond und weich, „pflaumenweich", ein Mensch, der sich : einbildet, all das „viel besser gehört zu haben". Sie ..begegnen sich in der Liebe zu Goethe und der Musik, "und sie verloben sich. Aber feine Familie feindet sie an, und er steckt sich hinter diese, obwohl eine seiner Schwestern, Karoline, durch eine Ehe mit dem Architekten Hans Genelli eine bürgerliche Mesalliance eingeht. Er dankt Rahel und trennt sich von ihr: „Du befreitest meine Seele von dem drückenden Gefühle der Nichtigkeit, unter dem sie bisher erlag. Du hattest Augen für das Edle in mir, das ich bisher mit Recht in mir verschloß und zertrat, weil es den anderen um mich her ein Spott war." Er täuscht ihr die Notwendigkeit seines Verlöbnisses mit einem Fräulein von Berg vor, die nicht seine Braut wird, geht an die preußische Gesandtschaft in Wien, sie entlagt ihm. „Mein Mörder!" denkt sie, als elf J<chre später der Gesandte Graf von Finckenstein sie in Berlin besucht; „wie eine ihm zugestandene Kreatur fühlte ich mich, er hat mich verzehren dürfen." Im Sommer 1800 reift sie nach Paris; der Schmerz in ihrer Brust ist „ein gedämpftes Trommeln". Aber: „lieben muß ich!" Ihre nächste Neigung erweckt ein Hamburger Kaufmann Georg Wühlern Vokelmann, der acht Jahre jünger als sie ist. 1802 entzündet sie sich für den spanischen Legationssekretär Raphael d'Urquijo, den Sohn eines Ministers, einen dunklen, südlich schönen, gewaltigen Vasten aus Bilbao. „Die tiefste Seele", schreibt sie ihm, „ist mir bei Deinem Anblick erregt und immer neu, immer ebenso heftig. Dies macht mein Glück. Du sprichst zu meinem Herzen, Deine Gestalt, Deine Miene rührt es; und es irrt sich nicht: es erkannte einen Engel, den meine ganze Seele liebt." Sie gibt sich ihm und hat Angst, ihn an seine Geliebte in Spanien zu verlieren. Nach zwei Jahren der Bruch; sie ist beschämt von ihrer „turpitude", hat noch einmal nach acht Jahren in Berlin eine Unterredung mit ihm und 1813 in Prag, wo er sie kläglich um Protektion bei der spanischen Regierung bittet. 1808 verlobt sie, schon siebenunddreißig Jahre alt, sich mit dem dreiundzwanzigjährigen Karl August Varnhagen, mit dem sie im Salon der Henriette Herz in der Neuen Friedrichstraße Zusammengetroffen ist. „Ich bin unwürdig", sagt sie ihm. Er erwidert, einer „großen, ungeheuren Leidenschaft" sei er nicht fähig. Sie empfindet seinen „sanften, innigst bescheidenen Charakter", der einer Frau Seligkeit und Sicherheit biete. Zögernd händigt sie ihm ihre Briese an Urquijo aus: „Ich habe das Feige und Verdeckte darin immer erkannt." Varnhagen setzt seine medizinischen Studien in Tübingen fort. Sie analysiert sich mit Unersättlichkeit: „Mein ganzes Leben ist eine Marter. Mein scharfes Wissen, Sondern und Scheiden, das große Meer in mir, mein präziser, tiefer, großer Zusammenhang mit der Natur; kurz, das bißchen Bewußtsein darüber, was hier doch so viel ist, kostet mich was!" Sie analysiert auch (oder sie hat das Verlangen danach) die Lüge ihres Erlebnisses mit Urquijo: „Lange hätte ich gerne diese Lüge grade, worauf sich die Besten unseres Zeitalters etwas einbilden, und welche zum Teil die ganze neue europäische Lüge konstituiert, recht auseinandergelegt, bezeichnet, in all ihren Verzuckungen und Retiraden dargestellt, zerlegt, damit sie nie wieder lebe; aber so gewiß und wahrhaft sie mein Geist ersaßt hat, so hat er doch nicht Kräfte, sie Fichtifch zu zerlegen oder Eoethisch vorüberschreiten zu lassen: wie ein zitierter Geist, der sich stellen muß." Sie weint über Heinses Briefen und Nachschilderungen von Gemälden. Sie rät Varnhagen zu dem, was ihre eigene sensitive Künstlichkeit ist, „recht in Ueppigkeit und Schwelgerei zu arbeiten. Dich recht auf Dich selbst zu besinnen; und zu machen, als wärst Du allein auf der Welt; wenigstens als sprächest Du eine'Sprache für Dich allein und müßtest erst erwarten, ob welche kommen, die sie auch sprechen". Sie gibt Aperyus über den „Wilhelm Meister". Sehr boshaft wird sie, wenn sie zu Humboldt in ihrem Aerger über die „kolossal" gewachsene und von ihr doch beneidete Herz sich gehen läßt; es ist ein Brief vom Juni 1809, den Varnhagen in „Rahel, ein Buch des Andenkens, für ihre Freunde" unterdrückt: „Hassen kann man sie nicht; fast muß man sie achten: vernichten aber möchte man sie. Zum Spott der sich tugendhaft glaubenden Menschen lassen die ewigen Götter dies Gebilde umhergehen — und ungerecht findet man's, eine noch lebende Seele dazu zu gebrauchen! Wie um einen Kirchturm ist ihr der Wind um das hohe Haupt gegangen! Aus Rührung möchte man die Herz getötet wissen." Im Krieg Oesterreichs gegen Napoleon wird Varnhagen, der schon sich als Arzt in Hamburg niederlassen wollte, Freiwilliger im