Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1930-04-18 · 16 (18.4.1930) · p. Seite 212

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
9 (1930)
Issue
16 (18.4.1930)
Date
1930-04-18
Page
Seite 212 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2277379-2277676-2277692--05953-2286736
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

L12 Fachlnger Yersandstelle, Berlin SW 11, Bchöne'berger Strasse 16a. Telefon: Lützow 8260/81 Im Mauritshuis zu Haag hängt ein Bild von Rembrandt aus dem Jahre 1657: König Saul schleudert die Lanze aus den jungen David. Der Typus dieses David weicht ausfallend von dem rotblonden Jüngling der Bibel ab, die auch Rembrandt so wohlvertraut war. Das olivenbraune, ovale Gesicht mit dem leidenden Ausdruck, die schwarzen lockigen Haare, das Alter, das die ersten zarten Jünglingsjahre schon überschritten hat, alles ist überraschend. Die Züge des wohlbekannten Spinoza-Bildes -stimmen merkwürdig mit diesem braunen David überein. Ein Porträt im strengen Sinne ist es sicher nicht, Spinoza lebte damals in der Verbannung, die Aehnlichkeit ist nur angedeutet. Die zweite Hauptperson des Bildes ist trotz des Kunstgriffs des halbverhüllten Gesichts viel typischer. Das seltsame, schwarzbärtige Antlitz erscheint in dem Bilde „Synagoge der Portugiesen" in einem der Rabbiner, dann im „Porträt eines Juden in der Pelzmütze" und in einer kleinen Studie. Wenn David den verbannten Spinoza darstellt, könnte dann nicht Saul Levi Morteira, der aus seinen Schüler eifersüchtige Lehrer Spinozas, dem König Saul seine Züge geliehen haben? Auch er verfolgte den jungen Rivalen und suchte ihn zu Fall zu bringen. In diesem Sinne nimmt die Jahreszahl 1657 eine merkwürdige Bedeutung an. Am 26. Juli 1656 wurde Spinoza auf Betreiben der Rabbiner, die ihn aus der Synagoge ausgestoßen hatten, durch Magistratsbesehl aus Amsterdam verbannt. An genau demselben Tage mußte der niedergeschmetterte Rembrandt mitansehen, wie seine Sammlungen und sein kostbarer Hausrat aus Befehl desselben Magistrats mit Beschlag belegt wurden. Das gemeinsame Unglück, das am selben Tage, aus denselben Händen aus Rembrandt und Spinoza niedersank, kann es begreiflich erscheinen lassen, daß Rembrandt durch seine Kunst die Verfolger Spinozas an den Pranger stellt. So baut sich eine Brücke zwischen dem schwindsüchtigen, armen Glasschleifer, einem der größten Denker aller Zeiten, und dem unvergleichlichen Meister, die ein gemeinsames Unglück einander nahebrachte. Nette Bucker. Werfel: Barbara ober öie Frömmigkeit. Es ist ein gewaltiges Zeitgeschehen, das Franz W e r s e l in seinem neuesten Roman (Paul Zsolnay Verlag, Wien) einzufangen sucht. Das Buch will in vier Fragmenten einen Durchblick durch die Vorkriegs-, die Kriegs-, die Revolutionszeit und die unmittelbare Gegenwart geben. Die Vorkriegszeit wird charakterisiert durch die Darstellung der unhaltbaren Zustände im Hause eines hohen österreichischen Offiziers. Die Sinnlosigkeit und das Widergöttliche des Krieges offenbart sich — ähnlich wie im Arnold Zweig sehen „Sergeant Grischa" — an einer widerrechtlich anbefohlenen, aber glücklicherweise nicht vollzogenen, Verurteilung von drei der Fahnenflucht verdächtigten Infanteristen zum Tode. Die Wiener Revolution wird als eine Groteske unfähiger Literaten entlarvt, deren Gebaren sehr viel Ähnlichkeit mit den Anormalitäten hat, die uns aus dem den gleichen Zeitraum ausschöpsenden Roman von Robert Neumann „Sintflut" sattsam bekannt geworden sind. Die ruhende Gestalt im Wirrwarr der sich überstürzenden Ereignisse ist Barbara, die Erzieherin Ferdinands, dessen merkwürdiger Lebensweg die Verbindung zwischen den geschilderten Zeitepochen herstellt. Barbara ist eine Welt für sich. Die Herausarbeitung ihrer ln einem echten Gotteserlebnis wurzelnden Gläubigkeit gibt dem Dichter eine willkommene Gelegenheit, sein seines und reiches Wissen um die Elemente des Religiösen schlechthin und um die Eigenschaften katholischer Volkssrömmigkeit im besonderen vor uns auszubreiten. Zu dieser Welt, die ihre Kräfte aus dem Reich des Ueberirdischen holt, gehört in gewissem Sinn auch Ferdinand, der Held des Romans. Er ist zwar bekenntnismäßig keiner der bestehenden Religionsgemeinschaften zuzuzählen. Er ist aber, um in der Sprache dieses Buches zu reden, ein „musikalischer" Mensch. Das will sagen, er läßt seine Entschlüsse nicht von verstandesmäßig irdischen Zielsetzungen abhängig sein, sondern er trifft im gegebenen Augenblick, ähnlich wie der religiöse Mensch, seine Entscheidungen aus Grund innerer Gesichte und starker Eingebungen einer höheren Macht. Vergeblich sucht man unter den vielen Juden, die diesen Roman bevölkern, nach Persönlichkeiten, die der Welt des Religiösen zuzuzählen wären. Mit zwei Ausnahmen, über die noch zu reden sein wird. Von den meisten der hier geschilderten jüdischen Gestalten, die vor allem das literarische Casehaus als ihre Heimat betrachten, erfährt man nur nebenbei, daß sie Juden sind. Sehr zu Recht. Denn außer der Tatsache, daß sie als Juden geboren sind, wissen sie kaum noch etwas von ihren: Judentum. Sie sind Menschen ohne Vergangenheit, Eintagsfliegen, losgelöst von jeglicher metaphysischer Verbundenheit, immer nur gierig das Neueste mitzutun, um ja nie den Anschluß an das Morgige zu verlieren. Eine Ausnahme macht der Jude E n g l ä n - d e r. Er ist eine der problematischsten Figuren des ganzen Romans. Dieser Engländer ist der schärfste Gegner der „unmusikalischen" Cafehaushelden, der beredteste Interpret einer religiösen Weltbetrachtung, aber nicht der jüdischen, sondern der christlichen, genauer gesagt der katholischen. Das ist die Tragik im Leben Engländers: „Dem Fleische nach ein Jude, dem Geist nach ein Christ, wie Paulus, der Apostel." Dieser Abkömmling eines jüdischen Patrizier- Hauses ist weit tiefer ins katholische Glaubensleben eingedrungen, als der dem Priesterseminar entlaufene Freigeist Ferdinand Engländer zitiert nicht nur in ausgezeichneter Weise das Neue Testament, die Schriften der Kirchenväter und die Entscheidungen der Konzilien, sondern er ist auch davon überzeugt, daß in diesem Glaubensgut die letzte Weisheit geborgen ist, durch die allein der Welt die Erlösung gebracht werden kann. Sein großer Plan gipfelt darum in dem Wunsch, die Judenheit dem Katholizismus einzuverleiben. Er träumt davon, ein jüdisches Weltsynhedriunr einzuberusen, das den Prozeß Jesu wieder ausnehmen soll. Als Ergebnis dieses Wiedergutmachungsverfahrens erhofft er — und das ist mit das Ungeheuerlichste in diesem Buch — die Anerkennung der Messtanität Jesu durch die Juden. Mit dieser Forderung geht er zum D u - najewerRebbe und erleidet bei diesem einzig großen Juden, der in diesem Buch vorkommt, eine schmähliche Abfuhr. Der Fürstbischof v o n W i e n, bei dem sich Engländer dann als „Bischof aller christgläubigen Juden" Eingang zu verschaffen sucht, um ihn für seinen Einigungsplan zu