österreichischen Heer. Mit ihm sein Freund von der Universität Halle her, Alexander von der Marwitz, „herrisch bis zur Insolenz, ehrgeizig znrn Entsetzen". „Helden gibt's nicht", sagt Rahel über ihn; „stupide ist er auch nicht. Kennt man die Welt, so fügt man sich in ihre Fugen. Die Adels-Fuge ist schlecht. Adlige liebe ich oft; den Adel nie." Bei Wagram wird der Fähnrich Varnhagen verwundet; dann ist er mit seinem Regiment, dem des Grafen Bentheim, in Garnison in Prag und mit seinem Obersten in Steinsurt und Paris. „Du weißt", schreibt ihm Rahel 1811 aus Dresden, wo sie ihn sehen soll, „ob und wie ich Marwitz liebe." Und: „lieber Künste denken wir ganz gleich." Durch die Entwertung von Papieren verknappen sich ihre Gelder aus monatlich 50 Taler: „davon Essen, dome8tique, Kleider, Wein, Kaffee, Tee, Anstand, Licht, Oel, Schuh, eau de Cologne, kurz oblique Ausgaben, Ambition, alles!" 1813 geht Varnhagen nach Hamburg zum Korps des russischen Generals Tettenborn, ist kaiserlich russischer Hauptmann. Rahel fährt nach Breslau, wo sie Verwandte hat, die ihr um geringes Geld ihr Tischsilber abkausen, bei „Angst, Fatigue, Schmutz, Unordnung, schlechter Ausnahme und Geldsorge", in eine wohlfeile Sommerfrische, das schlesische Bad Reinerz, und von dort nach Prag. Hier sind auch Tieck und Clemens Brentano, der Rahel gelästert hat Cie sei sitzen geblieben, sei häßlich), dafür von Varnhagen in Freundschaft geohrfeigt worden und in einer Emotion bis zu Tränen ist. „Es ist", sagt Rahe! zu dem Konfusen, „als ob einer einem aus dem zweiten Rang aus den Kopf speit." Neben ihr wohnt der Kapellmeister Karl Maria Weber. Nahel durchschaut die legitimiftischen Diplomaten: „Das hält so äußerlich wie die Equipagen und Manschetten zusammen; und ein Willen in der Welt oder ausgehäufte Not trümmert all den Trug zusammen; der Greuel spricht sich aus gräßlichen, wirklichen Wunden hervor; Krieg überschüttet Europa; aber wer ist gesichert? Diese Kerle mit Manschetten." Marwitz, der bei der Regierung in Potsdam war und bei .Dresden blessiert worden ist, tritt in Rahels Tür: .Hat acht Wunden. Sein Pferd siel aus ihn und quetschte ihn. Polen sielen über ihn, gaben ihm Kolbenstöße, wovon ihm der Degen entsank; ein anderer nahm ihn und gab ihm drei Hiebe in Hand und Arm, einer einen Lanzenstich, ein anderer setzte ihm das Gewehr vor den Kops, schoß ab, aber es ging nicht; der Obrist der Polen kam und rettete ihm das Leben; gefangen war er aber; und ist nun durch tausenb Aventuren entkommen. Er ist einfach, gut, wahr, still, mild wie immer." Er fällt bei Montmirail und erscheint Rahel in Träumen: „Die Welt hat ein Aug> verloren! Wer sieht so Gegend, Künste, Musik mit mir!" Karoline von Wolzogen stattet mit einen Brief der Frau von Humboldt dem Fräulein Lewin einen Besuch ab: „eine durchlebte, gütige, gefaßte, erschütterte Frau, eine grand-maman". Varnhagen marschiert im Korps Tettenborn durch Nordwestdeutschland in Franreich ein bis Paris. Wiederum hat Rahel heftige Anwandlungen von Selbstkritik: „O Maske! Maske! Du bist keine Maske; wer kann Dich loswerden, wenn Du eine Mitgift bist!" Und: „Ich wäre ein sehr, für aller Augen verkrüppeltes Geschöpf geworden, läge nicht großartige Betrachtung der Natur aller Dinge in mir und jenes Vergessen der Persönlichkeit, ohne welches die genialischen Menschen auf der Erde und in jeder Wissenschaft keine wären. Dies ist der einzige Leichtsinn, den mir der doch gütige Gott mitgegeben; und die einzige Grazie in meiner ganzen Natur." Am 27. September 1814 wird sie in Berlin mit Varnhagen getraut, nachdem sie als Friederike Robert Christin, Protestantin, geworden ist. Er dient beim Kongreß in Wien der preußischen Legation als zweiter Sekretär; Rahel folgt ihm. Im Juni 1815 muß er nach Berlin. Sie schreibt ihm aus Wien: „Gott, welch ein Abend! mit Mondessichel, Auroraluft, violetten Bergen, lachenden Häusern, Baumespracht, Venussternen" und aus Baden bei' Wien. Im August berichtet sie ihm nach Paris, wo er im Beamtenstab Hardenbergs ist, über ihre Reise nach Süddeutschland bis Frankfurt am Main, „Goethes Stadt". Ihr „König der Deutschen" ist dort anwesend, und in Niederrad begegnet sie ihm; er sitzt in der Kutsche der Willemers, mit drei Damen in Trauer. Sie schreit: „Da ist Goethe", er lacht, die Damen lachen, er halt sich Kräuter vor die Nase. . Sie fragt, um einen Vorwand zu haben, brieflich bei ihm wegen einer Schrift Varnhagens „General Tettenborns Feldzüge" an. Er macht ihr morgens, als sie gerade beim Zähneputzen ist, „im roten Pulver, mit meinen Flanellen angetan", seine Aufwartung. Sie hat ein „Gefühl von Ungrazie"; „er ging sehr bald".

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