gewinnen, läßt ihn als einen Wahnsinnigen verhaften und hinter Schloß und Riegel bringen. Läßt uns« so der Dichter im Ungewissen, wieweit er sich mit der Aufsassungsweise Engländers selbst identifiziert, so kann man sich des Eindrucks doch nicht erwehren, daß er der christlichen Glaubenswelt gerechter zu werden versteht als der jüdischen. Das kann nach dem Schlußakt des „Jeremias" und nach der Grundtendenz von „Paulus unter den Juden" nicht weiter überraschen. Wie weit diese Liebe eines Tages noch gehen wird, läßt sich schwer sagen. Engländer selbst schreckt übrigens vor dem letzten Schritt, sich taufen zu lassen, zurück, weil er die Reinheit seiner Zuneigung zum Christentum nicht durch den Verdacht trüben lassen will, als sei sein Uebertritt aus opportunistischen Gründen erfolgt. Man sieht, einfach macht es sich Werfel mit seiner Problematik nicht. Er stellt die Fragen, die unsere Zeit bewegen, in ihrem ganzen Ernst und ihrer ganzen Tragweite vor uns hin und zwingt uns zum angespanntesten Aus- und Hinhorchen. Es erübrigt sich zu sagen, daß in diesem großangelegten und mit meisterhafter Könnerschaft geschriebenen Buch viel Weltweisheit geborgen Rabbiner Hugo Hahn (Essen). Robert Neumann, Hochstaplernovelle. I. Engelhorns Nachf., Stuttgart, 1930. Der Buchtitel sagt genug, und es wäre schade, ihm eine Inhaltsangabe anzuhängen, denn der Reiz dieses Buches besteht darin, daß es den Leser von Seite zu Seite neugieriger werden läßt. Inhalt und Form fesseln in gleicher Weise; in ihrer Uebereinstimmung, namentlich in der Anpassung des Stils an das Tempo der Handlung, ruht das Geheimnis der magnetischen Anziehungskraft, die von Neumanns Büchern ausgeht. Geldgier ist auch hier wie in Neumanns großem Roman „Sintflut" das Thema. Aber die Tragik der „Sintflut" ist unter dem strahlenden adriatischen Himmel, inmitten der Farbigkeit südlicher Landschaft in leichtes, elegantes Spiel aufgelöst, als ob sich der Dichter von jenen fürchterlichen Gesichten selbst befreien wollte durch Humor. Es ist zu wünschen, daß dieses Buch nur Lesern in die Hände kommt, die diesen manchmal vielleicht etwas bitteren Humor zu schätzen wissen. Sonst könnte es Vorkommen, daß der eine oder andere das Buch zum Schluß enttäuscht beiseite legt. Jetzt, da mit der beginnenden wärmeren Jahreszeit die allgemeine Reiselust auflebt und das übliche Versteckspiel zwischen wirklichem Sein und Gernscheinenwollen unter den Reisenden anhebt, möchte man den glücklichen Abreisenden das reizende Buch ins Coupe reichen. M. W. Philosophie. Dr. Phil. Kuno Stomnrel: Der Idealismus neuer Menschen. Selbstverlag, Düsseldorf, Rosenstratze 6,1929. Verfasser schließt sich in seinen Betrachtungen nahe an Ed. v. Hartmann an, von dem er jedoch namentlich durch seinen kosmischen Optimismus abweicht. Er bekämpft, wie fast alle geistigen Persönlichkeiten unserer Zeit, Mechanismus und Mammonismus und stellt diesen das Gebot entgegen, durch Vereinigung mit einem unpersönlichen Gottwesen Ewigkeitswerte und damit Gott selbst verwirklichen zu helfen. —y Zotel-MtMn Meilm / Abbazia direkt am Meer. Große Terrasse u.Naturpark. 200Betten. Appartementsm.Privatbad,fließendes warmes u. kaltes Wasser i.d.Zimmern.Warm.Seebäder,kohlensaur.Bäder. Diätküche laut ärztlicher Vorschrift. Pensionspreise nach Größe und Lage des Zimmers von Lire 40,— (9 NM.) an. Jüdische Institutionen Sonderpreise. Eigener Betsaal. 856509

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.